1886-1896
Die traurige Beigabe des höheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem
andern scheiden zu sehen, mußte Frau Brater reichlich erfahren. Von den
vier Brüdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon
im Jahr 1886, ihr ältester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein
hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes:
»Ich bringe mir erst jetzt zum Bewußtsein, wie unendlich oft ich meines
Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden
konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: 'Das ganze
Jahr hindurch drängen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei
Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.' Da schlug seine Else vor, ich solle
doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit
Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt für immer
unbeantwortet.«
Gingen die Brüder frühe dahin, so blieben ihr doch zwei von den
Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre
Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr
vereinigt, so daß es zusammen einen beträchtlichen Teil des Lebens
ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und
aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll
sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an
Lina Sartorius:
».... Ja, es ist ein langes Stück Leben, das wir in inniger Teilnahme
miteinander zurücklegten und vieles schließt es in sich bis zwei
übermütige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mädchen zu zwei so
wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in
Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen
Gästen und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben
Jahrhundert nun das Jugendglück Deiner Kinder mitempfindest; was Dich
selbst etwa beschwert, drängst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein
fröhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Genügsamkeit sind Dir als zwei
Edelsteine in die Wiege gelegt.«
Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mündlichen Verkehr die
Mischung von gemütvollem Ernst und fröhlichem Humor ein eigenartiger
Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte
gewiß beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre
ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen
immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage,
an denen sie zu Spaß und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur
Ernstes sie beschäftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus
ihrem Wesen und umfloß wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen,
die bei all ihren Gesprächen anklangen. Eine Gesellschaft, in der
fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu
und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt,
aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spaß an Spaß, Witz
an Witz sich drängte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton
unwillkürlich Vorschub leistete durch die köstliche Eigenschaft, die sie
besaß, nie etwas übel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu
lassen. Als einmal in größerem Familienkreis unter andern Fragen diese
aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit über der Empfindlichkeit?
wurde sofort auf sie geraten.
So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein
auf das, was einen jeden beschäftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie
alle Müden oder pessimistisch Gestimmten.
Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer
unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in
verwirrten Lebensverhältnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei
ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fühlte sie heraus, was das Richtige
sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges
»einerseits, andererseits« wieder einzuschränken. Sie fürchtete nicht
die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese
auf sich und hätte ihr je einmal jemand gesagt: »Ihr Ratschlag war kein
guter« so hätte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schätzte die
Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: »Ich
sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich hätte so oder
so gesagt.«
Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß sich ihre Ratschläge nicht
bewährt hätten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche
als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Für
alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen
Persönlichkeit von größtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt,
manchen Entschluß herbeigeführt, aber wie sie über solche
Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner
verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angeführt
werden, die selbst den Wunsch geäußert hat, hier niederzulegen, was Frau
Brater ihr war:
»Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kämpfe, sie wurde meine
Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer weiß,
wie ich diese ertragen hätte ohne die sichere Hilfe der
Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich's zu
verdanken, aus meiner lähmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden
zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjährigen Verkehr mit der
geklärten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich
mich in großen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Stütze
gehoben und getragen gefühlt hätte. Wie viele Menschen mag sie, die
Starke, in ihrer Hilfssicherheit so über Wasser gehalten haben! Daß sie
mich wegen meiner Schwäche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und
Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr über ihr Grab bis zu
meinem Grab.«
Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt
von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten.
Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wußte sie
nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafür. Stand sie am Fenster, so
sah sie nicht nach den Vorübergehenden, sie sah nach Wolken und Wind.
Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie
ganz zu lesen, aber zunächst interessierte sie sich für das Politische
und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu
den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des
Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies
nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umständlich an: »Wie wir im
August vorigen Jahres in N. waren -- oder war's schon im Juli?« dann
konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: »Ganz einerlei, nur weiter!«
Gab irgend ein Familienereignis Anlaß zu allerlei Gerede, so witterte
sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte
ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich.
Übrigens wandte Frau Brater auch kleinen häuslichen Angelegenheiten ihr
volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff
dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu
einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mühe wert, trotz der schmerzenden
Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu
schreiben:
»... In Beziehung auf Dein junges, neues Mägdlein habe ich die Sorge,
daß Du sie verwöhnst, d. h. nicht gehörig abrichtest; bei Euch in
Württemberg ist das Verhältnis zwischen Frau und Dienstmädchen im
Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das
Mädchen als selbstverständlich, daß die Frau die Hausarbeit eben so gut
kann wie sie und daß sie natürlich mit angreift, wenn das Mädchen nicht
fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, daß auch die Frau
Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig
angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du
mir, daß Du in solchen Fällen immer besonders schön abspülest und die
Küche aufräumest; bei uns würde man in solchem Falle nur das
_Notwendigste_ tun und das Übrige für die Magd zurückstellen; Dein
Verfahren ist nun ganz schön, vorausgesetzt, daß es das Mädchen
_richtig_ annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleißige Person, da
war nichts Wesentliches zu fürchten, aber wenn Du nun ein so junges
Mädchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhältnisses
teilweise erst bildet, so mußt Du vorsichtig sein. Sie muß von der
Überzeugung durchdrungen sein, daß diese Geschäfte für _Dich_ nicht
passen, daß eine tüchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen muß,
weil diese für andere Leistungen und Verhältnisse da ist. Die Gefahr,
daß sie Dich für hochmütig oder geringschätzend hält, wirst Du nicht
fürchten, denn diese Eigenschaften sind etwas _ganz_ anderes und wenn
sie ihr Dienstbotenverhältnis richtig erfaßt, so wie es eben sein muß,
Deine _Dienerin_, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rücksichten
und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fühlen.
Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden,
denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann
glücklich verwöhnt haben, ärgern wir uns doch darüber und es tut kein
gut; rücksichtslose und bequeme Frauen machen es in _dem_ Stück wirklich
besser...«
Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben während der nächsten Jahre
in ihrer stillen Würzburger Behausung. So oft sie das Bedürfnis fühlte,
konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden
heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben.
In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: »Sie lauschet
der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen
Gang.« So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen
Wohnung die Feierabendruhe, die sie täglich mit Wonne empfand. Eine
»Zugehfrau« nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen
meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil
und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rührenden
Anspruchslosigkeit und zweckmäßigen Einteilung behielt sie immer Geld
übrig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie
verschieden ihre pekuniären Verhältnisse beurteilt wurden: wer auf ihre
Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: »Eine ganz arme Frau!«
Wer es erfuhr, daß sie einer bedrängten Familie aufhalf und es ihr dabei
auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: »So gibt nur eine
sehr reiche Frau.« Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man
reich jeden heißt, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte für
sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten
Gewohnheit höchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des
treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhältnisse gekommen war, denn
es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das
letztere wurde durch das erstere möglich. Es mögen wohl die meisten
deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie
sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt
beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewiß immer
noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausnützung der Wärme. Wärmeverlust
konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch
abgekocht, so war ihr der Gedanke ärgerlich, daß nun die Wärme dieser
achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser
Topf mit Milch schnell in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt und
der Moment abgepaßt, da die Temperatur der Milch sich mit der des
Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von
Brennmaterial erwärmten Wasser wurde das Frühstücksgeschirr
aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten
Pfennig als in dem schön durchgeführten Prinzip der rationellen
Wärmeverwertung.
Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt
hatte, die Öfen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas
Unzweckmäßiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ruß durften nicht
vorkommen, ihre Öfen mußten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch
aushalten, ebensowenig durfte aber die Wärme zu rasch abgehen, sie
wollte nicht »den Weltenraum heizen«. Auch eine gute Backröhre ließ sie
sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Häfner
das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte
niemand Häfner werden dürfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie
nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so
wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem kühlen
»ich weiß schon« oder »so macht man's immer« nach gewohnter Schablone
arbeiten, so wußte sie ihn in so eifriger und netter Weise für ihr Ideal
zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verständigen Wünsche auf
so bescheidene Weise als eine bloße Liebhaberei von ihr, die er eben
berücksichtigen möchte, daß jeder schließlich darauf einging und ihren
Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es
zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persönlichkeit auf Leute
jeder Gesellschaftsklasse wirkt.
Wie die Wärme, so sparte Frau Brater auch andere Kräfte. Besah man sich
genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte
man, daß ihre Schränke an den vorderen Füßchen kleine Holzklötzchen
unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktüren von selbst die
Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht nötig war, sie immer mit
dem Schlüssel zuzuschließen, was ihr als eine unzweckmäßige Zeit- und
Kraftverschwendung erschien.
Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfügung
zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so
wünschte sie sehnlich es auch im Großen, im Staat, durchgeführt zu
sehen. Schlechte Finanzverhältnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand
solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften
Art dagegen aus. Sie erlebte in späteren Jahren, daß der älteste Sohn
ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried
schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn
geteilt, und da er später an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau
gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hörte, daß dessen Sohn künftig
im Staat den Haushalt führen sollte.
In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fühlte sich Frau Brater
sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr
reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn
Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die
Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im
Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: »So etwas von
Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwäldern tritt
einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die
dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; während so ein belaubter Baum im
Winde mit seinen tausend Blättern zappelt und plaudert, wiegt so eine
Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fuß des
Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb
mit Anna in dem unermeßlich scheinenden Walde zurück umgeben von einem
Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhöhen
allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlägt
ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken
steht als auf einem jämmerlichen Sand- oder Kalkstein, der für
gewöhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.«
Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die
Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schönsten Freuden gehörten.
Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer,
die sich noch dort aufhielt: ».... Morgens um ½7 schon war ich in Luzern
auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schön war, daß ich selbst fast
angewurzelt wäre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen
entschließen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, daß
ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich König wäre, würde ich
einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher
abzuräumen, damit ich sehen könnte, wie es _unter_ dem Eis aussieht --
dann könnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhöchsten Grade
befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der
Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis über die Gletschertätigkeit,
die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor
einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahr_tausenden_ zu sein
scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glücksfund!...
Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich
schmerzerfüllt Abschied von den sonnenglänzenden, ewigen Schneebergen,
die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig
herübergrüßten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank
für den unvergeßlichen Genuß, den Ihr mir bereitet habt, und für alle
Eure Liebe und Freundschaft!«
Noch tieferen Eindruck machte ihr die großartige Natur des
Ortlergebietes, wohin sie auch mit Rohmer, dessen Frau und Tochter
reiste. Sie war noch ganz erfüllt davon ein Jahr später, als ein Bild
von Trafoi, das ihr Rohmer zuschickte, ihr die Herrlichkeit wieder vor
Augen führte.
Sie schreibt am 3. Februar.
»Daß Du mir das reizende Bildchen ausgewählt hast, ist ein Zeichen, daß
auch Du mit der gleichen unnennbaren Freude wie ich an die Herrlichkeit
denkst, die Gott in diesem Revier ausgebreitet hat. Blumhard sagt einmal
irgendwo: es sei ein großer, ein _Haupt_mangel, daß wir die Herrlichkeit
Gottes so ferne liegen ließen, ich glaube, er folgerte daraus auch zum
Teil unsere Scheu vor Tod und Jenseits, ich muß dieser Worte oft
gedenken und das unsägliche Entzücken, das wir oft bei Eindrücken
dieser Welt empfinden, kann ich mir nicht anders erklären, als daß durch
sie unsere Seele eine Ahnung der Herrlichkeit ihres Schöpfers empfängt,
wenn auch oft ganz unbewußt. Mir ist eine großartige Natur das
Erhebendste von irdischen Dingen, Du ersiehst es daraus, daß ich schon
bei dem kleinen Bilde wieder denken mußte: 'Dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit.' Versenke Dich doch einmal wieder recht in
die unergründliche Tiefe dieser drei Worte.... Übrigens zeigt das Bild
den schönsten Punkt unserer gemeinsamen idealen Reise; ja wären meine
Augen nicht gar so elend, ich glaube ich würde Euch noch einmal dahin
überreden!«
Ja diese Augen! Sie ließen sich nicht ungestraft dazu benützen, Tag für
Tag die strahlenden Bilder der Schneeberge aufzunehmen. Sie
verschlimmerten sich sehr am Schluß der Reise und wurden zur täglichen
Qual.
Über dieses Augenleiden berichtet in jener Zeit ihre Tochter Anna an
Ernst Rohmer: »Der Zustand der Augen verschlimmert sich oft plötzlich
und die Schmerzen nehmen sich dann aus wie ein heftiger Nervenschmerz
hinter den Augen, nach einigen Stunden wird es oft wieder besser und
verhältnismäßig erträglich. Ihr kleiner eigener Haushalt ist jetzt für
die Mutter von größtem Wert, da er ihr die einzige für sie mögliche
Beschäftigung liefert. Sehr wohltätig empfinden wir auch die Nähe
unserer Wohnungen, 150 Schritte. Die Mutter ist regelmäßig von 5-10 Uhr
abends bei uns und trotz allem spielen wir da ein Schach, das ihre Augen
verhältnismäßig wenig anstrengt. Ich kann es nicht sagen, wie sehnlich
ich auf Besserung hoffe, die Geduldsprüfung, die wahrlich nicht klein
ist, wenn man auf alle Beschäftigung mit den Augen verzichten muß,
ließe sich noch ertragen, aber die Schmerzen und die Pein sind so groß,
daß ich ihre Fortdauer als eine schwere Prüfung ansehen würde. Die
Mutter ist geistig so frisch und teilnehmend wie je, klagt auch nicht,
aber man sieht ja doch wie sie leidet!« Die gehoffte Besserung stellte
sich zeitenweise ein, aber immer wieder kamen Monate, in denen die
Schmerzen nur in der Ruhe und Dunkelheit der Nacht vergingen und morgens
wieder auftraten. Keiner der vielen Augenärzte, die man im Laufe der
Jahre zuzog, konnte sie von dieser Qual befreien.
»Ich sehe ganz gut,« äußerte sie oft, »aber ich kann nicht schauen, es
ist immer, wie wenn die Augen voll Sandkörner wären.« Manchmal sagte sie
auch: »Meine Augen sind wie in Feuer gebettet.« In späteren Jahren kam
noch eine andere, mit dieser Empfindlichkeit nicht in Zusammenhang
stehende Erkrankung dazu, die die Sehkraft beeinträchtigte. Wegen dieser
neuen Erscheinung konsultierte sie nach langer Zeit wieder einen
Augenarzt. Dieser nahm auch Notiz von der allgemeinen Empfindlichkeit
der Augen, die ihr so viel Pein bereitete. »Seit wann sind Ihre Augen so
empfindlich gegen das Licht?« fragte er, und als ihm das Großmütterlein
antwortete: »Ich glaube seit meinem fünften Jahr,« da meinte er, das sei
freilich kein frischer Fall, und gab den Gedanken an eine Behandlung
auf. Sie erinnerte sich, daß es ihr schon im ersten Schuljahr eine Pein
war, die Lehrerin anzusehen, weil deren Gestalt sich von einer
weißgetünchten Wand abhob. Aber sie klagte darüber so wenig wie andere
Menschen sich beschweren, daß es sie blendet, wenn sie direkt in die
Sonne sehen. Sie wuchs auf in der Meinung, daß Schauen eine Anstrengung
sei. So von jeher abgehärtet gegen diese peinliche Empfindung, brachte
sie auch in diesen schlimmen Jahren noch manchen eigenhändigen Brief
zustande, denn sie entschloß sich immer ungern zum Diktieren, sie hatte
das tiefe Bedürfnis, mit ihren Lieben in der Ferne in Beziehung zu
bleiben und auch mit der heranwachsenden Generation in Verbindung zu
treten. So schrieb sie an ihren Enkel, Karl Sapper, der ihr als
Lateinschüler zu Weihnachten einen geschichtlichen Aufsatz gemacht
hatte:
_Mein lieber Karl!_
»Welche Überraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja
eine große Arbeit, da sehe ich nun schon, daß Du mich lieb hast,
weil Du Dir so viele Mühe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr
nützlich, denn wenn man älter wird, vergißt man gar vieles, nun
habe ich wenigstens den dreißigjährigen Krieg schön
übersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht weiß,
darf ich nur Dein Heft aufschlagen.
Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nürnberg, zwischen
diesen beiden Städten hatte Wallenstein auch einmal ein großes
Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn 'die alte Feste',
von da aus hat Wallenstein sein Lager überblickt, da darfst Du
dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo
Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht
so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld,
wo seine Soldaten lagerten, genugsam überblickt hast, dann
steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein
gemütliches Wirtshäuslein, da gibt's gutes Bier und Kaffee
u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschießen gut
schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal
miteinander da hinaufkommen?...«
Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den
seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begrüßen. Der Neffe Wilhelm
Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit,
und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu
heißen, tut es mit den großen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen,
daß die Augen kaum parieren wollen. »Sie wissen ja wohl,« schreibt sie,
»daß Wilhelm mir näher steht, als dies gewöhnlich zwischen Tante und
Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an
unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein
langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut
gewählt!«
Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam
zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei
dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession,
die Braut gehörte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr:
»Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, daß Du Deinem
Wilhelm mit großer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu
schätzen weißt, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche
Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser
Gemeinsamkeit, die ein so schönes Glück verbürgt. Daß diese
Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide
angehört, erregt in unserer Familie natürlich das gleiche Bedauern wie
wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich
nicht gleich erwähnen, damit Du nicht zweifeln solltest, daß wir das
Bedürfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schließen,
denn neben der äußern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der
Hauptsache und im _tiefsten_ Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam
zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fühlen, und unser
gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So müßt Ihr
nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur
an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: 'Selig sind die reines
Herzens sind, denn sie werden Gott schauen' ... dann wird es Euch
gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern
als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze
zu erringen.«
Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die
Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im
Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anlaß gab, sehr bald von der
Oberfläche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen
aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher
schreibt Frau Brater:
»_Liebes Brautpaar!_
Noch vor Torschluß möchte ich Euch als solches begrüßen und Euch
meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen
Glückwünschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im
Namen Deines mir so unsäglich teueren Vaters ausspräche, lieber
Wilhelm.
Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: 'wir
wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne daß alles klar und
rein zwischen uns ist', dieses möchte ich nun Euch anraten und
Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, daß das Euren
beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch
hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht _gerne_
sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch
zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege.