_Liebes Kind!_
»Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und
Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache,
drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes
zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster
und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu
schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir
nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete
Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht
als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an
den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben
einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der
Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in
seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich
sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir
bin.
Die Freude des Zusammen_lebens_ entbehre ich freilich trotz
allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich
brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft
des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich
zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist,
der sie _recht_ versteht, und welch ein unaussprechliches Glück
es ist, _recht verstanden_ zu werden, in den kleinsten
Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich
habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten
Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes
ist.«
November.
_Liebe Agnes!_
»Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen,
erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger
Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann
segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele
zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten
Gesichtern sah und nur _Du_ nicht dabei warst, da wurde mir's
recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt
haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke,
daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente
mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen
und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit
aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten
Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen
Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt
meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch
denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude,
die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es
nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat
mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben
wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es
wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen
_mag_ und doch trennen _muß_; ach die liebe Gewohnheit des
Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen
Dingen des täglichen Lebens, _ich_ muß sie aufgeben, _Du_
überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem
Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die _Zeit_,
man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in
denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber
von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und
wenn einige Zeit herum ist, so sind einem _diese_ zur
Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.
Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so
erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches
Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz
von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das
werdet Ihr ja auch tun.
Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der
_Unfrieden_ sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei
Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel
miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das
andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr
streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild,
auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch
anschlage.
Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich,
diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen,
Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben
mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren,
immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger
und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in
alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches
werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel
»Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin
niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute
Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt
als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor
zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde...
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll,
um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an
eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich
weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um
Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich
wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie
ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.«
Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu
möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und
arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten
_konnte_, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in
den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von
unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war,
und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte
eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft
führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen,
und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln
empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach
Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.
In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses
reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater
sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird
»Und sie kriegt zum Lohn
jedesmal, so bald sie kommt,
Einen Enkelsohn.«
So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu
Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur
Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo
sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge
Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen
vollends den Treff gegeben« und ein andermal:
_Liebe Agnes!_
»Gottlob wieder in Erlangen; Hätte ich ein Tagebuch, mit der
allerschwärzesten Tinte würde ich diesen letzten Teil meiner
Vergnügungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an
den Rand der Verzweiflung.... In Tübingen wurde es mit jeder
Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es
aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich
überlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach
Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch
abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...«
Von den drei kleinen Enkelsöhnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf
dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte,
blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein
zartes Pflänzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller
Fürsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, daß
hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen
wäre, und ihr gesundes natürliches Gefühl ließ sie den Tod schwächlicher
und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr
später das dritte Kind, ein prächtig gediehener fast zweijähriger Knabe
ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als
einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht während sie
mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine
Naturschönheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber
es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund
drängen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der
älteste der drei kleinen Brüder erkrankte an der Diphtheritis und
schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, daß ihre Tochter auch das letzte
Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders
nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um
sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle für
ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und
allmählichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder
Glück und Dankbarkeit empfinden und sie schloß dieses Kind mit
besonderer Liebe in ihr Herz und hatte später eine große Freude daran,
daß zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten.
Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurückkam, so
hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch
auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger
Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier
Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lärm und Zank, der aber mit Humor
aufgefaßt wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: »... Den
ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief
begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergnügen, den geriebenen
Kartoffelsalat machen zu dürfen, wobei er so viel interessante
Erfahrungen machte, daß er immer meiner Teilnahme und meines Rates
bedurfte, und nebenbei ging beständig der Zank mit den Schwestern, die
die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht für
Buben, während Wilhelm entgegnete, wenn er wolle könne er seine Hände so
sauber waschen wie andere Leute etc.«
»Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drängen schon seit
lange, daß ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mädchen fahren hübsch,
es sieht sehr anmutig aus, die Buben natürlich ohnedies, die tun sich ja
in allen körperlichen Künsten hervor. Wilhelm klettert auf die höchsten
Bäume und zerreißt alle Tage ein paar Hosen.«
Allmählich geben die Berichte ein anderes Bild: »Meine Vier sind
ungewöhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glücklich
angelegt und ein fröhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben
als ein widerwärtiger, überdies geht mir Julie schon tüchtig zur Hand
und ist mir überhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus
dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrückt
auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mädchen sind sehr fleißig,
übrigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe
Nächte lang auf Bällen herumzutreiben und tagelang mit Bügeln, Garnieren
usw. beschäftigt zu sein, da meine Mädchen jedoch ziemlich anspruchslos
und bescheiden sind, so tue ich es gerne.« Bald waren die Jahre vorbei,
in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie
und Johanne waren nun fleißige Haustöchter. Sie rühmt von ihnen: »Im
Haus habe ich alles in schönster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt
auf den Pfennig.«
So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte
eine große Veränderung. Frau Brater schreibt an Agnes: »Was wirst Du
sagen, wenn Du hörst, daß es sich gegenwärtig um eine Versetzung
Dietrichs nach Würzburg handelt? Dort winkt eine höhere Rangstelle, es
ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine größere
Bibliothek usw., _hier_ ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr
angenehme Verhältnisse. Es geschieht jedenfalls das möglichste, um
Dietrich hierzuhalten, aber über gewisse Grenzen können sie eben nicht
hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an
Erlangen als an Würzburg. Was für ein harter Schlag mir diese Trennung
wäre, das kannst Du ermessen!«
Der Entscheid fiel für Würzburg und im Frühjahr 1878 übersiedelte die
Familie Kerler dorthin, zum großen Schmerze für Frau Brater, die täglich
im beglückenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden
Enkelkindern gestanden hatte. »Ich empfinde die Trennung immerwährend
sehr schmerzlich« schreibt sie an Anna »und es ist mir fast
unbegreiflich, daß ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer
hören und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch
sage ich mir beständig, daß ja doch niemand gestorben ist und daß wir
uns in kurzer Zeit daran gewöhnen werden, über die kleine Wegstrecke
hinweg uns des glücklichen Bewußtseins der Liebe und Zusammengehörigkeit
zu erfreuen.« An Agnes: »Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute,
die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine
unleidliche Sache. Überdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie
im Garten für mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die
Buben gehen beide fort, die Mädchen werden auch nicht immer daheim
bleiben, was soll mir nun das öde Haus? Wilhelm hatte recht, indem er
bei Kerlers Berufung sagte: »unsere ganze Existenz ist untergraben!«
Die Zurückbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den
herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre
immer mehr gemeinsame Interessen, die das tägliche Leben besonders in
den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den
jüngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs
vererbt, zur großen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt
sie an Agnes: »Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird
mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt
sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und führt mir
das Andenken an meine teuren Brüder in lebensfrischer Weise vor die
Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen
Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens über dieselben
Gegenstände. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfüllt ihn
ganz.« »Jetzt, nachdem ich wieder längere Zeit von den Kindern getrennt
war, fällt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt
mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus
vorbeiginge, würde nimmermehr glauben, daß all der Lärm von vier in
Frieden lebenden Familiengliedern herrühre, und Du weißt wie sie sind,
_ich_ muß in erster Linie alles anhören, stehle ich mich ein wenig in
den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fünf
Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten
Tagen der Ankunft bis das übervolle Herz ausgeschüttet ist, so nun
Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und während ich in der
Küche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein
physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklären.
Abgesehen von der Strapaze ist übrigens die Unterhaltung mit den Kindern
jetzt anregend und macht mir oft Spaß, z. B. gestern abend kamen wir auf
die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer
stilles tiefes Denken mit plötzlichem lauten Gebrüll ab, wenn jeder das
beste sagen zu können glaubte, schließlich fragte ich: was ist ein Ofen?
Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die
beiden Buben ihre Stühle drehten und den unschuldigen Ofen immer von
oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu
schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gönnen, mit seinem Erscheinen
ist auch sogleich Säge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung
gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen,
Löcher für zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft
und Geschicklichkeit, daß mich's freut. Bezeichnend ist, daß er mir ein
Päckchen Nägel mitgebracht hat, weil sie ihm »so schön erschienen sind«.
Neben diesen heiteren Gesprächen kam in diesen und noch mehr in den
folgenden Jahren ein ernstes Thema immer öfter zur Sprache: es war die
Religion. Die jungen Leute brachten von draußen die materialistische
Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekämpft
wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum
Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rückhaltsloser Aussprache, so
wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der
auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brüdern ihre
Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt
zuweilen, daß Vorübergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben,
horchten ob es Mord und Totschlag gäbe, aber dann beruhigt von dannen
gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwörter vernahmen wie Strauß
und Darwin, Seele und Gott.
Die religiösen Einflüsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des
Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den
lebendigen Gott zu tiefer Überzeugung gereift und wenn sie auch über
einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so ließ sie diese
als unwesentlich beiseite. Verhängnisvoll für jeden einzelnen und für
ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische
Weltanschauung, die nach ihrer Überzeugung das Edelste und Beste im
Menschen leugnet und dadurch verkommen läßt, die auch nie ideale
Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen würde, und der Drang, sich
und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb
sie, manches ernste Werk zu lesen, und ließ sie jede Gelegenheit
aufsuchen, durch schriftlichen oder mündlichen Verkehr einzudringen in
diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch
nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause
verkehrten, starken Einfluß und wurde im Laufe der Jahre für manchen
jungen Menschen der Anlaß, über religiöse Dinge nachzudenken, bot vielen
die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische
Anschauungen aussprechen zu dürfen, ohne deshalb verurteilt zu werden,
und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich für
eine neue Anschauung erschließen können.
Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden
geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit
sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer
Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. »Ich mache
täglich an mir die Erfahrung«, schreibt sie an Frau Hecker, »daß es gar
nichts übleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewußtsein,
seine Sache unmöglich ganz gut machen zu können, auch kann man ohne eine
gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten
Humor verpfuscht man alles.« ... »In diesem unruhigen Frühjahr bewegte
ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen
und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitläufige Haus mit
Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer
wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rückstände.
Übrigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens
merke ich, daß ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen würde, der
nun so hübsch ist und mir viele Freude macht, und dann käme ich ja
_heuer_ keinesfalls mehr zur Ausführung des Planes, darum schweige ich
noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein
wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen
Kindern.«
Als sich späterhin Frau Brater entschloß ihren Neffen und Nichten den
Vorschlag der Übersiedelung nach Würzburg zu machen, fand sie allgemeine
Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Würzburg herzlich
willkommen geheißen wurde, so galt es nur noch, für Haus und Garten
einen Mieter zu finden. Dies gelang über Erwarten bald und der Umzug
wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslösen aus dieser alten
Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und
die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter
Stunde half ein freudiges Ereignis über den Abschied hinweg, es war die
Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunächst noch als Braut mit
übersiedelte nach Würzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters
letzte Heimstätte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde
eine freundliche Wohnung gemietet und der tägliche Verkehr in diesem
Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main
gelegen, von den umliegenden Höhen aus betrachtet ein schönes Bild
bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. »Weinberge sind
etwas Schreckliches,« schreibt sie, »hier ist's schattenlos und staubig,
man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wäre; wenn die Höhen
ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der
Wald ist weit weg und die Trockenheit groß.« Jedoch -- ob Weinberg oder
Wald -- diese äußeren Verhältnisse sollten ihr bald recht nebensächlich
erscheinen, denn die nächsten Jahre brachten ihr ungewöhnliche
Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern
teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine
Mutter kann nicht aufhören, für ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn
diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die
Mündigkeitserklärung das Gefühl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn
der Einfluß, den sie bisher gehabt hat, hört nicht plötzlich auf, sie
ist sich bewußt, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale
erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend für die Mutter, daß
es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist,
wie weit sie ihren Einfluß noch geltend machen soll.
Der älteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswürdiger junger Mann, der
mit großer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte
doch nicht die nötige Charakterstärke, sein kleines Vermögen
zusammenzuhalten, als er es ausgehändigt bekam und es wurde ihm zum
Unsegen. Er entzog sich dem Einfluß der Familie, verließ Würzburg und
verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen
Frau Braters in jener Zeit die Klage; »Wir wissen nicht, wo Robert ist«
und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: »Hätte ich ihn nicht
halten können?« Jahr und Tag verflossen, bis der Vermißte zurückkam zu
den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun
aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder
ankommen, die Türen, die früher für ihn offen gestanden, waren nun
geschlossen, umsonst wurde überall angeklopft, er fand keine Anstellung.
In mancher schlaflosen Nacht quälte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu
finden, und diese Wochen gehörten zu den peinlichsten ihres Lebens. In
dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Möglichkeit der Existenz
auf. In Südamerika wurden deutsche Lehrkräfte gewünscht und von Barmen
aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur
Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima günstig für die
angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich
ein, erreichte glücklich das Ziel und die verheißene Anstellung. Mancher
Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau
Braters Hände und gab ihr die beruhigende Überzeugung, daß unter diesen
traurigen Umständen das Beste geschehen war. Nur die erschütterte
Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher
lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie über
ihn: »Roberts Befinden scheint rasch abwärts zu gehen, es ist mir so
unsäglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu
wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit öfter geschrieben und es ist mir
ein Trost, daß er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen
erfreut.« Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus
Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die
Todesanzeige.
»Es tut einem das Herz weh,« schreibt sie an ihre Tochter, »wenn man
dieses so traurig zu Ende gegangene Leben überblickt, und die Wehmut
wird nur vermehrt dadurch, daß man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen
durfte. Ich zweifle nicht, daß er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und
gefunden hat.«