Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn
konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen
und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein
unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung
und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen.
Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses
Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte.
Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn
ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das
Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und
diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die
ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr
auch diese Ruhe.
Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit
energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee
nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.
Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem
Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck
gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er
seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er
mitgebracht hatte.
Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief
durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und
verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen
müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden
und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.
Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das
Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber
Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin
mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie,
»ich werde allein fahren mit meinem Kinde.«
»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff
Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem
Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und
küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der
verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres
Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.
»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich
bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner
harre wegen des Pfirsichs.
»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen
hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun?
Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
»Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in
seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er
mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich
nicht vielmehr bemitleiden?«
Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen,
erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse
hinaus.
Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter
eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das
frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.
Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren
Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.
»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr
gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab.
»Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß
dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst.
Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der
Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und
sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne
Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und
wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich
brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst.
»Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich
mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur
die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu
schreiben!«
Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich
an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben.
Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht
und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört,
aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid
großmütig und laßt es mir.« --
Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben,
dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte,
sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu
schließen, ließen sie innehalten.
»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« --
Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand;
»nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben
zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut
ausschloß, und siegelte es zu.
Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange
sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen
erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch
schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham
ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des
Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in
kleine Stücke zerreißen.
»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie
teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau
reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
16.
In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und
Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden
geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte
sich Zeitungspapier.
Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins
Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der
Treppe.
Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen
hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als
Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden
Equipage lenkte.
Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey
Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und
auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in
einen Sessel niedergelassen hatte.
Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres
Gatten adressiert war.
»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er.
»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener
das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder
eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das
Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der
Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter,
rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an.
Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über
ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr
erwartet hatte.
Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles
gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie
gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als
nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien
ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht,
er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher
Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt
das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu
erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und
kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man
weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles
erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein
einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das
Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt
hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht,
mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden?
Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er
selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit
ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen
kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so
geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte
er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen
haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus
erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen
Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene,
mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- --
»Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,«
rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die
Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten
Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht,
weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem
Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur
gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe,
nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt,
selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn
verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste
abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die
Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher
war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück.
»Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches
in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das
alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu
lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben
hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn
und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der
Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und
werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er
mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser,
als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden
ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!«
schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu
schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie
nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe,
aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und
entehrend sie auch waren.
Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben,
faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach
in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder
weinen.
Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung
ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles
beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als
früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm,
und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese
Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu
verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und
Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie,
soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie
eben hatte.
Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer
ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden
Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein
sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit
welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu
Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden
sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie
gestrafte Kinder weinen.
Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung
kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte
sie sich als ob sie schriebe.
»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener.
»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde
schellen.« --
»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein
entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?«
Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie
erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten
besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie
selbst abziehen könnte.
»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er
allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren,
vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig
übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde
nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er
auch nicht hinkommen.
Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer
Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief
dem Diener.
»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka.
»Gar nicht?«
»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich
will zur Fürstin!« --
»Welches Kleid befehlen Sie?« --
17.
Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen
hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden
Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten
neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen
Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte.
Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch
zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich
gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der
einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa
Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In
Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre
Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun
wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen
Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem
Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen
und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und
entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht
kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai,
selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an
die Fürstin,« und den Brief übergab.
Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm
eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen
wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun.
Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört,
und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür
hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume
erwartend.
»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist
es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im
Nebenzimmer.
Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die
nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar
nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und
doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so
unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette,
welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht
vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des
feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus.
Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles
machte sich schon von selbst.
Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden
Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten,
die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der
gerühmten Fürstin verleben durfte.
Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin
bemerkte es sogleich.
»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener
blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet
Wronskiys brachte.
»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin
etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man
kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an
Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort,
wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach
Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?«
wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand
drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich
muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit
Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher
die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht
nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar
Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick
noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären
können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil
Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und
versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie
einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie
gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie
sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und
Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres
verfallen können.
»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy,
aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen,
wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten,
daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns
in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den
Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des
Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,«
fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,«
sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht
in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die
für eine Partie Croquet.
Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie
diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets
für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon
interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure
Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses
Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle
Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht
die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die
Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein
als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme
der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt
sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, --
»nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine
Besuchspflicht erfüllen« --
»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und
Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das
geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den
ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr
werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten
Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus
einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm.
Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.«
Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte
Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde
führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem
Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein
Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es
sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das
nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde
verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon
von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« --
Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet
Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß
Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort
sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte,
gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der
ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein
=cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in
Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum
Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa
Merkalowa stehen.
»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna.
»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach
den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht
angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman
und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten
begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon
welche machte.«
»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna,
nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich
zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie
frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch
nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem
sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es
damit?«
Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und
sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.«
»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?«
Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter
aus, was bei ihr selten der Fall war.
»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage
eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen
es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende
Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird
sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen.
»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von
diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können.
Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.«
»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach
und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter
zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst,
daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette
weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.«
»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht
das Thema zu wechseln.
»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin
anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden
Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine
Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in
ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt
nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe
Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die,
wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens
hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird
sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt
vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit
feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und
dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber
auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht
geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst
kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als
die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« --
»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie
eben.« --
18.
Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine
weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.
Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte,
er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die
Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt
hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur
für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon,
durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ
sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.
Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in
kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen
derb nach Männerart die Hand.
Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich
überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher
ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.
Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem
Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in
seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe
kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung
unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und
unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in
diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber
wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und
unten versteckte, aufhöre.
Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.
»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast
überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd
und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf
die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska --
ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen
Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und
laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als
Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.
Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort
zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:
»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt
gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.
»Nicht jetzt,« sagte sie.
»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.«
»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin
doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch
einen Gast mitgebracht; hier ist er« --
Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie
vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet
seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war
ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den
Fersen folgte.
Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an.
Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen
Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.
Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte
und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel
Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu
schmächtig und zu aufgeschossen.
Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy
hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes
festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß
dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber
ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der
Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem
sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt --
aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem
Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.
Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften
Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben,
die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine
ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es
jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach
dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr
Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.
»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend.
»Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr
waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so
gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit
ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.
»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,«
versetzte Anna errötend.
Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.
»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend.
»Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das
Croquetspielen.« --
»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna.
»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man
Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.«
»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste
Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna.
»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch
langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus
nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« --
Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem
Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff
blieben beim Thee zurück.
»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man
sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.«
»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle
nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten,
immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte
man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr
es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna.
»Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau,
die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber
jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr
das anfangt!«
»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese
herausfordernden Fragen errötend.
»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch.
Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch
frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem
Gesicht.
Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden
brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als
der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als
kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders
liebenswürdig zu sein.
»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des
Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon
lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke,
sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde
langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht,
einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat
soeben Anna Arkadjewna gesagt.«
»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht
nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd.
»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder
wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!«
»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu
können, muß man gleichfalls arbeiten.«
»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand
etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das
will ich auch nicht.«
»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa
anzublicken, wiederum an Anna wendend.
Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit
ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie
nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin
Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem
Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr
angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu
beweisen.
Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte
Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.
»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß
Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.
»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser
Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch
noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier
andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen
anregt,« sagte er zu ihr.
Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften
Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die
Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der
großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm,
während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur
für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den
schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben
solle.
Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte,
wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung,
die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie
mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich
und fuhr davon.
19.
Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen
weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.
Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung
der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in
Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an
setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.
Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu
haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener,
fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller
seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«,
oder auch »=faire la lessive=«.
Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert
und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische
Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.
Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war,
kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch
gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.
Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die
kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich,
daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer
Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei,
und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den
nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht
sein könnten, als man selbst.
So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne
Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben
würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in
ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade
jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu
schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.
Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren
die Geldgeschäfte.
Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen
schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er
siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der
Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere
nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben,
während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht
der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei
Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche
sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld
bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine
Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa
viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und
zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden
Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte.
Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug
es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf
bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar
nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte,
daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in
der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy
übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben
müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren
Auseinandersetzungen haben wollte.
Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend
Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger
wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall,
den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und
dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der
völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden,
für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß
er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens
sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur
achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel
Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche
Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der
Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend
Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches
allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war
den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer
Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja
heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den
väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend
Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses
Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller
Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.
Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst
verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die
Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den
ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch
zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit
aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses
und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu
senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein
Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem
Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in
einer schwierigen Lage befand.
Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um
Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher
erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin
Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg
in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem
Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der
Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund
seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich
ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage
losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser
Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne,
daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er,
wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel
gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.
Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und
daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder
passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner
Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er
begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies
wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu
bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein,
und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er
mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht
schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und
seine Rennpferde verkaufen.
Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr
als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht
Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem
Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die
Rechnungen.
Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren
Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner
Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in
Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.
20.
Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen,
als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt
vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von
Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und
Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine
Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen
müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht
zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand
betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung
nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie
galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein
ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu
Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle
Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und
Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst
einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von
dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe
gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein
Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie
sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken
lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem
Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung
nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten
von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen,
davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher
aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der
Frau zu achten, die er liebte.
Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit
jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er
sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige
und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer
beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann
ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern,
-- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen
ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit
schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter
fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun
seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht
bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im
Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der
ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein
Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies
auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar,
es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem
er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel
sein.
»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies,
daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet
hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt
auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie
fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt
habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf
Urlaub gehen.«
Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht,
brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die
wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das
Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen;
der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl
so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner
Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im
militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte
er einen großen Fehler gemacht.
Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen,
hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung,
dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte
sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte.
Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert
hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte,
als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und
nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen
Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles
ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus
führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als
nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus
verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes
beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft
erwacht.
Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen
gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus
gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die
Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war,
im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen
und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien
heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine
Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden
pflegte.
Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen
begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als
Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine
Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen
konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend,
wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister
war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel
ihm beliebte.
»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht,
aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann
die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht
sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich.
Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir
verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens
nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht
verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy
nicht beneiden.«
In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand
er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten
eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe
Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über
die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell
und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete
sich an und verließ dann sein Zimmer.
21.
»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in
die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?«
»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die
Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der
Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu
kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich
komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet
dich.«
Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an
etwas ganz anderes.
»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm
herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer
horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?«
»Serpuchowskiy ist angekommen!«
»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln
seiner Augen wurde noch heller.
Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich
sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch
wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht
mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen,
daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm
selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute
sich über diesen.
»Ich freue mich sehr.«
Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die
ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt
und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel --
Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche
Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf
die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker
Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl
etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten
zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der
Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe
heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres
früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy!
Hurrah!«
Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd
Serpuchowskiy.
»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor
ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe
war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen,
zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch
seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und
seiner Haltung bestechend, wie früher.
Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen,
beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten
erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung
dieser Erfolge sicher sind.
Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an
Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy,
und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit
dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser
Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den
Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon
die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin
gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.«
Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen
Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy
zu.
»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit
sich auf die Seite führend.
»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf
Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich
dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich
nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen,
soviel auf den Mann kommt.«
Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus
und errötete.
»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem
Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« --
Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank
sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf
feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern
tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer
Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen,
namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen
begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden.
Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um
sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser
duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von
Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit
den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende
war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen
Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr
interessantes Gespräch.
»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy,
»und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.«
»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von
Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy
lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf
welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm
Vergnügen.
»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine
Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung
von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und
bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr
erwartet.«
Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn
Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet,
allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine
Schwäche und ich gestehe sie offen ein.«
»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg
gehabt hättest,« sagte Wronskiy.
»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich
will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es
lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre,
aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem
Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine
Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser
aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach
Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften.
»Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde
ich.«
»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch
schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken
zu leben braucht,« antwortete Wronskiy.
»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber
davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört
habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt
es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war,
nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.«
»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch
nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz
wohl.«
»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht
begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso
harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf
draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit
nicht zufrieden geben.«
»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.«
»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du
bist, werden gebraucht!«
»Wer braucht sie?«
»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine
Partei, oder alles kommt auf den Hund!«
»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen
Kommunisten?«
»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer
solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und
es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht,
freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine
schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte
Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen
Männern, wie du und ich.«
»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind
das nicht unabhängige Männer?«
»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit
ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne
nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt
haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit
Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie
eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee,
eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses
erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung
inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin
que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich
weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag,
weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen
wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen
lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je
der Fall gewesen ist.«
Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es,
der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys
Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu
befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen
hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die
sich auf die Eskadron bezogen.
Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner
unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen,
mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so
selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung
es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden.
»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht
genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl
einmal so, aber das ist vorbei.«
»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy.
»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu
sein,« fügte Wronskiy hinzu.
»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird
nicht immerdar sein.«
»Möglich,« versetzte Wronskiy.
»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen
Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem
Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das
verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich
bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich
nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast
du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher
steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie
ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich
bringe dich unmerklich empor.«
»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy,
»ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.«
Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich
verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden,
aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein
Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu
befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle
berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal
die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so
erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach
Tausenden kennen gelernt.«
-- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher
soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur
lud.
Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was
Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte
Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib
zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein
einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben --
das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr
Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man
nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten
kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit
der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte.
Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein
solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so
vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff,
Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde
gerichtet!«
»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die
Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis
gehabt hatten.
»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist,
um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen
davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem
anderen entreißt.«
»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend
und Annas gedenkend.
»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins:
die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus
Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- --
-- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden
Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen
wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.«
Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy.
»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?«
»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.«
22.
Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit
zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren
zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl
so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger
Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die
Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur
allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die
Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen
brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens
-- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung
freudiger Lebenskraft.
Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte.
Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des
andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines
befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden
war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief
auf.
»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein
Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals
war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt.
Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu
empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen
zu verspüren.
Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna
eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er
erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des
Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders
angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des
Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem
bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch
an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst
die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die
scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt
begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das
unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den
regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche
hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in
den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches
Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden
war.
»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster
herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er
dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach
etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell
rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche
ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in
dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so
vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie
liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der
Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie
das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?«
dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er
ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die
Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee
entlang, welche zum Hause führte.
In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt,
erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier
bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur
ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des
Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen
seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien
ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte
dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den
er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine
innere Stimmung.
»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?«
»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend,
»komm, ich muß mit dir reden.«
Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses
Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er
seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen,
fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst
mitteilte.
»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und
sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen,
dann blieb sie plötzlich stehen.
»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam
atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles
offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben
könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« --
Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend,
gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern.
Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und
sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir
das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie
las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht
wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog,
welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche
Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen,
und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf
dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht
die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu
verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte,
bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von
äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige
Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht
entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt
hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen
und mit ihm gegangen sein.
Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet
hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,«
sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres
Mannes aus ihrem Handschuh.
»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend,
ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich
gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich
mein Leben deinem Glücke weihen kann.«
»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran
zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« --
»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend,
die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte
er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es,
als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf
ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann
ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt.
Lies!« und sie blieb wieder stehen.
Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der
Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem
natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem
beleidigten Gatten wachrief.
Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich
unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute
oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in
welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in
seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst
aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber
huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm
soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen
gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und
er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In
seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst
schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen
mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre
letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was
sie erwartet hatte.
»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme,
»er« --
»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott,
laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend,
ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die
Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.«
»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend
und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie
empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach
unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden
könne, aber er sprach etwas Anderes.
»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und
hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst,
unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er
nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn
verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!«
»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du
verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.«
»Für wen erniedrigend?«
»Für alle, und am meisten für dich!«
»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für
mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt
nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe
und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich
dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur
eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle
ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden
könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« --
sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der
Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte
auf.
Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er
ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte
nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er
empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne;
zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei,
daß er schlecht gehandelt habe.
»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte
das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn
mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm
selbst ab.
»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung,
daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht.
»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann
entscheiden.«
»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit
sprechen.«
Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das
Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
23.
Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli.
Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die
Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf
seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden
Papieren legend.
Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen
Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen
beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht
notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in
seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er
wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor
sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit
zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser,
als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner
Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben
würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung
des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt.
Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände
schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm
liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung
seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich
aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm
hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich
gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu
rufen.
Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit
seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs
der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die
Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte
sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies
gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende
Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung
in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten
auseinanderzusetzen.
Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der
Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls
Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite
gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische
Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und
seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue
Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger
Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey
Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit
einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht
umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der
Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den
Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der
stattgehabten Sitzung.
Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey
Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag,
der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war
verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm
meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm
entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge
dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als
sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man
teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite
noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen,
daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte
sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr
kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie
begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu
treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung,
daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß
er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor
begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde,
und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen
Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als
sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im
Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich
mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie
erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort,
daß er an sie dachte.
Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich
erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna
nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr
entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf,
nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und
bat sie Platz zu nehmen.
»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr
niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch
hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber
wieder inne.
Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen
verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte
sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand
Mitleid mit ihm.
Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort
abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß
sogleich wegfahren.«
»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie.
»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,«
versetzte er und verstummte dann wieder.
Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie
das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge
unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin
ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das
noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen,
Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.«
»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit
entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das
habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er
offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine
Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,«
fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt,
daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich
ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen,
damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er
betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange
ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt
ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so
bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn
Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu
ergreifen, um meine Ehre zu wahren.«
»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,«
antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend.
Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese
scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die
Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie
fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte
Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein,
da ich« -- begann sie.
Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer
Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das
Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß
ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie
mir unterschiebt.«
Anna seufzte und senkte das Haupt.
»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen
Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem
Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie
es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung
der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den
Mann hat.«
»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?«
»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr
selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen
Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist
nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines
ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen
erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich
fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.«
Er erhob sich und schritt nach der Thür.
Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür
hinaus.
24.
Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn
nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn
jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien
-- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern
gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten
und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus
hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen
gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem
solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr
Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten
betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine
Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß
er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden
vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung
den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage
für alles bildete.
Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein
wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig
Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das
war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit
den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten.
Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er
über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der
Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die
Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger
Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen
Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben
zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach
der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die
natürliche Ordnung der Dinge.
Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung
seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des
Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die
Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und
das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren,
doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein
unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage
kam.
Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden
Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil
dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug
Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur
darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es
gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so
viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht
die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel;
daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er
mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache
war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er
hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten
werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut
durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber
man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es
so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet
werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil
sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine
hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte
dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer
zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden
Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber
werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als
untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen
war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur
die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin,
nur ruhig zu bleiben.
Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein
einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf
den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht
hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet
hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber
nur »macht was Ihr wollt«. --
Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke
auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie
vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde
mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb
dreier Tage gefallen seien.
Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner
Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn
lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als
höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und
sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur
fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten
Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin
Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er
erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch
das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen.
Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen
klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen;
die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr
interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr
mit ihr befassen.
Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur
dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen
wollte und doch nicht konnte.
Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu
kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei
ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu
verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte,
nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie
zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er
wußte, daß sie sich dort befand.
Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn
zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb,
weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu
sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig
gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne
die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen,
ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr
hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch
nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können?
Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat?
Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir
versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden,
der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja
Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen
können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber
ist das unmöglich, ganz unmöglich.«
Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um
einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen
solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?«
Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges,
feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb
wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den
Sattel ohne Antwort.
Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen
konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder
verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. --
Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im
Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern
Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und
fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy,
welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst
geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn
zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon
lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen
Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er
sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders
auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd
halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
25.
Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine
Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu
füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem
fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an
den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen,
sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin
in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten
Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie
erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber
sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu
nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg
sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu
scheuern.
»Soll ich den Samowar bringen?«
»Ja, bitte.«
Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und
eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch,
eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr.
Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles
erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs
gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden
mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der
Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er
nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren
Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am
Brunnen zu holen.
»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht
wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch
bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der
Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner
Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein
kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche
an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und
stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren
zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren
Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere
noch jung.
Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte
sich daran sie auszuspannen.
»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin.
»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den
Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen
einspannen.«
»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche
mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen,
augenscheinlich ein Sohn des Alten.
»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel
auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag
gegessen wird.«
Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern
niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge
hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder,
erschienen jetzt.
Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche
die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte
aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen
Thee zu trinken.
»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte,
augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur
Gesellschaft.«
Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten.
Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig
Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und
weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen
kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder
verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner
Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.
Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand,
daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in
voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht
Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem
Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten
immer besser und besser entwickelt haben.
Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen
berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine
Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses
ganze Hauswesen so gut stand.
Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich
Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln
und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten
schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.
Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug
nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die
unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem
Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen.
Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter
verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als
unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter
nicht genug loben.
»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg
und der Wagen fährt sie herein!«
»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,«
sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.
»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich,
indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte.
»Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe
Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es
ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht.
Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.«
»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?«