1875-1883
Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein
Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den
ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer
netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So
gefiele mir's auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an
den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu
einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und
eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen
Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß«
(Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im
Juni wurde die Verlobung gefeiert.
Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde:
... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes
gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht
bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne
den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft
rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der
Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke,
daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes
Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an
manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl
gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine
Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der
eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren
Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig
zusammen gewachsen war.
Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das
zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt
hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf
hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig
machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein
unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden
Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so
lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht
einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt
unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu
verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war.
Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so
zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten.
Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der
erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte,
wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte.
»_Liebes teures Kind!_
Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen
zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade
weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil
ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken
mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach
Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht
zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das
Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird
für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der
briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter
werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man
seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir,
daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist,
Gottlob!
Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du
kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man
noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man's genau
wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine
ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war
ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das
Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen
ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück
lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und
schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich,
wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte;
gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar
Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise
»das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle
außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem
»Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen
sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen
überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich
wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so
allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst
Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in
Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige
Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber
Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich
die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang,
nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in
gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater,
der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell
Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu
ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag
mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint
rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten...
Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um
ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.
Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst
Du nun noch genau, nach und nach wird's anders werden, auch habe
ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der
Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard
sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber
immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen
zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!«