1870-1875
Als Frau Brater im Frühjahr 1870 mit ihren beiden Töchtern nach Erlangen
übersiedelte, stand sie im dreiundvierzigsten Lebensjahr. Ihre flinke,
bewegliche Art ließ sie eher noch jünger erscheinen, so wie auch ihre
frische Gesichtsfarbe auf kräftigere Gesundheit schließen ließ, als sie
tatsächlich besaß. Die heitere Umgangsform, die ihr von Natur eigen und
in den Jahren tief innerlichen Glückes zur Lebensgewohnheit geworden
war, blieb ihr auch in der Trauerzeit treu und so konnte jeder
oberflächliche Beobachter glauben, sie sei der Aufgabe, den Haushalt des
Bruders zu übernehmen, in jeder Hinsicht gewachsen. Und doch war dem
nicht so, vielmehr gingen ihr die mannigfaltigen Anforderungen
körperlich und gemütlich oft über die Kraft, und ihre Aufgabe war in der
Tat keine kleine. Wieder galt es, sich möglichst sparsam einzurichten.
Die Haushälterin wurde entlassen und nur ein Dienstmädchen beibehalten.
Anna, die tüchtig gewesen wäre, mit anzugreifen in der Haushaltung,
wurde zunächst zur Unterstützung einer befreundeten Familie nach Weimar
berufen, Agnes war bald durch französischen Unterricht in Anspruch
genommen, den zu erteilen sich günstige Gelegenheit bot. So lag viel auf
der Hausfrau. Ihre vier Pflegekinder, zwei Knaben und zwei Mädchen,
standen nun im Alter von acht bis zwölf Jahren, und es galt vor allem,
sie wieder an die neue Ordnung zu gewöhnen. So leicht sich nun einzelne
Kinder einzugewöhnen pflegen, wenn sie aus ihrer Umgebung herausgenommen
und in eine fremde versetzt werden, so schwer ist es, wenn so ein
Trüppchen beisammen in den gewohnten Verhältnissen bleibt und doch
plötzlich ein anderes Regiment über sie kommt. Wer kann es ihnen
verargen, daß sie sich in der gewohnten Freiheit beschränkt, in allen
Rechten verkürzt, im täglichen Leben beengt fühlen? Mit einem tiefen
Seufzer klagte die kleine Julie eines Abends bei Agnes: »Es gibt eben
jetzt so viel, ach so arg viel, was wir nimmer tun dürfen und was wir
vorher gedurft haben.« Und wer kann es andererseits der gebildeten Frau
verargen, wenn sie mit den Forderungen des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit
und der Ordnung herantritt an ihre Pflegebefohlenen? Mußte sie es nicht
tun, wenn ihr das Wohl dieser Kinder am Herzen lag, wie das ihrer
eigenen? Aber eine Erziehung, die jahrelang gefehlt hat und dann
plötzlich einsetzt, wird von Kindern schwerlich als Liebe empfunden.
Traurig äußerte sie in jener Zeit: »Die Kinder, die mir so zugetan waren
wie eigene, sind mir ganz entfremdet worden. Mit Furcht und Mißtrauen
stehen sie mir gegenüber und verheimlichen all ihr Tun vor mir.«
Das waren große Schwierigkeiten und nur einer im Hause blieb wunderbar
unberührt davon, Bruder Hans. Er setzte in seine Schwester das größte
Vertrauen und hatte für seine Kinder eine rührende Liebe. Von der Stunde
an, wo er Schwester und Kinder beisammen wußte, fühlte er sich glücklich
und war voll der besten Zuversicht. Nach seiner Überzeugung mußten die
Kinder die Tante lieben, und diese würde an der Erziehung alles gut
machen, was versäumt war, die finanziellen Angelegenheiten ruhten bei
ihr in besten Händen, also war allem Elend abgeholfen und man ließ ihn
künftig in Ruhe mit Heiratsprojekten. Leichteren Herzens als seit Jahren
ging er in sein Kolleg, paßte ihn doch die Haushälterin nimmer an der
Treppe ab, um ihre Klagen über die Kinder und die Geldnot vor ihn zu
bringen; fröhlich wanderte er durch Hof und Garten, die merkwürdig
sauber aussahen, seitdem Pauline zwei Wagen voll Schutt hatte
hinausschaffen lassen, zerbrochene Ofenteile, verdorbenen Hausrat,
zersprungenes Geschirr, was alles in Jahren durch das Fenster in den Hof
geflogen oder durch die Kinder in den Garten geraten war. Wenn er abends
mit der Schwester im Garten saß, fühlte er sich glücklich und Pauline
mochte ihn nicht behelligen mit Klagen über die mannigfaltigen
Schwierigkeiten, gönnte sie es ihm doch so von Herzen, daß es ihm auch
noch einmal gut ging im Leben. Hingegen schilderte sie in Briefen an
Anna die unerfreulichen Zustände, die sie und Agnes im Hause vorgefunden
hatten. Aber als sie aus Annas Briefen erkannte, daß diese infolgedessen
sich gar nicht auf ihre bevorstehende Heimkehr von Weimar freuen konnte,
suchte sie ihr wieder Lust und Mut zu machen und schrieb der Tochter:
..... »Du fragst, ob ich auch jetzt noch des Onkels Haus als unsern
Aufenthalt wählen würde, und ich bin darüber keinen Augenblick
zweifelhaft, so sehr sich auch oft das Herz abwendet von Verhältnissen,
die mit den vergangenen so ganz im Widerspruch stehen.
Es würde uns wenig Erleichterung bringen, könnten wir auch die Form von
ehedem noch mehr bewahren, wir würden dennoch jede Stunde inne werden,
daß das Licht und die Sonne fehlt, die unser Leben bis hierher so
glänzend erleuchtet haben. -- Wenn ich manchmal hinuntergehe in des
Vaters (früheres) Stübchen, wo sein Tisch und Stuhl steht, da wird es
mir immer nur so untröstlich zumute, daß ich glaube, man kämpft sich
leichter durch, wenn man sich entschließt, in Gottes Namen alles und
alles dahinzugeben, da uns ja doch alles nur an den Verlust mahnt. Wenn
wir des Vaters _Beispiel_ befolgen wollen, so können wir auch nicht
zweifelhaft sein, daß wir hier am rechten Platze sind. Sei überzeugt:
wenn ich den Vater hätte fragen können, so hätte er uns das geraten, was
ich nun getan habe, hat denn nicht auch er sich immer an den Posten
gestellt, wo die Arbeit notwendig und dringend war, ohne Rücksicht auf
die eigene Bequemlichkeit; ja wenn wir in diesem Hause tun, was in
unsern Kräften steht, so leben wir nach seinem Geist und Vorbild und
werden darin unser Glück finden. Daß man aus einem arbeitsvollen Leben
mehr Segen und Befriedigung zieht, als wenn man seiner Neigung und
Bequemlichkeit folgen kann, das ist ja eine Wahrheit, die nicht ich erst
erfunden, wohl aber in reichem Maße erprobt habe. Für euch beide glaube
ich, daß es auch jetzt schon am besten _hier_ ist, habt ihr doch im
Umgang mit eurem Onkel immer eine Anregung, die ihr außerdem schwer
entbehren würdet, und oft denke ich daran, wie vielen Grund zur
Dankbarkeit wir haben, daß er uns seine treue Liebe so zuwendet. Als
neulich Frau Professor Thiersch eine von euch engagieren wollte, sprach
sich der Onkel mit aller Heftigkeit dagegen aus, zuletzt sagte er noch:
'ich kann's so nicht erwarten, bis die Anna wieder kommt, ich zähle
jeden Tag.' Im ganzen sind wir doch auch schon ein wenig heimisch hier
geworden und schwer ist nur die Kinderunruhe, die man eben den ganzen
Tag hat und bei der man nicht zu Worte kommen kann, doch in Jahresfrist
werden sie ein wenig wohlgezogen sein. Immerhin ist es aber gut, wenn Du
Dir vergegenwärtigst, daß es hier zunächst einiges Entsagen gilt, Du
wirst Dich dennoch da heimisch fühlen, wo ich bin .....«
Ganz allmählich besserte sich das Verhältnis zu den Kindern. Der älteste
ihrer Pflegebefohlenen, Robert, ein sehr begabter Knabe, fühlte, daß ihm
der Verkehr mit der Tante ganz ungewohnte geistige Anregung bot, und
besprach sich gern mit ihr; bei dem jüngsten, dem kleinen Wilhelm, einem
herzensguten Kind, hatte das Mißtrauen nie feste Wurzel gefaßt, er
wandte sich bald wieder zutraulich an die Tante und diese Wandlung der
Brüder blieb nicht ohne Einfluß auf die Schwestern. Doch wird sich bei
Mädchen nie so leicht ein kindliches, vertrauensvolles Verhältnis
bilden, weil sie viel zugänglicher sind für die Einreden törichter oder
gewissenloser Leute, die in solch schwierigen Verhältnissen nie fehlen.
Niemand hatte es je Frau Brater übel gedeutet, wenn sie die eigenen
Kinder einfach hielt, aber bei Neffen und Nichten war das anders, und
jedermann glaubte sich berechtigt, sich einzumischen. Derartige
Schwierigkeiten lassen sich nicht in Wochen und Monaten überwinden, man
muß da mit Jahren rechnen, ja es ist Lebensarbeit und wir sind alle
unvollkommene Arbeiter. Frau Brater wäre die erste gewesen, das
zuzugeben, nie war sie der Meinung, jederzeit den richtigen Ton
getroffen zu haben. In späteren Jahren, aus der Ferne zurückblickend,
glaubte sie manchen Fehler zu erkennen und war um so dankbarer dafür,
daß schließlich alles gut geworden und sie in ihren alten Tagen die
volle Liebe derer genießen durfte, denen sie Mutterstelle ersetzt hatte.
In den Briefen aus der Zeit der größten Schwierigkeiten tut sie deren
kaum Erwähnung, nur die Trauer, die unverändert in ihrem Herzen lebte,
spricht sie manchmal ergreifend aus. So an Ernst Rohmer nach einem
Besuch ihres gemeinsamen Freundes Nagel: »Ich habe Dich während Nagels
Anwesenheit oftmals zu uns gewünscht ... Was mich vor allem mit wahrer
Sympathie zu ihm hinführt, das ist die Ähnlichkeit, die er trotz aller
Verschiedenheit im letzten Grunde mit meinem Mann hat, es ist dieses
ernste, unermüdliche Wollen und dieses unbestechliche Anerkennen und
Voranstellen der Wahrheit. Mich hat dieser tiefe moralische Ernst sehr
bewegt, denn er hat mir das Beispiel meines lieben Mannes wieder lebhaft
vor Augen geführt, ich sehe sein unermüdliches Arbeiten, auch wo es ihm
schwer wurde, und so fühle ich mich veranlaßt, auch auf meinem traurigen
Wege nicht schwach die Hände sinken zu lassen. -- Ach, man muß eben ein
ganz anderer Mensch werden, wenn man einen solchen Verlust erlitten hat,
und wie lange, wie lange wird das dauern! Noch habe ich so gar nichts
zustande gebracht, noch hängt mein Herz so ganz und ausschließlich an
ihm, daß ich mir noch gar nicht _denken_ kann, daß es anders werden
wird; es ist ja nicht, als ob ich mich der Gegenwart verschlösse und
gewaltsam die Vergangenheit festhalten wollte, im Gegenteil, ich seufze
oft förmlich nach Erleichterung dieses bittern, bittern Schmerzes.«
Dieser Brief ist vom 12. Juni datiert. Allen denen, die in jener Zeit im
eigenen Leid versunken sich sehnten, darüber hinaus gehoben zu werden,
kam eine mächtige Hilfe von außen: einen Monat später wurde der
deutsch-französische Krieg erklärt. Es läßt sich denken, wie dieses
Ereignis, das auch die schläfrigsten unter den Deutschen aufzurütteln
vermochte, in der patriotischen Familie des Hauses Pfaff-Brater
widerhallte! Entrüstet über die leichtfertige Kriegserklärung der
Franzosen schreibt Frau Brater: »Könnte man doch den Groll der deutschen
Frauen nutzbar machen fürs Vaterland!« Was aber sie, wie alle national
gesinnten Deutschen zunächst am meisten bewegte, war die Frage, ob
Süddeutschland einig mit Preußen gegen Frankreich ziehen würde. Wir
können uns heutzutage kaum mehr vorstellen, welche feindselige Gesinnung
gegen Preußen damals noch in breiten Schichten des bayerischen Volkes
herrschte. In einem Artikel des Volksboten vom Oktober 1868 finden wir
folgende Stelle: »Wir tragen kein unnötiges Verlangen, an der Seite
Frankreichs gegen unsere einzigen Feinde, die Preußen, in den Krieg zu
ziehen, solange Frankreich allein fertig werden kann mit unsern
Quälgeistern; wir wollen nicht Knechte und Vasallen werden, weder der
Franzosen noch der Preußen; aber das wird man nicht verwehren können,
daß viele in den Franzosen ihre einzigen Schützer gegen preußische
Vergewaltigung, ihre einzigen Helfer in der Not, ihre Retter von der
Annexion 1866 und -- wenn Gott es will -- ihre dereinstigen Befreier von
dem unerträglichen Joche des brutalen Preußentums sehen. Frankreich
bedarf unserer Hilfe nicht, solange es allein imstande ist, den tönernen
nordischen Koloß zu demütigen, wenn nicht zu zerschlagen.«
Wir begreifen, daß bei solcher Gesinnung ein Zusammengehen aller
deutschen Stämme gegen den äußeren Feind keineswegs gesichert war, ja in
Frankreich war bei der Kriegserklärung zuversichtlich auf die deutsche
Uneinigkeit gebaut worden. Daß sich unsere Feinde darin verrechnet
haben, daß das nationale Bewußtsein doch den Sieg davon trug ist gewiß
zum Teil auch das Verdienst solch treuer Vorkämpfer wie Brater, die ihr
ganzes Leben dem Erwecken der nationalen Gesinnung geopfert haben. Als
die Kunde von dem einmütigen Vorgehen der Deutschen kam und bald darnach
die ersten Siegesnachrichten einliefen, drang der Jubel und das
Dankgefühl auch der trauernden Witwe ins Herz.
In heller Begeisterung schreibt Frau Brater nach dem ersten Sieg bei
Weißenburg an Rohmer:
Erlangen, 5. August 1870.
_Lieber Ernst!_
Es läßt mir keine Ruhe, ich muß heute noch ein paar Worte an
Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen
Schluß auf den letzten gestattet, läßt uns dennoch die
namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden würden,
wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wäre!
Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, daß man im
Glück der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz;
diesen trägt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor
Freude überwallt, dann verlangt es mit stürmischer Sehnsucht
dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verständnis gefunden
hatte, wo das Glück im doppelten Empfinden noch erhöht wurde.
Ich weiß, daß auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als
des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverständnis gestanden
war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen
hat.
Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken
zurückgewünscht.... Das Gefühl, daß er hoch über den Leiden und
Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist
mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild
vergegenwärtige; wem die letzten Atemzüge so ganz den Ausdruck
der seligen Ruhe verleihen, der hinterläßt den Seinen ein
trostbringendes Andenken, und ich möchte jedem sagen, tut eure
Schuldigkeit so treu wie er, so kann's uns hier und dort nicht
fehlen.
Daß mich unser Schicksal auf das mächtigste bewegt, wirst Du
nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste
Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas
zu erfreuen, was außer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem
Augenblick ist man nun in glücklicher Stimmung, aber dennoch bin
ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken,
der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heiße Tränen
werden fließen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg
erkaufen.
Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Söhne
hiesiger Bürger und Professoren mit sich nahm, ein sehr
trauriger, so traurig, daß ich fast kleinmütig über unsre
Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natürlich, daß in
einem solchen Augenblick der _Mensch_ stärker ist als der
Soldat.
Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag
hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er
auf unsrer Seite sein, daß er _nicht_ auf unsrer Seite sein
wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer
zu erringen sein, davon ist jeder überzeugt.
Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum,
bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am
meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswärtigen
Mächte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht
ganz richtig), das empört mich in einem solchen Maße, daß ich
vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn
es uns gelänge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu
bringen, denke nur daran, was das wäre! Was würde man denn da
anfangen in seiner Freude, ich wüßte mir nicht zu helfen, kommt
nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem großen
Sieg hört. -- Freust Du Dich nicht auch über die schöne
Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler
Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schönste Gedicht
»An den Tyrannen«; wenn Ihr's nicht habt, so schick ich's Euch.
Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schließt mit den Worten:
»Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude
hin, vielleicht muß ich die Sünde einmal büßen, tut nichts, jetzt finde
ich es gar zu schön, wenn wir den großmäuligen Franzosen so wackere
Schläge geben.«
Sieg auf Sieg folgte in den nächsten Monaten, das Interesse des ganzen
Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder
wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrächte, und durch
allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von
dem man damals hoffte, daß er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben
würde.
Mitten in dieser Siegesstimmung jährte sich der Todestag Braters und
seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen über
den Helden des Tages, durfte erfahren, daß dennoch treulich seiner
gedacht wurde. In den Münchner Neuesten Nachrichten erschien ein
Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende
Sätze entnehmen: »Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten
unsrer Söhne und Brüder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und
der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen
Denkers, des beredten Kämpfers, des treuen Beraters Deutschlands,
unseres _Brater_, dankerfüllt uns erinnern, der mitgeholfen, die
herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf
blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem
deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewiß alle treuen Anhänger
des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu früh
entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er,
der Edelsten einer, für das Vaterland den Keim gelegt, zur schönsten
Entfaltung gelange.«
Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das _eine_ Wort:
»_Unser_ Brater«, so fühlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem
Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der
vorübergehend an der Süddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb
ergreifende Verse, die später unter seinen Gedichten gedruckt
erschienen:
_Auf Karl Brater._
Dein gedenk ich heute beim Sieg der großen
deutschen Sache, der Dein charakterstrenger
hoher Freimut, Deine gedankenklare
Seele geweiht war.
Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern
Taten hinsinkt, schmückt ihn der blut'ge Lorbeer,
sein Gedächtnis feiert die Zeit und dankbar
nennt ihn die Nachwelt.
Doch es bleibt die stillere Größe jener,
die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten
tropfenweis verbluten ein reines Leben,
minder beachtet,
Ja, es bleicht anspülend die Flut bewegter
Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein
übermoost, manch geistige Tat entfällt dem
Mund der Geschichte.
Denn es hat der Lebende recht, die Menge
liebt, was glänzt, und käufliche Lippen preisen
jene nur, die willig das Lob mit vollen
Händen belohnen.
Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken
seines Volks, die Toten erstehn zu lassen
und die denkmallosen Gedankenhelden
würdig zu ehren.
Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November
war es und in der nördlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel plötzlich
ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, daß er auch Frau Brater
ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glückliches Strahlen auf
ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Bräutigam,
Universitätsbibliothekar #Dr.# Dietr. Kerler, war ihr als ein
vorzüglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres
Mannes längst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren
Segen geben.
Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das
hat sie selbst, fünfundzwanzig Jahre später, bei Kerlers silberner
Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt.
Sie schildert die bescheidenen Verhältnisse, in denen die kleine Anna
zur Welt kam und fährt fort:
Wie die Mutter dies ihr Kindlein
erstmals auf den Armen trägt,
eine Frage an das Schicksal
unwillkürlich sie bewegt:
Ob wohl dieses kleine Würmlein
unbewußt jetzt auf der Erde
seinem Ziel entgegen wachse,
auch einst eine Mutter werde?
Und ob schon vielleicht ein Bürschlein
irgendwo zur Schule müsse,
daß es seinerzeit zur Jungfrau
sichern Weg zu finden wisse?
Wie die Mutter also dachte,
war's noch frühe Morgenstunde,
Winter war's und kalt und finster,
keine Ahnung gab ihr Kunde,
daß fürwahr ein solcher Bursche
war im Deutschen Reich vorhanden
und in dieser frühen Stunde
schon in Ulm war aufgestanden.
Dietrich hieß der stramme Junge,
riß sich los aus Schlafes Armen,
nicht dem eignen Antrieb folgend,
nein, ein Wecker ohn' Erbarmen
geht durchs ganze Land der Schwaben
wo man nur ein Bürschlein kennt,
daß es zur Tortur sich rüste,
die man Landexamen nennt.
Denn in diesem biedern Lande
ist ein Knäblein kaum geboren,
wird's schon in der Wochenstube
für ein Kloster auserkoren.
Und so gähnt und lernt der Junge
schon in dieser düstern Stunde,
denn auch ihm gab keine Ahnung
von dem kleinen Sternlein Kunde,
das soeben aufgegangen
und bestimmt war seinem Leben,
was es nur an Liebe wünschte
seinerzeit vollauf zu geben.
Doch zu blicken in die Ferne
Hat er weder Zeit noch Ruh',
denn Examen und #»pro locos«#
gehen scheinbar endlos zu,
Griechen, Römer und Hebräer
trägt ausschließlich er im Herzen
und die deutschen Jungfrauen machen
ihm noch lange keine Schmerzen. --
Doch auch hier, wie allenthalben,
fliehn die Jahre pfeilgeschwind,
Klöster, Stift und alle Plagen
glücklich überstanden sind.
Auch das letzte der Examen
bringt er glänzend hinter sich
und ganz würdig auf der Kanzel
sieht man nun den Dieterich!
Doch wie kam's, daß er so kurz nur
auf dem schönen Posten stand
und auf einmal ostwärts schielte
nach dem fremden Bayernland?
Scheinbar war es die Geschichte,
die ihn fortgetrieben hat,
er erfaßt sie und er wandert
ihrethalb von Stadt zu Stadt.
Schließlich kommt er in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
sonderbar dort bleibt er hangen
und wird dort ein Büchermann.
Aber wo ist denn das Mägdlein,
das damals geboren war?
Nun, es ist längst aus der Wiege,
geht zur Schule Jahr für Jahr
ist ein junger Backfisch worden,
fleißig rührig ohne Rast,
doch vor allem die Geschichte
hat mit Eifer sie erfaßt;
einstmals kam man in Erlangen,
diesem kleinen Städtchen an,
und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch,
geht deshalb zum Büchermann.
Dieser, freundlich wie er immer,
hat das Buch ihr anvertraut,
doch viel tiefer als es nötig
in die Augen ihr geschaut!
Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts,
bald auch zog man wieder fort
und lebt nun drei volle Jahre
fern von diesem lieben Ort.
Doch es kommt die Zeit der Rückkehr
und man siedelt fest sich an
und an jene Augen denkend
schleicht ins Haus der Büchermann.
Ja nun ist es etwas andres,
sie die Jungfrau, er der Mann,
haben sich's nun gegenseitig
mit den Blicken angetan!
Und die Frage an das Schicksal,
die die Mutter einst gestellt,
überglücklich und bejahend
ist gelöst vor aller Welt.
Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau
Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende
werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein
Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so
glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist,
als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich
dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel
heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist
wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die
zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. -- -- Anna hat sich einen
kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein
Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich
weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde;
sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem
teuren Geschiedenen.
Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß
sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine
ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das
Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben
abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen
fast unmöglich vorwärts zu steuern, _vorwärts_ wo das Herz mit aller
Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt
hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu _denken_, was meinem Herzen
lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr
gelernt allein zu sein, ich bin's gewöhnt mein Teuerstes für immer
entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß
daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die
Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns
unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und
oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit
meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir -- es
ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...«
Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die
Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche
Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen,
daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie
auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie
freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis
sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand
unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen
Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher
Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen
Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung
des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai
brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest,
die Hochzeitsfeier.
Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein
Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als
glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei
diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend
und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für
das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde
plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch
im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht
glücklich machen und kann sie nicht glücklich _machen_, so wird sie auch
nicht glücklich _sein_. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so
näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der
Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in
ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache
ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem
unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der
seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber
gelungen wäre, zu verhüten, daß ein _schlechtes_ Verhältnis entstünde.
Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau
gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau
zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen.
Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den
Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in
der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie
getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen.
Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich
wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den
geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer,
wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So
verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen
Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem
Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für
deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso
wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie
sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen
war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun
mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an,
der allen wohl tat.
Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch führte sie nicht das
große Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar
unsere Bewunderung erregen, uns prächtig unterhalten, aber doch das
Gefühl hinterlassen, daß neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte.
Sie ließ gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prächtig, die
Rede auf das zu bringen was diese beschäftigte. »Sie versteht so
ausgezeichnet die Kunst zuzuhören«, rühmte gelegentlich ein Freund ihres
Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie
antwortete auf das Gehörte liebenswürdig und treffend, nie in
konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrücken die ihr direkt aus
dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle
Wendung gab.
Leistete sie so ihr Möglichstes in Geselligkeit, so war sie auch höchst
entrüstet über Menschen, die sich nur unterhalten ließen, sich selbst
aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewußt waren. Ganz empört
konnte sie sein über Frauen und Mädchen, die während des Gesprächs immer
auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzählten und nur mit halbem Ohr
bei der Geselligkeit waren, und über Männer, die dasaßen, schwiegen und
sich ganz bequem von andern unterhalten ließen. »Langweilig sein ist die
größte Sünde« erklärte sie und war der Ansicht, es müsse jeder gebildete
Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber
gar nicht in Gesellschaft blicken lassen.
Wer Frau Brater in solcher Entrüstung reden hörte, der glaubte
schließlich selbst an die Sünde der Langeweile. Man konnte nicht so
leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen
Wärme und Energie als ihre Überzeugung vorgebracht hatte.
Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre
Freundin, Frau Professor Hecker: »... Du kannst Dir kaum vorstellen wie
viele Freude ich an meinem glücklichen Paar habe und wie sich das
Freundschaftsverhältnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht,
mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt
hat; und ich möchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun
noch allein beisammen sind, ist unsere Anhänglichkeit aneinander so groß
geworden, daß mir's oft ganz bange dabei wird; sie hängt ihr Herz gar zu
sehr an mich, ich muß so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...«
Während Frau Brater in solchen Worten andeutete, daß sie, die oft vor
Müdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer
zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu überleben. Vor
zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und
drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem
schweren Winter rasch eine tödliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872,
während in Erlangen die »Bergkirchweihe« gefeiert wurde und alles
hinausgeströmt war, um sich zu ergötzen, kämpfte dieses Leben den
letzten Kampf, und Frau Brater mußte den geliebten Bruder scheiden
sehen. Wehmütig schreibt sie: »Ein treues Herz, wie es kein treueres,
liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen müssen
und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich
muß immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns
geblieben wäre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.«
Die vier so früh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im
elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine
oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch für
die Ferien ein Heim offen, in dem sie mütterliche Liebe fanden, das
bittere Gefühl des Verwaistseins blieb ihnen erspart.
Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er
aber außerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und
überdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge für die vier
Unmündigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschäftliche wurde ihr
übergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht
mitgeteilt, wie sie für die Waisen Buch zu führen und Rechnung abzulegen
habe. Als sie von diesem umständlichen Verfahren hörte, sie, der jede
pedantisch-bürokratische Maßregel in der Seele zuwider war, entgegnete
sie sofort in ihrer überzeugenden Art, solch umständliche Rechnung könne
sie unmöglich führen, die würde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie
wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters
Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber
alles weitere sei ganz unnötig. Die beiden anwesenden Beamten sollen
sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache »vorläufig«
beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wußte
daß hier alles in Ordnung und die Mündel aufs beste versorgt wären, und
daß man froh sein mußte, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der
bewährten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Söhne studieren
zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren,
wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf
dem Amte zufrieden, wenn _sie_ zufrieden war.
Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, daß die Hausfrau selbst tüchtig
mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater.
Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie,
obgleich diese »Zimmerherrn« nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten.
Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorübergehend verreist war, gibt
einen Einblick in den unruhigen Haushalt:
_Liebe Agnes!_
»Am Ende eines sehr, sehr stürmischen Tages setze ich mich und
versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen
Umständen sehr angenehm, daß man beim Schreiben _sitzen_ kann.
Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein
Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr
beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt.
Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit
allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher
Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen
Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann
für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann
Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen,
dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma
Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte
unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich
klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau
Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und
sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen
nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen,
kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr
seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn
ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse
ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir,
als sei'st Du schon 14 Tage weg!«
Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab
und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie
Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der
Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor
fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe
hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt
nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser
Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie
noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch
erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde.
Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte
der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich
mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,«
schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet
hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte
sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der
Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig
gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich,
wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den
Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich
getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres
Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam
die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die
Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche
Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes
belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am
liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel
sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr
durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie
deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit
bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen
ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im
Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles
tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei.
Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen
Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters
Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge
Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen.
Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen
Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun
auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große
Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten
Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und
die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte
fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine
Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am
fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die
Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen
sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften
Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius:
»Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.«
Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen,
mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht
selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte
mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen
wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine
Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man
sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf
den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche.
Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer
nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen.
Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und
ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um
seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen,
denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht
über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl,
die ganze Zeit.«
Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das
Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause
kehrte.