Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an
wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen
Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat,
denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben
praktische Hausfrauenwinke und religiös-philosophische Gedanken, und das
alles hervorgehend aus dem warmen Bedürfnisse, dem andern Liebe zu
erweisen, indem man ihm vorwärts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu
unscheinbar, ein gutes heimatliches Klößrezept muß der jungen Hausfrau
ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religiösen Broschüre,
mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen.
Während von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von
anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in
Stuttgart am 12. April 96:
»_Meine Lieben!_
... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich
Euch mitteilte, daß Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das
Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40-41°),
infolgedessen schon am fünften Tag solche Herzschwäche, daß wir
glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann ließ sich
das Fieber einige Zeit herabdrücken, und das Herz durch
Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Tätigkeit
antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte
Rippenfellentzündung hinzugetreten und wir hatten die
sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwäche ....
Ihr könnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob
wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben müßten.
Anna hält sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in
Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mühsam und schwer, da sie
selbst sich _gar_ nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber
sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets
ein freundliches Wort für uns. Sie ist ganz klar.«
Zehn Tage später an Agnes: »Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare
Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld
unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird
peinlicher mit der zunehmenden Körperschwäche, sie hat bei der Berührung
und Bewegung große Schmerzen. Sie hält trotzdem an ihrer heitern Art
fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: 'wenn du wieder gesund bist, dann
darfst du dir einen Landaufenthalt wählen, wo du willst, und ich bringe
dich hin', da erwiderte sie mit heiterem Lächeln: 'Vater, ich will dich
nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist', und später sagte sie:
'Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater'... Was für peinliche
Nächte auch ich drüben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir
denken.«
Die Herzschwäche wurde so groß, daß die Kranke mehr als einmal in
unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verließ die
Großmutter das Haus mit der bangen Sorge, daß sie am nächsten Morgen die
geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen würde. Und dennoch siegte das
Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, daß sie den Eindruck bekommen
habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wäre dieser
Krankheit erlegen. Auf der Höhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt:
Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der
Tat immer das Bewußtsein. Für Frau Brater, die den Willen des Menschen
so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der
Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemühte, den Willen in Bewegung
zu setzen, für sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel
beschäftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude,
als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke
allmählich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun für die
Geduld der Großmutter etwas zu langsam vorwärts gehen und ihrem Naturell
erschien die große Vorsicht übertrieben, die Ärzte und Pflegerinnen
anwandten, um ganz sicher vor einem Rückfall zu sein. Frau Brater war
jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin für Schwerkranke, sowie
für solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen
vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen,
Schwache zu berücksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich
gegen ihr pädagogisches Gefühl, das sofort eine Verwöhnung des
Rekonvaleszenten fürchtete. Mit einem ungeduldigen »ach was macht ihr
für Umstände« lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder
willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze. Daß ein kaltes
Lüftchen der kränklichen Lunge, daß eine nicht durch das Haarsieb
getriebene Speise dem Magen schaden könne, dies zu glauben war sie nicht
geneigt. So wäre sie auch nie die geeignete Pflegerin für Gemütskranke
oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, daß man solche
Menschen wohl dazu bringen könne, sich mit eigener Willenskraft wieder
aufzurütteln, und so erschien ihr in solchen Fällen eingehende Teilnahme
und Pflege nur schädlich. Sie war sich dessen bewußt und sagte manchmal:
»Ich bin nur froh, daß kein Gemütsleidender in unserer Familie ist, der
hätte es bei mir nicht gut.« Ihre selbstlose Güte kam da in Konflikt mit
dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedürfnis, die Menschen nicht
durch Guttaten zu verwöhnen, sondern das Gute in ihnen zu fördern und zu
stärken.
An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen
Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai saß sie, wenn auch noch zart und
spitz, doch wieder in aufblühender Gesundheit an der festlichen Tafel,
an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde.