Dies war der letzte Gruß einer fast siebzigjährigen Freundschaft, denn
die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am
1. Februar starb die Jugendfreundin.
»Vorausgegangen«, in diesem Worte lag der Trost für die Vereinsamte und
ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafür, daß die letzte
Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr
alle, die überwunden hatten, denn sie fühlte sich körperlichen Schmerzen
gegenüber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen für alle
hoffnungslos Leidenden und für diejenigen, die aus Verzweiflung darüber
ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die
Möglichkeit einer Erlösung für solch gequälte Menschen. Sollte man
diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lösen von ihrer Last,
anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu überlassen?
Ihre Überzeugung und ihr Herzenswunsch war, daß es einmal dahin kommen
würde, und sie hörte gerne der andern Ansicht darüber, wie es geschehen
könnte. In der Zukunft -- wenn auch noch in ferner -- würde man einen
gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender müßte bei Gericht
den Antrag stellen dürfen, daß ein Arzt ihm die Qual abkürze. Statt des
heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet,
würde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise
dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte
letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand
nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen würde, wäre es kein Unrecht
mehr. Sie hörte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung
auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen
hätte.
Das Leiden fürchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhändiger
Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus:
_Liebe Luise!_
»Es ist mir ein wahres Bedürfnis und wäre mir eine große Freude,
wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief _selbst_ schreiben
könnte; nicht als ob ich das Gefühl hätte, unsere gemeinsame
Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das
nicht, im Gegenteil, ich fürchte jetzt fast mehr als früher, daß
mir noch ein langes Leben beschieden sein könnte, aber ich fühle
recht klar, daß es höchste Zeit ist, als Schreiberin und als
Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das
andere übersteigt völlig meine Fähigkeiten. Nur eines ist
unverändert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde
und: 'Die Liebe hört nimmer auf'. Die Wahrheit dieses Spruches
durchdringt mich so vollständig, daß sie allein schon mir eine
Gewähr ist für die Unsterblichkeit.
.... Meine zunehmende Gelähmtheit, die Du an der Schrift
erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am
meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine
Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst
nun, liebe und getreue Alte, was für ein Krüppel ich für diese
Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer
zweifelloser, daß wir hier nur in einer Vorschule sind und
diesen Körper als Handwerkszeug zur Schule tragen müssen, wie
gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen dürfen
und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In
dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben,
nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit
nicht so lang, wie es vielleicht außerdem der Fall wäre. Du
würdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du
in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfüllt bist und ich
fühle in voller Teilnahme mit Dir....«
Diesem Briefe liegt ein Blättchen bei mit dem bekannten Rückertschen
Vers:
Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
klingt ein Lied mir immerdar,
o wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
was mein einst war!
Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen
Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren,
immer mehr vereinsamten Freundin.
Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten
Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von
anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl
hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich
den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren
wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig
zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:
Will Dir einen Glückwunsch bringen,
trag auch viele Dir entgegen,
doch der Reim will nicht gelingen.
Nun, daran ist nichts gelegen.
Denn mit Dir, Du kleiner Engel,
ist das Glück ja selbst gekommen,
hat sich eingelebt im Herzen,
feste Wohnung hier genommen.
Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam,
nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft
unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue
Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen
aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen
tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch
ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst
ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so
ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und
saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an
jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die
Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte:
»Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in
solche, die deutlich und undeutlich reden.«
Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie
scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner
kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich
erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser
Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach
beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein
beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück
Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten
sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer
drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an
der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein
waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue
Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen
Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten
ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für
Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim
Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir's
gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes
Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der
Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine
Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes
Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte.
Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn
ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche
schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst
ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen
würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie
innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in
dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück
ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an
beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie
trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr
im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen,
manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in
rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu
bekümmern.
So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau
Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das
Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an
den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue
weiche Rückenkissen, wollen wir's einmal probieren?« »Ja«, sagte sie,
»aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren
Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der
Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im
Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie
nicht wieder geöffnet.
Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie
versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir
hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin:
»Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage,
aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam
der letzte Atemzug.
Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so
schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von
aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig
Jahre, da darf man nicht klagen, und _dennoch_ -- o Du herzliebe Mutter,
wie sollten wir Dich nicht vermissen??
Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir
zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die
Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat.
Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer
in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein
mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann
verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben
Kräften und dann ist das Beste, dann ist der _Geist_ unserer Mutter bei
uns geblieben.
Von _derselben Verfasserin_ sind im Verlag von _Gundert_ in _Stuttgart_
erschienen:
=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren.
3. Aufl. geb. M 1.20
=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren.
2. Aufl. geb. M 3.--
(Die beiden Erzählungen in einem Band M 4.--)
=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen, mit Bildern von Gertrud
Caspari. geb. M. 3.60
=Das kleine Dummerle= und andere Erzählungen, zum Vorlesen im
Familienkreise. geb. M 3.--
=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte.
2. Aufl. geb. M 3.--
[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine
Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen
S. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
S. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied
S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] »Mein 31. Geburtstag
S. 074: 1851-1856 -> 1855
S. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
S. 085: [Anführungszeichen ergänzt] wöchentliche Zusammenkunft.«
S. 089: [vereinheitlicht] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
S. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem
S. 100: [Komma ergänzt] allmählich ergriffen, so
S. 117: [Komma ergänzt] schneeweiß geworden, sie lag
S. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über
S. 147: [Komma ergänzt] hatte sie die Befriedigung, einen
S. 149: [Anführungszeichen gestrichen] äußerte Brater: »Manches
S. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch
S. 167: [Anführungszeichen ergänzt] »Man sieht ihr nicht an,
S. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
S. 200: [komma korrigiert] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
S. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
p. 233: [gesperrt] _Liebe Agnes!_
S. 239: [Anführungszeichen ergänzt] durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
S. 250: [Komma gelöscht] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das
S. 270: [Anführungszeichen ergänzt] Urteil anmaßen« und so schreibt sie
Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 160, 162,
248, 271, 305)
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Fett: =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
the original text.
p. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen
p. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
p. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied
p. 065: [added quotes] »Mein 31. Geburtstag
p. 074: 1851-1856 -> 1855
p. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
p. 085: [added quotes] wöchentliche Zusammenkunft.«
p. 089: [unified] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
p. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem
p. 100: [added comma] allmählich ergriffen, so
p. 117: [added comma] schneeweiß geworden, sie lag
p. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über
p. 147: [added comma] hatte sie die Befriedigung, einen
p. 149: [removed quotes] äußerte Brater: »Manches
p. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch
p. 167: [added quotes] »Man sieht ihr nicht an,
p. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
p. 200: [corrected comma] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
p. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
p. 233: [spaced out] _Liebe Agnes!_
p. 239: [added quotes] durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
p. 250: [removed comma] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das
p. 270: [added quotes] Urteil anmaßen« und so schreibt sie
The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 160, 162, 248,
271, 305)
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Bold: =bold text=
Antiqua: #text in Antiqua font# ]