in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in
Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an
ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr
ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.«
--
Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das
Gesicht mit den Händen bedeckend.
Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade
Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die
feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte
sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz.
Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem
nämlichen Ausdruck nach ihr hin.
»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der
äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte
-- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren
sollen, und die werde ich Euch mitteilen.«
Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte
er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach
Petersburg davon.
Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und
brachte Anna ein Billet:
»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung
sei.« --
»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran
gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren
noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres
letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie
hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu
sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott
sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.«
30.
Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte
sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy
gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft
vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und
unveränderlichen Platz anweist.
Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die
bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch
hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden
Platz eingewiesen.
Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach
dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den
Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher
festgesetzten Kaste einkrystallisiert.
In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche
Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch
energischer vollzog.
Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter
vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.
Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr
einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.
Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf
dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die
Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr
herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.
Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und
mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem
Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit
einem Mr. Canut nebst Schwester.
Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus
einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche
Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt
wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity
von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte,
und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem
farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man
sich nicht von ihm frei machen konnte.
Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity
sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad
gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.
Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie
fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das
hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt
die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.
Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten
nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch
jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener
sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen
mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die
wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung
dafür in ihren Beobachtungen.
Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge
russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen
war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.
Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank,
daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders
schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.
Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher,
nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen
Badegäste Umgang pflegen ließ.
Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich
auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren
es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.
Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von
Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame
Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle
Warenka«.
Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen
dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten
Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine
unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach
den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie
gefiel.
Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste
Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne
Jugend.
Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut
auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der
krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.
Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße
Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren
Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber
mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar
noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen
Blume.
Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht
anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß --
die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener
Anziehungskraft.
Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für
sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es,
vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.
Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich
hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild
für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein
Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so
widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem
männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine
schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.
Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte
sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf
sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie
nun, mit ihr bekannt zu werden.
Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder
Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt
doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir
vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir
gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich
interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«
»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der
Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr
lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«
Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war;
entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab,
oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder
sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie
ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.
Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur
noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit,
freilich nicht angenehmer Art, erregten.
Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen
Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er
hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen.
Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von
großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.
Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in
ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie
zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin
Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser
Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über
diese beiden Menschen entschwanden.
Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb,
weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese
Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.
Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe
zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.
Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche
sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und
sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.
31.
Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen
Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren
Sonnenschirmen.
Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in
seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften
Überzieher plauderte.
Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin
auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide
und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer
blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie
Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.
»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer
unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen
schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.
»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor
über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was
findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch
wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt
machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu,
stolz das Haupt erhebend.
Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß
Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen,
sie drängte sie daher nicht.
»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach
Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas
Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«
»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir
doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß
Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem
er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.
Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr
ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.
Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in
Zorn geraten.
Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity
entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen
gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.
Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab
es denn dort?« frug die Fürstin.
»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man
sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande
zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte
ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er
sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«
»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«
»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein
Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.
»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.
»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere;
nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«
»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß
ich von ihr entzückt bin!«
Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin
beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen
Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren
übrigen Schutzbefohlenen.
Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die
Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen
fremden Sprache auszudrücken wußte.
Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft
mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein
mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl
bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft
viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über
Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese
vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht
zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese
Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser
bekannt.
Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging,
Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.
»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem
würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht
aber kennt Ihr mich nicht; ich« --
»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete
Warenka schnell.
»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten
Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.
Warenka errötete.
»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts
gethan,« antwortete sie.
»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«
»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn
zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich
habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«
»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt,
wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«
»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr
aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka,
wiederum errötend, hinzu.
Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war
dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum
ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.
»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.
»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.
In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß
ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.
»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle«
--
-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«
Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen
Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand
unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.
Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht
schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen
Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.
»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.
»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --
»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber
schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei
kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu
ihr gelaufen kamen.
»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.
Warenka folgte ihnen.
32.
Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit
Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die
letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:
Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode
geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel
aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte
Frau.
Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes
genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die
Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der
Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus
und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in
Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war
Warenka.
Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog
diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden
Verwandten mehr besaß.
Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im
Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.
Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe
gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und
hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.
Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische
Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie
äußerlich erschien.
Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch,
protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, --
sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten
Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.
Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame
Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie
jedermann sie nannte.
Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts
Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka,
umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung
besaß.
Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache
war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es
bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein,
Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.
Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer
mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue
Vorzüge an ihr.
Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu
einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.
»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar
nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie
mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke
Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung
zum Singen zu haben schien.
Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die
Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten
eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch
ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt
sogleich ans Klavier.
Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber
vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie
dazu.
»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka
die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.
Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten
sie.
»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine
Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«
In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den
Fenstern angesammelt.
»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte
Warenka einfach.
Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von
deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor
allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar
nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür
gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur
zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.
»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich
hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den
Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig,
und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu
thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was
verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem
gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte
ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses
ruhige Antlitz blickend.
Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes
Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend
und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.
Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das
Präludium und schaute dann auf Warenka.
»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.
Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.
»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend
und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine
Erinnerung verknüpft.
»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und
lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und
schön, wie vorher.
Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich
zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben
dem Hause befand.
»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem
Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt
mir nur -- ist es nicht so?«
»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine
Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar
eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und
dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«
Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf
Warenka.
»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und
er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von
hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich
auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen
Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies --
einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.
»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann,
so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen
gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen
Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«
»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht
unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute
nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.
»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte
sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«
»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie
Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.
»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen
wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen
Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran
denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie
nicht mochte?«
»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich
geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --
»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte,
sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr
eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte
der Scham, sie bereits überführt habe.
»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete
Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie,
sondern Kity anging.
»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen,
die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes
Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.
»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht
gehandelt?«
»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«
Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.
»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne,
der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«
»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es
gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich
hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«
»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln,
ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge
mit dem Namen benennend.
»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«
»Was heißt das?«
»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«
»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es
giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte.
Und dabei ist das alles doch so nichtig.«
»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit
neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.
»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.
»Und das wäre?«
»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen,
was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der
Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.
»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«
»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch
zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«
Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher
Neugier und Bitte in dem Blick:
»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es
also, sagt es mir!«
Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte
nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause
müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.
Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich
von allen Anwesenden und wollte gehen.
»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.
»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte
die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«
Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine
Begleitung nötig habe, unterdrückte.
»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,«
sagte sie, ihren Hut ergreifend.
Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben,
was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten
unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich
nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde
verlieh.
33.
Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese
Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur
einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem
Leid.
Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft,
eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit
der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab
man ruhig auf die frühere blicken konnte.
Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich
bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.
Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion,
welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf
kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus
verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte
mit dem Geistlichen auswendig lernte.
Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer
Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben
durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.
Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie
mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der
Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in
allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube
verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr
nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.
Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in
jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in
ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was
denn nun das _Höchste_ sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.
Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend
ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang,
gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.
Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug,
geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.
Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen
Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel
hielt und eigentümlich lächelte.
So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten
sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.
Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer
traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte,
blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen
wagte.
An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und
seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so
wollte Kity sein.
Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das _höchste Gut_ sei,
begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern
sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches
sich erschlossen hatte.
Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte,
sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres
künftigen Lebens gemacht.
Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr
Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche
aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium
verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den
Verbrechern und den Sterbenden.
Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies
Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das
waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter,
noch Warenka mitteilte.
In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur
Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele
Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze
zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.
Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem
Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und
namentlich für Warenka befinde.
Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern
dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den
Augen zu blinken that.
Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig
von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß
vollzog.
Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium
las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher
nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen
Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas
standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers
Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser
Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.
Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen,
umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und
die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und
einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen,
wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß
ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.
»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie.
Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem
Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen
Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung
der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten,
wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock
nimmt.
Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und
zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele
offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen
Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen
nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt
hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen
würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.
»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die
Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie
ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«
»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.
»Warest du längere Zeit nicht dort?«
»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.
»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der
Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu
erraten.
An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna
Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie,
als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht
mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«
Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie
entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt
über sie zu sein scheine.
Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde
der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber
erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen
konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben
hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man
aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so
entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener
Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem
runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum
Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen
Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von
der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen
bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie
»meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett
gehen wollte. Wie war das alles so gut!
Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung
Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen
spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity
furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften
Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen.
Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den
Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu
überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie
mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen
Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das
seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des
Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so
gut!
Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen
Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna
begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren
Mann unaufhörlich beobachtend.
Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des
Erkaltens der Anna Pawlowna sein?
»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in
Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr
übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf
Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er
schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch
unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach
gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange
gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er
so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt
und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll
Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er
ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser
Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.
34.
Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von
seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen
Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte,
wieder zurück zu den Seinigen.
Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande
waren vollständig entgegengesetzte.
Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer
unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die
europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische
Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich
bisweilen ungeschickt aus.
Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über
die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten
fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der
Europäer zu erscheinen, der er wirklich war.
Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber
in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch,
als er Kity vollständig genesen wiedersah.
Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl
und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen
der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten
und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles,
was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter
könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die
ihm unzugänglich waren.
Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an
Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und
durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte.
Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen
Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem
gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem
Brunnen.
Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen
Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern,
und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein
ergötzte das Herz.
Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie
auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des
Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben
nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr
in Erstaunen.
Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik,
bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten
Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die
sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des
Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen
Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden
Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen
Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen
einhergingen.
Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter
Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm
in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen
vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte
fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft
erscheint.
»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner
Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches
Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es
ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?«
Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen
begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden
Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den
milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme
Kitys vernahm.
Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich
an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob
Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und
einen Engel des Trostes nannte.
»Also sie ist ein _zweiter_ Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte
schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!«
»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!«
versetzte Madame Berthe.
In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den
beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand
tragend.
»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie.
Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine
Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte
sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich,
wie sie mit jedermann sprach.
»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem
Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem
Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?«
»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze
Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt
angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.«
»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka
gegangen war.
Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies
aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte.
»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame
Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu.
»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck,
indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes
bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete.
»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie
unter die Pietisten gegangen ist.«
»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon,
daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte.
»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott
dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die
Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt
haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?«
frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank
sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern,
welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der
Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs
gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn
entblößt.
»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist
seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche
gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde
hereilte, welches auf dem Wege davonlief.
»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst.
»Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas
sagen?«
»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend.
»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff.
Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf
den Fürsten.
»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.«
Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei
zeigend.
»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity.
Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung
wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte.
»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt
mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.«
»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und
sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte.
»Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie
ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie
konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht
ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte.
»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das
ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure
Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch
lange erwartet, Fürst!«
»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?«
raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich
augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte,
und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er
ihr zu geben wünschte.
»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau
mürrisch.
»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand.
Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort.
»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!«
»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei
Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er
empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich
bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen
Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und
dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend,
in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem
Sonnenschirm lag.
Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger
deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder
schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben
um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein
außergewöhnliches Wesen.
Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den
Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame
Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches
jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und
liebenswürdig ein Gespräch.
»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies
aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken
zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder
zu bedecken.
»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden
Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte.
»Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.«
»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?«
»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den
Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt.
»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort.
»Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu
sehen.«
»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu
tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken
kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu
Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte.
»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten.
»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den
Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend.
»Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich
an den jungen Schweden.
»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der
Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner
Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen
hatte, von dannen.
»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im
Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl,
weil diese nicht mit ihm bekannt war.
»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst.
»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das
heißt, bevor sie sich gelegt hat?«
»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.«
»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal
aufgestanden.«
»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht
gebaut.«
»Papa, unmöglich!« rief Kity.
»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon
wissen. O, über diese leidenden Damen!«
»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann
thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl
kennt jedermann!«
»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend,
»aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man
auch frägt.«
Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können,
sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken
wollte.
Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich
der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in
ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der
Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen
hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus
einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das
weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es
eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte,
weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch
keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr
gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.
35.
Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche
Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die
Schtscherbazkiy wohnten.
Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten,
sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte,
Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen
und dort zum Frühstück decken.
Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner
heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach
einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben
logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische
Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem
Kastanienbaum versammelt hatte.
In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die
Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf
welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand,
in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und
Törtchen.
Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in
geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe
ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten,
die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun
unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit
welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm
versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine
vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.
Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war
aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit
ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.
Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in
Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert
hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.
Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was
der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie
bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören,
welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.
Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht
erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater
-- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen
und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.
Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu
Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum
Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity
konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein
Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr
Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.
»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin
lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.
»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so
wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt
es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr
anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«
»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.
»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so,
Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen
soll.«
»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des
Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.
»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen,
Erbswurst -- ich kenne alles!«
»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,«
meinte der Oberst.
»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie
Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll
ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht,
sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch
noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich
an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht
es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich
über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat
keinerlei Eile.«
»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.
»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat
für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit
keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht
langweilig.«
»Ich -- o nichts.«
»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er
sich an Warenka.
»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen
ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich
und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.
Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere.
Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie
sich früher vorgestellt hatte.
»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und
das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer
Papa!«
Kity schwieg.
»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.
»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug
Kity, Warenka ausforschend.
»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann
versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.
»Gut, auch ich werde kommen.«
»Aber, was wollt Ihr da?«
»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit
aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm
ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«
»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart
in Verlegenheit geraten.«
»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den
Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«
»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.
»O bitte, sprecht nur!«
»Soll ich alles sagen?«
»Alles, alles!« --
»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael
Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar
nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.
»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.
»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen
nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus
diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja,
wie reizbar diese Kranken sind!«
Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach
allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie
sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich
in Worten oder in Thränen äußern werde.
»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt
nicht übel.« --
»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den
Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin
vorbei ins Weite starrend.
Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der
Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.
»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.
»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war,
alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich
auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des
Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von
mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei,
Heuchelei!« --
»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.
»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu
thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend,
bald schließend.
»Aber zu welchem Zwecke nur?«
»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu
scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von
jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein,
braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«
»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr
sprecht doch gerade, als ob« --
Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht
aussprechen.
»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die
Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die
Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin?
Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre!
Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht
mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich
thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies
ist anders, anders!« --
»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.
»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber
lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber,
wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«
»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.
»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«
»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und
zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« --
Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt
zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige
und ging zur Mutter.
»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer
Stimme.
»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte
nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr
sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen!
Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr
sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.
Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und
betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den
Kopf.
»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich
weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« --
»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka,
lächelnd.
Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte
sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie
sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte,
aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie
glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.
Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin
lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu
sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand
sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte,
ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen,
welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und
sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach
Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt
worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt
war.
Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat
Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.
»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf
geantwortet.
»Niemals werde ich heiraten!« --
»Dann werde ich niemals kommen!«
»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures
Versprechens eingedenk!« sagte Kity.
Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte
wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und
heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren
Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.
Dritter Teil.
1.
Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit
erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das
Land zu seinem Bruder.
Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam
jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay
für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und
Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in
Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar
unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten.
Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt
seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war
das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein
nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und
dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die
Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey
Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen
Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin
auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut
zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und
unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne
sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder
solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu
Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er
dieses Volk verstehe.
Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für
ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen
Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer
gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der
Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als
Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in
Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen,
sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere
Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit,
Trunksucht und Verlogenheit.
Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk
liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er
liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die
Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als
daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk.
Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das
konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle
seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich
auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst,
noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und
sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem
Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich
auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig
Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch
nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage,
ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden
haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die
Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen
beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der
Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten
hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine
früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das
Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht
liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von
Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als
etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem
logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar
abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache
aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals
seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu
demselben fühlte.
Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden
Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets
seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte
Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen
Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß
keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war,
daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst
überführt wurde.
Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch,
von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit
einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken
des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen
Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er
ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß
darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von
hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und
begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem
Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den
Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen
Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht
gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein
Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber
doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an
jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich
bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey
Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom
Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur
nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem
befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In
dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich
sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die
Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie
wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion
einer neuen Maschine handelte.
Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder
das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der
Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch
nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während
Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt
auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er
doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen
welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er
liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und
natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher
ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen
Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey
Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten
zu lassen und träge dabei zu plaudern.
»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für
mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und
rollte man ihn wie eine Kugel.«
Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem
zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche
Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie
schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen
nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze
Erfindung.
»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein
Bruder.
»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin
und eilte auf das Feld hinaus.
2.
In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und
Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr
eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam
und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein
zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien
hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem
Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem
berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm
seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen
Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen
Angelegenheiten beklagte.
Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte,
angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle
Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden,
und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte
Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen
Unterhaltung geriet.
Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an
den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß
er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen
mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt
steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge
für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht,
wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde
wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases
durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der
frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem
weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen
Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die
herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem
duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen,
der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln
Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze
Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden,
alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden
Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit
thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu
gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich
entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von
der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln
sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der
Bäume, aus dem heurigen Jahr.
Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu
sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die
Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber
unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald
gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des
Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in
Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über
das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen
und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht
wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu
der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der
Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey
Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er
sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei
welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras
zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte
geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an
den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel,
während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das
graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese
hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf
dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg
heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge,
der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann!
Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder
haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd
ausgespannt,« --
»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr
schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut
ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
»Und was meinst du zum Wetter?«
»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich
gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin
bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er
Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als
möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des
Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst
sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein
Ende zu machen.
»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du
aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz
hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur
in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen
Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort,
»stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht
etwas zum Wasser.«
»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
3.
»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das
ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was
mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich
habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du
nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des
Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten,
dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld,
aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine
geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern,
»aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden!
Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es
etwa einfach die Faulheit?«
»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe,
daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen,
sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort
etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein
Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und
derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich
nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von
diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der
Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und
ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber
doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen
eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle
diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey
Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das
nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil
derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst
du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was
er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom
Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie
schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches
Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz
löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein
Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da
sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst
du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du
versicherst« --
-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei
sich.
-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das
Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines
jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem
Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht
nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey
Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig
entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in
deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb --
überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder
seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies
aber kränkte und erbitterte ihn.
»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es
möglich wäre« --
»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein,
ärztliche Hilfe einzuführen?« --
»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises,
mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe
ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten.
Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele
aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
»Wozu brauchen wir Schulen?«
»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung
bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet
infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten
Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die
Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen
Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar
nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht
schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre
Kinder in die Schule schicken müßten.«
Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete
Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan
entworfen.
Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus,
lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig.
So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des
Semstwo schicken müssen?«
»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter,
welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in
entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei
weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn
sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch
finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die
beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren
Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr
erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er,
»erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich
darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß
ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte
Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden
sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch
unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,
»so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache
dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu
arbeiten wünschen.«
»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,«
meinte Konstantin Lewin, errötend.
»Wie? Soeben sagtest du doch« --
»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran
glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so
sehr darum sorgen soll.«
»Inwiefern?«
»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch
vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey
Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem
das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin
Erbitterung hervorrief.
»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die
bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche
Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als
Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen
könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht
besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und
einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht
erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht
thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar,
wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo
eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines
Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren,
dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen
möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein
persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das
persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die
Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch
gearbeitet!«
»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die
Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um
ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln,
welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll
ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele
Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr
Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder
an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen
unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all
den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der
Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr
Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich
Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm
schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
»Was willst du denn eigentlich sagen?«
»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein
eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften.
Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen
wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen
Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und
geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das
Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin
bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu
urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen,
oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich
nicht, das kann ich nicht. «
Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem
Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein,
wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach
altem Stil verurteilte?«
»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies
nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem
völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere
Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die
wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor
uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag
nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung
Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung
diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was
sein Bruder damit andeuten wollte.
»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein
Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst
in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem
allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die
nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine
allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort
entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er
das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine
gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei
sich.
»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die
Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin,
jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem
persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das
gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen
Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern,
teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig
umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich
historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren
Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.«
Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des
philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war
und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber
dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es
handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum.
Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum
handelt, der vorübergehen wird.«
Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei,
fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von
seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob
deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen
wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder
nicht verstehen konnte?
Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über
eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem
Bruder zu antworten.
Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd
los und beide fuhren heim.
4.
Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches
mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen
hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem
gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern
genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge
öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor
seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den
Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu
mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er
mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage
sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen.
Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das
Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast
entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem
Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu
Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm
dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für
die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die
Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die
größte und beste, schneiden lassen wollte.
»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen
mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich
bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
»Zu Diensten!«
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will
morgen mit der Heuernte beginnen.«
»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon
bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen
Tag mit arbeiten.«
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch
kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt
man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie
müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein
Sonderling ist.«
»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und
zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte
hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst,
aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der
Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren
bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen
Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe
begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der
hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden
Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer
zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen
Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen
Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen
weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen
tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich
niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister
im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit
seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit,
welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm
reichte.
»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie
von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense
hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend,
traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber
heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn.
Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der
hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der
Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn
gewandt hatte.
»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann
der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er,
hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand
niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte,
mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in
Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang.
Er vernahm hinter sich Stimmen:
»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!«
sagte einer.
»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den
Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der
Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser
Einem würde dies übel bekommen!«
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht
antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit
herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer
noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber
Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde
aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und
beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment
blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf,
wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter
ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er
sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu
schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es
nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt,
ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend,
ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und
schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte
erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und
begann zu dengeln.