»Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen; es
ist ein häßliches Wort,« sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand
sie, daß sie mit diesem einen Worte des »Verbietens« gezeigt hatte, sie
räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur
noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. »Ich wollte Euch dies
schon längst sagten,« fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend,
während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, »heute bin ich
mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch
hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende
nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich
so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.«
Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten
Schönheit ihres Gesichts.
»Was wollt Ihr aber von mir?« sagte er dann einfach und ernst.
»Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung
bittet,« antwortete sie.
»Ihr selbst wollt dies nicht.«
Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang
nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte.
»Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,« flüsterte sie, »so thut es, damit
ich ruhig werde.«
Sein Gesicht leuchtete auf.
»Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber
Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch
also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe -- ja. Ich kann an
Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für
mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich
selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen
Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes -- ach,
welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?« fügte er hinzu, nur die
Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber.
Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen
mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll
von Liebe war -- und brachte kein Wort hervor.
»Da haben wir's!« jubelte Wronskiy innerlich. »Gerade, als ich schon den
Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, -- da
haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!«
»So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu
mir. Wir wollen gute Freunde sein,« sprach sie, während ihr Auge ganz
anderes kündete.
»Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die
glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies
liegt in Eurer Macht.«
Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie.
»Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu
dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so
befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich
dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.«
»Ich will Euch nicht vertreiben.«
»Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es
ist,« sagte er mit bebender Stimme. »Dort kommt Euer Gatte« --
In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit
seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon.
Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der
Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee
nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem
gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand
scherzend.
»Euer Abend ist ja recht gut besetzt,« sagte er, die Gesellschaft
überblickend, »lauter Grazien und Musen.«
Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu
ertragen weil er =sneering= war, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau
brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine
Wehrpflicht.
Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und
begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu
verteidigen, welche ihm opponierte.
Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen.
»Aber das ist doch gegen den Anstand,« zischelte eine der Damen, mit den
Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend.
»Was habe ich Euch gesagt?« antwortete die Freundin Annas.
Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon
waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten
mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen
Zwei, als ob dies störend einwirkte.
Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht
einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten
Gespräch nicht abgelenkt wurde.
Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei
jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere
Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit
Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna.
»Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der
Ausdrucksweise Eures Gatten,« sagte sie. »Die transcendentesten Begriffe
werden mir klar, wenn er spricht.«
»O ja,« antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und
ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte.
Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der
gemeinsamen Unterhaltung.
Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde
verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich
heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie
zum Abendessen bleiben werde.
Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging.
Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem
Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen
Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete
die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor.
Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen
ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelze los und lauschte dabei, das
Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie
begleitete, sprach.
»Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,«
sagte er, »aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig
bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist
das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort >Liebe<«.
»Liebe,« wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und
fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu:
»Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel
bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,« sie blickte ihm ins
Antlitz.
»Auf Wiedersehen.«
Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem
Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé.
Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy
küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte
und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen
Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider
letztvergangenen Monate.
8.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches
darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische
und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht
entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich
und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun
gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau
hierüber eine Mitteilung machen müsse.
Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein
Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem
Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes
Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr
nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen
dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus
von sich weisen.
Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette.
Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging
er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen
Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau
angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser
ereignet habe.
Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett,
sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin
und wieder zu wandern.
Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm
neu eingefallenen Umstand überdenken müsse.
Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt
war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies
sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand
nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und
schwierig.
Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte
nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen
haben.
_Weshalb_ man dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle
Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte
er sich keine Frage vor.
Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und
sich sagte, er müsse es hegen.
Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein
entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht
wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem
unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun
sollte.
Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er
stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm
empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil
eben dies das Leben selbst war.
Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des
Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun
hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte
er sich von ihm ab. Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein
Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und
plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft.
Dieser Abgrund war -- das Leben selbst, diese Brücke -- das künstliche
Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die
Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak
davor.
Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab
auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten
Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem
nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan,
welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und
durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf
die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen,
ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach
begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um.
Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des
hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: »Ja, man
muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie
meinen Entschluß mitteilen.«
Und damit schritt er wieder zurück.
»Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr
mitteilen?« sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf
diese Frage zu finden. »Aber,« frug er sich selbst, vor der Umkehr nach
dem Kabinett, »was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte
nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll
nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann,
eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;« so
sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil,
das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und
bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers
wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen
Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre
doch wohl anders, und wenn andere dies bemerkt, so werde wohl dennoch
etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er
müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem
Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und
dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum
»nichts«.
Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der
auf nichts Neues mehr verfiel.
Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem
Kabinett nieder.
Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf
ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun,
über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und
fühlte.
Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken
vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch
ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie
sofort von sich wies.
Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken
und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige
Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese
geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche
Phantasterei.
»Am entsetzlichsten aber von allem,« dachte er, »ist dies, daß gerade
jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,« er dachte an seinen
Plan den er jetzt durchgeführt hatte, »wo mir innere Ruhe und das
Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte
Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin
keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten,
oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken,
einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,« sagte er laut zu
sich. »Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer
Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache,
das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,« sagte er zu
sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er
nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher
der aufgetauchte Umstand gehöre. »Die Fragen welche ihr Gefühlsleben
angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und
das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als
Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu
leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche
verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß
sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr
dies zu sagen.«
In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut,
was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er
sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in
dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen,
nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf
wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede:
»Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der
Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine
theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls
erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige
Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.«
Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten
ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den
Gelenken. Diese Geste -- eine üble Angewohnheit -- hatte stets eine
beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder
verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war.
Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage.
Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der
Treppe wurden weibliche Schritte hörbar.
Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger,
welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch
einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch.
Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre
Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm
doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung.
9.
Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres
Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war
kein heiterer -- er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der
Feuersbrunst in finsterer Nacht.
Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als
wäre sie erwacht.
»Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!« sagte sie, den Baschlik
abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter
gehend. »Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,« fuhr sie fort, schon
hinter der Thüre.
»Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.«
»Mit mir?« antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und
blickte ihn an. »Was giebt es denn? Worum handelt es sich?« frug sie,
Platz nehmend. »Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es
freilich, sich schlafen zu legen.«
Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst,
als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war.
Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es,
als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei
sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer
unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt.
»Anna, ich muß dich warnen,« hub er an.
»Warnen?« antwortete sie, »wovor?«
Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht
so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte
bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte.
Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf
Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde
weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude
und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn
bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in
welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach.
Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet
gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem
Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast
keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in
alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem,
welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und
sein Haus verschlossen findet. »Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel
noch finden,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch.
»Ich möchte dich nur davor warnen,« sagte er, mit leiser Stimme, »daß du
in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß
geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung
heute mit dem Grafen Wronskiy« -- er sprach diesen Namen ruhig, in
Absätzen und mit festem Tone aus -- »hat die allgemeine Aufmerksamkeit
auf dich gelenkt.«
Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer
durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen
schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner
Worte.
»Du machst es immer so,« antwortete sie, sich stellend, als verstände
sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als
habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt.
»Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich
heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?«
Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um
sie knacken zu lassen.
»Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht
ausstehen,« sagte sie.
»Anna, bist du das noch?« antwortete er leise, eine Anstrengung machend,
seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen
lassend.
»Aber was ist denn eigentlich?« sagte sie mit aufrichtiger und komischer
Verwunderung; »was willst du denn eigentlich von mir?«
Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über
Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstatt auszuführen, was er zu
thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in
den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet,
was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer
Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte.
»Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,« fuhr er kühl und
ruhig fort, »und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du
weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl
und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen;
aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft
überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem
Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist,
-- jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken
bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.«
»Ich verstehe entschieden nichts von alledem,« antwortete Anna, die
Schultern ziehend, »es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,«
dachte sie bei sich; »aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und
dies beunruhigt ihn.«
»Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,« fügte sie laut
hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat
vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten.
Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen
hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts
wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu
nehmen.
»Nun, ich höre, was da kommen wird,« sagte sie ruhig und ironisch. »Ich
höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich
eigentlich handelt.«
Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den
wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der
Worte, die sie anwendete.
»In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein
Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und
selbst für schädlich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch. »Wenn wir so in
unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was
dort am besten unbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen --
sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor
mir und vor Gott, dir _deine Pflichten_ zu zeigen! Unser Leben ist
verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band
zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach
sich die Strafe.«
»Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!«
sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig
gebliebenen Haarnadeln heraussuchend.
»Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,« warf er sanft ein,
»vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage,
sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe
dich!«
Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole
Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort »ich liebe dich« erweckte
ihn wieder.
Sie dachte »er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht
zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals
dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe
ist. »Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,« sagte
sie dann, »erkläre dich doch näher, was findest du denn« --
»Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt
gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich
vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich
wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen;
vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In
diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst
finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist,
dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir
spricht, zu erklären.«
Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts
von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt.
»Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und -- wahrhaftig: es ist Zeit,
schlafen zu gehen,« sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln
unterdrückend.
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu
sagen, ins Schlafgemach.
Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng
zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in
ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde.
Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich
zugleich darnach.
Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie
seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und
fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und
frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises
Schnarchen.
In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor
seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an
sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger
Gleichmäßigkeit.
»Es ist schon spät, spät,« flüsterte sie lächelnd.
Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in
der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte.
10.
Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey
Aleksandrowitsch und für sein Weib.
Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der
vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy;
sie traf überall mit Wronskiy zusammen.
Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen
zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu
veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer
heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen
geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig
verändert.
Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so
thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben
die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem -- er fühlte es --
über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu
denken, fühlte er daß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen,
daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie
zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor,
mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing,
fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr
waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon
und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte.
Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des
Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war
unmöglich. -- -- --
11.
Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige
Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das,
was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so
mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen -- diesem Wunsch war
jetzt Genüge geschehen. --
Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich
zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin.
»Anna, Anna!« sprach er mit bebender Stimme, »Anna, um Gottes willen!«
--
Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze,
heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von
dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde
auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten.
»Mein Gott! Vergieb mir!« schluchzte sie und preßte seine Hände auf
ihren Busen.
So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig
blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand
jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so
daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie
ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte
sie sich nicht zu sagen.
Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht,
der durch ihn des Lebens beraubt ist.
Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder
vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares,
Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so
furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war.
Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich
auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor
der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den
Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt
das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte.
Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf
diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn.
So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie
hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was
erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein
sollte, -- war die Hand ihres Mitschuldigen.
Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und
suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht.
Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß
ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es
beklagenswert.
»Vorbei,« sagte sie, »ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.«
»Ich kann nicht nur _denken_ an das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die
Minute dieser Seligkeit« --
»Welche Seligkeit!« antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr
Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. »Um Gott; kein Wort,
kein Wort mehr!«
Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm.
»Kein Wort mehr,« wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter
Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie.
Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühl des Ekels nicht
auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens -- bei
diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen
und es nicht mit falschen Worten fad machen.
Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand
sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer
Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken,
mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer
Seele lag.
Sie sprach zu sich selbst: »Nein, jetzt kann ich nicht darüber
nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein
werde.«
Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich
dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie
zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken
hinweg von sich.
»Später, später,« sagte sie, »wenn ich ruhiger geworden sein werde.«
Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken
hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren
Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede
Nacht.
Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre
Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und
sprach, wie gut ist alles jetzt! -- Aleksey Wronskiy war daneben und
auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr
früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei
weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein.
Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll
Entsetzen.
12.
Während der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Moskau erschrak Lewin
stets und errötete, wenn er sich der Bloßstellung erinnerte, die ihm
durch jene Absage zu teil geworden war. Er sagte aber zu sich: »Ebenso
wurde ich rot und geriet in Schrecken, indem ich alles für verloren
hielt, als ich die Eins in der Physik erhielt und in der zweiten Klasse
blieb; ebenso hielt ich mich für verloren, als ich die Angelegenheit
der Schwester schlecht geführt hatte; und was ist es jetzt? Nachdem
Jahre darüber hinweggegangen sind, gedenke ich jener Zeit und bin
verwundert, wie mich dies erbittern konnte.
»Das Nämliche wird auch wieder der Fall mit diesem Schmerz. Wenn Zeit
genug verronnen sein wird, werde ich schon wieder Gleichmut für ihn
haben.«
Aber schon drei Monate waren verronnen und er war nicht gleichmütig
geworden; es war ihm noch so wie in den ersten Tagen traurig und schwer,
an seinen Versuch in Moskau zurückzudenken.
Der Grund, daß er diese Ruhe nicht zu finden vermochte, lag darin, daß
er, der so lange über das Familienleben nachgedacht hatte, der sich so
reif dafür fühlte, gleichwohl noch nicht beweibt war und weiter als er
es je gewesen, von einer Heirat entfernt stand.
Schmerzlich empfand er selbst, daß seine ganze Umgebung fühlte, daß es
nicht gut wäre in seinen Jahren, wenn der Mensch allein sei. Er entsann
sich, wie er vor seiner Abreise nach Moskau seinem Viehwärter Nikolay,
einem naiven Bauern, mit dem er gern zu sprechen pflegte, gesagt hatte:
»Nun, Nikolay, ich will heiraten,« und wie dieser eilig darauf erwidert
hatte, als ob es sich um eine Sache handelte, an der gar kein Zweifel
möglich sei: »Längst Zeit, Konstantin Dmitritsch«.
Aber jetzt war die Heirat wieder weiter von ihm hinweg getreten, als je
zuvor. Der Platz, den er sich erkoren hatte, war schon besetzt gewesen,
und wenn er sich jetzt in seiner Vorstellungskraft an diesen Platz ein
anderes der ihm bekannten jungen Mädchen setzte, da fühlte er, daß dies
vollkommen unmöglich war.
Bei alledem aber quälte ihn doch auch die Erinnerung an seine Abweisung
und die Rolle, die er dabei gespielt hatte, und erfüllte ihn mit Scham.
Wie oft er auch zu sich selbst sprechen mochte, daß er doch an nichts
schuld sei, die Erinnerung im Verein mit anderen Erinnerungen ähnlicher
Art, ließen ihn immer wieder erschüttert sein und erröten.
Auch er hatte, wie jeder Sterbliche, nur ihm bekannte unrechte
Handlungen in seiner Vergangenheit, von denen er sich gequält fühlte,
aber die Erinnerung an diese war ihm bei weitem nicht so peinlich, wie
jene unbedeutenden und doch so beschämenden Reminiscenzen.
Jene Wunden hatten sich nie geschlossen, und im Bunde mit ihnen stand
nun noch die Abweisung und die klägliche Lage in welcher er der
Gesellschaft an jenem Abend erschienen sein mußte.
Indessen die Zeit und die Arbeit thaten doch das Ihrige. Die drückenden
Erinnerungen wurden mehr und mehr von den für ihn kaum bemerkbaren, aber
bedeutungsvoll wirkenden Vorgängen innerhalb des Landlebens überwuchert.
Mit jeder Woche dachte er entschiedener über Kity; er erwartete mit
Ungeduld die Nachricht, daß sie vermählt sei oder demnächst Hochzeit
haben werde, in der Hoffnung, daß eine solche Nachricht ihn, gleich
einer Zahnoperation, vollständig von seinen Schmerzen heilen werde.
Mittlerweile war der Frühling gekommen, herrlich und lieblich, ganz
wider Erwarten und ohne die trügerische Witterung die sonst dem Frühjahr
eigen ist; es war einer jener seltenen Lenze, an denen Pflanze, Mensch
und Tier gemeinsam sich ergötzt.
Dieser herrliche Lenz hatte Lewin noch mehr ermuntert und bestärkt in
seinem Vorsatze, sich aller früheren Ideen zu entschlagen, um fest und
unabhängig sein vereinsamtes Leben weiterführen zu können.
Obwohl gar viele jener Vorsätze, mit denen er auf sein Dorf
zurückgekommen war, nicht von ihm verwirklicht waren, so war doch eines
von ihm fest beobachtet geblieben, das Hauptsächlichste, -- die Reinheit
seines Lebens.
Er empfand nicht mehr jene Beschämung an sich, welche ihn sonst
gewöhnlich zu überkommen pflegte nach einem Fehltritt und vermochte
jetzt den Menschen kühn ins Auge zu blicken.
Bereits im Februar hatte er von Marja Nikolajewna ein Schreiben
erhalten, des Inhalts, daß die Gesundheit seines Bruders Nikolay immer
schlechter werde, daß dieser sich aber keiner Kur unterziehen wolle.
Infolge dieses Briefes fuhr Lewin nach Moskau zu seinem Bruder, und es
gelang ihm, diesen zu überreden, den Rat eines Arztes in Anspruch zu
nehmen und ins Ausland in ein Bad zu reisen.
Es war ihm so leicht gelungen, dies zu bewirken, und ihm Gelder zur
Reise aufzunötigen, ohne daß der Bruder sich davon gereizt fühlte, daß
er in dieser Beziehung sehr mit sich zufrieden war.
Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft im Frühling eine besondere
Aufmerksamkeit erforderte, hatte Lewin schon im Winter ein Werk über
Ökonomie zu schreiben begonnen, dessen Plan darin bestand, daß der
Charakter des Arbeiters in der Landwirtschaft aufzufassen sei als
absolut Gegebenes, ebenso wie dies mit Klima und Boden der Fall sei, und
daß folglich alle Grundlagen der Ökonomiewissenschaft nicht allein von
diesen beiden Faktoren abhingen, sondern von Boden, Klima und dem
bekanntlich an sich unveränderlichen Charakter des Feldarbeiters.
Lewins Leben war auf diese Weise trotz seiner Einsamkeit, oder auch
infolge seiner Einsamkeit außerordentlich ausgefüllt. Nur bisweilen
empfand er den unerfüllbaren Wunsch, die in ihm webenden Ideen andern
mitzuteilen, als nur der Agathe Michailowna, obwohl selbst diese öfters
in die Lage kam, über Physik urteilen zu müssen, über die Theorie der
Ökonomie und namentlich über Philosophisches. Die Philosophie bildete
eines der Lieblingsthemen der Agathe Michailowna.
Der Frühling war kaum herangekommen. Die letzten Fastenwochen hatten
helles, kaltes Wetter gehabt. Am Tage thaute es unter den Strahlen der
Sonne und nachts stieg die Kälte bis sieben Grad unter Null. Der Boden
war so grundlos geworden, daß man auf Wagen fuhr, da kein Weg mehr da
war, und Ostern kam im Schneegewand.
Dann aber, am zweiten Ostertag, begann plötzlich ein lauer Wind zu
wehen, Regenwolken zogen daher, und drei Tage und drei Nächte ging ein
warmer Sturmregen nieder. Am Donnerstag legte sich der Wind, und ein
dichter grauer Nebel stieg empor, gleich als ob er das Geheimnis der in
der Natur sich vollziehenden Wandlungen verhüllen wollte.
In diesem Nebel strömten die Wässer, borst das Eis und ging, trübe und
schäumend wälzten sich schnell die Flüsse dahin, und am roten Hügel
teilte sich des Abends der Nebel, zerrissen die Wolken in Flocken. Es
wurde hell, der echte Frühling erschien.
Am Morgen thaute die Sonne schnell das dünne Eis hinweg, das noch die
Gewässer überdeckte und die warme Luft begann zu erzittern von den sie
erfüllenden Ausdünstungen der auflebenden Erde.
Es grünte wieder das alte Gras wie das junge das in seinen Keimen sproß,
die Knospen des Maßholder sprangen, des Johannisbeerstrauchs und der
harzigen Birke und an den mit goldschimmernden Blüten übersäten Reisern
summte die freigelassene schwärmende Biene.
Unsichtbare Lerchen schwebten über dem sammetnen Grün und den vom Eis
befreiten Stoppeln und in den Niederungen und Sümpfen die mit dem vom
Sturme gebrachten, angesammelten Regenwasser gefüllt waren, klagten
Kibitze; hoch droben in der Luft aber flogen mit ihrem Frühlingsgeschrei
Kraniche und wilde Gänse.
Es brüllte auf den Triften das Vieh, welches das Winterhaar noch nicht
ganz abgelegt hatte, spielten die steiffüßigen Lämmer um ihre blökenden
Mütter, die ihre Wolle verloren, und schnellfüßige Kinder liefen auf
den, mit den Abdrücken der nackten Füße trocken gewordenen Wiesenpfaden
umher. Die heiteren Stimmen der Weiber kreischten am Dorfteich bei der
Leinwand und die Äxte der Bauern erschallten auf den Höfen der Güter bei
der Ausbesserung der Pflugscharen und Eggen. Der Frühling war nun
wirklich gekommen.
13.
Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und
nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche
durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen
blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm.
Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin
hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin
und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen
sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit
er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er
fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei.
Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt
worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen
glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld
hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich
ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in
die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die
Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne
verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den
brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und
treiben sie auf den Hof.
Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der
außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe
fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an
Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog
herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich
heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher
seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich
aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der
Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war
sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder
auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon
seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte.
Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den
Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil
sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren.
Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die
noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden
sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden
waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert
wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte.
Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn
ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie
alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne,
mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend.
»Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?«
»Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es
muß ja gepflügt werden.«
»Und was ist denn da im Winter gemacht worden?«
»Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?«
»Wo sind die Gitter vom Kälberhof!«
»Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit
diesem Volke machen!« sagte der Verwalter, mit der Hand winkend.
»Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!« rief Lewin
aufbrausend. »Für was halte ich Euch eigentlich!« rief er, aber zur
Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten
seiner Rede inne und seufzte nur.
»Nun, können wir denn säen?« frug er endlich nach einigem Schweigen.
»Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.«
»Und der Kleber?«
»Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur
nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.«
»Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?«
»Sechs!«
»Weshalb denn nicht alle?« rief Lewin.
Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war
noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach
seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich
gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies
indessen niemals durchsetzen können.
»Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei
sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.«
»Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.«
»Ich habe es auch gelassen.«
»Wo sind die Leute?«
»Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht
gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!«
Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der
englische Samenhafer sei auch schon verdorben -- man hatte also wieder
nicht gethan, was er befohlen hatte.
»Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß« -- rief Lewin.
»Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.«
Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den
Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer
war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln
um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere
Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei
Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin
war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag
war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte.
»Ignaz!« rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am
Brunnen den Wagen wusch, »sattle!«
»Welches Pferd?«
»Nun, doch den Kolpik!«
»Sogleich.«
Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner
Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann
mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über
seine Wirtschaftspläne.
Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte
alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu
pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr.
Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die
Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß
dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden,
ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das
alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe.
Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe
leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt
hatte.
Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen
des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung,
sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe
mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen
vermochte, als mit dem Ausdruck »wenn Gott es giebt«, und die ihm
fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte.
»Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,« antwortete der
Mann.
»Und weshalb soll es nicht gelingen?« frug Lewin.
»Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine.
Heute -- waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich
haben.«
Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft
entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr
als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig
nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er
mochte nicht streiten.
»Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man
welche suchen.«
»Ja; schickt nur,« sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. »Übrigens sind
auch unsere Pferde recht schwach geworden.«
»Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,« fügte er lachend hinzu,
»daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde
ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles
selbst mit angreifen.«
»Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja
angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.«
»Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst
hinausreiten, um nachzusehen,« sagte er, den kleinen Falben Kolpik
besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde.
»Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,« rief der
Kutscher.
»Nun, dann doch durch den Wald.« Und in scharfem Pasgang des guten
starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die
Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus.
War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so
wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde.
Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von
frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch
den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee
hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel
wuchernden Moos, den schwellenden Knospen.
Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in
ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder
Wassertümpel die grünen Fluren aus.
Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine
Saaten zerstampften -- er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die
Tiere wegzutreiben -- erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische
und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte,
ob er bald säen würde.
»Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,« hatte derselbe
geantwortet.
Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne,
einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine
Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit
der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem
entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur
Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren
ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen
Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war
erschöpft.
Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen
hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern
hinaus, welche den Kleber säten.
Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem
gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern
zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen
auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die
Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch
nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren.
Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum
Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt,
aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten.
Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu
führen.
»O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,« antwortete Wasil.
»Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,«
antwortete Lewin.
»Ich gehorche.« Wasil nahm das Pferd am Kopfe. »Aber das Säen,
Konstantin Dmitritsch,« sagte er, »es ist erste Sorte. Das Gehen wird
einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen
mit.«
»Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?« frug Lewin.
»Wir zerdrücken sie so,« antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in
den Händen zerdrückend.
Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es
war doch verdrießlich.
Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte
Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm
schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte
dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große
Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben,
wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um
selbst zu säen.
»Wo hast du aufgehört?«
Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst
so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war
sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin
geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich,
innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück.
»Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr
schelten!« meinte Wasil.
»Wie meinst du das?« frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des
von ihm angewandten Verfahrens.
»Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im
vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie
für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu
arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl
befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,« fuhr Wasil
fort, »so lacht einem das Herz.«
»Ein herrlicher Frühling, Wasil.«
»Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht
erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei
Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn
unterscheiden.«
»Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?«
»Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße
geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.«
»Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,« sagte Lewin, an sein Pferd
hintretend, »und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du
fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.«
»Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.«
Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige
Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit
Sommerweizen hineinkommen sollte.
Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte
schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln
herauf.
Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter
schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut
war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur
dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den
zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war
hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und
säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie.
Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das
Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch
und schreckte dabei zwei Enten auf.
»Da müßten auch Waldschnepfen sein,« dachte er, und in der That traf er
schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung
von den Waldschnepfen bestätigte.
Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte
instand zu setzen.
14.
Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam,
hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs.
»Da kommt jemand von der Eisenbahn an,« dachte er, »es ist just die Zeit
der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es
Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er
entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.«
Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die
Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören
sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und,
gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn
nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der
Ankommende möchte sein Bruder sein.
Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend,
die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen
Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder.
»Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man
wenigstens reden kann,« dachte er.
»Aha!« rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. »Ah,
der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!« rief er und erkannte
Stefan Arkadjewitsch.
»Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder
wann dies der Fall sein wird,« dachte er. An diesem herrlichen
Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr
schmerzte.
»Wie; hast du mich nicht erwartet?« frug Stefan Arkadjewitsch, den
Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit
Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit.
»Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, »zweitens, auf den
Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.«
»Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im
Schlitten angekommen?«
»Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dimitritsch,«
antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik.
»Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,« lächelte
Lewin treuherzig wie ein Kind.
Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck
Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in
Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er
sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen
nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu
nehmen.
Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses
besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den
Weg.
»Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,« sagte er und ging zu dem
Verwalter.
Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und
mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun
nach oben.
»Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden,
worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein,
ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell,
freundlich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets
Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der
heutige war. »Und deine Amme, -- famos! -- Lieber wäre mir ja freilich
eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen
und strengen Leben -- paßt sie vorzüglich.«
Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und
unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein
Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf
herauszukommen.
Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt
vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er
Lewin überbracht.
Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs.
Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine
Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht
mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch
sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus,
erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen
Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich
von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage -- obwohl er dessen
nicht Erwähnung that -- eine Kritik sämtlicher älterer Werke über
Landwirtschaft bilden sollte.
Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink
empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und
Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug
von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit.
Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen
möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden,
vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und
Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das
zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit
der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte.
Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand
alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und
besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete
Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim --
alles war vorzüglich und wunderbar.
»Köstlich, köstlich,« sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in
Brand steckend. »Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln
und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das
Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend
sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin
freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und
Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.«
»Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie,
sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der
Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis
ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen,
ethnographischen« --
In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein.
»Nun, Agathe Michailowna,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die
Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, »welch eine
herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! -- Indessen,
ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?« fügte er plötzlich hinzu.
Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den
nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging.
»Es ist Zeit, Zeit,« antwortete er hierauf. »Kusma! Spanne die Lineyka
an!« Lewin eilte hinab.
Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den
Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er
demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm.
Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von
Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was
Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete.
»Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen
sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.«
»Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?«
»Ja; du kennst ihn wohl?«
»Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und
Glauben.«
Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. »Auf Treu und Glauben« war
ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns.
»Ja, er spricht wunderbar komisch. -- Der Hund hat auch schon
verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,« fügte Lewin hinzu, mit der
Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem
bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte.
Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten.
»Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu
Fuß gehen?«
»Nein; wir wollen lieber fahren,« sagte Stefan Arkadjewitsch, an das
Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das
Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. »Wie, rauchst du denn nicht?
Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die
Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist
Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?«
»Stört dich denn jemand daran?« lächelte Lewin.
»Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist
um dich herum; liebst du Pferde -- so sind sie da; liebst du die Jagd --
so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der
Landwirtschaft widmen -- so hast du sie vor dir.«
»Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue,
was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich
nicht habe,« sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity.
Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein
Wort.
Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets
eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die
Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte.
Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so
quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen.
»Wie stehen deine Angelegenheiten?« frug Lewin, sich daran erinnernd,
daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke.
»Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte,
wenn man schon völlig satt sei, -- nach deiner Meinung ist dies ein
Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,« sagte er, die
Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. »Was ist dagegen zu thun? Ich
bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig
Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.«
»Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?« frug Lewin.
»Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der
Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. -- Nun,
solche giebt es auch in der Wirklichkeit -- und diese Weiber sind
furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so
viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.«
»Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.«
»O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre
Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der
Erforschung derselben.«
Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er
machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren
und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium
derartiger Frauen liegen sollte.
15.
Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen
Flüßchens in einem Espenwäldchen.
Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte
Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich
schon von der Schneekruste befreit hatte.
Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und
entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren,
niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich
fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme.
Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte
sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren.
Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots
zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch
umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die
schon im Begriff waren, aufzuspringen.
Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das
Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine
Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum.
In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren,
vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre,
das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde.
»Hier hört und sieht man das Gras wachsen,« sagte Lewin zu sich, indem
er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines
jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald
niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska
der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten
Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen
dämmernden Himmel.
Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben,
ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand.
Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief
ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach
vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse
her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen
Ruf, dann schnarrte er und verstummte.
»Da, schon der Kuckuck!« sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche
heraustretend.
»Ich höre ihn,« antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit
seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend.
»Er ist schon zeitig da.«
Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin
sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote
Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm.
Tschik-tschick -- knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan
Arkadjewitsch aufgezogen hatte.
»Was schreit denn dort?« frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein
gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd
klang, als ob ein Füllen wieherte.
»Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig
sprechen; aber höre, da fliegt etwas,« rief Lewin fast laut, indem er
die Hähne spannte.
Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie
er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann
ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen.
Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, -- da vor ihm,
an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf
den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel.
Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens,
ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten
unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und
der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte,
blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter
Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann
wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit
schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten,
hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann
schwer zur nassen Erde hernieder.
»War das etwa fehl geschossen?« rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter
dem Rauche nichts hatte sehen können.
»Hier ist sie,« sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr
erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd,
leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und
als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. »Nun,
ich bin froh, daß es dir gelungen ist,« sagte Lewin zu dem Freunde,
dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe
hatte erlegen können.
»Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,« antwortete Stefan
Arkadjewitsch, das Gewehr ladend -- »st -- da kommt wieder eine.« --
In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende
Pfeifen von neuem.
Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend
aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier
Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend,
verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis.
Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei
Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden.
Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende
Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch
im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade
über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären.
Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch
zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes
der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne
des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen
sein würden.
Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und
die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber
er wartete noch immer.
»Ist es nun nicht Zeit?« meinte Stefan Arkadjewitsch.
Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte
sich mehr.
»Warten wir noch ein wenig,« sagte Lewin.
»Wie du willst.«
Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt.
»Stefan!« hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, »weshalb sagst du
mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies
geschehen wird?«
Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine
Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können.
Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm
mitteilte.
»Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht
daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland
geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.«
»Was sagst du da!« schrie Lewin. »Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie
ist sie« --
Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren
und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die
Sprechenden.
»Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?« schien der
Hund zu denken, »und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie -- sie werden
sie verpassen.«
Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende
Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie
faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei
Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende
Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den
Hain herab, die zarten Schößlinge knickend.
»Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!« rief Lewin und eilte mit Laska in
den Hain, um die Schnepfe zu suchen. »Weshalb war mir dies unangenehm
gewesen,« dachte er jetzt bei sich. »Also Kity krank. Was ist da zu
thun? Das ist recht traurig? -- Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein
kluges Tier,« sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas
nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend.
»Ich habe sie gefunden, Stefan!« rief er.
16.
Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen
Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy
und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so
verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung.
Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch
Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die
ihm so weh gethan.
Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys
zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin:
»Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu
erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse
daran.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane
ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so
finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren.
»Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit
Rjabinin?« frug Lewin.
»Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend
Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit
geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.«
»Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,« bemerkte Lewin finster.
»Weshalb denn umsonst?« frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem
Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich
der Billigung erfreuen würde.
»Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,«
versetzte Lewin.
»Ach, über diese Gutsherren,« rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. »Das
ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus
der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt
zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,«
sagte er, »der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde
nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des
Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu
gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er
aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.«
Lewin lächelte geringschätzig.
»Ich weiß,« dachte er, »daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie
ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb
eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem
Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben
aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und
damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft
aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde
eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen.
»Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du
in deinem Amte arbeitest,« fuhr Lewin fort, »ja, wenn es erforderlich
ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher
überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr
schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?«
»Was Bäume zählen?« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem
beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu
entreißen. »Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten
berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz« --
»Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein
Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt,
wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich
bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der
Desjatine wert, während er dir nur zweihundert -- und noch obenein auf
Raten -- zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben
dreißigtausend Rubel schenkst.«
»Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,« erwiderte
Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, »weshalb hat denn kein Mensch
einen höheren Preis auf den Wald geboten?«
»Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein
Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne
sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern
nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa
nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für
zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.«
»Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!«
»Keineswegs,« versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause
anfuhren.
Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder
beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten
straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde.
In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein
Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah.
Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden
Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in
mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn;
seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus.
Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe
tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren
und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte
er große Galoschen gezogen.
Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch
ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin
sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand
entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen.
»Seid Ihr also auch angekommen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die
Hand reichend. »Schön so.« --
»Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der
Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg
zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen.
Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,« wandte er sich hierauf an
Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können.
Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke
er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der
Jagdtasche heraus.
»Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?«
fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, »er ist gewiß
recht schmackhaft.«
Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich
daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne.
»Wünscht man ins Kabinett?« sagte Lewin, sich verfinsternd, auf
französisch zu Stefan Arkadjewitsch. »Begebt euch ins Kabinett, ihr
könnt dort Rücksprache nehmen.«
»Geht ganz gut; wo es gefällig ist,« bemerkte Rjabinin mit nachlässiger
Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere
Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege,
für ihn aber nie und in keiner Beziehung.
In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit
um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er
es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an,
lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung
wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus
nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne.
»Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?« frug Oblonskiy, »setzt Euch.«
»Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich
eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.«
»Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!«
»Bin so frei,« antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den
Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch
unbequemer machen konnte.
»Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld
liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen
Rücktritt mehr.«
Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank
gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die
Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen.
»Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?« sagte er. »Der Herr ist
leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt
haben.«
Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an
Lewin hinauf.
»Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dmitritsch,« begann er lächelnd,
indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte.
»Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei
ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.«
»Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch
nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.«
»Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich,
zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist
jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander
verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon
ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.«
»Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so
giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,« sagte Lewin, »so werde ich
den Wald kaufen.«
Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein
habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf
denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock
auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der
goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor.
»Bitte sehr, der Wald ist mein,« sagte er, sich schnell bekreuzend und
die Hand vor sich streckend. »Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So
handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,« fügte er
hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend.
»An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,« sagte Lewin.
»Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,« bemerkte Oblonskiy
verwundert.
Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin
aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf.
»Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den
Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und
kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur
helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott!
Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen« --
Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und
den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich
alsdann in seine Tjelega und fuhr heim.
»O, diese vornehmen Herren,« meinte er zu dem Verwalter, »sie sind immer
die nämlichen.«
»Ja wohl,« versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und
das lederne Schutztuch festknöpfend.
»Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand,
Michail Ignatjitsch?«
»Nun, wir wollen einmal sehen.«
17.
Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem
Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler
ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf.
Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner
Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in
heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble
Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen.
Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er
begonnen worden war.
Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es
ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren
Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu
besiegen.
Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet
hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und
sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet
haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit.
Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich
gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin
verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind.
Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur
dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege,
und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn
wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war
überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu
suchen.
Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer
gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte
ihn in lebhaftesten Zorn.
»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden
Oblonskiy, »willst du essen?«
»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so
auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu
essen?«
»Zum Teufel mit dem!«
»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal
die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?«
»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch
immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.«
»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der
gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy.
»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir
ist er widerlich.«
»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.«
»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin.
Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« --
»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,«
sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen
deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des
Waldes.«
Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man
unschuldig beleidigt und beunruhigt.
»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen
gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach
dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr
wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein,
nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen
gewissen Groll hegst.«
»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen
warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst
eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen
Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu
sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht;
auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften,
froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus.
Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem
großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen
eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich
Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der
Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein,
und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen,
wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß
nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da
ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein
herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man
einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie
zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache
dreißigtausend Rubel geschenkt.«
»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?«
»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin
hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und
zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!«
»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser
Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den
ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens
abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und
mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen
wundersamen Schtschi vorsetzen.«
Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe
Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches
Abendessen lange Zeit nicht genossen habe.
»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber
Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom
Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« --
Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb
mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan
Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu
entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den
rechten Augenblick, wo er sie stellen könne.
Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte
sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein
Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch
immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten
sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen
wollte.
»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück
wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe
Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu
gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein
Kunsterzeugnis ist.«
»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,«
sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum
Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder --
»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« --
»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn
eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife
weglegend.
»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er
ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht
ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber
Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich
auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm
legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei
Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich
vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich
wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn
nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte
nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen.
»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?«
frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes,
Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem
Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend.
»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies
höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens
Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete
Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen
Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter
derselben.«
Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte
erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine
frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte
er sich auf seinem eigenen Grund und Boden.
»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der
Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich
die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine
Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du
hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch,
dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit
wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon
entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen
Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der
Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen
zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung
befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für
sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und
nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein
Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir
niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin
lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und
ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich
mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die
Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen
dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen
kann.«
»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,«
antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht
gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige
Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die
Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich?
Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will
ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner
Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« --
»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder
unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir
sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren
habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine
bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.«
»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!«
»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich
zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich
ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses
Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht
ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs
Hand.
»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich
doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber
weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht
fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom
Anstand zur Bahnhofstation begeben.«
18.
War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner
Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in
den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen
Beziehungen und Interessen dahin.
Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein
wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch
mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment.
Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch
und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser
Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten,
so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht,
gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des
Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen
am nächsten stellte.
Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug
daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene
Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen.
Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von
seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er
es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er
die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den
Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten,
auf sein Liebesverhältnis anzuspielen.
Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt
bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine
Beziehungen zur Karenina zu sprechen.
Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was
gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung
Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt.
Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es
ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte«
nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete
lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über
sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können.
Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie
werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde.
Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren
ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier
vorbereitete.
Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war
anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem
jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so
verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch
deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel
von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen
und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja.
In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm
angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb
ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er
die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen
hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte
infolge dessen ihre Meinung.
Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese
Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in
der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um
eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte,
die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte.
Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht
wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal
zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den
jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich
hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder
nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er
selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war
infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß
es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht
gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung
seines Bruders.
Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch
eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher
Pferdeliebhaber.
Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten
werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische
Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe,
leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen
eingenommen.
Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im
Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die
unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen
und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte.
19.
Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als
gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er
brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht
vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte
gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und
Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die
weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch
gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen
französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag.
Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden
und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann.
Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem
Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht
gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte
nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war
ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte.
Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy
gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als
möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun,
wie er dies bewerkstelligen wollte.
Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit
der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also
fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche,
während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie
wiedersehen zu sollen.
»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,«
sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen
Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu
essen.
Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch
und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war
noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem
Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter
Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen.
Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er,
als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und
dabei zu essen.
»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier
an ihn, sich neben ihm niedersetzend.
»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und
ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben.
»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den
jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend.
»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung
machend und seine dichten Zähne zeigend.
»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?«
»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf
die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff
die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter.
»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte
reichend und ihn anblickend.
»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy
schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden
Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen.
Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der
junge Offizier.
»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er.
In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister
Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm
zunickend, zu Wronskiy.
»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf
die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein
Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und
sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister
in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.«
»Ich habe nicht viel Appetit.«
»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu,
ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer
hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine
außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken,
in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst
du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war
durchaus nicht übel, wo warst du denn?«
»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy.
»Aha,« machte Jaschwin.
Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne
jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig
sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys
im Regiment.
Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen
Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß
ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen
seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu
seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und
Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln
betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge
getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler
im englischen Klub galt.
Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte,
daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber,
sondern seiner selbst halber liebte.
Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen
mögen.
Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede
Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen
imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte.
Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein
Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des
Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt
wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine
Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung.
Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß
Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht
anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben
dies von seinen Augen ablesen zu können.
»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den
Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und
die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln
Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte.
»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy
seinerseits.
»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird
sie mir schwerlich geben.«
»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy.
Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht.
»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.«
Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom
heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte.
»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur
Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und
den langen Rücken streckend.
»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst
etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando
berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein,
unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich
lieber mit dir gehen!«