ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.«
»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,«
sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.
»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich
mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.
Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen,
erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im
Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen
Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle
lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es
Schtschi in eine Tasse goß.
Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen
besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses
Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer,
daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege
von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung
an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere
Beachtung erforderte.
26.
Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als
Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge
Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war.
Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu
gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies
gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl
sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch,
daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das
junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte,
ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity
Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel
hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen,
welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte.
Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte,
fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er
so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer
durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also
immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund
seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an
diesem jungen Mädchen zu erproben.
Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade
angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den
Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant.
Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar
blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und
seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und
fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig
unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken.
Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte
auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für
geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene.
Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die
Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu
herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber
diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte
unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf.
Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei,
wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber
nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete
Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte
alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein
Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen
zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den
Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre
Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch
sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit,
und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in
seinem Dorfe im Auge hatte.
In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle
Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit
vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr
gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das
Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun
konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am
besten und angenehmsten die Zeit zubrächten.
Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer
besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn
keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde
sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr
oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen.
Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy
ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und
diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug.
Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur
dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können,
daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter,
guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig
in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung
hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt
etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können.
Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und
immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes
Rätsel.
Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher
gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den
Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen.
Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des
geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in
eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte
sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte
ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen
Gegenschlag.
Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin
ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn
der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen
liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in
freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem
eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes
Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und
Lebenslust verlieh.
Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte
Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders,
von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das
Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm,
wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel
bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen.
»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des
Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für
England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in
Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich
die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die
einzig wichtige hier,« dachte Lewin.
Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe
waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen
Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von
der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand
geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche
Bewegung begleitet war.
Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte,
fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der
empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern
vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden
war.
Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier
Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das
hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte.
Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und
mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung
pflegen.
Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie
erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte
sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das
ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner
Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation
befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge
Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß,
mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks
angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige
Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war --
oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des
Denkens raubte.
Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da
könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt
darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte
aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt
überhaupt gemacht worden war.
Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber
als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig
errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine
Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit.
Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die
Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog.
»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß
meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil,
er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie
hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu
thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach,
waret Ihr noch nicht in unserer Schule?«
»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?«
»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester
weisend.
»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen
Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser
Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse.
»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber
auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.«
-- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit
eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch
weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr
anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des
Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß.
Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten
Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend,
um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er
daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er
gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an,
welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an
dessen Rede.
Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß
Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den
Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner
Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne
Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse.
Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein
eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt
geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür
erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet
war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich
nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen,
in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten,
augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und
den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten
Hände, an denen ein alter Trauring steckte.
27.
»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es
steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie
Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der
Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht
angenehm erhellte.
»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt
also doch wohl wissen, warum!«
»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas
kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur
Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel
Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein
Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch
Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit
dem Friedensrichter zu thun!«
»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug
Swijashskiy.
»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte
um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner
Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch
wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte
sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das
Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung
frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am
Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.«
Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet
nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran
zu haben.
»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der
Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer
weisend.
»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist
denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer,
sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend.
»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei
Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste
das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb
uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine
Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel
nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft
auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die
Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer
Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch
Gewissenlose unter ihnen.«
Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte,
wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins
Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen
Schnurrbart wandte.
»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt
bewirtschaftet werden müsse?«
»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um
die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch --
aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels
vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch
gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache.
Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!«
Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem
sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese
Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er
Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter
sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der
Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu
und unwiderleglich.
Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus
-- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht
in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war,
sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er
in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen
Seiten hin überdacht worden war.
»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß
jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er,
offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die
Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte
Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so
bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit
Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem
Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt,
vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt!
Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem
Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt,
mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch
unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst
begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz
beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft,
die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf
das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!«
»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten
weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy.
»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten,
bitte ich Euch?«
»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der
Ökonomie,« dachte Lewin.
»Mit Arbeitern.«
»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften
hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie
das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die
Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die
Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach
seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft
zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder
unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert
produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der
allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das
gethan, da? --
Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle
diese Übelstände vermieden werden könnten.
Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er
auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet
und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu
veranlassen:
»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei
unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine
rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig
richtig,« sprach er.
»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe
nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß,
im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz
betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu
niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh,
keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal
den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder
Nachteil ist!«
»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer
sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag,
denn man verdirbt ja alles!«
»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte
zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer
Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber
führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht
zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben
höher bringen, als notwendig ist.«
»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber
wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere
Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine
Rassepferde kaufen.«
»Nun, da giebt es ja doch Banken.«
»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.«
»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der
Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige
mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten
vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich
wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte
-- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie
bezüglich der Maschinen.«
»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll
Genugthuung lächelnd.
»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde
mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell
wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten.
Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie
gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke
Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er
schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes
von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte.
Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt
worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt
im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner
der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die
Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie
mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht
ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke
ausgerechnet zu haben.
Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der
Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch
sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne.
»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy.
»Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder
mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.«
»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in
Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit
besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf
verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und
es erzielt daher keine Rente.«
»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?«
»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns
keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch
dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« --
»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren
hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere
steht heuer außerordentlich lange.«
In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus,
offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar
gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien.
Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er
die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem
zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht
die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle;
der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig
denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden
Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung
getreu.
Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und
das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen,
Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt
gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute
plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man
die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen
die Luft nach Kubikfuß berechne.
»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu
kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu
finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?«
»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine
Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr.
»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt
Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend,
soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche
Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,«
sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich
zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die
freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur
angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus
dem werdet Ihr nicht herauskommen.«
»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.«
»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich
auch finden.«
»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht
unsererseits suchen können?«
»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von
Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und
ausgedacht.«
»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er
bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen
Swijashskiys.
»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa
noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn
alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?«
»Nein, nur wenig.«
»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die
Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure
Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles;
Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?«
»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.«
»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau
kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie,
aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch
interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!«
»Und wohin sind jene Männer gelangt?« --
-- »Entschuldigung!« --
Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin
wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den
verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend,
ging, um seine Gäste hinauszubegleiten.
28.
Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der
Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß
jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht
ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen
Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung
einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe,
sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien
es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun.
Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch
den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu
reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab
sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um
sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy
empfohlen hatte.
Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit
Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine,
ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder
Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern
von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt.
Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch
goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren.
Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen
Rollsessel.
»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen
geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr
interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals,
welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er
mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber
der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird
gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze
diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen.
Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an
seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem
Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm
die Teilung Polens interessant?«
Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was
ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach
interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy
erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum
ihm die Abhandlung interessant war.
»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,«
sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.«
»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der
Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy.
»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!«
»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten
suche,« sagte Swijashskiy und lachte.
»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit
recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht
gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist
daran schuld?«
»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk
nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« --
»Mit seiner Fabrik« --
»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk
befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer
Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm
fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb,
weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das
Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« --
»Aber wie sollen wir das Volk bilden?«
»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und
nochmals Schulen.«
»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe
der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen
helfen?«
»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken
erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es
ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er
soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich
verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich
verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!«
--
»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?«
»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.»
»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie
sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu
verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue
Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in
der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten
denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur
Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie
begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe
mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib
antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die
Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich
frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den
Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<«
»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur
Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte
heiter Swijashskiy.
»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich
erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist
arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit
ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung
Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht
verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind
heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das
Volk wirklich elend ist!«
»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig
liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen
Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger
Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und
Lesenkönnens.«
»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar
nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich
ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies
eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird,
mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.«
»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.«
»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug
Lewin.
In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des
Erschreckens, als er lächelnd erwiderte:
»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr
sie nicht schon gehört haben?«
Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang
des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war
ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm
selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm
unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies
konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch
auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete.
Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser
freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der
gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch
ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er,
der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung
vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser
heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen
Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber
im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu
die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner
Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles
das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle
innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung.
Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf
der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine
Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf
nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des
Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber
forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er
vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und
berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem
geantwortet hatte.
»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft
komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und
man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne
diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie
kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen
Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der
Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir
haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode
eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen.
Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen
Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen
Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß
ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so
geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg
ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in
der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet,
ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher.
Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der
Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch
größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber
auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und
die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist
das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet
sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.«
Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe
Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der
Ausführung der Idee.
Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß
sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren.
Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn
im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue
über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt,
daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den
Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die
Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne.
Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode
umzuändern.
29.
Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er
besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte,
wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich
selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe
nicht.
Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen
Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von
vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen.
Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem
Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit
sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden,
welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich
gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man
hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag
anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der
ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen
Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung;
er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime
noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht
Zeit für die Sache sei.
In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des
Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete
er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der
laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine
Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung
zu überdenken.
Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt
vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen
des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte
dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen
Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht
Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende
anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu
machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der
Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist
beiseite.
Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der
Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem
bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie
waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen
auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen
nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie
wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht
war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener
gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und
festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es
bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen
landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder
zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl
zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend
Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er,
obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein
wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung
verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen
diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im
Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.
Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern,
den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten
zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war
und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der
Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in
einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden.
Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten
von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise
aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des
Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt
gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff
von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung
übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen
in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch
beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn
einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.
Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht
besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme
Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er
behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche
und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei;
er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus
nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war,
sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.
Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff
nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war,
und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen
gewesen sei.
Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht
hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr
Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr
als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu
Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so
könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber
schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen
vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem
Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.
Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten
seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte.
Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch
aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.
Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei
der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß
die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und
dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was
er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das,
sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff,
sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm
deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß
wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht
er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.
Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon
machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und
fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile
einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst
gehen müsse.
Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen
Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke,
beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum
auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht,
welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist
seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das
Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit
Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte
und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.
In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen
hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals
wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der
Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch
nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy
gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß;
er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den
Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die
ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.
In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit
größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung
der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den
Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er
vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht
anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in
den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder
ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen
er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur
Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit
denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische
Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas
entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar
seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen
Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab
Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und
alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen
von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung
des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.
Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er
gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß,
im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu
studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen
möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war.
Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen
und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen
würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest
diese, sie haben die Frage behandelt!«
Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas
sagen konnten und wußte doch, was er wollte.
Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche
Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das
Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das
Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur
daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer
eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig
auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im
Geiste des Volkes habe.
Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure
unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange
nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte,
welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so
mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er
theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.
30.
Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der
Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft
und der Gewinn verteilt worden.
In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch
so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein
schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu
vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der
politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft
vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war
es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles
zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er
überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei,
nicht das sei, was nötig war.
Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben
und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich
ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und
der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst
die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz
undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.
Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann
sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches
Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum
Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt,
um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.
Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen,
die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den
Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester
Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war
um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das
ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts
zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu
Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die
in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem
überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln,
die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das
noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse
rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit
der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter
Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm
gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.
Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu
trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst
vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.
»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was
man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des
Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es
handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze
Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund
aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner
Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft
Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine
unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen
Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement
um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt,
weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist
das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber
gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der
Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die
Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht,
-- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin
sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut
haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar
nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine
Geheimnisse anvertraute.«
Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon
hereingebrochen war.
Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen
Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der
Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so,
daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen
noch draußen hätten, nichts seien.
Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch
in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine
bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.
Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit
vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden
zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.
»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze
Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«
Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu
seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und
blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht
zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und
Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.
Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden
Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu
thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an
die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe
Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.
Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit
ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage
und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und
abzuschreiten.
»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna,
»wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht
man jetzt hin!«
»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu
Ende bringen.«
»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber
sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb
Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«
»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«
Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins.
Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten
dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er
sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte
sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.
»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten
bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen
Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so
gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort,
von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das
Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«
»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen
Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«
»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so
werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er
hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn
nicht, so kann man nichts machen.«
»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser
verwaltet?«
»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht
auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer
Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --
Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst
gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden
und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er
sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben
gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der
Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster,
wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.
Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen
eines Wagens in dem Kot draußen.
»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr
langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der
Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt
nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer
da wollte, kam.
31.
Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das
Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des
Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich
geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige,
wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht
mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und
diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei
nicht die seines Bruders Nikolay.
Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen,
war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm
auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm
selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm
das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt
eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte,
ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den
Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine
innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache
veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.
Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in
das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als
das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in
Mitleid verwandelt hatte.
So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem
kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr
abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur
noch in der Haut.
Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend;
indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin
dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein
Schluchzen die Kehle zuschnürte.
»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch
nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.
»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich
mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren
Handflächen streichend.
»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut,
als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines
Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.
Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben,
daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im
Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr
zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.
Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in
Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste
zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen
Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt
noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden
Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig.
Lewin führte ihn in sein Kabinett.
Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu
thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe
standen, und stieg dann lächelnd nach oben.
Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin
seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs
gedachte er heute ohne Groll.
Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und
frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen
Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich
Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.
»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes
Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und
dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine
Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige.
Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt
wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«
»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«
»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse
Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art
diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen,
daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal
zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten
behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten.
Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein
Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und
meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«
Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden,
was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er
begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von
sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu
heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.
Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon.
Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich
so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die
beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.
Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den
Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine
noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles,
was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was
sie ausschließlich beschäftigte.
Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man
zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem
offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute
gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie
hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen
über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein
Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu
leben gedenke.
Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so
quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer
spanischen Wand ein.
Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht --
wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er
nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er
»mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er
gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er
den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach,
aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. --
Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale
als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war,
in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne
Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht
mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm,
und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn
morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht
völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich
war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie
überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt,
darüber nachzudenken.
»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß
doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« --
Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine
übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung
seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um
so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der
That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den,
daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht
verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen
könne. Das war entsetzlich, aber es war so. --
»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?«
sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich
behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu
betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den
Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine
muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort
mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper
gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder
zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor
Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen
werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der
Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des
Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene,
verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was
kommen werde für ihn.
»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?«
rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.
»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« --
»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr.
Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte
das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder
aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.
Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben
solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod.
»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was
soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so
steht.«
32.
Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem
im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und
Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig
anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß
dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die
Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an
wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er
diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.
Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er
empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten,
sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das
heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen
einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du
mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es,
daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte
ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen
herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und
deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben
hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen
Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man
nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte,
fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei
ertappe und davon gereizt werde.
Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm
seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur
zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus
zusammenzubringen.
»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber
verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.«
»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt.
Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals,
der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,«
-- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte
bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte,
begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu
brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.«
»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm
alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern
willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner
Halsbinde zerrend.
»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« --
»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und
ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein,
wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und
unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber
zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen
könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird
doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« --
»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.«
»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug
ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten
Jahrhunderten.«
»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des
Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und
ihre Eigenschaften erkennen muß.«
»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem
Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat
überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die
Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du
noch?«
Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde
seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben --
recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den
Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte.
»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst,
wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig.
»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du
es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit
den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.«
»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte,
daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies
unterdrücken konnte.
»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine
Eigenliebe willst du befriedigen.«
»Schön so; aber verlaß dieses Thema!«
»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit
dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!«
So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte
nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren
möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.
Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin
wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben
sollte.
»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal
recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du
hast recht. Aber ich will dennoch fahren!«
Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam
und ernst auf den Bruder blickend:
»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine
Stimme schwankte.
Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren.
Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und
weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder
sehen.«
Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch
einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, --
wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. --
Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem
Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter
Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit
sehr in Erstaunen.
»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy.
»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.«
»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft
eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt
ist!«
»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.«
»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im
Begriff anzufangen!«
»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald
sterbe.«
Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen
letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an
denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so
mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor
noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade
mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr
nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich
diesem, klammerte er sich an ihm an.
Vierter Teil.
1.
Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu
leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig
entfremdet.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib
alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben
möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch.
Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah
ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.
Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die
Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben
auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern
werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage
sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß
diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die
Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von
welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher
war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern
fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und
Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn
eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die
Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.
Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das
von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.
Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche
durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten
Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die
Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es,
welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst,
sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es
auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese
Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu
übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob
er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich
war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet,
ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um
die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an
nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer
selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche
Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft
erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den
Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne
holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß
einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten
die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.
Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich
einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte
er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert
Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien
hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle
echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.
Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es
große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen
Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen
Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das
Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit
außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen,
setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob
dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.
Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings
dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der
weißgesiegelte Champagner.
Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er
selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen
Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien
ihm als eine furchtbar schwere.
Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl
empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen
Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet
und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.
Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton
strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er
keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit
denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut
fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne.
Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen
gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten,
aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich
lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst
wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner
Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter,
sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch,
weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und
Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und
nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit
Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm
Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen
großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer
Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber
regte ihn auf.
»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich.
Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm
verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank
entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von
diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.
Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der
Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine
Galavorstellung gegeben hatte.
2.
Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.
Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren,
kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu
mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis
zehn Uhr dort bleiben.«
Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so
direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie
ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der
Einladung zu folgen.
Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment
ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er
sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die
Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen
gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die
Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er
wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war
das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf
der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet,
indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf
französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,«
sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar
gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene
seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und
Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.
»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr.
Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich
hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig
vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.
Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach
der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler
Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt;
er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy,
»und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses
Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und
mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich
vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür
hin.
Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den
Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken,
gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem
ihn der Portier anblickte.
In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch
zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene
Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem
Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen
Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser
verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig
bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie
er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas
durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.
Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und
seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.
»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre
wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese
Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage
eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht
sein will!«
Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich
die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas
unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die
Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein
allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses
Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll
Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus
dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war,
ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und
fester an sie.
Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er
erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den
Salon zurückkehrte.
»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten
Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so
fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!«
»Was denn, mein Kind?«
»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich
will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht
früher. Nein, ich will es nicht thun!«
Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit
tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein
Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei
jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm
-- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war
-- mit ihm, wie er wirklich aussah.
3.
»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe
Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich
verspätet hast.«
»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«
»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das
thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem
Prinzen?«
Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen,
daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als
er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er
Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten
müssen über die Abreise des Prinzen.
»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«
»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich
mir das gewesen ist.«
»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen
Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei,
die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.
»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert
über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die
Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd
seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich
wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und
es ist mir unangenehm geworden.«
Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute
ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.
»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch
nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie,
»und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche
Abgeschmacktheit das doch war!«
»Ich wollte nur erzählen, daß« --
Sie unterbrach ihn.
»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«
»Ich wollte erzählen« --
»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein
Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend,
und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das
Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe
ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon
erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit
gesagt hast?«
»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn
nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht
entdeckte?«
»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der
Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir
zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?«
Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte
sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit
immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er
sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl
er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm
war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein
Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für
welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er
sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr
von Moskau aus nachgereist war.
Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch;
jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege.
Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der
ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu
ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der
Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck
auf ihren Zügen, der sie entstellte.
Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene
und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe
noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem
Untergange weihte.
Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch
stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu
reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem
gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr
empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst
werden könne.
»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan
verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide
unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu
erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«
»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm
entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren
Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich
gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu
erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr
Interesse hervorrief.
»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist
so gebildet?«
»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er
ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen
möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles
verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«
»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie,
und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.
»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.
»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig;
aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht
liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen,
Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«
»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand
ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.
»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich
gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht
eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du
hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir
unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder
mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers
eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach
der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in
dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey
Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast
unnatürlichem Tone.
»Wir trafen an der Thür zusammen.«
»Grüßte er dich?«
Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den
Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy
gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit
welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.
Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen
Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.
»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch
nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell
gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine
solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«
»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«
»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden
könnte?«
»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große
Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein
wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und
fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit
seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer
solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich
sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er
ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle,
ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib,
das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma
chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des
Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein
Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander
davon sprechen!« --
»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich
bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr
von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir
selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«
Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte
sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr
entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen
konnte.
Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden,
sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die
Krisis eintreten?«
Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das
Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den
früheren Ausdruck ab.
»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein
Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich
darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich
weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald
eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie
es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die
Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte.
Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel
zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir
nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles
lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«
»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.
»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie
nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu
sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin
sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen
rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und
küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar
keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So
wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand
mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben
ist.«
Er kam zu sich und hob das Haupt.
»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«
»Nein, nur Wahrheit.«
»Was, was für eine Wahrheit?«
»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«
»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume
ein.
»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal
gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte,
weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie
das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend,
»im Schlafzimmer aber stand etwas« --
»Thorheiten, wie kann man glauben« --
Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel
zu wichtig für sie.
-- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit
wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon
laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen
darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke
gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy
empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen
Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch
gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll
Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht.
Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das
bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer
Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« --
»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst,
daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.
»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte
noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der
Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und
Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und
verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser
Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen
Lebens wahrgenommen.
4.
Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der
Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er
wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er
sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den
Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein
Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer.
Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder,
sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.
Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren,
und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei
sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie
hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen,
seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das
Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe
verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde,
und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.
Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der
beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte
man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung
gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die
formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie
ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich
der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement
Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge
hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster
Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein
Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum
Morgen die äußerste Grenze erreicht.
Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut
tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich
damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem
Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben
habe.
Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet
in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine
Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus,
ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck
zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme
lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm
wahrgenommen hatte.
Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten,
geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete
das Schubfach.
»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.
»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.
»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er
erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren
Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie,
wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte
ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.
»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche
unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend,
daß sich seine Schulter hob.
Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.
»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren
Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«
»Ich mußte ihn sprechen, um« --
Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein
verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«
»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit.
Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen,
wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.