1849-1850
Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nördlingen, der
ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind
die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Gärten und
Obstbäumen umgeben, einen malerischen Anblick.
Vor dem einen der alten Tore, dem Löpsinger, liegt ein Anwesen: die
Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den
Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese
nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule
stürmte -- sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt --,
so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte
sie guten Rat in dem fremden Städtchen, so fehlte es ihr daran nicht,
denn bald öffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der
angesehensten Häuser der Stadt: die Beck'sche Buchhandlung. Neben dem
geistig hervorragenden Leiter des Geschäfts waltete hier eine seelengute
Frau in schön geordneten Verhältnissen, glücklich als Gattin und Mutter.
Frau Beck war nur wenige Jahre älter als Pauline und kam der jungen
Fremden freundlich entgegen.
Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen
besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie
zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im
Alter am nächsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus
zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und
als Familienverhältnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene
Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich
regelmäßig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den
Geschwistern ein.
Nun könnte man meinen, daß der in Amt und Würden stehende Herr
Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert hätte, als es der
frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die
Hausfrau vorzustellen hatte, vergaß sie über der Fürsorge die
Befangenheit. Sie mußte es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste
zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen
saßen. Wo hätte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll
aussprechen können wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die
Erlanger, den Nördlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie
vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt
unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs
waren alle gute Spieler. Der Spieleifer läßt aber keinen Raum mehr für
Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit
geschadet, wo es nur möglich ist, dem Partner wird alles Gute
zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar
Minuten später sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft
und Feindschaft ist aufgehoben und vollständige Neutralität waltet, bis
aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, daß das
Kartenspiel eine vorzügliche Übung in der Selbstbeherrschung sei und sie
schätzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig _verlieren_
konnten.
In dieser Häuslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes
genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz
von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte
und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch
sah er das junge Mädchen jetzt losgelöst von der mütterlichen
Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett
im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewöhnten Natur Bedingung des
Behagens schien. So kam der Entschluß, den er in den Erlanger Jahren
wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.
In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe
an und schreibt dann weiter: »Im allgemeinen vermute ich, daß Ihr zwar
nichts dawider hättet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz
bleiben ließe, -- _meine_ unparteiische Meinung ist das wenigstens -- daß
Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezählt
acht vortreffliche Eigenschaften: Große Gutmütigkeit, viel
Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick,
Häuslichkeit, körperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit
etwas graziöserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe
wäre sie sogar eine Schönheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund
organisierte Natur, wie ich unter allen Mädchen meiner Bekanntschaft
keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen
Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.
Von Dir möchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit
ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weißt. Sie scheint
mir so unbefangen, daß ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben
kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit,
die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen könnte, wenn sie nicht
plausibler durch _mein_ ziemlich schroffes Benehmen erklärt wäre. Du
wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschluß zu geben, soweit ich ihn
brauche und wenn es mir deine Antwort, die du _umgehend_ schreiben mußt,
nicht unmöglich macht, wate ich nächsten Samstag durch fußtiefen Schnee
zur Brautwerbung.
Die Sache bleibt natürlich noch vollständiges Geheimnis. Schreibe mir
auch, daß Ihr mir die Freude gönnt und Euren Segen dazu gebt, wenn's
zustande kommt.«
Aus diesem »Ihr« ist wohl zu schließen, daß auch die Mutter in das
Vertrauen gezogen war.
Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die
Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft
erheiternd zu sehen, wie dringend und plötzlich auch bei sonst ruhigen
und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht
mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der
schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr
anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die
Antwort noch in nächtlicher Stunde zurückbringen sollte!
So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in
Händen hatte, es für nötig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen
Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem
Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als
glücklicher Bräutigam abends wieder durch das Löpsinger Tor
zurückgekehrt in seine weitläufige, einsame Amtswohnung, während die
glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame
Kunde mitzuteilen.
Frau Pfaff saß diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten
Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn
vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten
hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu
stricken, zu nähen und zu spinnen für die großen Kinder und die kleinen
Enkel, aber in der _einsamen_ Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als
früher, wo fröhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswärtigen
Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und
für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das
Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer »Line« werden, wenn die Brüder
sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie
mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und
bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen Dämmerung der
Winterabende saß und strickte.
In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr
an einem Dezemberabend den Brief aus Nördlingen brachte. Eifrig hat sie
dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre
große Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: daß ihre
Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute
Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in
all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie muß ihr gutes
Gesicht geleuchtet haben unter dem Häubchen und wie schief mag dies in
der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich
besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten
Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst
so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Blätter und lesen
was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Groß und deutlich sind die
Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das nächste derbe Schreibpapier,
das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:
_Geliebtes, teures Kind!_
Könnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen
ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt
mein höchster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die
einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert
hätte, mir abgenommen; ich wüßte niemand in der Welt, dem ich so
mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben hätte als Brater und mit
keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie
mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne
euch und gebe, daß all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt
werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht
vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da
mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht
hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute
den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren hätte
und mein Leben ein herrliches gewesen wäre; ach und im ganzen
ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, daß ich
auch in schweren Stunden mir nie gewünscht hätte, daß es anders
sein möchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben,
alles andere ist Scheingut und muß abgelegt werden wie ein
Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewiß noch
über dieses Leben hinaus. Grüße Brater herzlich und sage ihm,
mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Könnte ich mit
Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so hätte ich ihm
heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht
recht fassen; wäre doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt.
An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch
Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht
geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tränen
ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich
freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie
noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir
wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.
Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.
Mit treuer Liebe Eure Mutter.
Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend,
wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: »Wenn man deinetwegen einen
Schwager haben _muß_, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.«
Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter
erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:
_Meine liebe Pauline!_
Gewiß ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit
besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht
wundern, daß es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, daß Du
und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen
möchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen
Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes
dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrüße Dich mit
wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Möge der gnädige Gott
den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen,
Euch das Leben zu versüßen! Schenke auch mir künftig eine
kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon
jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von
allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle
sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser
Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, daß Dich nicht auch
unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil
ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile
ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.
Daß Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird,
sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schätze, ist
kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst,
Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.
So leb denn wohl, liebes Töchterchen, Du hochgeliebte Braut
Deines überseligen Bräutigams, und sei auf das herzlichste
umarmt von Deiner mütterlichen Freundin
Ch. Brater.
Luischen grüße mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen
Brief von mir.
Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein
Verhältnis angebahnt, das nie durch einen Mißton getrübt ward. Mag das
auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund
verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhältnis sich doch zu einem
besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und
Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge
in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es
nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen
Mutter und Kind, auf die man unter allen Umständen baut, auch einmal
rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die bräutliche
bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter
verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine köstliche
Dreingabe zum ehelichen Glück.
Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die
Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was
im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus
Schweinfurt:
_Liebste Pauline!_
Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines
Briefs erkannte, erschrak ich so, daß ich am ganzen Leib
zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes
oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, daß es das
erstere war. Nun war ich aber auch ganz außer mir, und seit ich
verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt
und geküßt. Wie leid tut es mir, daß ich sonst niemand habe, dem
ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch
hier meinen Bekannten erzähle, so wissen sie doch nicht, was es
für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie
freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten
Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein
Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, daß
wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine
Vorwürfe, daß Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst
vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber
vor Begierde, etwas Näheres von Dir selbst zu hören, und ich
hoffe, daß ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben
wirst. -- Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, daß wir hier so
hinausgestoßen sind. Was wird jetzt für eine Freude in der
ganzen Familie sein und wir können sie nicht mitgenießen! Doch
will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht
erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar
nichts mehr wünschen, da mir _dieser_ Wunsch in Erfüllung
gegangen ist, und nun drängen sich gleich wieder Wünsche auf. --
Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, daß Dir nichts Dein
Glück trüben möchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil
sie sahen, daß ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und
er läßt Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen.