1883-1886
In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der
Ferne dachte, nahmen auch die Lebenspläne ihrer Nichte Julie sie vollauf
in Anspruch. Das junge Mädchen wurde zur Frau begehrt von einem
Deutschen in Südamerika, der früher in Erlangen gelebt hatte und ihr
lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer
höheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten
heimisches Glück bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne
ziehen, in unbekannten Verhältnissen einen Hausstand gründen sollte, war
wiederum ein schwerer Entschluß. Freilich hatte diesen nicht eigentlich
Frau Brater zu fassen, aber sie wußte doch, daß ihr Einfluß, ihr Rat
schwer in die Wagschale fiel, und war bedrückt von dem Gefühl der
Verantwortlichkeit.
Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Großmutterpflichten nach
Württemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie
es nicht über sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen.
Von dort zurückgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... »Was mich
betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich
fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich
soweit vorgeschoben, daß man nimmer gut zögern konnte, und doch zeigen
sich Schwierigkeiten und unmäßige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um
einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzögern, bis S. Aussicht
hätte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir
können ihm ja nimmer zuverlässig schreiben, bis er den Brief erhält, ist
er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und _wenn_ er schon
auf der Reise ist, so müssen Juliens Sachen längstens bis Samstag
unterwegs sein!
Wir sind also in stürmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die
ich in meiner gegenwärtigen Stimmung für ein Unglück halte; ich war kaum
zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um
eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und
noch weiß ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich
war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fühle
mich verantwortlich und hätte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen
können, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer »für alle Fälle«
Zurüstungen traf, übersah man den Punkt, von wo aus der Rückweg
abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft für 140 Mark,
Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn
diese Woche mit ihren aufregenden Zurüstungen vollends überstanden ist,
dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkürlich werden dann mehr
die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend
erkennt.«
Die großen Kisten mit dem nötigen Hausrat gelangten glücklich auf das
Segelschiff und während sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie
noch mit wehmütiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der älteste
Bruder und mußte man nicht annehmen, daß auch die drei Geschwister das
Fest zum letztenmal gemeinsam feiern würden? Gleich nach Weihnachten
wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte,
bestellt und der Koffer gepackt, der das Nötigste für die sechs Wochen
lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar
früh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die
Schwester das tapfere Mädchen an die Bahn.
Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der
Reisenden die ersten Grüße nach, die sie in Basel und in Marseille
erhielt. Es drängte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der
entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe
blickt sie zurück auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen
übernahm, und erzählt: »In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter
erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: 'sorgt für eine treue Person
für meine Kinder' und welches Mutterherz könnte diese Bitte nicht
nachempfinden und würde sie nicht erfüllen, wenn es ihm möglich wäre?
Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein
und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach
den vier kleinen Schläfern schaute, hatte ich das Gefühl, daß auch Euer
Mütterlein sanft ruhen könne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder
zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verließ, da stand ich oft, oft vor
den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prüfend: 'Bist Du auch
gewiß diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all
Deinem Tun?' -- So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem
_Du_, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine
_Absicht_ war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir's nicht
nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedürfen wir alle, wir
schwachen Menschen.«
Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nördlingen: »Wieder habe ich ein
teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglückende Wort: 'auf
Wiedersehen!' Dennoch fühlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte
Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natürlich
unsäglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Tränen stand Julie doch
bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so daß ich mich
selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer
wieder vergegenwärtige, wenn ich mit Tränen nach der Himmelsrichtung
blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus
Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten
Monaten so entsetzlich gesorgt und gequält habe, könnte man nur
verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzählte, ich
glaube ich wäre noch melancholisch geworden, hätte ich nicht endlich all
mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind
unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, daß er auch
alle unsere Irrtümer und Fehler zum Guten wenden möge. -- Ich freue mich
sehr, nun bald, so Gott will, einige Muße und Zeit für mich zu haben,
seit Monaten waren Kopf und Hände ausschließlich mit Julie beschäftigt,
nun bin ich geradewegs _überall_ mit Briefen und Besuchen im Rückstand,
die Kommode mit der Flickwäsche will platzen, Kleider haben wir auch
keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.«
Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen
Reisenden traf die Nachricht ein, daß ihr großer Koffer vermißt werde,
der Koffer, der alles enthielt, was sie für die Seereise bedurfte und
noch mehr: die Papiere, die für die Trauung erforderlich waren, das
Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besaß. Das
waren aufregende Nachrichten für die Zurückgebliebenen. Frau Brater
schreibt an Agnes: »Es wäre wahrlich ein Unglück zu nennen, wenn
wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wäre, und die Sache ängstigt
mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib
hat sie natürlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt
in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand
auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires
beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wütend über diese
Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.«
2. Februar. »Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes
in Marseille an! Ich kann dies Mißgeschick nicht eher verschmerzen, als
bis ich weiß, daß auch Julie sich über diese Sache getröstet hat, d. h.
bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und
Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmädchen zu halten.«
Am 25. März konnte Frau Brater nach Nördlingen berichten: »Ich muß Euch
doch mitteilen, daß wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben.
Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der
Familie Krauß wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue,
die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat für
mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Maße durfte sie auch Robert
erfahren! Aber ich muß dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs
gedenken, die solche Treue wohl in sich schließt! Mein gutes Kind
befindet sich nun im Stadium mächtigen Heimwehs, so daß ich immer mit
Tränen an sie denken muß ...«
Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das
bräutliche Glück zu trüben. Wohl war die Braut in Buenos Aires
einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Bräutigam die weite
Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse
der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so daß
diese zunächst auf spätere Zeit verschoben, dann aber, nach harten
inneren Kämpfen ganz aufgegeben wurde.
Als nach langer Pause im Briefwechsel diese Nachricht eintraf, war Frau
Brater tief bewegt in dem Gedanken an all die Trübsal, die dieses
geliebte Kind in der Fremde durchzumachen hatte, und Briefe, in denen
die wärmste Mutterliebe und die dankbarste Kindesliebe sich aussprachen,
wurden mit jedem Schiff ausgetauscht und halfen dem jungen Mädchen über
das Gefühl der völligen Vereinsamung hinweg. Sie beschloß, nicht sofort
wieder in die alten Verhältnisse zurückzukehren, vielmehr sich dort
einen Beruf zu suchen, was ihr auch durch die Hilfe des Rektors an der
deutschen Schule in Buenos Aires bald gelang, so daß Frau Brater wieder
ruhiger an sie denken und von ihr berichten konnte: »Meine Julie ist in
einer guten Stelle und wenn das Eingewöhnen auch nicht ohne erneutes
Heimweh ging, so ist sie doch glücklich und stolz, daß sie etwas leisten
kann, und diese Erfahrungen haben sie und mich um ein gutes Stück
vorwärts gebracht, aber sie wurden auch teuer erkauft. Wann und wie
werde ich sie wohl wiedersehen? Ich bin mir des Zusammenhangs mit ihr
lebhaft bewußt.«
Nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika kehrte die geliebte
Pflegetochter in die Heimat zurück und verwertete ihre Lebenserfahrungen
als treue Gehilfin in deutschen Familien.
In diesen innerlich und äußerlich durch die Schicksale ihrer
Pflegekinder bewegten Jahren ergab es sich einmal, daß Frau Brater zehn
Tage ganz allein war. Aus dieser völlig ungewohnten Stille heraus
schreibt sie an Lina Sartorius: »Bei mir ist's wie ausgestorben.... Ich
möchte ja nicht _immer_ so allein sein und gewiß ist es auch dem
Menschen besser, wenn er mit andern lebt und sich mit dem Wesen und den
Eigenheiten anderer zurechtfinden muß, aber so zehn Tage einmal ganz
seinem Egoismus, ganz den eigenen Neigungen leben können ist wahrlich
schön und ich will schon trachten, daß mir dadurch nicht gleich der
ganze Charakter verdorben wird.«
Allmählich wurde zur Regel, was vorher nur Ausnahmszustand gewesen war:
die Stille und Einsamkeit. Noch ein Jahr oder zwei lebte die Nichte
Johanne mit Frau Brater traulich zusammen, auch ihr Bräutigam, Assistent
am Gymnasium, wurde ihr ein liebes Familienglied, aber als er im Jahre
1885 eine Anstellung in der Pfalz erhielt, verließ auch Johanne als
letztes ihrer Pflegekinder das Haus, um dem jungen Gatten zu folgen, und
nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, die eine Hochzeit im eigenen Hause
mit sich bringt, fand sich Frau Brater zum erstenmal ohne Familie.
Sie hatte anfangs bei diesem dauernden Ferienzustande kein gutes
Gewissen und doch war ihr, der bald Sechzigjährigen, nach solch bewegtem
Leben der Ruhestand wohl zu gönnen. Sie schreibt an Agnes: »Ich habe
manche herrliche Stunde des Morgens mit einem interessanten Buch in den
Glacis-Anlagen; ich gebe mich dem Genuß mit vollem Herzen hin und bin
sehr dankbar, daß es meine Augen gerade recht liberal gestatten;
außerdem ist bis auf einen kleinen Rest von Flickerei alles
aufgearbeitet und das Haus in musterhafter Ordnung; nun kommen mir aber
die Bedenken, ob es auch recht und erlaubt ist, ein so behagliches Leben
der Selbstpflege zu führen? Ich habe noch Kräfte, um mehr zu leisten,
und doch -- was soll ich tun? Wieder ein paar Wickelkinder übernehmen --
dazu fehlt mir doch der Mut und ich habe ein Haar darin gefunden -- also
warte ich nun einmal, ob sich etwas ergibt....« Oft genug ergab sich
etwas; bald half sie der Tochter in Württemberg bei der Pflege eines am
Scharlach schwer erkrankten Enkels, bald saß sie am Bette der
zeitenweise leidenden Tochter Anna, verkürzte ihr die langen Stunden
durch Vorlesen und freute sich an diesen Lesestunden, da die Tochter
vollständig ihr Interesse für naturwissenschaftliche und
religiös-theologische Bücher sowie für Reisebeschreibungen teilte. Der
treue Freund, Ernst Rohmer, sandte aus seiner Buchhandlung alles, was
die Freundin interessieren konnte, und sie hatte nur immer zu danken und
abzuwehren. »Aber Ernst, aber Ernst!« beginnt einer ihrer Briefe,
zankend verbittet sie sich die häufigen Sendungen und ist doch gerührt
und beglückt durch dieselben. So schreibt sie einmal: »Die beiden
Afrika-Bücher sind nicht nur von mir, sondern von der ganzen Familie
freudig empfangen worden und Alt und Jung wird sich darein vertiefen,
Afrika ist gegenwärtig unser gemeinsamer Sparren und sowie Ihr Euch zur
Auswanderung entschlossen habt, kannst Du ungefragt auch für uns die
Billete mitlösen; neulich wo unserem kleinen Otto ein Gemüse nicht recht
schmecken wollte, sagte Anna zu ihm: 'ja wie kannst Du denn nach Afrika,
wenn Du so genäschig bist?' Darauf die bescheidene Antwort: 'ja, ich
will ja gar nicht nach Afrika'; darauf seine Mutter: 'was fällt Dir ein,
jeder Mensch muß nach Afrika wollen.' Im Geheimen stelle ich oft
_andere_ Betrachtungen über das Auswandern an, die Anhänglichkeit an
Heimat und Vaterland macht uns Deutschen in der Fremde gar bitteres
Herzweh. -- Auch für meinen Kalender noch extra Dank, er freut mich immer
wegen seiner astronomischen Mitteilungen und die kleine Tabelle der
mittleren Zeit hat mich einmal eine volle Tagereise lang von hier bis
Neckarth. ausschließlich und eifrig beschäftigt, allerdings hatte mich
die Sache vordem schon oft geniert und die schließliche Klarheit mich
außerordentlich gefreut, wer weiß ob Du, der _Verleger_ des Kalenders,
nicht leichtsinnig genug bist, die Sonne täglich ohne alle Kontrolle
auf- und untergehen zu lassen, und wer weiß, ob Du Dich nicht
schließlich dabei ganz wohl fühlst?«
Frau Brater übte allerdings pünktlich Kontrolle über die Sonne. Sie
wählte schon ihre Wohnungen darnach, wo der Lauf der Gestirne gut zu
beobachten war, je höher droben, je besser. Erreichte im Sommer die
Sonne ihren höchsten Stand, so wurde auf dem Fenstersims ein Zeichen
eingegraben an dem Punkte, den ihr letzter Strahl beschien, ebenso am
kürzesten Tag und jedes Jahr wurde mit Befriedigung die Pünktlichkeit
des Gestirnes festgestellt, wenn der letzte Strahl haarscharf den Punkt
des Vorjahres traf. Auch Barometer und Thermometer beobachtete sie
regelmäßig und als ihr zum erstenmal ein Maximum- und Minimum-Thermometer
verbesserter Konstruktion zu Gesicht kam, erklärte sie in ihrer
Bewunderung für diese Erfindung, sie schenke von nun an keinem jungen
Paar mehr etwas anderes zur Hochzeit als solch einen genialen
Thermometer.
Nachdem sie eine neue Wohnung bezogen hatte, die einen weiten, freien
Blick gestattete, schrieb sie an Agnes: »Ich steige manchmal nachts vor
Schlafengehen noch hinauf 'auf meines Daches Zinne', wo ich durch die
Oberlichtfenster eine herrliche Aussicht habe. Wenn Ihr einmal auf einem
höhern Standort wohnt, werde ich Dir an der Hand meiner kleinen
Sternkarte einige Anweisung geben, die Du seinerzeit wieder auf Deine
Kinder übertragen kannst; im allgemeinen hat zwar jeder Mensch reichlich
Beschäftigung auf seinem eigenen Planeten und braucht nicht immer
darüber hinauszuschauen, da aber unsere Bestimmung doch die ist, uns
schließlich aus der Gefangenschaft von diesem Planeten aufzuschwingen,
so ist es mir immer vorgekommen, als sei die Betrachtung dieser fernen
Welten, diese gewissermaßen sinnliche Anschauung des Unendlichen ganz
besonders geeignet, auch den Geist dem Unendlichen und Ewigen nahe zu
führen. Ich freue mich, wenn es mir noch zuteil wird, Berta einmal in
diese Dinge einführen zu können, es ist ein Genuß, mit diesem Kinde zu
verkehren, wo es im Begreifen kaum eine Schwierigkeit gibt.«
Im Herbst 1886 begleitete Frau Brater diese ihre liebe Enkelin Berta
nach Boll in Württemberg zu dem bekannten Pfarrer Blumhardt, bei dem sie
einen Winter zubringen und den Konfirmandenunterricht besuchen sollte.
Kaum hatte sich das Mädchen dort eingewöhnt, als es erkrankte. Die ganze
großmütterliche Liebe spricht aus den Briefen, die sie der Enkelin
schreibt in dem weichen, zärtlichen Ton, der seinen tröstenden Einfluß
auf die Kinder um so weniger verfehlte, als sie ihn in gesunden Tagen
nie zu hören bekamen. Einer der Briefe ist auf einen bemalten Bogen
geschrieben und die Anrede zeigt gleich die Liebkosung:
_Mein lieber Schneck!_
Das schönste Briefbögelein, das ich besitze und dessen Ursprung
Dir bekannt ist, das nehme ich nun, damit Du siehst, daß ich Dir
gerne eine Freude machen und Dir eine fröhliche Zeit gönnen
möchte.
Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, daß Du so getäuscht
wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr,
wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es
einem schon wie eine recht lange Geduldsprüfung vor und es ist
auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe
Gott von Dir, daß Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst,
und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, daß Du auch dieses
noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier
_alles_ in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade
so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett säße und
zu ihm sagte: sei nur ganz vergnügt, der liebe Gott schickt Dir
ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir
jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich
nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach
Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu
Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine
Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit
der Heimkehr kommt sicher auch wieder. -- Ich denke mir, Du wirst
jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn
schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles
miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen
freuen und dankbar sein!! -- Kannst Du Dir gar nicht denken, daß
Du Dich erkältet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es
wäre gut, wenn man es wüßte. -- Dein Heimweh vergeht sicher, wenn
es Dir wieder besser ist und außerdem sage es uns nur. Wenn Du
mir heute schreibst: liebe Großmutter komm und hole mich, dann
kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu
Deiner Pflege kommen, wenn es nötig ist.... Ich wünsche Dir von
ganzem Herzen, daß Du Dich durch ein paar böse Tage vollends gut
durchschlägst. -- Es grüßt Dich in stetem treuen Andenken
Deine Großmutter.
Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die
Stadt, _Du_ dürftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht.
Die »bösen Tage« machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll,
der Einfluß Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt
über Blumhardt: »Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprüngliche,
liebevolle Persönlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch,
daß Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von
Blumhardt geradezu antipathisch berührt fühlen können. Eine Predigt
z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so daß man sich des
Lächelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese
heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei
der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.«
Sie selbst ließ sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war
immer offen, um von irgend einer Seite religiöse Anregung zu empfangen.
Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres
Freundes Nagel gemacht »Der christliche Glaube und die menschliche
Freiheit«. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaßend, mit
Männern über solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie
sich: »In religiösen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein
Gewissen hat, und jeder solche darf sich über solch ein Buch ein Urteil
anmaßen« und so schreibt sie an Rohmer: »Dieses Buch hat mich vielfach
in die unmittelbare Nähe Gottes geführt. Ich denke mir, daß es den
Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein muß, ein erlösendes Wort
für ihre Zweifel zu finden; mein oftmals geängstetes und mitunter von
allen Zweifeln erfülltes Herz findet darin volles Genügen .... allein
daß von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine
weite Kluft ist, das weiß ich nur gar zu gut.... Läßt sich äußerlich
etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versäume doch ja nichts. -- Du
siehst: 'wes das Herz voll ist etc.' Ich bin zu begierig jemandes Urteil
zu hören, habe natürlich mit niemandem sprechen können, da ja die
Anonymität so sehr gewahrt werden soll.« Und in einem späteren Briefe:
»Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber über das Buch habe ich
geschwiegen, wenn ich _hier_ über dasselbe spreche, so ist der Autor
sofort erkannt, ich bin aber vollständig zum Schweigen verpflichtet.
Wollen wir nur fleißig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende
Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtsstätte für ein
künftiges ist, auf die Dauer zusammenführen.«
Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr
vorwärts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna
dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von
ihren Bücherschätzen mitzuteilen. »Sehr erfreut war ich,« schreibt sie
ihr, »daß Du Dixon (»Das heilige Land«) so gern gelesen hast und auch
die Erfahrung machtest, daß man vieles im neuen Testament nach ihm erst
richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es
überkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebäude und erst in meinen
spätern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm
ins Herz fassen lernen, und darum möchte ich andern, vor allem Dir, auch
zu dieser Erkenntnis verhelfen. Für Deinen Braterischen
Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem nötig, Dich in das Bewußtsein
Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange
man denkt, daß einem etwas aufgenötigt wird, was von Menschen gemacht
ist.«
In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: »Wer da hat, dem wird
gegeben.« Wo ein Mensch lebhaftes Interesse für irgend einen Gegenstand
zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugeführt was dieses noch mehr
beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch
zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu
gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr
Rohmer eine Reihe von Briefen religiösen Inhaltes, die von Schultheß
geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in
Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des
Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer.
Sie schreibt: »Daß Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden
dennoch mit Schultheß in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, daß
es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrückt: 'Du hast uns, Gott,
gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in
Dir.' Ich habe diesen Brief mit größtem Interesse und ebensoviel Freude
gelesen, es wäre wahrlich ein Unrecht gewesen, hättet Ihr ihn nicht
drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schultheß, den man im kirchlichen Sinn
nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt,
so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Stärkendes auch für
diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint
mir, daß, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen
würden, man nicht mehr zu beten brauchte: »Dein Reich komme ...« Ich
meine unsere Geistlichen müßten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens
und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen _trachten_, Geistliche und
Gemeinde müßten als _werdende_, nicht immer schon als _seiende_ Christen
angesehen werden ...
Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schultheß
lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich
auch nicht versäumen demütig das Bekenntnis meiner großen Unwissenheit
auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch für uns Frauen etwas in
Anspruch: ein Gefühl für das, was wahr sein kann.«
Mitten aus seiner regen geistigen Tätigkeit heraus wurde Schultheß durch
den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde.
»Ich muß oft an ihn denken,« schreibt Frau Brater an Rohmer, »an ihn,
der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich
annehme, daß er nicht in ein »dunkles Land« sondern in eine heimische
Umgebung eingetreten ist....
... Laß Dir noch besonders danken für Deine Mitteilungen über Schultheß'
Heimgang. Welch ein schöner Tod, wenn sich einfach der ermüdete Körper
niederlegt und der Geist frei wird! Die Äußerung von Schultheß: »ich
habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt« war mir höchst
merkwürdig und ist mir ein Schlüssel zu seinem Wesen. Es ist doch
sicher, daß derjenige, der selbst nie _wesentliche_ Schmerzen überwunden
hat, sich solche auch _unmöglich_ vorstellen kann, also eine der
härtesten Lasten, ja vielleicht _die_ härteste Last, die das arme
Menschengeschlecht drückt, war Schultheß unbekannt und damit auch
zugleich der stärkste Antrieb zum Zweifel an einer persönlichen
Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes Überzeugtsein von
einer solchen. Es ist ja möglich, daß Schultheß dennoch schwere Tage
durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine
Verwandtschaft mit dem Göttlichen, leiten uns dahin, nur die
Körperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.«