XVI.

1896-1907

Auf die fröhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nächsten Jahre

die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die

jüngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch

wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern,

sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwägerin Julie

Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund

Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren

Leidenszeit die ergreifenden Worte:

»_Liebe Pauline!_

Da ich gerade eine erträgliche Stunde habe, drängt es mich, Dir

zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen

gerührt haben und wie dankbar ich für Deine treue Anteilnahme

bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trübsalshitze, zum

Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerkünstler und eine

medizinische Rarität.... Ich bezweifle, daß eine Änderung

eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie

Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen,

auch jetzt eine allseitige rührende Teilnahme! Herzlichst und

dankbarst grüßt Dich Dein alter Freund und Vetter

#E. R.«#

In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt,

gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch:

Mein Baum war schattendicht.

O Herbstwind, komm und zeige,

indem du ihn entlaubst,

den Himmel durch die Zweige.

Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie

wurde, während sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer

heftigen Lungenentzündung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter

gestorben und sie zweifelte nicht, daß es bei ihr den gleichen Ausgang

nehmen würde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die

Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, daß auch nicht eine Spur

zurückblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als

sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel

sich darüber freuten, sagte sie: »Ich habe gemeint, ich dürfte jetzt

abschließen, und war so dankbar, daß es mir leicht werden sollte und nun

soll ich noch einmal frisch anfangen?« Nach sechs Wochen konnte sie

wieder heim reisen und ihre Lieben in Würzburg sorgten dafür, daß sie

empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden

Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmählich

untunlich erscheinen ließen, daß sie ferner für sich ganz allein wohnte.

Und doch konnte sie sich nicht entschließen, jemand zu sich zu nehmen

oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres

Haushaltes, die einzige Beschäftigung, die ihre Augen gestatteten,

abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: »Ich wäre so dankbar,

wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterführen könnte

und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft

zaghaft und fürchtete, meine alte baufällige Hütte wolle sich nimmer

recht stützen lassen. Die Leberbeschwerden ließen mich zu keiner

Kräftigung kommen .... so vergingen mir die Tage öde und miserabel und

dabei traurig im Gefühl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in

Gottes Willen fehlt.«

Die Frage über ihre künftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte

Lösung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die

Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt

sie die Nachricht von dessen Tod. Zunächst waren ihre Gedanken ganz und

ausschließlich von der Teilnahme für ihre verwitwete Tochter und deren

drei Kinder erfüllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen

Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten

Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch

Ausflüge in die schöne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz

zu verleihen. »Eine durch und durch noble Natur« nennt sie ihn.

Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte

sie doch die Verwitwete: »Denke nicht, daß die Erweisung von Treue und

Liebe _darin_ besteht, daß man sich ganz und ausschließlich der einen

Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in

der _Dauer_, in der Unwandelbarkeit, gönne Dir und Deinen Kindern auch

eine fröhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemüt kann

dafür empfänglich sein, auch zwischen den betrübten Stunden.« Durch ihre

schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd

der Tochter: »Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum

Diktieren herbeilassen, obwohl es mir überall schwer fällt -- wenn ich

nur _Dir_ selbst schreiben könnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat,

geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium

hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, daß Du die

Unvollkommenheit des Diktierens zu ergänzen weißt.«

Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, daß die

Tochter mit ihren Kindern nach Würzburg ziehen und die Mutter zu sich

nehmen solle. »Diese Lösung«, schreibt Frau Brater, »erscheint mir als

ein _großes_ Glück für mich, aber natürlich nur dann, wenn ich von der

Überzeugung durchdrungen sein kann, Du würdest diese Wahl des Ortes auch

in Rücksicht für Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren

Jahre doch gezählt sind, darf man nichts bauen, da würde ich mich ja gar

nicht zu sterben trauen.«

Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht

entschließen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den

Vorschlag, erst im Herbste zu übersiedeln. Traurig darüber schreibt Frau

Brater: »Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang für mich, ich

möchte Euch doch selbst noch helfen eingewöhnen, Euch mit meinen

hiesigen Freunden bekannt machen, wer weiß, wie lang ich es noch

vermag.« Daraufhin wurde ein früherer Termin festgesetzt und im April

übersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltöchtern,

wieder eine Anna und Agnes, nach Würzburg, während der Sohn als Vikar in

Württemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Würzburger

Haushaltung erschien.

So zog denn Frau Brater -- zum letztenmal -- aus. Im »Zwinger« war eine

freundliche Wohnung mit dem Blick in Gärten und Anlagen gefunden worden

und es war die höchste Zeit, daß die Alleinstehende Anschluß fand, denn

schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der

schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und

noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten

Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal für einen Moment das

Bewußtsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So

erkannte sie voll Dankbarkeit an, daß sie nun geborgen und versorgt war,

umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht

getrennt von der Familie Kerler, an deren täglichem Verkehr sie ihre

Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glücklichen Umstand, daß

eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst für sich sorgen konnte, andere

Hände für sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen

Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst

nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so

glücklich zu fühlen, wie sie es vorher in ihrer Selbständigkeit gewesen

war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere für

sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr für sie brachte, schien ihr

das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten

Stunden wohl noch ein wenig beschäftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch

mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Küchengeschäft

hereinbrachte, die Großmutter durchschaute doch, warum es geschah.

Merkwürdig, aber gewiß wahr ist es, daß keine Liebe und Fürsorge, keine

Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man

doch als ein so bescheidenes Glück betrachten möchte: die eigene

Tätigkeit im selbständigen Haushalt.

Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort's haben, es wäre

ihr als größter Undank erschienen und sie kämpfte an gegen dieses innere

Unbefriedigtsein täglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder

Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fühlte, vor allem dann,

wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder

abends beim Lampenlicht saß und etwa ein Spiel machte und vor allem

_die_ Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr

gestatteten, ein wenig selbst in die Bücher zu blicken, die sie gerade

am meisten beschäftigten. Zu diesen gehörten vor allem die Schriften von

#Dr.# Johannes Müller.

Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt

seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen

Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es

rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich

erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen

Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar

ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften

aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«.

-- »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit«

ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an

Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse,

oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu

lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch

unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch

leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg

mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene

Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von

Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen.

Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des

Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche

Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen _lebendigen_

Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln

umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das

mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach.

Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie

nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir

doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt _nicht_ liesest? ob Ihr

_alle_ so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu

für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel

der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen

kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr

als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich

sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die

unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das

soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.«

Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren,

wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung

war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist

absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens

gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des

vierten grünen Heftes mit dem Artikel: 'Warum ist das Leiden in der

Welt'; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser

Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner

Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem

einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner

Lebensanschauung geworden.«

Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener

grünen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten

ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermöglichen, so hatte sie

doch wieder Gedanken geschöpft, die sie erhoben über das körperliche

Elend, Gedanken, die sich in Seelenkräfte verwandelten, in Geduld und

Liebe. Es kam vor, daß Frau Brater mutlos über sich selbst klagte und

meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten

an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird

einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfällig

das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie

sich versenkt hatte in göttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen

war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete über die Ungeduld,

die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Hätte sie nicht ihr

ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung geübt, so wäre sie mit dieser

schweren Prüfung nicht fertig geworden. Gewiß wird man jedem Menschen

bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber

bei dem, der dies Unkraut wuchern läßt, wird es immer störender

hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankämpft, wird es nie die

edeln Blüten seines Wesens verdecken oder ersticken.

Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren

Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: »... Bei mir geht es leider

stets merklich abwärts ... es will mich das oft recht bedrücken, aber

ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des

Alters fröhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich

bilde ich mir ein, es würde mir leicht werden, wenn ich nur _lesen_

könnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flügellahm

ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem

Bücherschrank, da stehen die Bücher, besonders die naturwissenschaftlichen,

die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...«

An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie

wieder besucht hatte, eigenhändig mit zitternder Hand: »Dies Blatt soll

nur ein Gruß sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein

schöner Dank für Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem

ungeduldigen Wesen gegenüber stets bewährst, dieses ist mein großer

Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen

würdest, so sage ich: _schweige_, denn es ist ja leider _zu_ wahr.

Wollen wir eben beide fleißig in Müller studieren und Fortschritte

machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.«

... »Ich denke mit Freude daran, daß Dich das neue Jahr zu uns führen

wird, Gott gebe uns ein fröhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets

ein wenig abwärts, ist aber doch noch recht erträglich, um das, was etwa

noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grämen, Du sagst es ja auch.

Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen

kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Müllerschen

Artikel 'Was ist Wahrheit', es hilft mir dies sehr zur Erfassung des

Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir's einmal....« »Liebe

Lina! treue Korrespondentin, Dank für Deinen Brief! vielleicht sehen wir

uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch

kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. -- Das

Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heißt: Der Deutsche und sein

Vaterland von Gurlitt, _sehr_ interessant, würde Euch _alle_

befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand

versagt den Dienst, deshalb: behüt Dich Gott!

Lies doch das Müllersche Heft Bd. 6 Heft 2 'Der Mensch Jesus Christus',

mir ein Glück, eine Erlösung, d. h. wahre Befriedigung. _Langsam_ lesen,

viel Zeit dazu nehmen!«

»Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele,

eingetroffen, aber ... ich muß recht entschieden das Lob zurückweisen,

das Du meiner 'Ergebung und Geduld' spendest, ich habe es ja in der Tat

so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme,

_muß_ nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das

Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz

mißmutig und gedrückt machen, so daß ich oft denke, es geschähe mir

recht, wenn es noch viel schlimmer käme.« »Mein Leben, zwischen Bett und

Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht öde und ich bin so dankbar,

daß ich wenig Schmerzen habe und mein täglich Brot nicht _verdienen_

muß. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide

gemeinsam lieben...«

»Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel

wieder lustig miteinander herumspringen.«

Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger

fühlten sie sich zusammengehörig, je mehr das Häuflein der

Jugendgenossen zusammenschmolz. Rührend war es, die den Achtzigern

nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgründigen

Verkehr zu beobachten. Wieder war für das Frühjahr 1905 ein Besuch

geplant, da kam im Januar die Nachricht, daß die Freundin schwer an

Lungenentzündung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes

eigenhändiges Briefchen:

_Liebe Lina!_

»Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die

schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir

stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nächtliche Stunde bin

ich bei Dir und Deinen Kindern und ich weiß, _wie_ wir in

Gedanken verbunden sind und zusammenhängen. Wie sehr wünsche

ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie

dankbar wollen wir miteinander dafür sein, schreibe Du mir bald,

ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe

alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute

Nachricht hoffe, und freue mich unsäglich, bis die

Prüfungsstunden überstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken

und guten Wünschen aus voller Seele Deine alte Pauline.

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 30 / 31 题