»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib,

aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation

d'un fait=!«

»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«

»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr

den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß

sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«

»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn

wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend

das Zimmer verlassen.

»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note

höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am

Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches

er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl.

»Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es

Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen

Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«

Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem

Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber

ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand

die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:

»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie

kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«

»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt.

»Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der

Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln

ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«

»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie

und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt

erwünschten Tod in die Augen.

»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber

gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen

Leidenschaft.« --

»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig

großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen

noch zu schlagen!«

»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer

Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß

das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- --

gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er

sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten«

herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil

es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.

Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte

sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun?

Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit,

und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige

willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere

Wichtigkeit besessen hätten.

»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er.

Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines

Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu

sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser

Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas

fühlen können?«

»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.

»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und

nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über

meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die

Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu

meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit

Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes

hatte verfügen wollen.

»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von

unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!«

--

»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich

mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt

wohl!« --

Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.

»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal

leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu

meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« --

Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und

verließ stumm das Gemach.

5.

Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war

gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.

Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine

Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring

am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war

ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen

offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit

den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey

Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er

konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten

wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:

»Was wünschen Sie?«

»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«

»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der

Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.

»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey

Aleksandrowitsch.

»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch

gefälligst warten.«

»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,«

fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit

erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.

Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben

nicht trauend, zu einer Thür hinein.

Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit

der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer

russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in

Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse,

und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben

überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen

Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas

nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der

Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der

Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen

Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die

Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun

gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber

verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen

Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.

»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That

zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige

Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und

die Erscheinung des letzteren selbst.

Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit

schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.

Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der

doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und

grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.

»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch

gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten,

worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel

am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich

selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den

kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf

die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe

gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß

mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen,

die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage

wieder ein.

»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey

Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des

Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit,

in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«

Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden

Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.

»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren

wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --

Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die

grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.

»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte

-- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat

mit einer Verbeugung.

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal

entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne

in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte

besonders hervorhebend.

»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener

Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen

zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen;

jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«

Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie

hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey

Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines

Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern

daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der

jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes

gesehen hatte.

»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der

Ehescheidung?«

»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir

erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur

gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die

Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu

ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die

Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer

gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«

»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der

Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey

Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner

unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach

einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung,

fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.

»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen

über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich

doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach

welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung

gelangen.«

»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben,

und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend,

»daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung

Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken

Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das

mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs

schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit

einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist

möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:

-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden

Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich

erst dann wieder nieder; --

»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem

einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies,

den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei

Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die

folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger

auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen

offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische

Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des

Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er

sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung,

doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit

ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand

der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle

alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht

vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --

Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.

»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der

beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter

gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen

Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall,

muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte

der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey

Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte

dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun

erwartet.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort,

»das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die

Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht

gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der

Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«

Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort

den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und

dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher

sogleich zu Hilfe.

»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und

wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und

die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste

Mittel.«

Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er

stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der

Gestattung dieser Maßregel verhinderten.

»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier

ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf

Briefwechsel, den ich besitze.«

Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ

einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.

»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten

dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort

entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen

große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit

einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack

der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die

Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf

direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir

indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem

Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln,

die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur

Anwendung von Mitteln verstehen.«

»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich

erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und

ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.

»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er

diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.

Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine

Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei

ärgerlich.

»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey

Aleksandrowitsch.

»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete

dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile

schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich

schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch

nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«

»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,«

antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich

darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich

nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei

glänzten.

»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit

auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir

mitzuteilen?«

»Sehr wohl.«

Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten

aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen

angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen

seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten

bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest

entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu

beziehen, wie es bei Sugonin war.

6.

Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der

Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges

untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen

Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem

ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell

nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht

vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen,

administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und

religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte

Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie

nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen

Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung

waren.

Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von

Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die

Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst

auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten,

erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese

Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die

Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne

einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind,

und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine

deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu

Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der

sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt

hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für

Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.

Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren

Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs

über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin

vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in

dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der

Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte

sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie

sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie

die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über

sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die

Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey

Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat

und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind

gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was

angerichtet worden wäre.

Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr

verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der

Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung.

Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten

ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten

Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten,

und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz

Papier vollgeschrieben worden wäre.

Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen

revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die

von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten,

und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der

Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von

der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die

Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in

günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge

hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines

Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In

dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung

der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten

werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit

abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen

Gouvernements ab.

Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei

dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis

an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.

»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja;

»wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall

Eisenbahnen giebt?«

Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die

Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.

»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich

weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann

im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es

reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem

Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«

Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage

in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite

zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets

Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch

plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er

nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im

kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem

Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen,

heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und

beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.

Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche

an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen

erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame

lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey

Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.

Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den

Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren,

allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief

selbst zu Karenin durch den Schnee hin.

»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da?

War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du

das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch,

den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir

gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen

aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch

ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.

»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,«

versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.

»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern

einmal sehen.«

Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße

eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den

Schnee zu Darja Aleksandrowna.

»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug

ihn Dolly lächelnd.

»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch

wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß

er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«

»Nun; was macht meine liebe Anna?«

Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan

Arkadjewitsch hielt ihn zurück.

»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen

Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer

Intelligenz bewirten können.«

»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder

sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna?

Wie lange« --

»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert.

»Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem

Wagen um.

»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.

Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden

Equipagen nicht verstehen konnte.

»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.

Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm

herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.

»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und

nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine

Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen

sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.

»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.

Er wandte sich um.

»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir

Geld!«

»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich

zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe

zunickend.

7.

Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große

Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa,

einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin

die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im

Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk

freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte

er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu

verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung

nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte

kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater

fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu

dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit

drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen

Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst

aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen

Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen,

Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum

Essen mit heim nehmen wollte.

Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein

Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach

der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es

gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles

Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was

die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und

damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine

junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als

=pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey

Aleksandrowitsch.

Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey

Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber

wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff,

einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker

und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu

Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.

Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom

Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich

jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde

lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude.

Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren

allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der

vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt

war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem

Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt

hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er

nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen

war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen

lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und

Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und

Frau nicht richtig sei.

Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue

Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines

furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd

arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen

verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er

sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz

anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und

wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.

Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue

Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich

auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.

Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm

einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte

ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten

unangenehmen Umstand.

Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle

Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst

und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.

»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor

schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja

den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr?

Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der

neue Vorgesetzte. --

»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange

nicht beehrt.«

»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist

Nummer sieben?«

Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und

maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan

Arkadjewitsch eintrat.

»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen;

eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«

Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne

Überrock und Hut abzulegen.

»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut

abnehmend.

»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete

Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann

aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin

über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was

du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen

war.

»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht

in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel

Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«

»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«

»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland

heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem

Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf

einem Lumpen. Bei uns« --

Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.

»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht

hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden

bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja

Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in

einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode

gesprochen hättest.«

»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin.

»Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich

sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr

hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere

ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen

Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas

Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur

eitel Staub ist!«

»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«

»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles

nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und

nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen

Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald

ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses

Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und

Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.

»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben

Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«

»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt

plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald

sterben werden.«

»Warum denn bald?«

»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber

man wird dabei ruhiger.«

»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;«

Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.

»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann

werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«

»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu

einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«

»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte,

daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen

sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder

zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie

da sein oder nicht, es war ihm gleich.

»Also du kommst?«

»Gewiß.«

»Um fünf Uhr!«

Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines

neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so

gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und

Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm

zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.

8.

Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den

ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im

Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden,

gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer

bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt

zugesagten Briefes betraf.

Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey

Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten

und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war

daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.

Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer

Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre

Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der

Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber

durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur

die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze

Angelegenheit zu nichte machen konnten.

Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte

ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten

und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach

Petersburg.

Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin

Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und

niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung

zu geben.

Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er

den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den

Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er

noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten

Brieftasche befunden hatten.

Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz

nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt

gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten

Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes

Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte

er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch

die Möglichkeit, ihn auszuführen.

Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang

der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem

Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.

»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde

sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben

und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«

»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie

in eine Mappe steckend.

»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete

die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte

einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy

in das Zimmer.

»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also

wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.

»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt,

stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte

sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des

Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den

Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem

Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan

Arkadjewitschs über die Ufer trat.

Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.

»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er

schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen.

Wir alle rechnen ja auf dich!«

»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil

die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden

haben, abgebrochen werden müssen.«

»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.

»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib,

anstrenge. Ich war gezwungen« --

Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan

Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete.

Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.

»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und

Schmerz malte sich auf seinen Zügen.

»So ist es.«

»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --

Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte

nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es

unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten

seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm

und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.

»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die

Scheidung zu fordern,« sagte er.

»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne

dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne

Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern

-- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir

es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein

Mißverständnis vor,« -- sagte er.

»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --

-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch,

»aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich

nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu

übereilen!«

»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch

kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem

beraten. Ich bin fest entschlossen.«

»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer

seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und

ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht

begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben

eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie

ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges

Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst,

ich beschwöre dich!«

Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch

schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.

»Wirst du dich zu ihr begeben?«

»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich

glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«

»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du,

abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber

wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die

ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte

Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß

deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie

erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere

Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere

Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir

diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«

»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese

Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen

wir nicht mehr davon.«

»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen?

Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist,

sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen

und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«

»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete

Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.

Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte

-- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen

Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht

geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen,

jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht

erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen

einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.

»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit

boshaftem Lächeln.

»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die

Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«

»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey

Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch

einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates

ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger

Repräsentant er ist.«

»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte.

Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein

vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben

zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man

jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich

und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm

sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan

Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß

noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir

nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --

Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr

ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.

»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.

»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du

wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im

Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf

den Kopf, lachte und ging hinaus.

»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür

zurückwendend.

9.

Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als

der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey

Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an

der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei

Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy

nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich

auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche

Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten

Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem

gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in

diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß.

Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger

förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden

Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein,

sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über

ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.

Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als

Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst

Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy,

Turowzyn, Kity und Karenin.

Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im

Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen

Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche

in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch

nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese

ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.

Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten

Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie

eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu

schweigen.

Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und

das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch

begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so

verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des

fleurs=, das ist etwas für mich!« --

Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von

der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener

bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm

wie ein Fisch zu Besuch war.

Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu

erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy,

mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu

zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach

seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und

weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen

Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch

seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er

bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher

alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.

Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich,

teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten

worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes

Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles

miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey

Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die

Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff

vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas

Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten.

Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte

Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen

gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war

und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.

Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte

indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß

der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und

befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als

er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit

Konstantin Lewin zusammen.

»Ich habe mich doch nicht verspätet?«

»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan

Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.

»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich

errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.

»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin

bekannt machen.«

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen

Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen

könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber

im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze

Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.

Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy

begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen

wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde

seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen

werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er

sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt

aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich

eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm

der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen

wollte.

»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie

sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt

hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.

»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung

heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon,

wo er ihrer ansichtig wurde.

Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch

nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine

vollständig andere geworden. --

Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so

reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat;

hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre

Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er

zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr

selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese

Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und

erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise

bebenden Lippen, ihn erwartend.

Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.

Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr

Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln

fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:

»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter

Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.

»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals

gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend,

»ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.«

»Wann denn,« frug sie erstaunt.

»Ihr fuhret nach Jerguschowo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich

vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie

verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in

Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint

allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte

er.

Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.

»Gestattet mir, vorzustellen« -- er nannte beider Namen.

»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey

Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.

»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.

»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und

trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander

einen Streich gespielt hatten -- wenigstens ging mir es so.«

»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in

der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.

Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem

Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit

silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand

und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen

bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die

Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin

und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.

Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der

Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein

wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu

ändern, that dies auch jetzt.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens

nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die

von der russischen Verwaltung einzuführen wären.

Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann

assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.

Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den

Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:

»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel --

so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen

wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als

verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch,

würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte

er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines

Gläschen hinreichend.

Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.

»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz

besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das

Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende

erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr.

»Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der

Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den

Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein

runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes.

»Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft

haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr

dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine

Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.

Lewin lächelte.

»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er,

mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der

Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.

»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam

bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden

Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre

weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie

hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und

lächelnd.

Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte,

aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit,

lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände,

als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen

zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit

und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er

glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.

»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr

von dort traf ich im Waggon mit Eurem =Beau-frère=, oder dem Schwager

Eures =Beau-frère= zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches

Zusammentreffen.«

Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht

hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey

Aleksandrowitschs geraten sei.

»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen,

aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, -- und

Ihr desgleichen,« -- wandte er sich an Karenin, dessen Namen er

vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber

herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr

dankbar bin.«

»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der

Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem

Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.

»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit

waret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich,

eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines

Halbpelzes zu verwischen.«

Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte,

und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen

von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,«

dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel

gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es

angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in

diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt

für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte,

und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf

wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese

guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.

Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob

eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan

Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.

»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin.

Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan

Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe =à la Marie-Luise= war

ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren

tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre

Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.

Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht

weniger auch nach der nicht materiellen.

Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend,

verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so

belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das

Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden

war.

10.

Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von

den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das

Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.

»Ich habe durchaus nicht,« sagte er bei der Suppe, zu Aleksey

Aleksandrowitsch gewendet, »die Dichte der Bevölkerung allein gemeint,

sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit

Prinzipien.«

»Mir scheint,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und

nachlässig, »daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann

auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad

besitzt, welcher« --

»Und hierum dreht sich eben die Frage,« fiel mit tiefem Baß Peszoff ein,

der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es

schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach -- »wo

liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von

ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den

andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und

die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!« rief er, »hier

handelt es sich um ein anderes Gesetz!«

»Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung

läge,« bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe

ziehend.

»Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?« frug

Peszoff.

»Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,« antwortete Aleksey

Aleksandrowitsch.

»Sind sie vollständig bekannt?« warf mit feinem Lächeln Sergey

Iwanowitsch ein. »Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die

rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten

von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch

das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen

kann.«

»Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, -- wollt

Ihr Rotwein?« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,«

antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie

man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, »ich sage

nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,« fuhr er

dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, »ich bin Anhänger

der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit

über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden.

Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der

Vorzug vor der realen gegeben wird.«

»Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden

Einfluß!« behauptete Peszoff. »Nehmt nur die Astronomie, nehmt die

Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!«

»Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,« erwiderte Aleksey

Aleksandrowitsch; »mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon

der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf

die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht

leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten

Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den

Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die

einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.«

Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn

mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser

Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu

Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in

Bereitschaft haltend.

»Aber,« begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, »man muß

doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle

Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen,

und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und

endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen

Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische

oder -- =disons le mot= -- der antinihilistische Einfluß.«

»Ohne Zweifel.«

»Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf

seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken,

müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,« sagte Sergey

Iwanowitsch fein lächelnd, »und würden dieser und der anderen Richtung

Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der

klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden

diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten

sie eine Heilwirkung nicht besitzen?« schloß er, sein attisches Salz

streuend.

Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und

ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt

gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.

Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit

einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für

eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem

Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues

aufstellte.

»Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,« sagte er, »daß etwa

die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird

augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den

Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im

Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation

müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die

Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche

Geschlecht.«

Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der

Frauenemancipation übergesprungen.

Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des

weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation

vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.

»Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander

verbunden sind,« bemerkte Peszoff, »hier liegt ein Trugschluß vor. Das

Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel

an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht

vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir

oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns

trennt.«

»Ihr habt da von Rechten gesprochen,« meinte Sergey Iwanowitsch, welcher

gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, »wohl von den Rechten auf Arbeit in

den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten,

Parlamentsmitglieder« --

»Ohne Zweifel.«

»Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter

erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den

Ausdruck >Rechte< nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu

sagen >Pflicht<. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend

eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir

damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich

dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten

anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich

zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit

hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.«

»Vollständig richtig,« bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, »die Frage

ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die

Fähigkeit besitzen!«

»Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,« behauptete Stefan

Arkadjewitsch, »sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein

wird. Wir sahen dies« --

»Ist mir's gestattet -- ein Sprichwort?« -- frug jetzt der Fürst mit

seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem

Gespräch zugehört hatte; »in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon

so sprechen: »Lange Haare« --

»Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,«

rief Peszoff hitzig.

»Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber _neue_ Pflichten suchen,« sagte

Sergey Iwanowitsch, »da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich

den ihren aus dem Wege gehen.«

»Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und

Würden -- das suchen die Weiber,« sagte Peszoff.

»So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte,

auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber

dafür bezahlt und mich nicht,« sagte der alte Fürst.

Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch

bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey

Aleksandrowitsch lächelte.

»Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,« bemerkte Peszoff,

»sondern nur das Weib« --

»O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,«

sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der

Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.

»So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl

auch nur unter den Weibern geben,« antwortete Sergey Iwanowitsch.

»Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,« frug

jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er

die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff

übereinstimmte, so daß er diesem beistand.

»Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet

Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester

verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!« mischte sich

hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch;

wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch

im Sinn gehabt hatte.

»Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,« rief mit tönendem

Baß Peszoff, »das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit,

das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch

das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.«

»Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die

Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,« sagte der alte Fürst noch, zum

großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende

in die Sauce fallen ließ.

11.

Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit

Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den

ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf,

was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für

ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie

Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse

mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich

so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für

Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte

und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft

hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im

Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie

selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht

heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten.

Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte

ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung,

sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute

mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor

dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.

Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen

Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und

ihr auf der Landstraße begegnet sei.

»Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht.

=Maman= schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich

ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche

Tschetwjorka mit Schellen; -- in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich

sah durch das Fenster -- da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des

Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu

sein,« erzählte er lächelnd. »Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals

gedacht habt. An etwas Wichtiges?«

»Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?« dachte Kity; als

sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an

diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im

Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter

gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.

»Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.«

»Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!« sagte Lewin, freundlich

dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper

betrachtend.

»Ihr kennt ihn seit langem?« frug Kity.

»Wer sollte ihn nicht kennen?«

»Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.«

»Nicht schlecht; aber unbedeutend.«

»Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn

denken;« sagte Kity, »ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von

ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch.

Sein Herz ist -- wie Gold.« --

»Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?«

»Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen

Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,« sagte sie mit

schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, »lagen bei Dolly

sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht.

Und stellt Euch vor,« sprach sie flüsternd, »so sehr hat sie ihm leid

gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder

beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie

eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. -- Ich erzähle Konstantin

Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,« sagte sie, sich nach

ihrer Schwester hinbeugend.

»Ja; das war wunderbar, reizend!« versetzte Dolly, nach Turowzin

schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von

ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in

Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen

hatte.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder

übel über die Menschen denken,« sagte er alsdann heiter, und sprach

dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.

12.

In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen

über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der

Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese

Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan

Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.

Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte

sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und

begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen.

Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die

Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der

gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.

Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud

ihn zum Rauchen ein.

»Danke, ich rauche nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig

und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses

Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.

»Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen

Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,« sagte er und wollte sich in den

Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm

wandte.

»Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?« frug Turowzin, lebhaft

geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die

Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können,

»Wasja Prjatschnikoff,« fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den

feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste,

Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, »man hat mir erzählt, daß er sich

in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.«

Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur

gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die

Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle

in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb

abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll

Neugier weiter.

»Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?«

»Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und

ihn ins Jenseits befördert!«

»Ah,« machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich

alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.

»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sagte Dolly zu ihm mit

ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat,

»ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.«

Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von

Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben

Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.

»Um so angenehmer,« -- sagte er, »als auch ich Euch um Entschuldigung

bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh

reisen.«

Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie

fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen

kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen

war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.

»Aleksey Aleksandrowitsch,« sagte sie, mit verzweifelter

Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, »ich habe Euch nach Anna gefragt

und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?«

»Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,« antwortete

Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.

»Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht --

aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und

beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist?

Wessen beschuldigt Ihr sie?«

Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das

Auge fest geschlossen.

»Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren

ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna

Arkadjewna zu ändern,« sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und

mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.

»Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!« fuhr

Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin

ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel

Aleksey Aleksandrowitschs. »Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst

mit hierher!«

Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser

stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen

sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von

Federmessern zerschnitten war.

»Ich glaube es nicht, glaube es nicht!« fuhr Dolly fort, indem sie sich

bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.

»Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,«

antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.

»Aber was hat sie denn gethan?« frug Dolly, »was hat sie denn eigentlich

gethan?«

»Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat

sie gethan,« sagte er.

»Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,« fuhr Dolly

fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der

Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu

beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur

weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer

Lebhaftigkeit:

»Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne

die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres

Lebens und ein Sohn -- daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie

von neuem zu leben beginnen will,« sagte er erbittert, durch die Nase

schluchzend.

»Anna und das Laster, -- das kann ich nicht vereinen, das vermag ich

nicht zu glauben!«

»Darja Aleksandrowna,« fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes

Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier

wurde, »gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich

bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar

schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte,

hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr,

und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich

meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin

sehr unglücklich.«

Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte

es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu

thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.

»Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich

zur Ehescheidung entschlossen haben?«

»Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts

übrig.«

»Weiter nichts übrig, nichts übrig,« wiederholte sie mit Thränen in den

Augen. »Nein, o nein,« sagte sie.

»Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht,

wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz

tragen kann, sondern handeln muß,« sagte er, gleichsam ihre Gedanken

erratend. »Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die

man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.«

»Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,« sagte Dolly und senkte das

Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe;

dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und

faltete beschwörend die Hände »aber wartet noch; Ihr seid doch ein

Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie

verlaßt?«

»Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,«

antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote

Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie.

Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. »Ich

habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart

worden war -- ich hatte noch alles beim Alten gelassen. -- Ich hatte ihr

die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten.

Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt

-- die Beobachtung des Anstandes« -- sagte er voll Erbitterung. »Man

kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist

nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang

selbst ihr noch als Rettung erscheint, -- was ist dann noch zu thun?« --

»Alles; aber nicht die Scheidung!« antwortete Darja Aleksandrowna.

»Was denn dann -- Alles?«

»Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und

untergehen.«

»Aber was kann ich thun?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern

und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt

seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er

es im Anfang des Gesprächs gewesen war. »Ich danke Euch sehr für Eure

Teilnahme, allein es wird Zeit für mich« -- er erhob sich bei diesen

Worten.

»Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich

will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich

betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte

selbst -- -- aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies

erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann

ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird

sittenreiner, besser und ich lebe. -- Ich habe ihm vergeben, und auch

Ihr müßt vergeben!«

Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten

nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll

von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er

schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:

»Vergeben kann ich nicht -- will ich auch nicht -- denn ich halte es für

widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es

in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch,

ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner

Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu

sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!« Thränen der Wut

lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.

»Liebet, die Euch hassen,« flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey

Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber

es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.

»Liebet, die Euch hassen, -- aber diejenigen, die man selbst haßt, kann

man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte,

wir haben ja ein jeder genug des Leides!«

Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich

Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.

13.

Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon

folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine

allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also

im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend.

Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre

Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.

Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das

Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen

denken und alle lieben zu wollen.

Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine

gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit

seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner

Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie

verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre

gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar

nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene

äußerten, er wünschte nur das Eine -- daß es ihnen und Allen überhaupt

wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von

Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen,

hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne

sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein

Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit

Schtscherbazkiy und blickte ihn an.

»Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?« sagte er, zu ihr

hintretend. »Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.«

»Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke

Euch,« sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk,

belohnend, »daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu

debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!«

»Es ist wahr,« versetzte Lewin, »pflegt es doch meistenteils so zu sein,

daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu

begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.«

Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig

bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen

Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich

zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu

beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der

Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten

und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht

niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man

im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses

selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden,

als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren,

daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man

auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen

ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren

Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.

Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch

kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.

»Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man

vertritt; dann erst ist es möglich« --

Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt.

Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen

Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren,

fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm

überraschend.

Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten

Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und

begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.

Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und

die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja

Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen

weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit,

daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß

in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch

sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.

»Nun,« antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren

treuherzigen Augen auf ihn blickend, »das Mädchen kann doch auch so

gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich

selbst« --

Er verstand ihren Wink.

»Ja, ja,« erwiderte er, »ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!«

Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die

Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in

dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der

Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der

Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen

Abstand nahm.

Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem

Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre

Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr

und mehr wachsende, beglückende Aufregung.

»Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!« sagte Kity und machte,

die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.

»Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?« dachte er mit

Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; »bleibt doch,« sagte

er, sich an den Tisch setzend. »Schon lange habe ich Euch nach etwas

fragen wollen!«

Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.

»Bitte schön, fragt.«

»Nun,« begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben

auf den Tisch: »A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.« -- Diese Buchstaben

bedeuteten: »Als Ihr mir antwortetet >es kann nicht sein<, so hieß das,

>niemals< oder nur >damals<?« --

Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte

verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies,

daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.

Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die

Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem

Blick befragend »ist es das, was ich mir denke?«

»Ich habe verstanden,« sagte sie errötend.

»Was ist dies für ein Wort?« frug er, auf das N weisend, mit welchem er

das Wort »niemals« bezeichnet hatte.

»Dieses Wort bedeutet >niemals<,« sagte sie -- »aber das ist nicht

wahr!«

Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und

stand auf. Sie schrieb: »I. K. D. N. A. A.« --

Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit

Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die

beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem,

glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt,

wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf

den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge;

er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals

nicht anders antworten.«

Er blickte sie scheu und fragend an.

»Nur damals?«

»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln.

»Und -- jetzt?« frug er.

»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!«

Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das

sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was

gewesen ist!«

Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die

Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu

vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!«

Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.

»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd.

Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles

und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide

und antwortete sogleich.

Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte,

und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück.

Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber

in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er

alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war

aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen

hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja«

niederschrieb.

»Spielt Ihr da >Sekretär<?« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir

müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.«

Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.

In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen,

daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh

zu ihnen kommen würde.

14.

Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine

solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so

schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages

hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu

vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm

noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden

Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die

Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der

willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem

Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur

sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen

werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan

Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er

es zu verstehen hatte.

»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan

Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.

»Nie!« antwortete dieser.

Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich

beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity

zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!«

Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch

nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie

war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin

verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen,

zu seinem Bruder.

»Wohin fährst du?«

»In eine Sitzung.«

»Ich begleite dich -- geht es?«

»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was

ist denn eigentlich heute mit dir?«

»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des

Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es

ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« --

Sergey Iwanowitsch lächelte.

»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er.

-- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden

Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« --

Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung

entsprechend.

Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall

war.

»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.«

»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar

nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe

dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?«

»Versteht sich, kannst du.«

»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte.

Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit

stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich

selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses

Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war.

Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll

verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen

hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über

die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend

zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein

anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte,

geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und

gleichwohl freundlich.

Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und

gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die

besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher

wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so

vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor

sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl.

Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch

erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen

Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle

gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz

außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm

sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach

ihm blickten.

»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch.

»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde!

Herrlich; sehr gut!«

Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein.

Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber

er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben

gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter

Mensch.

Anna Karenina, 1. Band · 第 13 / 15 题