XI.

1869-1870

Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre

Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir

entnehmen daraus folgendes:

»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe

aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und

hoch.

Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: 'heute habe ich

einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer', er sah matt aus. Abends

war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: 'es wird besser

sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.' Er nahm während des

Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach.

Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens

insofern sorglos _gute_ Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit

Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen

rief er mir laut und deutlich: 'Pauline, zieh dich einmal ein wenig an',

ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich

nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: 'es

ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon _zwei_ Pulver genommen und habe

keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl,

vielleicht wird mir's da leichter' -- sein Atem war unendlich kurz, die

Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war,

-- ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte,

aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er

lächelnd: 'du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich

etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.'

Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: 'so jetzt mach, daß

du ins Bett kommst, -- _schlafe_ und weine nicht in Deinem Bett.' Gott

weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das

treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück

zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen

den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.«

Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau

Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes,

an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt

sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus

freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war.

Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es

also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke,

wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster

Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die

Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist,

der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es

noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen

denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben

einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es

aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre

Seele.« -- Frau Brater antwortete dem Freund:

_Lieber Ernst!_

Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber

vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht

wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen

kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir

ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen

Augenblick finde, ist mir's so hohl und ausgestorben zumute, so

abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen,

wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast

maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß

auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur

halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich

auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an

seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und

den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen.

Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet

gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich

schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem

Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so

gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat

sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes

ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt

als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen

will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig

_liegen_ konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren

Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den

eindringenden Tod. Ja, _seine_ Ruhe ist mein einziger Trost und

das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie

glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft

ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren

lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz

hinein.

Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich

ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte

ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer

Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir

berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom

Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten

Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und

bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen

und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die

Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und

nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in

die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war -- kaum

konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.

Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln

abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und

seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat,

weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung

nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte

er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett

gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe

um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um

zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch

warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn

Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte

noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören

der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer

wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand

still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft

hatte.

Daß die kranke Lunge nicht die _nächste_ Ursache des Todes war,

hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz,

Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun können wir uns »die

Unruhe in der Brust« erklären, von der er so oft sprach, noch am

letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: »da

fühle, wie es da klopft«.

... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche

Anerbietungen gemacht und ich weiß, daß mein Mann treue Freunde

hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen würden, aber mein

Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es käme mir wie bitterer

Undank vor, wenn ich mir nicht damit genügen lassen wollte

...... Nimmermehr möchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir

zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber

doch, ich kann es sagen, _nie_ mit bekümmertem Herzen, es hat

diese Sorge dem Glück unseres Lebens keinen Eintrag getan ...

Die Freunde ließen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung für

den Verstorbenen seinen Kindern gegenüber zu betätigen. »Am Mittwoch

übersiedle ich zu Julie in die Schommergasse« schreibt Frau Brater, »bis

dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberührt, dann gibt's einen

schweren Abschied!«

In einem Album, das Bilder all der Orte enthält, die für Frau Braters

Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Münchener

Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers:

In stiller Nacht ist er von Dir geschieden,

der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glück.

Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten,

was soll ich noch, da er mich einsam ließ zurück?

Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten,

dem größten Glück folgt tiefste Traurigkeit.

Wo zwei so innig sich verwachsen hatten,

da ist die Trennung schier ein unerträglich Leid.

Ja, schier unerträglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung für

Lebenszeit. Wußte sie doch, wie schwer sie an jeder vorübergehenden

Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen,

und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne

Ende dünkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte völlig verlernt,

sich allein für etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn

teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besaß,

die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab,

auch die Freude an den Kindern schien ihr unmöglich, wenn sie nicht vom

Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie äußerlich ihren Schmerz, aber

innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in

ihrer Natur, vielmehr war sie gewöhnt, anzukämpfen gegen das Übel; in

allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhältnissen, im Unbehagen

des Wanderlebens, in den Krankheitszuständen ihres Mannes, immer war sie

mit geschärften Geisteskräften und mit praktischer Tätigkeit auf

Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so

tapferer gewehrt, je größer das Übel war. Aber hier kam ein Leid, dem

nicht beizukommen war, es ließ sich nicht umbiegen, nicht wenden, daß

eine gute Seite herauskäme, es lockte nicht ihren Tätigkeitstrieb,

sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein

es lähmte sie.

In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu.

Er, der ähnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wärmste Teilnahme

für sie und er wußte auch, daß seine Schwester nicht in Untätigkeit

Trost finden würde. Er bat sie zu kommen, für immer die beiden

halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glücklich

zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort

war ein »Nein«, ein schmerzlicher Aufschrei »ich kann nicht, wenigstens

jetzt noch nicht, gönne mir Zeit, mich zu fassen«. Es tat ihr weh, dem

Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so

schnell aufraffen zu können. Sie blieb den Winter in München bei ihrer

Schwägerin Julie, die dort wohnte und die drei betrübten Gäste bei sich

aufnahm. Sie führten gemeinsame Wirtschaft, die Mädchen besorgten die

Küche und lernten noch weiter, die Tante gab französischen Unterricht

und Frau Brater saß in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den

stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nächten die tiefste Trübsal.

Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing,

und bezeichnend ist für sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische

und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk

arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein früherer

Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung persönlich näher getreten, #Dr.#

Nagel, der ähnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und später

als Verfasser eines tief durchdachten religiösen Buches bekannt geworden

ist. Über diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: »Ich lege

Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er über seine

Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wäre jetzt vielleicht der

Augenblick gekommen, wo man diese tüchtige Kraft für Bayern wieder

gewinnen könnte; Du weißt, er hat weiland in der Süddeutschen Zeitung

Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, daß er sie ohne weiteres für

seine eigenen erklären könnte, und Karl hat auch mehrfach geäußert, wie

erwünscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wäre. Aber welche Stellung

und Aufgabe könnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wäre

an der Süddeutschen Presse ein Wirkungskreis? -- Überlege Dir's doch und

schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiöser Standpunkt

ist gewiß kein Hindernis, war er's doch auch nicht bei Hofmann[8], und

überhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der

Religion Jesu aushalten, so sind sie gewiß irrig, wenigstens nach meinem

schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man

diese Probe jederzeit anlegen können... Nagel hat immer ein schneidiges

Wort geführt. Mich hat sein Brief in eine förmliche Aufregung versetzt,

weil ich überzeugt bin, Karl würde Nagel festnehmen.«

[Fußnote 8: Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der

Fortschrittspartei in Bayern.]

Manches erhebende, tröstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen,

welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die

nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blättern

erschienen, die seine Richtung immer bekämpft hatten und trotzdem seiner

Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle

Trauergeleite zur letzten Ruhestätte gezeigt, wie sich dieser viel

angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer

hätte zehn Jahre früher für möglich gehalten, daß die königlichen

Staatsminister teilnehmen würden an seinem Leichenbegängnis! Er hatte

seine Grundsätze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den

Mächtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die

war es, die ihn mit in die Höhe gehoben hatte.

Worte wie die folgenden mußten der Witwe wohltun, wenngleich auch die

Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmütiges für die

Hinterbliebenen hat.

Prof. #Dr.# Ad. _Wagner_ schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und

Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein

schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch

über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für

Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...«

_Nagel_ schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine

staatsmännische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches

Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder

bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper -- zum leuchtenden Zeugnis

für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie --

ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes,

in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die

wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine

allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens

vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch _das_ konnten nur die

näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das

Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an

Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es

einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es

auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt

im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen.

Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen

Eigenschaften vielleicht die seltenste ...«

Prof. H. _Baumgarten_: »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig

Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein

wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der

Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden

Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen

Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten,

unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen

gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl

Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet

und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein

schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie

nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, _Sie sind doch

unendlich viel glücklicher als Millionen_, die heiter ein inhaltsleeres

Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird

nicht klagen...«

»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen,

da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht

zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen

ist keine so _unglücklich_ wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens.

Aber Baumgarten hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die

Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein

unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte

er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die

höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne

in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung

ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles

Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er

ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie

wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie

versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie

darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle

diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein

Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören,

da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber

ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen.

In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine

tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und

Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem

ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er

ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte.

Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten

und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich

versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit

der furchtbaren Tatsache des Todes -- ob Sie diese Gründe gelten lassen,

unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht

sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt -- was auch alles

die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den

Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir

diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben -- wenn wir nämlich

_wollen_.«

Diese Ansicht -- wir _können_ glauben, wenn wir _wollen_ --, der Einfluß

des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels

tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später

erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche

Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau

Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe,

sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen

ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als

Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz

raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an

der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter

zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und

im März zu ihm kommen wolle.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die

ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen

leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter

Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern

Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun

zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir

scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind

auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr

verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an

diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann

weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas _erreichen_

würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders

gegangen, wenn Karl noch als 'stiller Wächter' dabei gestanden wäre, die

beiden Parteien _müssen_ ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß

den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die

_beiden_ Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden

..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut

hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht

sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein

einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost,

wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten

wie ich .....«

Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu

sehen:

»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem

friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen

Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so

durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele

nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.«

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 23 / 31 题