1835-1849
Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulmädchen geworden, ein
begabtes, wenn auch nicht eben ein fleißiges. Sie konnte, wenn es darauf
ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein
Kinderbrief erhalten, den sie anläßlich der Verlobung ihres Bruders Kraz
mit Luise Elsäßer an diese schrieb. Sie redet die neue Schwägerin gleich
als Schwester an.
_Liebe Schwester!_
Es freut mich, daß Du einen Bräutigam hast und daß es mein
Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die
Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich
soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch
nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du für
den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir
antwortest, wie Du bist, denn viel weiß ich noch nicht. Komme
auch bald zu uns, es gefällt Dir gewiß, denn dem Herrn Vischer
hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum
gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, daß Du uns
geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann
meine Schwestern und Brüder sind. Ich kann nichts weiter
schreiben, denn ich weiß nichts mehr. Wir grüßen Dich alle,
besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine
Antworte mir.
Pauline Pfaff.
Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher fleißigeren
Schülerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den
Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewußt
lernte sie mit den geistig regsamen Brüdern, die des Vaters
naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem
Fach überkommen hatten; sie wußten mit den vorhandenen Mitteln,
Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und
Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und
Verständnis. Jeder Lehrer hätte an dieser aufgeweckten Schülerin seine
Freude haben können, wenn diese sich nur dazu verstanden hätte, den
Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer Mädchen privatim erteilt
wurde, regelmäßig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht für nötig und
das Schwänzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen,
das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die
Schulaufgaben wurden möglichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte
sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei
Schabernack. So flößte sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in
der Dunkelheit ein weiß behangenes Bügelbrett feierlich um die Kirche
trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht
verfehlte.
Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die großen Einfluß auf
sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes
Mädchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen
Oberappellationsgerichtsrätin, die in der Nähe Wohnung nahm. Dem Namen
dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen -- er heißt
_Brater_.
Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es
einst für sie sein würde, daß vor dem Haus ihr gegenüber ein bepackter
Wagen aus München ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater
brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in
Trauerkleidern, mit ihren drei Töchtern Einzug hielt in der bescheidenen
Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in München, von ihm war
zunächst nichts zu sehen, aber die Töchter, Julie, Luise und Emilie,
wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau
Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck,
nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald
Beziehungen zu den Neuangekommenen.
Luise und Pauline wurden Schulkamerädinnen und ihre ungleichartigen
Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen für
die fröhliche Kamerädin, die vielerlei anzustellen wußte, allezeit
lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, daß Pauline manches
tat, was ihr unerlaubt schien, und während die Frische und
Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene
Kind sich doch über dieses und jenes Gedanken, erzählte wohl auch der
Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine
Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus
herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht
miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrücke vergessen, die sie
hier empfing. Es gingen ihr die Augen darüber auf, wie es in einem
wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte
sie, daß hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, daß täglich
aufgeräumt und abgestaubt wurde und daß die bescheidenen Räume dadurch
ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen
Person war nicht sobald das Licht für Ordnung und Schönheit aufgegangen,
als sie auch schon strebte, solche daheim einzuführen. Es wollte ihr
nimmer gefallen, wenn das Frühstücksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem
Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen
schob, sie wollte nun auch aufräumen und abstauben. Anfangs waren ihre
Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schürze auf, schob alles
was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer,
denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschränkte sich zunächst auf das
große Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgeprägter wurde
dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und
andere der Brüder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders
der älteste der vier Pfaffssöhne, Siegfried, der auch von Natur zur
Ordnung geneigt war, sowie der jüngste, Fritz, unterstützten sie. Die
andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage
angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, für
Kleidung und Wäsche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gewöhnlich nur
Co genannt, kam übrigens noch im Knabenalter nach Württemberg, um dort
das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich
freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer
einleben konnte. Ungemein frisch und fröhlich, voll übersprudelnden
Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht
beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die
er in den Schuljahren und noch späterhin machte, verursachten seiner
Mutter viel Kummer und es wäre ihr zu gönnen gewesen, hätte sie voraus
gewußt, was wir wissen, daß auch er es schließlich zum wohlangesehenen
Professor der Mathematik in Stuttgart brachte.
Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die
jungen Pfaffs heranwuchsen und fröhliche Studenten, meist Bubenreuther
wurden, ein überaus beglückendes geselliges Leben im Haus, an dem die
Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre
Freude hatte. Die älteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes
Mädchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brüder mit ihren
Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und
Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflügen. Zu diesem Kreise
gehörte nun auch _Karl Brater_, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff
eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst,
zurückhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist,
von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der
übermütig fröhlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fühlte
sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und
nahm mit Begeisterung teil an den Aufführungen klassischer Werke, zu
denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer
zur Verfügung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren
Freundinnen, der schönen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden
Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen
Männern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre
Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt
Pauline eine beglückende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute
sich im späteren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und
ungezwungen ihr Haus für Freunde und Freundinnen öffneten. Was braucht
die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergnügt zu sein? Es ist ein
Irrtum, zu meinen, daß es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette
und Bedienung keine Freude gäbe. Im Haus Pfaff war umständliches
Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen
zusammen, die jungen Mädchen mit Laternen in der Hand, wie es für
schicklich galt in den schlecht beleuchteten Straßen und eingehüllt in
lange Kragen, die man »Tugendhüllen« nannte. Auf Tafelgenüsse wurde
nicht gerechnet, denn während ihre Söhne studierten, wußte Frau Pfaff
oft nicht, woher Geld zum Nötigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten
sich später, wie sie gar manchmal an das Geldschublädchen gingen, das
vertrauensvoll für alle zugänglich war, wie sie zu diesem oder jenem
Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt
visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder
zuschoben, weil sie allzu dünn belegt war mit dem, was doch für den
ganzen Monat ausreichen mußte.
Lange Zeit besaßen die drei jüngsten Söhne nur einen gemeinsamen
Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frühesten aufstand, nahm Besitz
davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus
dem Hause gehen.
Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstraße,
das der Witwe des Professor Kopp gehörte. Die beiden Frauen, als
Württembergerinnen schon vorher befreundet und nun in ähnlichen
Verhältnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch
getreulich aus. Einst brachte der Postbote für Frau Pfaff ein
unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche
Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang
Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Sümmchen zu
entlehnen. Diese gute Kollegin besaß aber im Augenblick auch nichts
mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstmädchen, das war im Besitze
der nötigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der
Verlegenheit helfen.
In dieser Zeit war es wohl auch, daß ein Besuch im Spätherbst, als es
schon recht unangenehm kühl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf.
Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grünes Holz gekauft, weil dies
billiger sei und nicht brenne; für so junge Leute wie die ihrigen sei es
genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, daß eingeheizt sei.
Der fröhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmählich und verlor
seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in
Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine
Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit häufiger als jetzt
vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein
Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen
hier folgen:
1.
Freundschaft, die bei Kinderspielen
In der Kinderstub entstanden,
Ist verwandt der pflichtgemäßen
Liebe zwischen Blutsverwandten.
Eh Du noch mit klaren Blicken
Deinen Sinn erkannt und ihren, --
Einem Zufall hat's gefallen,
Dich und sie zusamm' zu führen.
Freie Wahl in spätern Jahren
Wird vielleicht den Zufall preisen,
Wird vielleicht gleichgültig scheidend
Euer altes Band zerreißen.
2.
Freundschaftsbünde, wie sie zwischen
Alten Leuten sich begeben,
Kenn ich freilich, Dank dem Himmel,
Nicht aus eigenem Erleben.
Aber können die mit voller
Froher, junger Liebe lieben,
Die sich in der Zeit der Fülle,
Freude, Jugend, fern geblieben?
Alte, schon vernarbte Herzen,
Die in gut und schlechten Tagen
Ihre Lust und ihre Leiden
Einsam durch die Welt getragen?
3.
Freundschaft, die sich Jugend gründet,
Ist ein Bau fürs Menschenleben,
Ein Hospiz, das immer offen
Freundlich Obdach Dir zu geben.
Jugend ist die Zimmerstätte,
Wo der Mensch sein Schicksal gründet,
Jeden kann er drein verflechten,
Der sich willig zu ihm findet.
Jugend ist in vielem Schüler,
Aber Meisterin im Lieben
Alt wird, ohne Jugend, welcher
Ohne Liebe jung geblieben.
Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff
den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft
zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie
war flink, fleißig und gänzlich frei von den störenden Eigenschaften des
Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder
durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht
lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu
kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr
verständlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin
für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese
Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng
verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort
eine Kur gebrauchen mußte. Die kränkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und
dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke
die Gäste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mädchen davon,
denn sie erhoben nicht den Anspruch, daß man auch sie verköstigen solle.
Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem
mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch
ganz selbstverständlich, daß es unter so erschwerenden Umständen einige
Tage kein Mittagessen für sie gab.
Je öfter Pauline in ihren Mädchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen
wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als
jetzt einzige Tochter immer näher trat und an deren Sorgen sie treuen
Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern
Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten
Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch
hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend
vererbt, so daß auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben
dadurch viele Freuden genoß, die andern fremd sind. Wir Städter blicken
ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne längst nicht
mehr nötig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit
einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir
richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und
Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der
Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wußten alle, wann und wo
Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf.
Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein
Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber
dann wieder vergessen, waren ihnen so geläufig wie uns etwa, daß ein
Jahr 365 Tage hat.
Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem
gewissen Stolz sich bewußt waren, fortwährend mit einer Geschwindigkeit
von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein
Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwärtig, daß
dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur
acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so
begrüßten sie ihn als unsern nächsten Nachbarn unter den Gestirnen, als
einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des
Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem
Fuße, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren,
geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit
Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von
Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.
Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde
beeinflußt, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich
hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es
später ausgesprochen, daß die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie
mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes
durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende
Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen.
Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in
vielen Familien die dogmatischen Lehrsätze betont wurden, so daß z. B.
eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: »Ich
möchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen«.
Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es
waren, können sich besonders schwer in dogmatische Lehrsätze finden und
haben von diesen oft nur den einen Nutzen, daß der innere Widerspruch
sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen
großer Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie
fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was
in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr
brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind
erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und bestätigen
das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.
Von den Brüdern Pfaff wählte übrigens keiner die Astronomie als Beruf.
Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und
Fritz zunächst Medizin, später wandte sich dieser der Geologie zu und
hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vorträgen seine
Überzeugung vertreten, daß die naturwissenschaftlichen Forschungen in
Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der
Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der
Äther als Betäubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den
lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür
volles Verständnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine
Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz
tatsächlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie
gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei
ihrem Erwachen aus der Betäubung: es war der Gesang eines durch die
stille Straße am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang
durch das geöffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers
bekannt:
Ei du schöne Sonnenblume,
Du hast mir das Herz gewonnen,
Du liegst mir in meinem Sinn
Wie der Kern im Kümmerling.[1]
[Fußnote 1: Erlanger Ausdruck für Gurke (Kukumer).]
Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich
naturgemäß, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn
ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunächst eine Hauslehrerstelle
auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise
Brater, verließ die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu
lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus
zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu
allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner
Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die
sich sonst durch fröhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm
gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr
viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit
seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und
in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: »Dem
Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.« Und
die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von
seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr
sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts
Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte
etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne,
die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, daß hier
ungewöhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber
dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war
oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches
Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das
Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im
Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht
aus der folgenden Äußerung eines Zeitgenossen hervor: »Brater warf sich
mit jugendlichem Feuer und dem heißen Drang des deutschen Patrioten in
die politische Strömung und trat mit Erfolg als Redner bei den
Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und
Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Tätigkeit in
bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch maßvolle Haltung
bei aller kritischen Schärfe, sowie durch ihren glänzenden Stil
allgemeines Aufsehen.«
Daß Pauline die längst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden
Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der
bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie
war nun 21 Jahre alt, eine kleine, äußerst bewegliche, anmutige Gestalt.
Konnte man sie auch nicht geradezu schön nennen -- dazu war schon die
Pfaffsche Nase zu energisch -- so war doch das rosige, frische, von
dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fröhlichen
Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres
Reizes durchaus nicht bewußt und verschloß tief im Herzen ihre geheime
Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre
alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt Nördlingen
folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.
Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die
auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame,
deren Kinder er unterrichtete, wurde sein längeres Verweilen in dieser
Stellung unmöglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten
Tochter des Hauses gefaßt hatte, eine Neigung, die zwar von ihr
erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen
Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich
gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verließ das
Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.
Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nördlingen, als Subrektor an der
dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im
Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als
Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, daß die Schwester
zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Häuslichkeit bereiten solle.
Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so
lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen
Vorschlag einzugehen; es ist, als hätte ihr eine Ahnung gesagt, daß sie
sich damit für immer aus dem Elternhause lösen sollte.
Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:
_Liebe Luise!_
Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so könnte es
mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten,
indem unser Briefwechsel so unregelmäßig geführt wird, daß die
Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und
man voraussetzen muß, daß ein Brief bei uns viel mehr Störungen
erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spät
ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch höheren
Einfluß dieser Brief beschleunigt wird.....
Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schluß gemacht haben, daß
ich nach Nördlingen gehe. Die Sache wurde während Hans'
Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen
durch seine Ankunft freudig überraschte. Übrigens gibt es viel
mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht
hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der
Hans ließ gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur,
daß es ihn nicht reut, denn wir werden gehörig viel Geld für den
Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Möbeln selbst
versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen
wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint
mir das zu sein, daß ich natürlich nach so viel Ausgaben viel
mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter
zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit großem Heimweh
erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben könnte, will
ich aufschieben bis auf Nördlingen selbst, wohin ich also Anfang
Mai reisen werde.
Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, während des Hans
Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder
mit der Luftpumpe und mit der Elektrizität, wo mir bei letzterem
besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden
Grundstoffe zersetzt und aufgelöst ward. Ich dachte immer dabei
an Dich, es hätte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus
wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mußte uns alles
Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus
betrachtest, so bedenke, daß sie gegenwärtig aussieht wie ¼
Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht
wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hören.
Deine Pauline.