1869-1870
Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre
Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir
entnehmen daraus folgendes:
»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe
aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und
hoch.
Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: 'heute habe ich
einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer', er sah matt aus. Abends
war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: 'es wird besser
sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.' Er nahm während des
Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach.
Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens
insofern sorglos _gute_ Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit
Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen
rief er mir laut und deutlich: 'Pauline, zieh dich einmal ein wenig an',
ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich
nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: 'es
ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon _zwei_ Pulver genommen und habe
keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl,
vielleicht wird mir's da leichter' -- sein Atem war unendlich kurz, die
Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war,
-- ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte,
aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er
lächelnd: 'du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich
etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.'
Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: 'so jetzt mach, daß
du ins Bett kommst, -- _schlafe_ und weine nicht in Deinem Bett.' Gott
weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das
treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück
zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen
den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.«
Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau
Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes,
an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt
sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus
freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war.
Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es
also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke,
wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster
Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die
Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist,
der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es
noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen
denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben
einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es
aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre
Seele.« -- Frau Brater antwortete dem Freund:
_Lieber Ernst!_
Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber
vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht
wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen
kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir
ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen
Augenblick finde, ist mir's so hohl und ausgestorben zumute, so
abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen,
wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast
maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß
auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur
halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich
auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an
seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und
den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen.
Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet
gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich
schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem
Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so
gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat
sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes
ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt
als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen
will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig
_liegen_ konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren
Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den
eindringenden Tod. Ja, _seine_ Ruhe ist mein einziger Trost und
das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie
glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft
ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren
lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz
hinein.
Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich
ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte
ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer
Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir
berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom
Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten
Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und
bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen
und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die
Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und
nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in
die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war -- kaum
konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.
Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln
abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und
seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat,
weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung
nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte
er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett
gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe
um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um
zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch
warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn
Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte
noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören
der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer
wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand
still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft
hatte.
Daß die kranke Lunge nicht die _nächste_ Ursache des Todes war,
hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz,
Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun können wir uns »die
Unruhe in der Brust« erklären, von der er so oft sprach, noch am
letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: »da
fühle, wie es da klopft«.
... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche
Anerbietungen gemacht und ich weiß, daß mein Mann treue Freunde
hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen würden, aber mein
Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es käme mir wie bitterer
Undank vor, wenn ich mir nicht damit genügen lassen wollte
...... Nimmermehr möchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir
zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber
doch, ich kann es sagen, _nie_ mit bekümmertem Herzen, es hat
diese Sorge dem Glück unseres Lebens keinen Eintrag getan ...
Die Freunde ließen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung für
den Verstorbenen seinen Kindern gegenüber zu betätigen. »Am Mittwoch
übersiedle ich zu Julie in die Schommergasse« schreibt Frau Brater, »bis
dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberührt, dann gibt's einen
schweren Abschied!«
In einem Album, das Bilder all der Orte enthält, die für Frau Braters
Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Münchener
Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers:
In stiller Nacht ist er von Dir geschieden,
der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glück.
Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten,
was soll ich noch, da er mich einsam ließ zurück?
Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten,
dem größten Glück folgt tiefste Traurigkeit.
Wo zwei so innig sich verwachsen hatten,
da ist die Trennung schier ein unerträglich Leid.
Ja, schier unerträglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung für
Lebenszeit. Wußte sie doch, wie schwer sie an jeder vorübergehenden
Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen,
und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne
Ende dünkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte völlig verlernt,
sich allein für etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn
teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besaß,
die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab,
auch die Freude an den Kindern schien ihr unmöglich, wenn sie nicht vom
Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie äußerlich ihren Schmerz, aber
innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in
ihrer Natur, vielmehr war sie gewöhnt, anzukämpfen gegen das Übel; in
allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhältnissen, im Unbehagen
des Wanderlebens, in den Krankheitszuständen ihres Mannes, immer war sie
mit geschärften Geisteskräften und mit praktischer Tätigkeit auf
Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so
tapferer gewehrt, je größer das Übel war. Aber hier kam ein Leid, dem
nicht beizukommen war, es ließ sich nicht umbiegen, nicht wenden, daß
eine gute Seite herauskäme, es lockte nicht ihren Tätigkeitstrieb,
sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein
es lähmte sie.
In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu.
Er, der ähnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wärmste Teilnahme
für sie und er wußte auch, daß seine Schwester nicht in Untätigkeit
Trost finden würde. Er bat sie zu kommen, für immer die beiden
halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glücklich
zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort
war ein »Nein«, ein schmerzlicher Aufschrei »ich kann nicht, wenigstens
jetzt noch nicht, gönne mir Zeit, mich zu fassen«. Es tat ihr weh, dem
Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so
schnell aufraffen zu können. Sie blieb den Winter in München bei ihrer
Schwägerin Julie, die dort wohnte und die drei betrübten Gäste bei sich
aufnahm. Sie führten gemeinsame Wirtschaft, die Mädchen besorgten die
Küche und lernten noch weiter, die Tante gab französischen Unterricht
und Frau Brater saß in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den
stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nächten die tiefste Trübsal.
Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing,
und bezeichnend ist für sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische
und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk
arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein früherer
Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung persönlich näher getreten, #Dr.#
Nagel, der ähnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und später
als Verfasser eines tief durchdachten religiösen Buches bekannt geworden
ist. Über diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: »Ich lege
Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er über seine
Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wäre jetzt vielleicht der
Augenblick gekommen, wo man diese tüchtige Kraft für Bayern wieder
gewinnen könnte; Du weißt, er hat weiland in der Süddeutschen Zeitung
Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, daß er sie ohne weiteres für
seine eigenen erklären könnte, und Karl hat auch mehrfach geäußert, wie
erwünscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wäre. Aber welche Stellung
und Aufgabe könnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wäre
an der Süddeutschen Presse ein Wirkungskreis? -- Überlege Dir's doch und
schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiöser Standpunkt
ist gewiß kein Hindernis, war er's doch auch nicht bei Hofmann[8], und
überhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der
Religion Jesu aushalten, so sind sie gewiß irrig, wenigstens nach meinem
schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man
diese Probe jederzeit anlegen können... Nagel hat immer ein schneidiges
Wort geführt. Mich hat sein Brief in eine förmliche Aufregung versetzt,
weil ich überzeugt bin, Karl würde Nagel festnehmen.«
[Fußnote 8: Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der
Fortschrittspartei in Bayern.]
Manches erhebende, tröstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen,
welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die
nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blättern
erschienen, die seine Richtung immer bekämpft hatten und trotzdem seiner
Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle
Trauergeleite zur letzten Ruhestätte gezeigt, wie sich dieser viel
angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer
hätte zehn Jahre früher für möglich gehalten, daß die königlichen
Staatsminister teilnehmen würden an seinem Leichenbegängnis! Er hatte
seine Grundsätze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den
Mächtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die
war es, die ihn mit in die Höhe gehoben hatte.
Worte wie die folgenden mußten der Witwe wohltun, wenngleich auch die
Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmütiges für die
Hinterbliebenen hat.
Prof. #Dr.# Ad. _Wagner_ schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und
Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein
schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch
über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für
Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...«
_Nagel_ schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine
staatsmännische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches
Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder
bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper -- zum leuchtenden Zeugnis
für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie --
ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes,
in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die
wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine
allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens
vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch _das_ konnten nur die
näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das
Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an
Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es
einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es
auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt
im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen.
Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen
Eigenschaften vielleicht die seltenste ...«
Prof. H. _Baumgarten_: »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig
Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein
wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der
Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden
Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen
Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten,
unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen
gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl
Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet
und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein
schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie
nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, _Sie sind doch
unendlich viel glücklicher als Millionen_, die heiter ein inhaltsleeres
Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird
nicht klagen...«
»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen,
da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht
zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen
ist keine so _unglücklich_ wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens.
Aber Baumgarten hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die
Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein
unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte
er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die
höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne
in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung
ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles
Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er
ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie
wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie
versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie
darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle
diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein
Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören,
da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber
ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen.
In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine
tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und
Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem
ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er
ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte.
Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten
und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich
versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit
der furchtbaren Tatsache des Todes -- ob Sie diese Gründe gelten lassen,
unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht
sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt -- was auch alles
die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den
Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir
diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben -- wenn wir nämlich
_wollen_.«
Diese Ansicht -- wir _können_ glauben, wenn wir _wollen_ --, der Einfluß
des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels
tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später
erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche
Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau
Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe,
sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen
ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als
Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz
raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an
der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter
zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und
im März zu ihm kommen wolle.
Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die
ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen
leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter
Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern
Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun
zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir
scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind
auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr
verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an
diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann
weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas _erreichen_
würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders
gegangen, wenn Karl noch als 'stiller Wächter' dabei gestanden wäre, die
beiden Parteien _müssen_ ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß
den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die
_beiden_ Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden
..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut
hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht
sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein
einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost,
wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten
wie ich .....«
Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu
sehen:
»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem
friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen
Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so
durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele
nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.«