20.
Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei
Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier
in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit
Jaschwin in die Hütte trat.
»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand
gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky
an der Schulter rüttelnd.
Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich.
»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der
Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.«
Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich
wieder auf das Kissen.
»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die
Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb
lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen
üblen Geschmack im Munde« --
»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin.
»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er,
augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt.
»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen
verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen
trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy
aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er
ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf
französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?«
»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener
gereichten Waffenrock anlegend.
»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die
Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend.
»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,«
sagte Wronskiy.
Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher
in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm
Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen,
allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde.
Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die
Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein
Brjanskiy ist.
»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr
dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn
mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd
draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte.
»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein
Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch,
wo ist denn beides?«
Wronskiy blieb noch.
»Wo denn?«
»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich,
von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend.
»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy.
»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.«
»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?«
»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich
ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich
erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft
getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich
besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte
sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja,
ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze
hervor, in der er ihn verborgen hatte.
Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das,
was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr
kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich
eine Unterredung nötig.
Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte.
»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er
zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs
nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne.
In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem
nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier
Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere.
»Wohin?«
»Muß nach Peterhof.«
»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?«
»Gekommen; aber noch nicht gesehen.«
»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.«
»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!«
antwortete der andere.
»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend.
Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem
Präsentierteller.
»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu
nehmen.«
»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der
Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.«
»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach
und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er
solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache
während des Trauermarsches ein.«
»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser
und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine
Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein
ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.«
»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir
wollen zusammen trinken!«
»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.«
»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb
das Selterswasser und Limonade!«
»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem
Flur war.
»Was noch?«
»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu
schwer, besonders auf der Platte.«
Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er
lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über
die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen.
»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie
von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur
Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen.
21.
Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht
neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt
worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen.
Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern
nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das
Geringste über das Befinden desselben.
Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge
heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief.
Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit
einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war,
erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und
öfters ausglitschend.
»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch.
»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer
irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht
jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den
Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht
nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.«
»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.«
»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund
voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den
Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung.
Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen
Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem
Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann
hinter ihnen drein.
In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy
wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator
Machotins, gebracht worden war.
Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach
Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte.
Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht
gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über
dasselbe zu stellen.
Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines
zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit
weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der
Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden
Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou.
»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen
aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies
mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des
»Gladiator«.
»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.«
»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.«
»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das
Lob seiner Reitkunst.
»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der
Engländer.
Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte
Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem
mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf
Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß.
»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.«
»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht
so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit
dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie
standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm.
Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein
einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in
dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand.
Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit
einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses.
Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen
nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug
sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas
und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es
ziemlich krummbeinig.
Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür
aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt
namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes
des Tieres.
Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als
ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber
um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete.
Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von
seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen.
Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen
machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die
ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark
zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen,
zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so
fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden,
glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern
schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.
In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe
prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck
aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur
deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules
dies nicht gestattet.
Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er
empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.
Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft
einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie
mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der
entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb
und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.
»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer.
»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm
zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es
plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.
Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare,
der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und
näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die
denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft
ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend,
das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen
Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines
Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum,
von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.
»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals
den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein
Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf
verließ er den Stall.
Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser
empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei,
wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu
beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.
»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und
ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.«
»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er
plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte,
anwendend.
Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu
thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des
Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.
Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn
richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey
betrachtete, antwortete er:
»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein.
Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,«
sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren
pflegte.
Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er
wüßte, wohin jener gehe, fort:
»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er,
»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung
zerstreuen.«
»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach
Peterhof fahren.
Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die
schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen
von oben herab.
»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend.
»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf
entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er
wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide
durch.
»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein
Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine
Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in
ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie
an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu
kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß
es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre
dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe
lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt,
nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das
Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag
unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns
geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach
er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna
vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle?
Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar
nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch
kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich.
Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil
er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er
empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine
zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen
Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder
des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.
Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die
Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt,
in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu
täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung
Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide
band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer
dieser Leidenschaft.
Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der
Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so
fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei
sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage
zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.
Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen
nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über
etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst,
oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau.
Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber
gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.
»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann
sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht
Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er
endlich bei sich selbst.
Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne
dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser;
»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem
fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich
selbst.
22.
Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab
des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast
nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die
Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den
Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze;
von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern
rann es herab.
Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn
verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem
Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey
Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht
von Petersburg herübergekommen war.
In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets
zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das
Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt
auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in
den Hof.
»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner.
»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe
hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der
Gärtner.
»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.«
Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im
Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu
ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er
noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend
über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse,
welche nach dem Parke hinausging.
Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die
Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt
nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und
zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte,
wie sie war.
Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden,
die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets
vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen
zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig
erscheinenden Blick.
Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem
beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder
Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren,
was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie
gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche
der Knabe noch nicht verstehen konnte.
Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre
dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für
eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind
täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte
eben zu reden pflegen.
Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick
des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte
eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle
und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.
Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner
Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht
zu erkennen vermochte.
In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht
begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das
Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden
mußte.
Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe
recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn
herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu
und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie,
daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.
Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich
dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das
Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges
Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so
verlegen machte.
Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame
Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten
Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl
hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß
schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts
bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem
Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute
weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser
Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung -- das alles gleichgültig
sei und man sich in das Verderben fügen müsse.
Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der
beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten,
aber nicht kennen wollten.
Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig
allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend,
welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu
haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und
saß nun wartend allein.
Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse
hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.
Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte
Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit
ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so
wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes,
des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte
ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.
Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen
Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe,
sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.
»Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?« frug er sie auf französisch,
ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er
sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach
der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß
er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.
»Nein; ich bin gesund,« versetzte sie, sich erhebend und seine
dargereichte Hand fest drückend. »Ich erwartete dich nicht« --
»Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!« rief er aus.
»Du hast mich erschreckt,« antwortete sie: »ich bin allein und erwarte
meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher
kommen.«
Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.
»Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu
verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,« fuhr er französisch
fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte
russische »Ihr« ebenso wie das gefahrbringende russische »du« umgehen
wollte.
»Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!«
»Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,« fuhr er fort ohne ihre Hände
freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. »Woran dachtet Ihr?«
»Nur immer an Eins,« antwortete sie lächelnd.
Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute
zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne
einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine,
an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.
Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran,
weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel -- sie kannte deren vor
der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch -- alles dies so
leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.
Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger
Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er
antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im
Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone
Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu
erzählen.
»Soll ich es sagen oder nicht?« dachte sie hierbei, in seine ruhigen,
freundlichen Augen blickend. »Er ist so glücklich, so beschäftigt mit
seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er
nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen
wird.«
»Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich
eintrat,« fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, »sagt mir es doch,
bitte!«
Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend,
verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen
Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte
spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder
jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so
sehr gewonnen hatte.
»Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig
sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen
soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,« sprach er in beschwörendem
Tone.
»Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der
Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht;
weshalb eine solche Probe machen,« dachte sie bei sich selbst, ihn
beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und
mehr zu zittern begann.
»Bei Gott beschwöre ich Euch,« wiederholte er, ihre Hand ergreifend.
»Soll ich sprechen?«
»Ja, ja!«
»Ich bin gesegnet,« sprach sie leise und langsam.
Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus
den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.
Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann
ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.
»Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,« dachte sie
und drückte ihm dankbar die Hand.
Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so
begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.
Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes
seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm
Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er
ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr
verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so,
möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.
Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung
mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand,
erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.
»Ja wohl;« sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. »Weder ich noch Ihr
haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei
aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir
müssen unfehlbar ein Ende machen,« sagte er, sich umblickend, »mit
dieser Lüge, in der wir leben.«
»Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?« frug sie leise.
Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem
Lächeln.
»Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.«
»Es ist ja ohnehin schon vereinigt,« bemerkte sie kaum vernehmbar.
»Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.«
»Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!« frug sie, mit
traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. »Giebt
es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines
Gatten?« --
»Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,«
sagte er. »Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du
dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit
der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.«
»O, nur nicht mit dem Manne,« versetzte sie mit treuherzigem Lächeln.
»Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht
da.«
»Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein
Gewissen über ihn.«
»Aber er weiß es doch nicht,« sagte sie und eine helle Röte stieg ihr
plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen
der Scham traten ihr in die Augen. »Wir wollen nicht mehr von ihm
sprechen.«
23.
Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht,
wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war
stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen,
mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.
Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder
wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie
selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder
aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht
liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.
Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu
geben.
»Weiß er nun etwas oder nicht,« frug Wronskiy in seinem gewohnten,
festen, ruhigen Ton, »weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts
an. Wir können nicht -- Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht
so bleiben, besonders jetzt.«
»Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?« frug sie mit dem alten
leichtsinnigen Spott.
Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht
auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge
derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.
»Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.«
»Nicht übel, wenn ich dies thäte,« antwortete sie.
»Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?«
»Ich kann Euch alles im voraus erzählen« -- ein böser Glanz entzündete
sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: »Aha,
Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches
Verhältnis getreten« -- bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was
Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das
Wort verbrecherisch. »Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen
in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam
gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen
nicht der Schande überliefern -- ebensowenig wie meinen Sohn,« wollte sie
hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, »der
Schande nicht überliefern,« ergänzte sie und sprach noch weiter in
dieser Weise. »Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen
Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von
sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen,
um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun,
was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine
Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,« fügte
sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an
alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles
zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte,
und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie
sich vor ihm schuldig gemacht hatte.
»Aber Anna,« fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich
bemühend, sie zu beruhigen, »es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen
und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.«
»Und wie stände es mit einer Flucht?«
»Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses
Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern
ich sehe, daß Ihr leidet!«
»Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,« sagte sie
bitter.
»Anna,« antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.
»Ja, ja,« fuhr sie fort, »ich werde Eure Geliebte werden und alles ins
Unglück stürzen.«
Sie wollte wiederum hinzufügen »auch mein Kind«; aber sie vermochte
nicht, dieses Wort auszusprechen.
Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften
Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu
ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er
ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort »Sohn«
bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.
Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der
Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute,
über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als
echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit
Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten
geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit
dem Sohne werden solle.
»Ich bitte, ich beschwöre dich,« sagte sie mit plötzlich völlig
verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend,
»sprich nie mit mir hierüber!«
»Aber, Anna« --
»Nie! -- Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche
meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung
nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir;
sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen?
Nein, nein, versprich« --
»Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts
dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht
Ruhe finden kannst.«
»Ich?« fuhr sie fort. »Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies
geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust
du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.«
»Ich verstehe dich nicht,« sagte er.
»Ich weiß wohl,« unterbrach sie ihn, »wie schwer es deiner ehrenhaften
Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran,
wie du für mich dein Leben untergraben hast.«
»Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,« sagte er, »wie konntest du
meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht
vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.«
»Ich unglücklich?« sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem
Lächeln der Liebe anblickend, »ich erscheine mir wie ein hungriger
Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und
sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob -- er ist aber doch
nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!«
Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh,
die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend.
Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung
erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe
und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit
halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und
beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er
hielt sie.
»Wann?« frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend.
»Heute, um ein Uhr,« flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren
Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen.
Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in
einer Laube sitzend.
»Also auf Wiedersehen,« sagte sie zu Wronskiy. »Nun muß ich bald zu den
Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.«
Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen.
24.
Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte,
war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl
die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte,
welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich,
vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen.
Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar
nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit
sei, zu Brjanskiy zu fahren.
Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des
Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu
erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in
dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte,
scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen
Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und
befahl, zu Brjanskiy zu fahren.
Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich
gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er
werde sich verspäten.
Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein
Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das
Rennen, an welchem er selbst teilnahm.
Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu
Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam
dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde.
Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm
kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren,
indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen.
Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte
dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn.
All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das
Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen
obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und
Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen
müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der
Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht
zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf.
Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im
Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte,
und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg
her zu den Rennen fuhren.
In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den
Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er
sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon
begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von
dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen.
Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die
Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren.
Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger
und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen
wimmelnden Tribünen.
Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur
Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm.
Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger
Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an
welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn
führte.
»Wo ist Kord?« frug er den Knecht.
»Im Stalle; er sattelt.«
In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im
Begriff, ihn herauszuführen.
»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?«
»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer.
»Seid nur nicht aufgeregt.«
Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so
teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging
dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der
Baracke.
Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten
sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte
und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit
Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten.
Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem
Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des
Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu
erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck.
Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen
Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und
der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über
und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem
grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ.
Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die
rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist
schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume
erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und
Fremden umringte ihn.
Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der
sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch
umherging.
Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib
seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu
zerstreuen, nicht dahin.
Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm
Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen,
weshalb er sich verspätet habe.
Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen
wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin
wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in
Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey,
aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem,
trunksüchtigen Gesicht zu ihm.
»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja
niemals antreffen!«
Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich
dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein
vollendeter Hofmann.
Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche
Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler
Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als
scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder.
»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich
hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey.
»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde,
daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof
begegnet ist.«
»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen
unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die
Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« --
»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« --
»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« --
Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein
hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam.
Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah
dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und
dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander
Wronskiy lächelte heiter.
»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und
zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.«
»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber
hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf.
»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!«
redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier,
inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen
frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin
erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu
können; wann werden wir uns heute sehen?«
»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich
empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des
Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit
Hindernissen hereingeführt wurden.
Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden,
von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen
erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in
Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln
ähnlich.
Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf
Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen
dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke
ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des
Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif
auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die
Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich.
Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein
Bekannter zurück.
»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch
kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet.
Habt Ihr sie noch nicht gesehen?«
»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal
einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina
zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd.
Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige
Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der
Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern.
Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren
zur Bude und nahmen ihre Nummern.
Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der
Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den
Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab
er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich
gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd.
Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem
schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm
die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln
geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig
das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend.
Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner
Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den
Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker,
zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber
zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.«
Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß
er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von
welchem gestartet werden mußte.
Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging
rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen
wollte.
Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie
eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den
Engländern nachzumachen.
Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem
Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine
»Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten,
daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein
Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so
entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem
Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz
und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm
freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen
bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an
das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht;
überlaßt ihn sich selbst wie er will!«
»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur
letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!«
Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und
kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und
leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel
brachte.
Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete
er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und
Kord ließ die Hände los.
Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten
habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte
sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem
geschmeidigen Rücken.
Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den
Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte
sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. --
Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach
dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren
vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des
Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin
überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine
langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er
liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen
gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe
an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei
Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden
Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter
Wronskiy.
25.
Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer
großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor
sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden;
nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe
mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter
Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches --
als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der
von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die
Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen
oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein
trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa
hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand
sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite,
welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt
durchreiten konnten.
Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der
Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er
endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen.
Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der
Reiter während diese starteten.
»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen
Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu
Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon
trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie
dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem
Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle
geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon
Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment,
und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte,
bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in
den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und
vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem
Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen
voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr
tot als lebendig war.
In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über
sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die
Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im
selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum
bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben
Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich
fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana
jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die
Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur,
daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß
oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer
fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem
Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
»Braves Pferd!« dachte Wronskiy.
Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd
gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große
Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden,
hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen,
diesen auszustechen.
Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der
gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter,
auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als
es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde.
Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten
Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und
die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des
Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der
nämlichen Entfernung hielten.
Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem
kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
»Bravo!« sprach eine Stimme.
Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor
ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter
ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein
Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu
zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an
diese angeschlagen.
Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine
Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im
selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen
Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht
entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt
Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits
erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung
bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite
aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen
noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz
in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt
neben der Croupe des Gladiator.
Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem
Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den
großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und
überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm
schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er
fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe
hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das
abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des
Gladiator.
Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden
leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen
des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude,
daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der
Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm
Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine
Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er
hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte
sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben
so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen
Gefühl nach, noch besaß.
Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor
den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das
»irische Bankett« zu.
Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden
zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und
hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das
Pferd wußte, was es galt.
Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich,
stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere,
welches es weit über den Graben hinweg trug.
In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen
Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen,
welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner
Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme
Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das,
was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter
sich das Stampfen des Gladiator hörend.
Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite
übrig.
Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit
großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu
arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und
nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht
nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und
auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen
hervor und es atmete scharf und kurz.
Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch
zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er
sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der
Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine
Schnelligkeit vermehrt hatte.
Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog
ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu
seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell
genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte
nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf
den Sattel niedergelassen.
Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas
Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft
über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht
neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und
Machotin vorüberflog.
Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd
wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es
nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose
Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich
zu erheben.
Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener
Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das
Rückgrat gebrochen.
Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß
Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend,
einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor
ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit
seinem schönen Auge anblickend.
Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein
Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch,
mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach
vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich
vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden
Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und
zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte
nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke
anschauend.
»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich
gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld,
durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses
unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!«
Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen
herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein
Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu
antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht
aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an
sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück,
und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer
halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine
der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
26.
Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin
blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur
darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad
nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit
alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie
gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich
wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging
alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin
Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine
Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer
konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau
sein.
Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch
gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche
Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen
Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich
in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun
bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,«
sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht
hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine
vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest
du nun verbrennen dafür!« --
Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff
noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem
Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine
Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und
verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes
Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind,
ruhten.
Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend
kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche
ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete.
»Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn.
Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem
Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er
gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte
auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch
welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem
die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine
Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in
demselben schlummerten.
Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was
er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte,
friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr
in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs
etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes
frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines
Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er
auch gar nicht daran.
Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich
hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf,
in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf
verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein
einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf
das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam
gemacht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem
Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben
sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft
viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen
und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach
Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis
zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete
sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine
an.
Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne
sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten
Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft
sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief
unglücklich.
Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen
Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und
betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein
solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein
eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht
überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte
dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu
furchtbar, zu unnatürlich war.
Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch
zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu
Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht,
aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er
dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.
Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey
Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des
Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf
den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu
denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig
sein mußte.
Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß
gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu
verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten
des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des
Haushaltes übergeben.
Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich,
nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in
dem, was sie anging.
Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch
gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die
Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit
einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden
selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein
sehr interessanter und nützlicher Mann sei.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht
ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden
Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge
begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen,
Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die
Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey
Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.
Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes,
und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für
sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch
erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den
Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da
sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen
mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.
Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey
Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel
Zeit in Anspruch genommen.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet,
und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß
der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust
behorchte und seine Leber befühlte.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna,
bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten
hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.
»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben
gesagt.
»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert.
»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.
Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine
bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die
Wirkung des Bades war gleich null.
Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als
möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger
streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch
ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen
können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch
eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in
Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.
Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf
der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer
zusammen.
Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich,
obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der
Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte,
als Sljudin.
»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet
sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« --
»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem
Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen
Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn
langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu
zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur
äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere
auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner
Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich
ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens
ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu,
bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?«
frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.
-- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte
dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört
hatte. --
Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte,
erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte
seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den
Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden
in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden,
klaren Blick.
Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des
Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und
mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder
tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann
mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer
hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.
Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste,
kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er
mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu
den Rennen zu fahren.
Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt
nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin
hinzuzuziehen.
27.
Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein
letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das
Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.
»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem
Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus
hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs.
»Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?«
dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so
entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu
besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur
die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges
fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was
sie sagen sollte, zu sprechen begann.
»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand
reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund,
begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort,
welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen.
Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen,
mich abzuholen.«
Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.
»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem
gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch
zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und
ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.«
»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr
Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß
sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow
Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie
hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an
ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.
Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell.
Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit
welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu
beobachten schien.
Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie
ließ sich neben ihrem Manne nieder.
»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie.
»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde
Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten
hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.«
»Nun, was sagte der Arzt?«
Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und
redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr
überzusiedeln.
Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in
den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone
bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.
Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn
bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in
seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts
Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines
peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich
diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.
Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte
Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so
würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem
der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter.
Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.
»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein
ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?«
Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.
Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten
gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey
Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel
wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei,
seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner
Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.
Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter,
während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey
wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er
sich zum Weinen anschickte.
Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war,
sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl
fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des
Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie
sogleich zurückkehrte.
»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend.
»Weshalb nur Bezzy nicht kommt.«
»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger
ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld
zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern
nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« --
»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie,
ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke
doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.«
»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja
auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu,
indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren
sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen
Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch,
wir wollen nun auch gehen!«
Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in
halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der
Einfahrt herab.
»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu
Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht
hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte
ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!«
sagte sie und ging, strahlend und heiter.
Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer
Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen
erschauerte.
28.
Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits
auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf
welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah
ihren Gatten erst von ferne.
Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte
für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen
hätten, empfand sie deren Nähe.
Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich
folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.
Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die
Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut
Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen
der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die
Spitzen seiner Ohren drückte.
Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.
»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles,
was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne,
die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur
die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.«
An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie,
erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn,
Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie
wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.
»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht
wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« --
Er lächelte in seiner kühlen Weise.
»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte
er und trat in die Tribüne ein.
Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau
begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die
Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt
mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.
Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst
geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein
Generaladjutant.
Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade
eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die
Unterhaltung.
Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey
Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.
Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was
sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig
und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.
Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich
nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem
Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche,
nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.
Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie
gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit
den ihr so bekannten Accenten.
»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich
liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine
Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was
jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich
tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich
lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne
darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie
sie ihn zu sehen wünschte.
Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute
bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt
wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in
Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige
Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene
Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie
in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von
dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei
dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig
reden.
»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte
er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner
Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken
kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch
diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand.
Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen --
wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.«
»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein
Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.«
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er
nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine
Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann
etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er
wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter
sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die
sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf
seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den
Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens
hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von
Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.«
»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt
mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht,
Anna?«
»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte
eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine
Cirkusvorstellung versäumt haben.«
Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf
einen bestimmten Punkt.
In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die
Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig,
aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden
Offizier.
»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm.
»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch
ehrfurchtsvoll.
Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General
doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem
geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce=
verstanden.
»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf
fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese
Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens
der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« --
»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan
Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.
»Auf wen haltet Ihr?«
»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy.
»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!«
»Gilt!« --
»Wie hübsch; nicht wahr?«
Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach,
doch hub er sogleich wieder an.
»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« --
In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden
abgebrochen.
Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von
den Sitzen und eilte nach dem Flusse.
Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und
blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann
zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick
blieb auf Anna ruhen.
Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts,
ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie
atmete nicht.
Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter
schauend.
»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt
aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich
selbst.
Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf
ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht
zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen
Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen
wollte.
Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung,
aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden
Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt
war.
Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen
hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie
tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die
Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies
gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum
sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich
sein Blick in sie hinein.
Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy,
empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen
ihres Gatten.
Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an,
verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie
ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein
einziges Mal mehr nach ihm.
Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an
demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung
befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil
der Zar mißvergnügt darüber geworden war.
29.
Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend
jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit
Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so
daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts
Außergewöhnliches lag.
In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche
vollständig gegen alle Etikette verstieß.
Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein
gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald
wandte sie sich an Bezzy.
»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu.
Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn
hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General.
Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand.
»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer
Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und
bemerkte ihren Mann gar nicht.
»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so
etwas ist noch nicht dagewesen!«
Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte
nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber
soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu
unterscheiden war.
Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen
Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen
Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn.
»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu.
Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem
Platze forteilen.
»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,«
wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit
Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins
Gesicht zu blicken:
»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!«
Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt
war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy
winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß
der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe.
Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und
bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer.
Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen
zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust
hob.
Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit
gewährend, sich zu fassen.
»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit,
sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was
sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe.
»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und
habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein.
»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber
fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist
und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.«
Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in
den ihres Gatten.
»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,«
flüsterte ihr Bezzy zu.
Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz
so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie
gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst
nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin.
»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder
nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie.
Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos
fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg.
Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich
Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen
Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen.
Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton
verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen.
Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern
nur dies allein.
Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen
hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus.
»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,«
sagte er, »ich bemerke« --
»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich.
Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen
wollte.
»Ich muß Euch sagen,« -- begann er.
»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute.
»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach
er auf französisch.
»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und
wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber
durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit
verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie
nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg.
»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens
hinter dem Kutscher hinweisend.
Er erhob sich und zog das Fenster auf.
»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie.
»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen,
bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen
solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon
einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen
nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch
nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von
ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt,
und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.«
Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm
und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot
geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur
sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe?
Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und
antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte.
Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er
klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche
Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln
und ein seltsamer Irrtum überkam ihn.
»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche
wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu
Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.«
Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr,
als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht
sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er
jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu
glauben.
Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah,
verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr.
»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um
Entschuldigung.«