sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die
Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend,
langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in
der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das
Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief,
von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit
Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich
freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön
aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem
ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem
vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell
zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe
zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren
schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte
anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu
bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen
der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen,
den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense
hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der
Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit
ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden
Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft
wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und
ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken
und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur
frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze
Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches
Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es
jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine
Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen
gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er
beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken
fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit.
Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und
angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder
die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte,
blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise
etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?«
dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne
Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten
und nun frühstücken mußten.
»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die
nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom
Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde.
Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der
Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
»Er wird es verderben,« sagte er.
»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen
Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den
Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch
Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen
war.
5.
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in
der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine
Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem
Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten
Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar
nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im
Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe
niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in
das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche
Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren,
arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte,
lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als
einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien
ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn
überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen
Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft
und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des
Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken
braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige
Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den
Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen
Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des
Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und
Lewin damit regalierte.
»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine
Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet,
wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem
rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense,
während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller
Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter
überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide,
ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der
Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense
schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding
mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne
sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und
sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene
Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen
Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen,
so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der
Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen
Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und
beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen
kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald
beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er
ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter
aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob
sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend
und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern
dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk
auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der
Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu
gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie
lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe
Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer
Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen
und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen
Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen
kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene
Schüsseln voll Kwas.
»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen
weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend.
Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die
Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die
Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend,
saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter
die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras
gedeckt worden war.
Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die
Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die
Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die
Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem
Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot,
salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu
verrichten.
»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die
Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft,
daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem
Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche
Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm
selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten
zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als
seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung,
die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und
abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras
unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief
sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne
schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und
den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon
auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte
schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so
hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war
gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren
schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen
der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser
selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl
mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der
Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der
Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten --
und alles das war ihm neu.
Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits
geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden
konnte.
Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel
geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig
Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch
nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber
Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne
ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er
wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug
er den Alten.
»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps
wird den wackeren Burschen recht sein.«
Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige
rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin
Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen
schon schwingen.«
»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen
und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen
vorangehend.
»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend,
»oder ich schneide zu -- hüte dich!« --
Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr
sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden
fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten
fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die
vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg
hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen.
Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die
Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der
Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und
saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging
Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich
großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu
mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in
der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an
den Wald.
Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und
nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo
sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen
duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen
Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen
zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den
Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der
letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand
sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit
voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke
Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem
derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz.
»Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei.
So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden,
so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und
abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense
stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die
Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl
er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider
ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen,
keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern
und mit Lewin ruhig weiter.
Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit
der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne
solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine
Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit
ihm wirkte.
6.
Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden
nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher
Stimmung heim.
Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur
ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab
blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus
der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch
vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der
aneinanderklirrenden Sensen.
Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm
Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei
die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin
mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken
und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins
Zimmer zu ihm hereintrat.
»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist
staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin,
der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch,
in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd.
»Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend
Mücken hereingelassen!« rief er dann.
Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in
seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er
sorgfältig verschlossen.
»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ,
dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich
gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?«
»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen
Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte
alles für dich fertig gemacht.«
»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt
will ich gehen und mich waschen.«
»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey
Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur
schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher
zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei
guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu
trennen.
»Wo warst du denn, als es regnete?«
»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen.
Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.«
Lewin ging, um sich anzukleiden.
Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder
zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger,
setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu
beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich
ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn
lächelnd an.
»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf
hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß
die Thür wieder geschlossen wird!«
Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy
schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten;
sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch.
Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe
ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht
freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine
Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.«
»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief
Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so
braves Weib; nicht wahr?«
»Ist es nicht zu weit?«
»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich;
wir werden zusammen fahren.«
»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der
Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit.
»Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von
der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für
Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen
Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.«
»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.«
»Nein; nur manchen Nervenleidenden.«
»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte
zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich
nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und
bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme,
die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit
ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen
sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als
ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine
konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr
scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren
aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.«
»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in
meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht
dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es
ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich.
Wie?«
»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe,
mit deinem Tag zufrieden.«
»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für
einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das
nicht vorstellen, -- eine Pracht!«
»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe
ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird
durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe
ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.«
»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den
Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit.
Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu
vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere
Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment
das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein
Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß,
welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch
damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die
wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die
Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine
leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.«
Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen
Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der
Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß
er gar nicht zugehört habe.
»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der
Schulter fassend.
»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf
meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten
Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich.
»Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber
jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich,
dehnte sich und lächelte.
Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im
Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit
Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem
Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.«
»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch
erschrak.
»Was; was hast du?«
»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den
Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!«
»Sie ist weit besser geworden.«
»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut
aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.«
Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe
hinab.
7.
Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung
jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den
Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht
möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit
dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung
dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend,
die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den
Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land
übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie
hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von
welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige
fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen;
doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht
worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, --
geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts
von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt
und baufällig geworden.
Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte
Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung
anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt
um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und
traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich
war, Verfügungen.
Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit
Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu
säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen,
dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren
Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und
Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen,
daß er Weib und Kinder besitze.
Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein
erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau
voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein
Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht
sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die
Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja
Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den
Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres
Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht
zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den
vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die
Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten,
befreien konnte.
Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil
sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können,
welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und
der Bäder verschrieben worden waren.
Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm
dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können,
welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr
beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es
war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort
vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier,
wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden
gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und
billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl
dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das
Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war,
als sie gedacht hatte.
Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der
Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in
das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht
vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd
einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben
keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die
Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu
erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber,
die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf
dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das
einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man
nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege
aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht
unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten
kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher
wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten
auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen,
sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt.
Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein
Plättbrett war nicht da.
Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu
finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus
furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie
empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen
zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein
früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und
von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum
Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin
nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist
unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst
keinerlei Beistand.
Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das
in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür
aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja
Philimonowna.
Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles
machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey
angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte
schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee
zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten
beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja
Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der
Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen
sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach
Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das
Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, --
Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit
dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel
gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie
sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch
überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der
Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja
Philimonowna, auf das Brett weisend.
Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu
baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen,
die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen
Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja
Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte
krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu
schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab
es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja
Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden
gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren
Mann, der sie nicht liebte.
Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die
Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie
angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern
empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen
Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie
unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken
sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch
schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. --
Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr
und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in
jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als
Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich
selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in
verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie
fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
8.
Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung
gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über
die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß
er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich
sein würde, zu kommen.
Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni
lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den
Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren
Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und
Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre
Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte
ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest
glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der
Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu
geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der
Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre
nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie
sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas
entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle
ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht,
umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe
aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit
dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja
Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung
die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit
ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die
Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja
Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen.
So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen
Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der
Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu
warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe
vor dem Wagen und harrten der Mutter.
In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der
Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt
worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene
Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem
weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und
angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und
zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher
geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie
that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter
ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von
sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie
dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug
für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren
Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu
sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst
hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren
sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten.
Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich
fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber
dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und
überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit
ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu
lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some
more=.«
Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich
etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen,
und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin
hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde
an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen
gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge
geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa
keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude
einigermaßen verdarb.
Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe
man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm
ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch
allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach
Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu
dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene,
die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die
Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit
einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein
Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis
gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen,
anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun
unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die
ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch
sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« --
Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber
auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die
Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren
Anteil mit.
Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie
aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie
ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die
lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die
strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter
und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen,
lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen,
die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des
Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze
suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien
erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach
dem Bade.
Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine
Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und
ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein
allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!«
Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken
gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij
band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume
fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine
Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder
zu ihm herüberdrang.
Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen
und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die
sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu
wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie
auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch
Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als
zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an
diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen
durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen
Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie
oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen
Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten
erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher
Genuß.
Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige
Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr
ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu
geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese
lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach
sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden,
und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung,
die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber,
Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig
mager« --
»Ja, sie ist krank gewesen.«
»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine
Brustkind weisend.
»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit
Stolz.
»Seht einmal an.«
»Hast du denn auch Kinder?«
»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen.
Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.«
»Wie alt ist denn das Mädchen?
»Es geht ins zweite Jahr.«
»So lange hast du es genährt?«
»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« --
Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja
Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was
für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so
interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren
Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja
Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten
davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so
hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die
Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns
bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt,
die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte
Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können,
wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
9.
Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe
hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor,
als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es
scheine, von Pokrowskoje.
Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie
unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt
Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies
besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen
konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas
Aleksandrownas zu würdigen.
Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie
er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen
hatte.
»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!«
»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend.
»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein
Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung
empfangen, daß Ihr hier wäret.«
»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr
würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin,
plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend.
Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige
abbrechend und anbeißend.
Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna
die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden
war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem
Gatten zu erledigen gewesen wäre.
In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen
Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen,
Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß
Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis
halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als
ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr.
Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier
seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte,
so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.«
»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem,
jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,«
fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man
von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie
kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge
Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung
gegangen sein.
»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,«
sagte sie zu ihm.
»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den
Pferden um die Wette laufen?«
Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn
gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl
der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor
Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so
übel bekommt.
Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten,
scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste
Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so
geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte,
von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die
Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie
auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und
liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter
gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab
sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit
heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe
oder sie fallen lasse.«
Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten,
kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins,
und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so
sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig
überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders
an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies,
machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen
und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf
Kity zu sprechen.
»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir
zubringen.«
»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das
Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe
senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel
monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.«
»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns
in Ordnung.«
»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet,
anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der
Fütterung.«
Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja
Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin
bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch
umzusetzen habe.
Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres
über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder.
Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe
wiederum zu nichte gemacht werde.
»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll?
Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit
Widerstreben.
Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so
verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu
verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im
Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine
Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte,
daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr
dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich,
wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und
der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der
Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage,
auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und
unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity
zu sprechen.
10.
»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und
Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in
Erregung.
»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt
nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.«
»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly
schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten
zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna
mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr
denn eigentlich auf Kity bös!«
»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin.
»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns,
noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?«
»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend,
»ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer
Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu
Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« --
»Was soll ich wissen?«
»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,«
fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute
zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu
einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?«
»Daraus, weil es alle wissen.«
»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es
vermutete.«
»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.«
»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity
entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen.
Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat
sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's
doch!«
»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.«
»Wann geschah denn das Unglück?«
»Als ich das letzte Mal bei Euch war.«
»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity
thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« --
»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« --
Sie schnitt ihm das Wort ab.
-- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.«
»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin,
sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.«
»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend.
»Bleibet und setzt Euch!«
»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema
sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und
lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben
geschienen.
»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die
Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte,
wie ich Euch kenne,« --
Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder
in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr
freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und
wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner
Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften
Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne
sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt
vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.«
»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« --
»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das
Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch
ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was
ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt,
macht ihr eine Erklärung« --
»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.«
»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden
ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht
eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es
selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, --
ja oder nein.«
»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und
jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von
neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich
weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist
hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine
Wiederholung giebt es nicht.«
»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast
geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit
demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr
Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher
sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der
Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy
entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht.
Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum
Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets
zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.«
Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein,
es kann nicht sein.«
»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer
Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder
unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit
sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich
geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.«
»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich
von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder.
Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß
ihre Abweisung damals gar nichts beweist.«
»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr
nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind
gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so
schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber
es ist tot -- tot -- tot« --
»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem
Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und
mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht
zu uns, wenn Kity hier sein wird?«
»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina
Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich
mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.«
»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll
Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten
wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?«
frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch.
»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!«
Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie
Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann
in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt
im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er
bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen
es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte
er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche
wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der
Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder
auf diese Weise zu erziehen.
»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.«
Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz
dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das
Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand
er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und
Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich
etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage,
all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja
hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief
hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit
wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es
schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte,
gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie
erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur
die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene
Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. --
Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu
denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu
trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes
bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber
dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen
und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur
nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann
bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie
haben.«
Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr
zurück.
11.
In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner
Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag,
mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte
aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren
waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden,
als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er
nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte
ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar,
wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin
selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu
einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden
sollten.
Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre
schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und
dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern
gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden
Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der
Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien
und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen.
In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime
abgeteilt und aufgebaut.
An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel
Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit
welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie
an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und
beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei
einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders
und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere
Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut,
er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von
seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen
betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich
zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten
durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um
die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren
hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune
bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen
gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines
Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf
seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe,
und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne.
Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern
selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten.
Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit
hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die
weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem
Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in
zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen
Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut
herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet
graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und
aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf
der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem
andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln
hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke
mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde
herniederhing.
»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der
Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich
Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die
auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit
Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die
letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des
Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und
lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib,
welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin.
»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
»Ein tüchtiger Bursch.«
»O, nicht doch.«
»Schon verheiratet?«
»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.«
»Kinder da?«
»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben
ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist
vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden
jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem
Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges
hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel
gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze,
umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken
aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel
hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen
Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten
Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen
dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in
gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den
Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger
Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und
legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu
mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der
ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße,
nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um
die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und
lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im
Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst
erwachte Liebe sichtbar.
12.
Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das
hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf
den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu
den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf
den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken
an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen
prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach.
Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe
bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener,
rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an
wieder auf.
Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als
nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran,
sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen,
die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und
lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien,
Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde
Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von
Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig
liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte,
ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen
körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu
gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen
wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten
augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten
wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung
daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer
Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die
Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre
Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit
genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose
Grübeleien.
Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des
Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam
Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in
dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar
der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige,
müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso
arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen;
das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren
heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot
und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen;
er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten
in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht
hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim
Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller
Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn.
Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur
noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde,
die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen
schnaubten.
Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute
nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst
und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was
er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles
was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei
Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden
lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung
gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die
zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er
jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit
dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin
jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so
schmerzlich empfand.
Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er
diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte.
Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen?
Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit?
Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten?
Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu
finden.
»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare
Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon
klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über
mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren
thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu
sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte
stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen
Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch
alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese
Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und
nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz
ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben
gewandelt.«
Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu.
Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe;
eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht,
bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor
Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein
Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der
Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche
entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die
Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke
sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem
Boden rollten.
Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken,
wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an
dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges
Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens
festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen,
Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg
auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen
Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten
ihre Züge.
Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in
der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war,
die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu
vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach
Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte,
alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im
Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort
allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite
des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die
Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so
qualvoll belastet hatte.
Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war
verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden
zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die
öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet,
einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke
zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen
Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem
Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen
wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine
geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr
vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des
Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und
mehr verkleinerten.
Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit
Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke
zu antworten.
»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache
Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja
sie.«
13.
Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am
nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte,
nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten
Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht
gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von
Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er
die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und
instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe
nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und
in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch
die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch
einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht
hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre
Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit
den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey
Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen
sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie
eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte,
daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der
herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich,
jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen
rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des
Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und
reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit
die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst
zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage
seinen Entschluß mitteilen.
Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen
bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey
Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes
seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre
Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner
Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener
Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der
Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem
schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz,
nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf
selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich,
seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist,
was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an
sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und
nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam
und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben
könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe
dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im
Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in
der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte.
Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren
Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht
erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine
Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben
an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich
kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,«
sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun;
sie existiert für mich nicht mehr.«
Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen
im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört,
ihn zu interessieren.
Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage
darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst
vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von
diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall,
und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und
nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung
würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus
der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich
werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr
verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.«
Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der
erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten
»schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von
Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner
Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf
Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch;
ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch
weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von
Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch
darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl
dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl
auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige
Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt
hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer
verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen
kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum,
wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.«
Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche
seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- --
Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch
viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch
schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey
Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken,
welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem
Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf
häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität
treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein
Leben einer Gefahr aussetzte.
Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß
er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte
geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so
mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in
Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte,
daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht
so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen
befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch
besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten.
Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand
zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und
erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer
Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah
ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum
Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man
postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die
Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er
schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen
-- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke
begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen
Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen
über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch
wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte
getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer --
verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug
hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als
ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine
Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden
nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland
braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es
wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie
eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur
einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und
falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint
demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine
Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein,
der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.«
Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey
Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von
ganz besonderer Wichtigkeit.
Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey
Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen
jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl
er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab
deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten
Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey
Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der
Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die
untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld
nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur
scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen
Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch,
daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung,
daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich
befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen,
die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber
verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack
seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall
überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die
Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft
mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß
führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur
Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein
hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter
möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung
nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen,
selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle
Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan
vereinigen würde.
In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie
ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit
seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches,
sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen,
damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey
Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen
Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich
erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine
kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid
wickelte.
»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie
Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich
einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und
beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen
Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und,
was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei
einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem
sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann
nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich
werden!«
Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er
noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im
Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau
ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz
gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch
die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese
Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er,
daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann
von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung
musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er
sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu
behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun,
um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich
dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen
Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie
die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie
einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu
beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung,
daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer
Beziehungen zu dem Liebhaber.
Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe
schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch
eine weitere wichtige Erwägung.
»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit
der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das
verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit,
sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen
Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.«
Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen
sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen
Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in
diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte,
ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt,
da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie
ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine
vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude
zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr
niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den
Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch
gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr,
und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr
einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die
nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.
Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung
wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch
keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen
leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.
»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten
Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß
ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie
muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht
unglücklich werden kann.«
14.
Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur
vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar
einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.
Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die
Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren
und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.
»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit
einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune
galt, indem er das Wort »_niemand_« betonte.
In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab;
dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem
Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen
angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann,
seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen
auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und
begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an
sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend,
welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der
russischen Sprache.
»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch
meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung
mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt
mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.
Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen,
so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit
welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie
kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem
Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser
Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist.
Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.
Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr
bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt,
daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der
Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit
zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen
können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich
indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu
können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch
ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht
später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung
nötig sind, werden getroffen werden.
Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner
Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.
A. Karenin.
=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein
könnte.« --
Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich
damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort,
kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es
hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des
Rückzuges. --
Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven
Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt
hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei
ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten
Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.
»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna
gelangt,« sprach er und stand auf.
»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« --
Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat,
mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die
Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die
eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem
namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey
Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten
frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer
Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der
Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen
auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand
mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.
Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er
plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr«
denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig
in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen,
vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die
eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf
das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an
sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit
entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches
Interesse in Anspruch nahm.
Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung
eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung
sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen,
und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde
aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen
gewähren werde.
Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder
verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen
Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften
halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der
Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium
der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der
vorliegenden Verwickelung oblag.
Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs
als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder
strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz,
seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm
seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller
offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der
Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung
der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun
hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom
zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement
Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium
Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die
Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in
derselben gepflogen worden war.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der
Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von
dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen
worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital
völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu
nichts führen konnte.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich
erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der
ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften
fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine
undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit
anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem
Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen
ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische
Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.
Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater
derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die
Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten
Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem
Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand,
dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon
diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte
die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und
Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung
der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß
er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die
Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der
Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in
der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey
Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die
angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub
dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von
Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches
Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage
der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene
Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber
etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der
Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche
seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen
wären.
Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es
solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die
Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die
Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den
offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte
eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck
der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von
folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom
administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=)
vom materiellen und =f=) vom religiösen.
Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über
diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn
Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen
Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und
viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber
eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No.
17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und
vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des
Gesetzes gehandelt habe.
Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs,
als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem
er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das
Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen
Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach
dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald
verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen
Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt
worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als
er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte,
letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.
15.
Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als
dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie
diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte,
aus vollem Herzen, sie verändern zu können.
Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in
der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber,
ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.
Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue
sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens
keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr
zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie
konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte
sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz,
den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm
sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie
dachte.
An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von
dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch
zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.
Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr
auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und
dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen
konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben
Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was
daraus erfolgen werde.
Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war
fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem
Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen,
allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht
gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber
sagen wollen und doch nicht gesagt?«
Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über
ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff,
daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt
erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht
abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.
Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher
gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun
thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es
könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause
hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt
offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle,
wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.
Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe,
als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht
anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.
Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und
welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann
gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über
sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte
es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und
ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.
Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat
endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und
errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten
sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie
brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran
erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse
Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu
einer Partie Croquet kämen.
»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht,
ich erwarte Euch,« endete Bezzy.
Anna las das Billet und seufzte schwer.
»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die
Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich
sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.«
Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern
verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit
herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im
Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in
sich zusammensinkend.
Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das
erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie,
obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie
auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey
Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung,
daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete,
möglich sei.
Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis
vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie
fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden
Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie
eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand,
oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte
es nicht.
»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in
beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung
gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den
Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann
umherzuwandeln.
»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,«
sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der
nämlichen Lage antraf.
»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum
erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres
Sohnes.
»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort.
»Was hat er denn verbrochen?«
»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr
wohl eine derselben heimlich verspeist.«
Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen
Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an
ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben
gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in
den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß
ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze,
unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu
Wronskiy treten würde, geblieben sei.