1827-1835
Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827
dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner
Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Töchterlein geboren wurde. Waren
doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon:
Aurora,
Heinrich,
Luise,
Siegfried,
Hans,
Colomann,
Friedrich;
vielleicht wären die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen,
die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, während nicht
übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens nötig
ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl
von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen
haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas
Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden,
wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Nötige zuteil wurde.
Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie
nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mußte freilich eng zusammenrücken,
damit der Platz reichte in der beschränkten Wohnung. Vielleicht war es
eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der
Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des
Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der
lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu
können. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten
Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er denn in dem großen gemeinsamen
Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke
durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des
Zimmers herumtoben wie sie wollten, das störte den Gelehrten nicht in
seiner Arbeit und er ließ sie gutmütig gewähren. Betrat aber einer der
Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die
sichere Folge dieses Übertritts in das verbotene Gebiet.
Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter
und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit,
an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins
Deutsche. Da nun Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war -- hatte sich doch
einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon
abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen -- so behalfen sich auch die
beiden Gelehrten mit _einem_ Exemplar dieser Dichtung und täglich
wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Den Kindern der
beiden Häuser, die die Boten machen mußten, waren Nal und Damajanti
vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden.
Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken
auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti,
den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch
wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut
bürgerliche Name Pauline beigelegt.
Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren
aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise
geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen.
Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge
Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht
zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunächst noch in die Ferne.
Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Rußland an die neu
gegründete Universität Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte
und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er
seinen Hausstand, indem er sich mit einer livländischen Adeligen,
Fräulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe,
doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht
nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glänzende Stellung aufzugeben und
mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung
fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.
Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet
und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in
Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren
durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich
und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjähriger Trennung die
Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreißigjährige Frau trat sie ihm
entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe
erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut
brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für
ihre Lebensanschauung, daß Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie möchte
ihm statt eines Eherings ein hebräisches Lexikon geben. Die Vermählten
zogen zunächst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die
Universität Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen
die Kinder der livländischen Adeligen und des schwäbischen Geistlichen
als Geschwister zusammen.
Die beiden in die Ehe gebrachten Töchter Aurora Pfaff und Luise Kraz
lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene
Mädchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in
jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wäre vielleicht längst in der
Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches
Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben hätten. Als Aurora zu
einem schönen Mädchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger
Mann, der durch den Schein besonderer Frömmigkeit ihre Seele für sich
gewann. Vater und Mutter mißtrauten seinem Wesen und waren gegen die
Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem
Geliebten fest und beeinflußte endlich die Eltern, die keine Tatsachen
gegen ihn vorbringen konnten, sondern bloß eine Antipathie empfanden,
dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die
Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der
Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben
sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr
Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er
die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze
Unglückskarte. Lachend erklärte er das Spiel für mißlungen, mischte die
Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlägers und zum
zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblaßte.
Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das
Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der
Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verließ das
Zimmer.
Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben
geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter
ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod
machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Daß der
naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen
verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso
wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns
Goethe im Eingang von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Auch Pfaff hat um
seines Töchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz
speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des
Völkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus
den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine
Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis
leuchten und die Atmosphäre prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann
ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann
leugnen, daß das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal
beeinflußt, ja oft bestimmt?
Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter
mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns
geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken
und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der
Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den
Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des
Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den äußern Schein allzusehr
verschmähend; in mildtätiger Liebe fast zu weit gehend, so daß er von
bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde.
Ähnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere
Schwäbin mit köstlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe,
von größter persönlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Fleiß,
auch sie das Äußere geringachtend, Ordnung und Schönheit hintansetzend.
Beide beliebt in hohem Maße, denn die Bedenken pedantischer Leute über
die originelle Haushaltung und äußere Erscheinung konnten nicht
aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so
bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man
sah es der Frau Hofrätin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, daß sie
in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdärmel
ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehörte; man
gewöhnte sich daran, daß bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf
pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf,
während sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wußte, wer verstand
nicht, daß sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre große
Familie an die äußere Erscheinung wenig denken konnte? Überdies wurde
sie auch außerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen.
Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis
erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine
entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten
Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunächst nach Frau Pfaff
zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie
wußte oft guten Rat und in ihrer großen Herzensgüte fand sie es nur
natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde.
So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht
gute Geistesgaben, edlen Sinn und fröhlichen Humor voraussagen? Und
müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für
die äußere Erscheinung, Ordnungs- und Schönheitssinn nicht ganz abgehen
wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse,
die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zuströmen, bald
hemmend bald fördernd, was ihm von der Natur eigen ist.
Nächst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen
sich später noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh
verstarb. Am nächsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder,
»Friedel, Hans, Co und Fritz«, ihre täglichen Spielkameraden, die
Genossen ihrer Jugend, vier prächtige Jungen voll Geist und Leben,
treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier »Pfaffsbuben«
bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat
mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft,
ließ sie gewähren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die
Mutter sah der Jugend ihren Übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht
schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf
mit etwas abgesägten Beinen vorfand, schön regelmäßig abgestuft, einer
immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich großen Kinder am
Tisch sitzend alle gleich groß erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar
fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber
wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte:
»Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet« und darüber
bemerkte, das müßte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem
kleinen Spötter mit dem Kochlöffel einen solchen Treff, daß ihm und den
anderen klar wurde: Die göttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen
werden.
Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen
wir ihr prophezeien, daß sie fröhlich und unternehmend, nicht
zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch
fürchten, daß diese Fröhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit
ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einfälle bringen
wird, die einem artigen Professorentöchterchen nicht wohl anstehen. So
lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes
Urteil über die damals vierjährige Pauline: »Sie ist so wild und
unbändig als die Knaben, was ihr als Mädchen viel übler ansteht, recht
gutmütig ist sie wohl, auch recht hübsch, allein ein wahrer Husar.«
Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche
sind immer die geborenen Erzieherinnen für das jüngste Kind, und bald
wird sich noch ein anderer Einfluß bemerkbar machen: eine gesittete
Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, müssen wir auch die
Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pflänzchen hervorwächst.
Die bayerische Universitätsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken,
demjenigen Kreise des Königreichs, in dem die protestantische
Bevölkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universität die
theologische Fakultät von jeher bedeutend gewesen. Die kleine
bescheidene Stadt läßt Muße zu fleißigen Studien. Daneben entwickelt
sich dort auch ein fröhliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr
zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns
aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit
denen er in Berührung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling,
Rückert, Platen, Raumer -- Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd
klingen.
Führt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort
zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten
oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns über die stille
Stadt mit den auffallend kleinen Häusern; nur wenig von modernem Leben
und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Straßen
und auf den großen Plätzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere
Städte machen durch höhere Häuser, engere Straßen und allerlei laute
Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von
manch andern Universitätsstädten, in denen Fremdenverkehr mit
Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gefährten der Stadt ein
vornehmes Gepräge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar
würden die Großeltern der jetzigen jungen Generation staunen über die
Reinlichkeit der kanalisierten Straßen, in denen zu ihrer Zeit trübe
Lachen vor den Häusern standen, staunen über die nächtliche Beleuchtung,
die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat;
manches Häuserviertel wäre ihnen vollständig unbekannt, die neuen
Universitätsgebäude, die sorgfältig gepflegten Anlagen und schönen
Brunnen würden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit
andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch
den Beweis, daß der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale
eingeschlossen ist, auch keine große, stattliche Behausung braucht.
Manche mögen ungünstig über die kleine Universitätsstadt urteilen und
sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie
lieb ist und sinnbildlich erscheint für einen in sich gekehrten
deutschen Gelehrten.
In der Atmosphäre dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und
unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen
zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn für fröhliches Behagen und
mit der Anschauung, daß nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert.
In der Spitalstraße stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie
Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die
Erinnerung an die erlittene Kälte eine der frühesten, die Pauline aus
ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von
1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen
unauslöschlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn
man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die
bei dem verheirateten Bruder Heinrich über Weihnachten zu Gast war. Es
heißt in diesem Brief: »Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei
der heftigen Kälte wirst du sie wohl brauchen können. Bei uns ist es
fürchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die
Läden zu waren, so mußten wir in völliger Dunkelheit leben; nun hat
Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine
Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Füße erfroren hat.«
Bis ins Frühjahr hinein dauerte die grausame Kälte, die bis zu 30°
stieg, so daß das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, daß
in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier
zum erstenmal ein großes Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines
Teil mittragen mußte und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie
vergaß sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Straße
liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt
empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentüren gab es
noch nicht, so oft die Haustüre aufging, drang der eisige Luftstrom bis
an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Küchen hatten noch
offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuerstätte hereingeweht
wurde. Eine Eigenart der Erlanger Häuser waren lange unverglaste Gänge
auf der Rückseite, durch die die Kälte überall Einlaß fand. Die
Türschlösser, die nach außen gingen, konnte man während der grimmigsten
Kälte nicht mit der bloßen Hand berühren, weil die Haut daran kleben
blieb.
Darum schütteln die alten Leute aus jener Zeit die Köpfe, wenn wir in
unseren wohlverwahrten Wohnungen über Kälte klagen wollen. »Ihr wißt gar
nicht, was Kälte heißt« sagen uns die Erlanger der alten Zeit.
Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Straße
aus ganz überblicken. Die Pfaffsjugend wußte daraus Vorteil zu ziehen.
In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte
man nicht erst an der Haustüre zu klingeln und auf Einlaß zu warten, man
nahm den kürzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckmäßige
Einrichtungen hatten die Eltern gewöhnlich nichts einzuwenden, nur
geschah es dann auch in Fällen, wo es ihnen nicht passend erschien. So
erzählte Frau Pfaff in späteren Jahren, wie einmal ein würdiger alter
Herr von auswärts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei
ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als plötzlich ein paar der
Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen,
worüber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal
zusammenschrak und sich wohl im stillen über die Sitte wunderte, die im
Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so
vielen, daß ihm im Gespräch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese
Dinge als nebensächlich, ja als Ausfluß ihres unbefangenen Wesens ganz
natürlich erschienen.
Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst üblichen Form und
Sitte, so war doch _ein_ Element in dem Haus, das manchmal danach sah,
was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch
einführen wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses.
Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und hätte sie
gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer
wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes,
Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat
selbst, aber ihre Bitte fand kein Gehör, denn für solchen Luxus war man
nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings
nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte,
nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack
goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und führte stolz die
so geschmückte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei
so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum müsse sie auch wie
diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck
nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmütig, um dem Mädchen, das
sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline
trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb.
Der Einfluß dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die
später oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Für eine
solche wäre nur etwas weniger Aberglauben zu wünschen gewesen. Der naive
Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht
aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schürze
ein neues Band angenäht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung
bewußt. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fühlte
sie sich durch diese Sünde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte
und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den
obersten Bodenraum, hing die Schürze mit dem sündhaften Band zur
Dachlucke hinaus und rief: »So Blitz, jetzt schlag in den Bändel!«
Solche Eindrücke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen
Gespenstergeschichten, die Anne erzählte und von deren Wahrheit sie ganz
überzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die
sich in einsamen und in nächtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War
Pauline zufällig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die
Furcht über sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere
kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentümliche
Schutzmaßregel. Sobald es dunkelte, öffnete sie weit alle Türen und
Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann
blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen,
sobald von der andern das Gespenst auftauchen würde. Sie war überzeugt,
daß kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der
Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen könne.
Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach
irgend einem unerklärlichen Geräusch. Es gab deren so viele in dem alten
Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafstätte
war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des
Daches und das Bett mußte hin- und hergeschoben werden, bis sich eine
trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer
Schreckensnacht, in der sie an einem Geräusch erwachte und deutlich
spürte, daß etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte
Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht
zu rühren und nicht zu schreien und empfand buchstäblich, was wir meist
nur bildlich so ausdrücken, daß ihre Haare sich vor Entsetzen sträubten,
bis sie erkannte, daß es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer
gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste
Leiden ihrer Kinderzeit im Gedächtnis behalten.
Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch
sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie
Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen wäre, ja sogar das auf
Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den
Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die
Familie Pfaff einkehren. Die französische Akademie hatte einen
Ehrenpreis ausgesetzt für die Lösung einer ungemein schwierigen
astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich für die gestellte Aufgabe
interessierte, machte sich an die mühsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier
-- so sagt wenigstens die Familientradition -- mußte seine Frau
aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die Lösung
gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswürdig erkannt.
Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in
den Zeitungen die Nachricht von dem neuen #régime# in Frankreich,
welches das alte gestürzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution
blieb der erwartete Goldregen aus. Die Enttäuschung wäre wohl noch
bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen wäre, aber man konnte ja
noch immer hoffen auf günstigen Umschlag, auf Rückkehr der alten
Zeiten, und über diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die
vierzehn Bögen gerieten allmählich in Vergessenheit.
Es kamen andere Sorgen, die der Familie näher gingen. Da war zuerst der
schon früher erwähnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach
Pauline geborene Töchterchen, Sophie, etwa sechsjährig, an Croup. Bis in
ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und
des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr
Bettkittelchen von unten bis oben zerriß, um Luft zu bekommen. Noch
trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen,
fühlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder
Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem später noch weitere
folgten. Für ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere
Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid,
die mit Rektor Roth in Nürnberg verheiratet war und an die Verwandten in
Württemberg spricht sich der tiefe Kummer über die Krankheit, die bange
Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: »Ihr glaubt nicht, in welcher
Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum
ist. Oft denke ich: nur auch _ein_mal möchte ich mich wieder
niederlegen, ohne daß die schweren Sorgen mich drücken, die werden mich
aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber
schlimmer kann es ja noch werden.« Es gibt wohl kaum eine größere Qual
als die, welche sie nun durchmachen mußte; zusehen, wie nicht nur die
körperlichen, sondern auch die geistigen Kräfte des geliebten Mannes
infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, daß er selbst
sich zeitweise dieses Zustands bewußt und dann im höchsten Grade erregt
war.
Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter
erzittern sahen. Sie saß am Bette des Mannes, der sie immer um sich
haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft
die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung
geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden
und fragte seine Frau: »Wie heißt der Student, der so oft zu uns kommt?«
Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte
ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen
Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut
ausbrechend ihr zurief: »Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!«
Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche
Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein
früheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch
bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage.
Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten,
der feinfühlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rührendes,
wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die
Krankheit verdunkelten Stunden.
So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis
zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erlöste, im Sommer 1835.
Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar,
spricht sie aus gegen den ältesten Sohn Heinrich, der damals schon eine
Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Schönthal in
Württemberg.
_Lieber Heinrich!_
Schwere kummervolle Tage habe ich zurückgelegt seit Du von uns
gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht
gewöhnen, daß Ihr für dieses Leben keinen Vater mehr habt und
daß auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit
wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, daß er nun Ruhe
habe, mir so tröstlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an
seine Leiden schwächer wird und sein Bild wieder in meiner Seele
lebendig wird, wie er früher war, mit welcher Liebe er an uns
hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfüllte und
wie sein Geist und Beispiel noch so wohltätig für seine Kinder
gewesen wäre, da möchte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott
hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit
Ergebung in Gottes Willen zu fügen. Ich habe mit der
schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch
so viel Bewußtsein bekommen, daß er seinen Kindern auch noch
einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurücklassen könne,
denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man
Abschied nehmen kann und ich mußte bei dieser schmerzlichen und
vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren ....