einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft
der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen
Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem
Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und
so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.
Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem
Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit
annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht
erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im
Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes
Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und
Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er
eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren
ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles
wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon
sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch
über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was
ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung
entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe
begab.
Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert
über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.
Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran,
daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn
Stunden werde ausfüllen müssen.
Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber
Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz
genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und
angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.
»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« --
»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein
ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.«
Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter,
welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem
Kürschnergeschäft verheiraten wollte.
Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in
einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets
glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.
Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins
vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin
unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient
habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch
jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein
Franzose wäre.
»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin.
»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?«
»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor.
Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung
befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen
mitzuteilen.
»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann
er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins
angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden.
In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und
Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem
Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und
mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige
Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem
Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide
Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über
einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten
sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns
mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem
Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich
ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume
den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen
nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach
der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim.
Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber.
»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen
in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm
sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem
Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das
Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam
geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz,
sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen.
Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man
schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren
begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur
Straße hinab.
15.
Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der
Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch.
Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der
jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte
ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und
dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und
Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht,
was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte
seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er
zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im
Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem
Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten.
Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein
verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des
materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu
sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden
ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht
nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam
unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der
Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt,
daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen
könnte, wenn es nötig gewesen wäre.
Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher,
unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend.
Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder,
welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den
Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine
unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an.
Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische
Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube
und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und
flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden
Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach
frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt.
Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin
vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den
Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich
wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich
hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten.
In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei
Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß
der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt
und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten
augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin,
ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach
den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal
benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der
Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan
hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen.
Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn
Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig --
kam aber nicht von der Stelle. --
Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich
außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru«
gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still.
Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles.
Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er
sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte
nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich
und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die
alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem
Glück.
»Ist man schon aufgestanden?«
»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren
wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten.
»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener.
Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und
ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte
jedenfalls auch schon alles.
»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin.
Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie
schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten.
Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der
Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen
Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über
die Nähe seines Glückes überkam.
Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend,
nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten
schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben
-- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht
und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst,
sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen.
Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen
Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese
Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem
Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme
hoben sich und schlangen sich um seine Schultern.
Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und
hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und
preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.
Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den
ganzen Morgen lang geharrt.
Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich
in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste
ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich
vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl
sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie
eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme,
und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein
würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder
sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was
sie nun gethan hatte.
»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend.
Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete,
mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen,
als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte
Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre
Hand und küßte dieselbe.
»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es
nicht glauben, daß du mich liebst.«
Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher
er sie anschaute.
»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so
glücklich.«
Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete
bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen
aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so
energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den
Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen
netzend.
»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr
glücklich -- Kity!«
»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich
bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine
Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich
dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an
sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« --
-- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend.
»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl--
ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« --
Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das
Gesicht und segnete sie.
Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd
gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange
und innig seine fleischige Hand küßte.
16.
Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben
ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht
freigebend. Alle schwiegen.
Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle
Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien
dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick.
»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und
bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du,
Alexander?«
»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die
Hauptperson in dieser Frage.«
»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten
wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.«
»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.«
»Also denn in acht Tagen?«
»Er ist ja wie verrückt.«
»Nun, weshalb denn?«
»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese
Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?«
»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?«
dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die
Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es
zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken
an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß
es also so sein,« dachte er nun.
»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur
meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend.
»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die
öffentliche Anzeige vornehmen.«
Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber
hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und
lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten
offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie
wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als
der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut,
und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung
wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen.
Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen.
»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde!
Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets
davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher
bestimmt gewesen ist.«
»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann
fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als
ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch
ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?«
»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich
muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr
mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem
ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so
rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies
peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere
zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er.
»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte
nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!«
»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß
Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er.
»Jawohl!« --
Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon
unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam,
ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder
hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann
erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem
Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr
herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu
Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte
beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht
kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm
ein Gefühl des Glückes.
Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer
haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz
besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das
Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur
erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das
nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte.
»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin
fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen.
»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch,
die Bouquets bei Thomin zu holen.«
»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin.
Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel
Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?«
frug er und eilte zu Fuld.
Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man
ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke,
wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte.
Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte,
sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle
und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem
fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine
Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil
seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei.
Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich
erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres
gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so
überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben
könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart
Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete.
Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete
das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit
dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte,
Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn
bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige
Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht
mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens
ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten
der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch
nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und
in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer
Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das
zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen.
Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er
wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe,
und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er
dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise
auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er
indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr
Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht
mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht
erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit
von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er
gethan hatte.
»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr
auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir
gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit
seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar,
furchtbar!« --
Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen.
»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er.
»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.«
Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte,
sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm
vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig,
neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein
unverdientes Glück noch viel höher.
17.
Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke
musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben
erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen
Zimmer zurück.
Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur
Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes
christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage,
über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von
Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne
entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm
vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat
mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«.
Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus
Höflichkeit, nicht aussprach.
»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber
nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an
seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab
er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein
Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst
fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an
den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.
»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das
Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst
fortgegangen.«
Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das
erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den
nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche
fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und
abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin,
unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt
hatten.
Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man
ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar,
daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff,
weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen,
daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte.
»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die
zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die
Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge:
»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner
Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er.
Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine
Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien,
konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.
»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß
niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche
Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu
kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber
es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm
durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben
gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es
wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes
aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die
Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich
nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits
wäre es!«
»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg
zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so
wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode
nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr
vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte
Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.
So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er
zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher
Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte,
fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten
Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken,
was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der
Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich
weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit
seiner Lage lösen würde.
Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die
Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen
Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken
an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und
doch wünschte.
Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem
schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey
Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus
einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und
rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, --
ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.«
Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch
geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen
seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in
Pantoffeln.
»Was macht deine Herrin?«
»Es hat sich gestern glücklich entschieden.«
Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt
klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.
»Und ihr Befinden?«
Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.
»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch
jetzt ist ein Arzt da.«
»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das
Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß
doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.
An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch
bemerkte dies und frug.
»Wer ist da?«
»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.«
Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand
sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte
hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.
Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der
Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme,
um ihn ins Schlafzimmer zu führen.
»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von
Euch spricht sie,« sagte sie.
»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des
Arztes.
Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß,
seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und
weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei
dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte
Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er
in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf
zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte
er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:
»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe
ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie
gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« --
Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er
eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick
fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht
abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem
Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach.
Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich
ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins
Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm
zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die
kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor
und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht
nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach
schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.
»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein
seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht
wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde
er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst
nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt
mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich
sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden;
es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie
sieht. Gebt sie mir!« --
»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre
Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.
»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen.
»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht
gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht
kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer
geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber
ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich
weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht
vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet
Mariette, bei ihm zu schlafen.«
Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor
das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte
ihren Gatten erblickt.
»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den
Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine
Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird
das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen.
Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.«
Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen
Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten,
er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch
immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an.
Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn
gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie
in ihnen wahrgenommen hatte.
»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn
sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja,
das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer
dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat
sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die
nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese;
ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt,
und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt,
dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern;
Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins
brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein
furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine
heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch
schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde,
da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir
nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben,
ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist
zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine
Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.
Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr
gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon
aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er
für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische
Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes
Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen,
dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er
vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl
von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel
auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn
wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie
umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit
herausforderndem Stolz empor.
»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie
sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze
ab!«
Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und
deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute
mit glänzendem Blick vor sich hin.
»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich
nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der
Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.«
Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna
wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.
»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte
sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey
Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!«
Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von
dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von
Schmerz und Scham, der auf ihm lag.
»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!«
Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen
zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.
»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist
alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so
ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz
unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott,
mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor,
Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« --
* * * * *
Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber,
in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den
ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit
geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast
ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.
Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich
zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer
entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch
früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am
Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und
Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am
dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung
sei.
An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in
welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem
gegenüber nieder.
»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die
Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen.
Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es
noch furchtbarer.«
Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand
und sagte:
»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß
Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet
haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß
ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit
derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn
unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich
der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich
jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen
Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben
möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl
enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr
vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht
gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange
noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen.
Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben
möge, die das Vergeben gewährt.«
Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick
Wronskiy in Verwirrung brachte.
»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum
Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht
verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey
Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich
muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu
sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist
es besser, Ihr entfernt Euch.« --
Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war
aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten
herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht,
fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine
Lebensanschauung Unerreichbares.
18.
Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur
Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur
mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er
fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit
beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich
herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei
verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und
Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar
erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das
bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene,
etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch
sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine
Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn
-- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht
tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben.
Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen
aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die
eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er
fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber
niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner
Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete
nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr
unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie
ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da
er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je
gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre
Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis
dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte,
begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr
erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts
zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am
entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende
Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem
schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe
des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er
beginnen sollte.
»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier.
»Ja, einen Kutscher!«
Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich
Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa,
und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war
schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in
ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die
Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald
waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung
Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.
»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht
eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen
wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im
nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er
versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses
Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als
plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn
frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper
auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände
stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit
geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie
die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden
hatte, war plötzlich verschwunden.
»Ihr könnt mich in den Kot treten,« hörte er die Worte Alekseys
Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz
Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und
Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er
sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche
Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht
wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan
in der früheren Lage und schloß die Augen.
»Schlafen, schlafen,« wiederholte er für sich selbst. Aber mit
geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so,
wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war.
»Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer
Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie
könnten wir uns aussöhnen -- wie könnten wir uns aussöhnen?« sprach er
laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre
Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern,
welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen
seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach
dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten
Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben
stattgehabte Erniedrigung. »Nimm ihm die Hände weg,« sagte die Stimme
Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck
von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht.
Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht
die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich
flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das
Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da
vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der
Worte: »Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu
benutzen.« --
»Was ist das? Bin ich von Sinnen?« frug er sich selbst; »vielleicht gar.
Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?« so
antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung
neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines
Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und
versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte,
aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich.
»Nein, ich muß schlafen!« Er zog das Kissen heran und drückte seinen
Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die
Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht.
»Die Sache ist vorüber für mich,« sprach er zu sich, »jetzt heißt es
nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?« Sein Gedächtnis durchflog
schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte.
»Ehrgeiz? Wie Serpuchowskiy? Die hohe Welt? Der Hof?« Bei keinem der
Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für
ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem
Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte
die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer
hin. »So verliert man den Verstand,« wiederholte er, »und so erschießt
man sich -- damit man sich nicht zu schämen braucht,« -- fügte er
langsam hinzu.
Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem
Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen
Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank
in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck
einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand
unbeweglich und sann. »Natürlich,« sprach er zu sich selbst, als hätte
ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht
mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses
überzeugungsvolle »natürlich« für ihn nur eine letzte Wiederholung genau
des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon
zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte.
Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die
nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im
Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung.
Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen
Vorstellungen und Empfindungen.
»Natürlich,« fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den
nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte.
Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige
Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur
Faust zusammenballen, drückte er am Hahn.
Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor
die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den
Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden
sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht,
schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den
Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners,
der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine
Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden
befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner
Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe.
»Dumm; nicht tot,« sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend.
Der Revolver lag neben ihm -- er suchte weiter weg. Während dieses
Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei
Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend
zusammen.
Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten
gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so
erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er
denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach
Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von
drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die
gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett
und blieb zur Pflege bei ihm.
19.
Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden
war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe
vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne
eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe
nicht -- dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach
seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der
von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene
Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu
jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar
nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich
zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in
ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt
hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr,
die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die
Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich
nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als
eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt
hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den
Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde;
das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt
und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er
verziehen hatte und liebte.
Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und
seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben,
besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu
ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als
früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig
mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber
empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids,
sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus
Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine
Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen
lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge
getragen; -- er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind
liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und
saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert
vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang
auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und
beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen
mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der
Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In
solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr
ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts
Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen.
Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm,
so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht
gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer
jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere
bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben
leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde,
die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen
betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete.
Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner
Beziehungen zu seinem Weibe.
Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in
ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna
ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge
zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch
nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien
auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen
Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu
erwarten.
Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter
Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war
früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte,
einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte
kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging,
gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und
weißer Rotonde von amerikanischem Hund.
»Wer ist hier?« frug er.
»Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,« versetzte der Lakai, wie
es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd.
In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine
Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für
ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten
eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe
Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt
in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken
zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete,
frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden.
Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch
sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren,
als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er
ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich
der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf
dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die
Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin
abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt
neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht.
Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des
Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden
seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte.
»Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben,
Herr.«
»Aber das Kind leidet doch noch,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend.
»Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,« antwortete die Engländerin
fest.
»Weshalb vermutet Ihr das?« frug er, stehen bleibend.
»Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde
herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme
hatte keine Milch, Herr.«
Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch
einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind
lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend,
und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich
beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling
gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten.
»Noch immer nicht besser?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
»Sehr unruhig,« antwortete flüsternd die Kinderfrau.
»Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,« fuhr er
fort.
»Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.«
»Aber weshalb sagt Ihr das nicht?«
»Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,«
versetzte die Kinderfrau mürrisch.
Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen
Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation
zu liegen.
Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die
Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen
der Amme und begann es im Gehen zu wiegen.
»Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch.
Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis
gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den
Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem
Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine
Lage.
»Armes Kind,« sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte
ihren Weg auf und nieder fort.
Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute
mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende
Kinderfrau.
Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt
hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte,
erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den
Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und
blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich
aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf
seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer.
Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals
nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein
Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem
Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben,
wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte
befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr
kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung,
nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür
ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören
wollte.
-- »Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen,
ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben
sein,« sagte Betsy.
»Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht.
Sprecht nicht so« -- antwortete erregt die Stimme Annas.
»Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu
nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte« --
»Eben deswegen will ich es ja nicht.«
Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem
Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der
Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und
schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein.
Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht
emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette.
Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben
von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy.
Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf
ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer
taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf
der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der
entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste
steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch
mit satirischem Lächeln.
»Ah,« machte sie, wie verwundert, »das freut mich ja außerordentlich,
daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch
nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört -- Eure
großen Sorgen! -- Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!« sagte sie
mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit
einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen.
Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand
und erkundigte sich nach ihrem Befinden.
»Es scheint, als ob mir besser wäre,« sagte diese, seinem Blicke
ausweichend.
»Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,« fuhr er fort, das
Wort »Fieber« besonders hervorhebend.
»Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,« bemerkte Betsy; »und fühle,
daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich
aufbrechen.«
Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre
Hand.
»Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen -- nein, Euch,« wandte sie
sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn
-- »ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,« fügte sie hinzu.
Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf
sinken.
»Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht,
um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.« Sie
blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles
herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, »ich habe
geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.«
»Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey
Aleksandrowitsch abhängen würde,« verbesserte Betsy.
»O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu
nichts« -- sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren
Gatten, der sie nicht anblickte. »Mit einem Worte, ich will nicht« -- --
Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen.
Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück,
die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte,
drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung.
»Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch« -- antwortete er, mit
Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar
vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja
nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung
jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte
und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz
zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an.
»Nun, lebt wohl dann, Liebste,« sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte
Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie.
»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft
edelsinnigen Mann,« sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend
und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. »Ich bin nur eine
fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich
mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist
die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.«
»Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die
Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst
entscheiden.«
Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde
emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte
lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und
dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen
Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte.
20.
Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und
ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine
Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und
blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte.
»Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,« wiederholte er in
russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys
geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach
und sie dabei mit »du« anredete, versetzte Anna dieses »du«, in
unbezwingbare Erregung. »Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß;
auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis
für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens« --
»Das habe ich ja schon gesagt -- wozu es noch einmal wiederholen?«
unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht
imstande war, zu unterdrücken. »Nicht das geringste Bedürfnis,« dachte
sie, »soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu
nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte
und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht
die geringste Notwendigkeit!« Sie preßte die Lippen aufeinander und
senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen
Adern, die sich langsam aufeinander rieben. »Wir wollen nie mehr davon
reden,« fügte sie, ruhiger geworden, hinzu.
»Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich
sehr, zu sehen« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch.
-- »Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,« vollendete Anna
schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im
voraus alles wußte, was er sagen würde.
»Ja,« bestätigte er, »und die Fürstin Twerskaja mischt sich
völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im
Besonderen« --
»Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,« sagte Anna
schnell, »ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.«
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den
Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des
quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich
selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte.
Jetzt wünschte sie nur noch Eins -- erlöst zu sein von seiner
erkältenden Gegenwart.
»Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,« hub Aleksey Aleksandrowitsch
wieder an.
»Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?«
»Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.«
»Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich
dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,« -- Aleksey Aleksandrowitsch
verstand, was das »Gleich« bedeutete -- »es ist ein kleines Kind und man
läßt es verhungern.« Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, »ich
habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet,
und macht mir jetzt doch Vorwürfe.«
»Ich mache keinen Vorwurf« --
»Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?« Sie brach
in Schluchzen aus. »Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht« --
sagte sie, zur Besinnung kommend; »aber geh« --
»Nein! Das kann nicht so bleiben,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch
entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm
die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung
seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen,
geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen
Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die
Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte -- mit solcher
Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die
gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas
heischten, was aber -- er konnte es nicht erfassen. -- Er fühlte nur,
daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches
seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen
Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn
sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß
dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar
aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen
geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und
doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch
erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem
er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst
alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er
wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht
gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien,
sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als
pflichtgemäß erschien.
21.
Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch,
soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in
der Thür begegnete.
»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war
bei Euch!«
»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy
lächelnd, ihren Handschuh anziehend.
»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs -- laßt mich Eure
schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten
so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir
uns wiedersehen?«
»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd.
»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung
geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde
Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger
Miene.
»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß
er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine
Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das
ist doch unmöglich, unmöglich!« --
»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch
kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck,
»ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.«
»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche
Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß
sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht
tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder
man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder -- Ehescheidung. --
Diese Lage aber erdrückt sie.«
»Ja, ja wohl -- so ist es,« -- sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin
ich eben hergekommen -- das heißt, nicht eigentlich deswegen -- ich bin
Kammerherr geworden -- nun, -- und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber
die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.«
»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy.
Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus
begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls
schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger
Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse
werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner
Schwester. Er fand diese in Thränen.
Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich
Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu
jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer
Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den
Morgen verbracht habe.
»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird
auch so bleiben,« antwortete sie.
»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln,
man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer
ist, allein« --
»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster
lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend.
Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt
physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann
nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und
dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen
entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht
vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß
er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel
von ihm wert bin -- dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir
aber bleibt nichts übrig, als« --
Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht
ausreden.
»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst
ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle,
würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln
erlaubt haben -- ein Lächeln wäre roh erschienen -- aber in seinem
Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß
dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine
halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und
stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.
»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch
als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß
alles zu Ende sei -- im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei
ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch
ist es nicht vorbei -- es wird entsetzlich enden.«
»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine
Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.«
»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden« --
Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige
Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht
ausreden.
»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so
erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er
lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst
damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter
ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr,
ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir
sagen.«
»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna.
»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest
darauf -- ich will sagen -- das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben.
Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann
hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne,
eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es,
jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne
zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?«
»Ich weiß nichts, nichts.«
»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.«
»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß
nichts und begreife nichts.«
»Aber erlaube doch« --
»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst
in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht
kann.«
»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen.
Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen
Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.«
»Ich wünsche nichts, gar nichts -- nur das Eine, es möchte bald vorbei
sein.«
»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger
als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus
hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« -- Stefan Arkadjewitsch
brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und
blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.
Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt,
aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder
aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb
nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.
»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte
ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon
kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott
die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu
deinem Manne gehen.«
Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu
erwidern.
22.
Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht,
mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ,
in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf
den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan
Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.
»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick
des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit
verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst
gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes
Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette.
»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch
mißlaunig.
»Ja wohl. Ich möchte -- ich muß -- ja, ich muß mit dir einmal reden,«
sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte
Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß
Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens
sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte.
Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende
Zaghaftigkeit.
»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine
aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er
errötend.
Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber
sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck,
der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.
»Ich beabsichtigte -- ich wollte über meine Schwester und über Eure
gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an
und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief
von demselben und reichte ihn dem Schwager.
»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief
angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich
ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben
reichend.
Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder
Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm
ruhten, und begann dann zu lesen:
»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch
fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so
ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott
ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit
ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns
stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde
auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt
-- Euer Glück -- das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies
doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und
Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen
und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« --
Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit
der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er
sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den
Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins
verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.
»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
sich abwendend.
»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten,
da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich
verstehe Euch« -- brachte er endlich hervor.
»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch.
»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein
guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt
von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird
sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch
tiefer senken.«
»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit
schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?«
»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich,
daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du
für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.«
»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?«
unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit
der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe
nicht die Möglichkeit eines Ausweges.«
»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die
Trennung wünschtest -- wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein
gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« --
-- »Der Begriff >Glück< kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden.
Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts
mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?«
»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit
dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen
hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey
Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend,
unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen
würde -- »sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist
vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die
Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit
denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine
Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich
nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider
Parteien beruhen.«
»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey
Aleksandrowitsch.
»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan
Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste
Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr.
Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben
unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.«
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.
»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen
Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte
Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit
freimachend.
Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit
sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so
sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und
abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht
sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren
formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb
unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor
der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf
sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er
vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt
werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel
wichtigeren Gründen unmöglich.
Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der
Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre
eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes
und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden
würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt
seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten
indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die
Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in
dieselbe Anna vernichtete.
Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit
seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber
nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese
Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in
Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine
Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner
Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den
Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur
Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.
Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit
Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und
verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der
Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am
Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres
oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis
eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner
Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres
Verderbens sein.«
Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die
Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch
sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort
von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben
hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in
seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein
Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.
»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen
willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es
nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.«
»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch,
sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend,
bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit
der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham
mit den Händen das Gesicht.
»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« --
»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke
dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte
Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich
werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben,
aber -- ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was
du willst« -- und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn
nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es
war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit
diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über
die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.
Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.
»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte
er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu,
empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur
mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.
Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen
verhinderten ihn daran.
»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr
unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache
und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
fort.
Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt,
aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese
Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß
Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser
Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen
war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten
Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch
zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall
macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine
Trennung bewirkt -- und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder,
welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das
will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst.
[B] Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im
Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »=rasvód=« heißt.
23.
Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen
hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum
erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die
Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.
»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall
geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann
nur so. O, es war doch zu thöricht!«
Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und
schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar,
nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.
»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?«
»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust.
»Laß mich dich verbinden.«
Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an,
während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:
»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt,
als hätte ich mich mit Absicht geschossen.«
»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus
Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln.
»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« -- Er lächelte
düster.
Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte,
hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte,
gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war.
Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich
abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an
Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut
desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam
wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den
Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder
leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht
aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen
ankämpfte, -- das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid
darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor
dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht
mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte,
das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz
über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er
vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu
verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig
gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.
Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und
ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber
je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer,
welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.
Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für
seine Abreise nach Taschkent zu treffen.
»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben,
sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen
Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna
gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.
»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten.
»Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.«
Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit,
daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey
Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna
sprechen könne.
Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten
müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu
fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den
Karenin.
Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief
schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in
ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer
sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme
mit Küssen.
Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber
nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht,
auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte
auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu
spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten
so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.
»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich,
seine Hände an ihren Busen pressend.
»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich
weiß dies jetzt!«
»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf
umfangend.
»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere
Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß
in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und
lächelnd seine festen Zähne zeigend.
Sie mußte diesem Lächeln antworten -- nicht seinen Worten, wohl aber
seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich
selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.
»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so
hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!«
»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.
»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete
er.
»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine
Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.
»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.«
»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich
vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem
Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist
jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey
beschließen wird.«
Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des
Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr
denn nicht alles gleichgültig?
»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen
wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch
sie schaute ihn noch immer nicht an.
»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie
und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen;
doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.
Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach
den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen.
Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus
und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner
Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.
Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem
Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland
gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich
definitiv von ihm losgesagt.
Ende des ersten Bandes.
* * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.
Auf Seite 348 wurde das Hatschek-Symbol über dem Buchstaben z in [vz] im
Wort ob[vz]dj geändert.
Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_) und Text in
Antiqua wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=Text=).
Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 4: durch die baumwollenen Stories -> Stores
S. 6: die verwickelsten -> verwickeltsten
S. 7: einen Anzug, Stiefeln -> Stiefel
S. 8: er sprach nur »ich -> Ich
S. 10: Lebensformen enger accommodierte -> accomodierte
S. 13: »Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matway, -> Matwey
S. 15: preßte sich zusammen, die -> der
S. 16: Um Gottes willen -> Willen
S. 20: in einem der moskauer -> Moskauer
S. 24: bindendes gemeinsam hatten? -> hatten.
S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch -> Grinjewitsch
S. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo -> Semstwo
S. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. -> Grinjewitschs
S. 30: waren von altem moskauer -> Moskauer
S. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte -> Hauptpunkten
S. 35: besitzen wir kein Recht -> Recht.
S. 36: als er aber des Bruder -> Bruders
S. 36: es mit Eurem Zemstwo -> Semstwo
S. 36: der sich sehr für die Zemstwos -> Semstwos
S. 37: unsere Institution des Zemstwos -> Semstwos
S. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, -> begabten
S. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf -> Roastbeef
S. 54: »Wronskiy, -> »Wronskiy
S. 56: O, entschuldige mich doch -> doch.
S. 65: als sie sein Schritte vernahm. -> seine
S. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo -> Semstwo
S. 68: Menschen, die ihren -> ihrem
S. 69: bemerkbaren, glücklichen -> bemerkbarem, glücklichem
S. 69: bescheiden triumphierenden -> triumphierendem
S. 75: Jener petersburger -> Petersburger
S. 76: bisweilen in der petersburger -> Petersburger
S. 81: »Ja, ja, wenn er gestern -> Ja, ja,
S. 88: die Schwester aus den Wagen -> dem
S. 101: von den allgemeinen petersburger -> Petersburger
S. 103: wieder um und bat Kidy -> Kity
S. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos -> Semstwos
S. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch -> sprach
S. 138: war sie auch eine andere. -> andere?
S. 144: Als er diesen Aleksei -> Aleksey
S. 149: Aleksei -> Aleksey
S. 149: Meinen Gatten -> Meinem
S. 151: Fürstin Betty Twerskaja -> Bezzy
S. 153: Er liebte es, von Shakspeare -> Shakespeare
S. 155: Zimmer mit ihrem pariser -> Pariser
S. 172: »Was soll ich dir -> Was soll ich dir
S. 174: das Gewissen der petersburger -> Petersburger
S. 174: Zeit ihres petersburger -> Petersburger
S. 177: meines Versöhnungsversuchs. -> Versöhnungsversuchs.«
S. 178: hübschen kleinen Füßchen. -> Füßchen.«
S. 178: bei welchem ein Abschiedessen -> Abschiedsessen
S. 189: ich weiß aber wirklich nicht -> »ich weiß
S. 197: daß er ihn -> daß er sie
S. 202: vielleicht irre ich mich -> »vielleicht irre
S. 204: Anna, Anna! -> Anna!«
S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen -> Jerguschowo
S. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas -> Agathe
S. 226: oder wenn dies -> oder wann dies
S. 230: tief unter das Gefäß -> Gesäß
S. 242: man soll sofort meine Troyka -> Troika
S. 246: kommt ja auch die Troyka -> Troika
S. 263: wie ein hungriger Mensch, den -> dem
S. 269: Überzieher, steif gestärkten -> gestärktem
S. 272: während sich für die Reiter -> Reiter in
S. 285: nicht nur mit Liedern nährt, -> nährt,«
S. 285: Ich glaube, du brauchst -> »Ich glaube
S. 291: als wollte sie ihm sagen, das -> daß
S. 295: Wenn er nur ist! -> Wenn er nur unverletzt ist!
S. 310: Kinde, auf daß -> das
S. 312: hatte nicht darauf geantwortetet -> geantwortet
S. 318: »Er wankte, als er dies sagt -> Er wankte
S. 319: wir würden nicht ausfahren? -> ausfahren?«
S. 319: Augen den -> Augen, den
S. 325: sie beschwichtigen -> sie zu beschwichtigen
S. 325: und nehmt nicht übel -> übel.
S. 343: der Herr ein Sonderling ist. -> ist.«
S. 348: nicht wieder an seinem -> seinen
S. 357: Worin habe ich denn -> »Worin habe
S. 361: Lili begann zu baden -> Lily
S. 363: erregte. Doch Marja -> Darja
S. 386: sagte er zu sich, »nur sie -> sie.
S. 399: weder das erste noch das zweite, -> zweite
S. 400: Es lagen Pfirsichen -> Pfirsiche
S. 414: daß sie ihn als Unbekannte -> Unbekannten
S. 428: Der Festjubel war auf kurzer -> kurze
S. 429: lachte Serpuchowskiy -> Serpuchowskiy.
S. 431: jetzt um carte blanche -> blanche.
S. 434: wie er sie zum letzenmal -> letztenmal
S. 434: Wie finde ich sie. -> sie?
S. 438: eine Trennung unmöglich? -> unmöglich?«
S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet -> geendet
S. 466: Lage zu verbessern. -> verbessern?
S. 474: Er hatte erkannt -> erkannt,
S. 478: Ich sage nur das Eine, -> Eine,«
S. 485: »Bei dir aber ist nichts -> Bei dir
S. 486: lassen wir das« -> das!«
S. 495: häufiger überkamen, erschreckte -> erschreckten
S. 498: Sie wird nicht so eintreten -> »Sie wird
S. 502: einer materiellen Leidenschaft -> Leidenschaft.
S. 514: ich zahle!« er ging hinweg -> Er
S. 515: ein wundervolles Roastbeaf -> Roastbeef
S. 515: unter den Gästen, Koznyscheff -> Koznyscheff,
S. 521: in einem Lehnstuhl -> einen
S. 522: Ich würde Eines gethan haben -> »Ich würde
S. 526: der Portwein und Xerez -> Xeres
S. 527: nach Jerguschewo fuhret -> Jerguschowo
S. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo -> Jerguschowo
S. 528: wenigstens ging mir es so. -> so.«
S. 535: nur unter den Weibern geben, -> geben,«
S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der -> Turowzins, der
S. 556: daß du mich liebst« -> liebst.«
S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? -> wann
S. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, -> »Aleksey
S. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? -> Serpuchowskiy
S. 588: ohne etwas zu erwidern.« -> erwidern.
S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis -> Cigarettenetui
S. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen -> ihrer