Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden,
und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie
plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie
schimpflich gewesen wäre.
»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug
sie sich selbst, verwundert und gekränkt.
Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels
zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend.
Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden.
Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen;
aber sie alle waren nur freundlich und angenehm.
Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und
ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre
Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin.
Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie
diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als
ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es
ist warm, sehr warm, ja heiß!«
»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel
verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation
offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa
zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren,
und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten
bestehen?
Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte
aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las.
Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann
dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut
auf, bezwang sich aber plötzlich noch.
Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und
straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie
empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und
Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und
wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden
Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten.
Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder
rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine
Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was
war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam
sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas
hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand
hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu
kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides.
Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben
eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe
fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm
und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann
verwirrte sich wieder alles um sie herum.
Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand
zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge
des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes;
dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas
zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von
einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das
alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend.
Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie
etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt
erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann
der Schaffner war.
Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben,
hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür.
»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka.
»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!«
Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als
sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber
das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm
schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und
wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der
kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron
heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging
der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still.
Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und
blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete
Station.
30.
Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der
Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die
Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer
Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte.
Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich
wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts
widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über
die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und
zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich
unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen.
»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der
Sturmnacht heraus.
»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere
von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute.
Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber.
Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die
Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und
wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben
ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte.
Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die
Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob
sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne.
Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen;
obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so --
den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen.
Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern
so stark auf sie eingewirkt hatte.
Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt,
und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von
jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger
Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch
nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm
übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes.
Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau,
als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie
sei.
»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie,
die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt.
Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen.
»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr
wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er;
-- »ich kann nicht anders.«
Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der
Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem
abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der
Lokomotive.
Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er
sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand
fürchtete.
Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf.
»Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,« hub
er in höflichem Tone an.
Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß
sie lange Zeit nichts antworten konnte.
»Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter
Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt -- ebenso, wie auch
ich Euch vergessen will,« versetzte sie endlich.
»Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je
vergessen -- noch könnte ich es« --
»Genug, genug!« rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen
strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte.
Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen
hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie
stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war.
Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem
Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise
genähert hatte. Sie erschrak hierüber -- und war beglückt davon. --
Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und
setzte sich wieder auf ihren Platz.
Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich
nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg
bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas
in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden.
Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der
Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war
gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas
Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes.
Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie
wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf
Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten,
ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten
jetzt an sie heran.
Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum
ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich
zog, das ihres Gatten.
»O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?« dachte sie auf seine
kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die
sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden
Hutkrempen.
Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm
eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten
Augen starr anblickend.
Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie
diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als
hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu
müssen.
Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit
sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung
war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem
Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten
schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter
wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich
bewußt.
»Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im
zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich
wiederzusehen,« sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem
Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über
eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie
er.
»Ist unser Sergey gesund?«
»Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?« antwortete er; »er ist
gesund, gesund.«
31.
Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß
in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die
Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm
unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher
Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer
und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge.
Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, -- er diente in einem
Kreisgericht -- saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu
fassen wegen dieses Ausdrucks.
Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn
sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein
Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine
Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der
Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke
dieser Verachtung seitens eines Menschen.
Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb,
weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu
haben, -- er glaubte noch gar nicht hieran -- sondern deshalb, weil der
Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des
Glückes und Stolzes verlieh.
Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran
dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche
er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem
konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele
zustrebten.
Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die
Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie
hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt
nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören.
Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna
erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er
dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß
sie es nun wisse und darüber nachdenken werde.
Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon
zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in
denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte,
und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen
Zukunft die ihm das Herz stocken ließen.
Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach
der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus
einem Kaltwasserbad.
Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten.
»Noch einmal muß ich sie sehen,« sprach er zu sich mit unwillkürlichem
Lächeln, »noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie
wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.«
Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten,
welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete.
»Ah, das ist ja der Gatte!«
Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein
mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen
Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und
überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit
seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und
nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im
Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte.
Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen
petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden
Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand
aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch
empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und
hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen
und das Wasser getrübt hat.
Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen
Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders
unangenehm.
Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie
allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre
Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein
Gemüt beglückend, auf ihn.
Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm
herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu
ihr hin.
Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte
mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer
gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach.
»Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht
lieben,« entschied er vor sich selbst.
Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit
Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und
sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie
sich wieder ihrem Manne gewidmet.
»Habt Ihr die Nacht gut verbracht?« frug Wronskiy, vor ihr eine
Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und
auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung
aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht.
»Ich danke Euch! Sehr gut,« antwortete Anna Karenina.
Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des
Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken
erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in
ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch,
sich glücklich fühlte.
Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne.
Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich
zerstreut erinnernd, wer dies sein könne.
Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl
Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein.
»Graf Wronskiy,« sagte Anna.
»Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,« versetzte Aleksey, diesem
die Hand reichend. »Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt
von da zurück mit dem Sohne,« fuhr er fort mit einer Aussprache, so
sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. »Ihr kommt
wahrscheinlich von Urlaub?« frug er weiter und wandte sich dann, ohne
eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: »Wurden
denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?«
Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er
nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem
umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna:
»Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?«
Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy.
»Sehr angenehm,« versetzte er kühl, »wir empfangen Montags.« Er überließ
hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend:
»Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich
abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.«
»Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als daß ich sie sehr hoch
schätzen dürfte,« antwortete sie in dem nämlichen scherzhaften Tone,
wider Willen dem Geräusch der Schritte des hinter ihnen herschreitenden
Wronskiy lauschend.
»Aber was geht mich die Sache an?« dachte sie bei sich und begann
hierauf ihren Gatten zu fragen, wie in ihrer Abwesenheit sich der kleine
Sergey befunden habe.
»Ausgezeichnet! Mariette sagt, er sei sehr lieb gewesen, aber -- ich muß
dich leider ein wenig verstimmen -- habe sich wenig nach dir gesehnt;
lange nicht so viel, wie dein Mann. Indessen nochmals =merci=, liebste
Frau, daß du mir einen Tag mehr geschenkt hast. Unser gemütlicher
Samowar wird in Entzücken geraten.« »Samowar« hieß bei ihm die berühmte
Gräfin Liddy Iwanowna, deshalb, weil sie stets und über alles in
Aufregung und Hitze zu geraten pflegte. »Sie hat nach dir gefragt. Weißt
du, wenn ich dir raten dürfte, so schlüge ich vor, du führest jetzt zu
ihr. Ihr Herz ist ja über alles gleich in Aufregung und jetzt
beschäftigt sie sich, ganz abgesehen von sämtlichen anderen Sorgen, die
sie noch hat, mit der Versöhnungsangelegenheit der Oblonskiy.«
Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine Freundin Aleksey Aleksandrowitschs,
und bildete den Mittelpunkt eines der Kreise des petersburgischen
Lebens, mit welchem Anna von ihrem Manne aus in engstem Verkehr stand.
»Ich habe ihr aber doch bereits geschrieben?«
»Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht
allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich
muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag
speisen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in
scherzhaftem Tone, fort, »du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin« --
Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf
den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich.
32.
Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr
die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante
und rief in maßlosem Entzücken: »Mama, Mama!« Als er sie erreicht hatte,
hängte er sich an ihren Hals.
»Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!« rief er der Gouvernante
zu, »ich habe es ja gewußt!« --
Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem
der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich
war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so
wie er war, ihre Freude haben sollte.
Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken,
blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen
Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der
Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche
Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie
traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.
Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und
erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in
Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen
Geschwister darin bereits unterrichte.
»Wie, also bin ich schlechter als sie?« frug der kleine Sergey.
»Für mich bist du besser als alles in der Welt.«
»Ich weiß schon, Mama,« lächelte Sergey.
Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin
Lydia Iwanowna meldete.
Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit
gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen
Augen.
Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin
zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.
»Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?« frug
die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.
»Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht
von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,« antwortete Anna. »Im
allgemeinen fand ich meine =belle soeur= nur zu sehr gefaßt.«
Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten
interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger
die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben
interessierte; sie unterbrach daher Anna:
»Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute
ganz angegriffen.«
»Was ist Euch?« frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.
»Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen
für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene
Schwesterfrage,« dieselbe betraf einen philanthropischen,
religiös-patriotischen Bund, »wäre so ersprießlich zur Entwickelung
gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,« fügte die Gräfin
mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. »Sie bemächtigten sich
der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt
in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei
Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze
Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern
schrieb mir Prawdin« --
Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin
erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.
Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den
Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der
Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie
noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen
Komitee beiwohnen müsse.
»Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich
sie früher nicht bemerkt?« sagte sich Anna.
Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war
Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in
Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde
wegen des Christentums und der Tugend.
Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines
Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr
fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu
wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.
Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem
Abendessen des Söhnchens -- welches gesondert zu essen pflegte --
beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu
lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.
Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise
gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden.
In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt
und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt
ihres gestrigen Zustandes.
»Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt,
welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so
geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon
nichts zu sagen -- ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße
der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.«
Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem
Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben
beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch
ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt
lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und
sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht
zu erniedrigen.
»Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei
gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,« sagte sie zu sich selbst.
33.
Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück,
ging aber -- wie dies häufig geschah -- nicht sogleich zu seinem Weibe.
Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige
Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.
Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste
eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey
Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein
junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen
worden war.
Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr -- die
Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften
Schlag gethan -- erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte
und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach
dem Essen hinwegfahren.
Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen
und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm
tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er
sich der strengsten Accuratesse.
»Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,« war seine Devise.
Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau
zulächelnd.
»So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie
peinlich,« er betonte dieses Wort, »es ist, allein speisen zu
müssen.«
Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die
Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan
Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf
Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine
Angelegenheiten.
Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann,
wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur
Ratssitzung zu fahren.
Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer
Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in
das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge
reserviert war.
Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie
gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich
heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt
nicht bei guter Laune.
Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich
möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung
übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen,
daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei
Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben
überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert
war, wie es Anna gewünscht hatte.
Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die
Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn,
daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.
Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte
hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich
schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.
Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend
so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie
erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der
Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener
geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie
vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden
brauchte.
Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und
harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er
trat ins Gemach.
»Endlich kommst du!« sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte
dieselbe und setzte sich neben sie.
»Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,« begann er zu
ihr.
»O ja, vollkommen,« versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu
erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf
der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder
und dann für Dolly.
»Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu
entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch in strengem Tone.
Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen,
daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine
aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne
und liebte ihn.
»Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du
wieder hier bist,« fügte er hinzu; »übrigens was spricht man denn von
dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?«
Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß
sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher
Wichtigkeit war.
»Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,« sagte er mit
selbstzufriedenem Lächeln.
Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen
wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu
erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von
den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes
Reglements dargebracht worden waren.
»Ich bin sehr, sehr glücklich,« sagte er, »dies beweist, daß man bei uns
nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick
zu betrachten.«
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und
Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein
Kabinett.
»Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,«
frug er.
»O nein!« versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon
in das Kabinett begleitend.
»Was liesest du denn jetzt?« frug sie ihn.
»Jetzt lese ich =Duc de Lille, >Poésies des enfers=<,« antwortete er, »ein
sehr interessantes Buch.«
Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und
führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines
Kabinetts.
Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends
zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in
Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem
Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen.
Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und
theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur
völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ
Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf
diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht,
alles zu lesen.
Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie
entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und
Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig
abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von
Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen
Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge
geläufig waren.
»Nun, Gott mit dir,« sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm
schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem
Lehnstuhl bereit gestellt worden war. »Ich will noch nach Moskau
schreiben.«
Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.
»Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und
bedeutend in seinem Wirkungskreis,« sagte Anna zu sich selbst, nachdem
sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn
anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. »Stehen denn seine
Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren
lassen?«
Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief
an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey
Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei
ihr eintrat.
»Es ist nun Zeit,« sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch
gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.
»Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn
zu blicken?« dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey
Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.
Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach;
aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu
sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen,
ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu
sein in ihr -- oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.
34.
Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der
Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.
Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und
nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends
stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst
schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde,
nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt
war.
Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah
Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen.
Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von
Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys:
»Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!«
Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und
begab sich leise in das nächste Gemach.
Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen
Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein
Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend,
saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im
Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform,
wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.
»Bravo, Wronskiy!« schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle
aufdonnernd. »Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen
Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit
der Verschönerung deines Kabinetts!« sagte er dann, auf die Baronesse
zeigend. »Ihr kennt euch ja wohl?«
»Warum nicht?« antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand
der Baronesse drückend; »nicht so, ich bin ein alter Freund?«
»Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In
dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!«
»Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,« versetzte
Wronskiy. »Sei gegrüßt, Kamerowskiy,« fügte er hinzu, diesem kalt die
Hand reichend.
»Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,« wandte
sich die Baronesse an Petrizkiy.
»Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!«
»Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee
geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,« sagte die Baronesse,
sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.
»Peter, gebt den Kaffee!« wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg
Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären
Beziehungen zu ihm zu verbergen. »Ich will das übrige hinzuthun!«
»Ihr werdet die Sache nur verderben.«
»Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?«
fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches
Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. »Wir hielten Euch hier schon für
verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?«
»Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner
sterben.«
»Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!«
Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu
erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre
Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.
»Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich
thun?« Der Er war ihr eigentlicher Mann. »Ich will jetzt einen Prozeß
gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch
einmal nach dem Kaffee -- o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin
vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein
Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen
sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,« sagte sie
voll Verachtung.
Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes
zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft
gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr
mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.
In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei
Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.
Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die
Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen,
die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem,
welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein
Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich,
standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein
tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und
andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht
habe.
Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden
Menschen.
Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die
eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die
sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu
erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.
Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den
Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber
sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt
hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.
Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und
vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die
Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren
Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.
»Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein,
in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines
ordnungsliebenden Menschen sein -- die Unreinlichkeit. Indessen Ihr
ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?«
»Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen
möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,«
versetzte Wronskiy.
»So wie jetzt in Frankreich,« sagte die Baronesse und verschwand mit
rauschendem Kleide.
Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen
Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem
Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen
Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.
Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm
weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte
gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite
drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.
Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese
skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied
nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig,
namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig
in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an
Reizen, nach streng orientalischem Typus, »=genre Rebekka=« deutete er
verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy
überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde
nichts dabei herauskommen.
Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig
gegangen.
Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen
Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und
interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten
Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon
seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das
angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen
Petersburger Leben.
»Unmöglich!« rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit
welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen
hatte. »Unmöglich!« rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem
Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. »Und der ist so
dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?«
»O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert -- reizend!« rief
Petrizkiy. »Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch
nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball,
einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon
gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. -- Steht der also --
aber hörst du auch?« --
»Natürlich, ich höre,« antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten
Handtuch abreibend.
»Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück
will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht.
Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man
schaut umher -- da steht gerade unser Freund.« Petrizkiy zeigte jetzt,
wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. »Die Großfürstin bat, ihr
doch den neuen Helm zu reichen -- er aber gab ihn nicht. Was sollte das
heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht
-- er sollte den Helm reichen -- er giebt ihn nicht. Stand wie eine
Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man
ihn bewegen soll -- will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen -- umsonst
-- er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht
ihn der Großfürstin.
»Dies ist der neue Helm,« sagt diese, und wendet dabei den Helm um -- da
denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde!
Und unser Held las alles auf!«
Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu
einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes
Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die
Geschichte mit dem Helm dachte.
Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit
Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu
zeigen.
Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu
fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht
sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen
konnte, der Karenina zu begegnen.
Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause
weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.
Zweiter Teil.
1.
Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat
statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit
Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte
wieder zu heben.
Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich
ihr Zustand noch mehr.
Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere
Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half,
und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein
namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden.
Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er
erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen,
wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die
jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten
sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein
entblößtes junges Mädchen betaste.
Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei
empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die
jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte,
sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde.
Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte
nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und
somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser
berühmte Arzt sei kein guter Arzt -- im Hause der Fürstin und in deren
Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte
Mediziner besitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in
der Macht, Kity zu retten.
Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb
verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der
namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon
dem Fürsten gegenüber.
Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des
Arztes.
Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte
nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über
diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er
allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt
hatte.
»Falsches Gebell,« dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus
dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die
Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte.
Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann
gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur
schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft
des Fürsten herablassen zu können.
Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die
Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege.
Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin
trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst
ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm
diese ganze Komödie erschien.
Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich
schuldig vor Kity.
»Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,« sagte die Fürstin.
»Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?« wollte sie hinzufügen, allein
ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage
auszusprechen.
»Also wie steht es?«
»Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die
Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.«
»Muß ich Euch also jetzt verlassen?«
»Wie Euch beliebt.«
Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus.
Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt
schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der
Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c.
Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach
seiner dicken goldenen Uhr.
»So ist es,« antwortete er, »aber« --
Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede.
»Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose
nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen.
Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte
Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt
so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um
die Ernährung zu unterstützen?«
»Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch
dahinterstecken,« erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln
einzuwerfen.
»Allerdings, das versteht sich ja von selbst,« versetzte der Ruhm der
Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. »Ist denn die
Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum
fahren?« frug er.
»Sie ist fertig.«
»Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also
dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der
Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern
muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.«
»Und die Reise nach dem Ausland?« frug der Hausarzt.
»Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn
wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen
können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches
Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu
schädigen.«
Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener
Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterung der Hauptpunkt
offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne.
Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört.
»Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland
möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine
Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig
erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,« fügte er hinzu.
»Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen
Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich
belehren ließe -- aber -- mögen sie reisen.«
Er blickte wiederum nach seiner Uhr.
»Ah, es ist jetzt Zeit!« -- Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der
berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin -- das Gefühl des Anstandes
erforderte dies -- daß er die Kranke nochmals sehen müsse.
»Wie? Nochmals untersuchen?« rief die Mutter entsetzt aus.
»O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.«
»Bitte sehr.«
Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity.
Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den
Augen, -- eine Folge der ausgestandenen Scham -- stand Kity inmitten des
Zimmers.
Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich
mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben
erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches.
Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die
Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase.
Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und
Pulvern?
Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese
selbst sich schuldbewußt fühlte.
»Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,« sagte die
medizinische Autorität.
Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und
begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete
ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet.
»Entschuldigt mich,« sagte sie, »aber dies kann doch sicherlich zu
nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.« Der
berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt.
»Eine krankhafte Gereiztheit,« sagte er zu der Fürstin, als Kity
hinausgegangen war. »Übrigens bin ich fertig.«
Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau,
wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der
Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch
gar nicht nötig waren.
Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der
große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen
Aufgabe sänne.
Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber
vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden.
Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der
große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem
Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme.
Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets,
verstellen müssen.
»Es ist wirklich wahr, =maman=, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr
reisen wollt, so wollen wir reisen!« sagte sie, und gab sich den
Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem
sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
2.
Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der
Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem
Wochenbett war -- sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben
geschenkt -- trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu
tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen
daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal
Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
»Nun, wie steht es?« frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom
Kopfe zu nehmen. »Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?«
Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es
zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte,
niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland
beschlossen worden war.
Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste
fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu
Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein
erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande
gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das
eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche
gegangen.
Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan
Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im
Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon
mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht
vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren
hatte.
Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt,
konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner
Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken
können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs
beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich
verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.
Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald
stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen
Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines
der Kinder erkrankt.
»Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?« frug die Mutter.
»Ach, =maman=, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist
krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber
doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß
sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu
können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.«
Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem
Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit
ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin:
»Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird
alsdann aus mir?«
»Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,« antwortete die
Gattin.
»Wie Ihr wollt.«
»=Maman=, warum soll Papa nicht mit uns reisen?« sagte Kity, »ihm und uns
ist dann wohler zu Mut.«
Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines
Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln
an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie
verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das
Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr
den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen
begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er
durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging.
Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen
solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach:
»Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar
nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun,
Dollinka,« wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, »was macht
denn dein Trumpfaß?«
»Nichts, Papa,« antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die
Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. »Er ist meist fern von Hause,
und ich sehe ihn fast nie,« konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem
Lächeln hinzuzufügen.
»Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu
verkaufen?«
»Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.«
»So, so,« antwortete der Fürst, »dann werde ich mich wohl auch noch
einmal vorbereiten müssen?« Er nahm neben seinem Weibe Platz. »Und du
Kity,« fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, »du wirst
hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber
sagen, »ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir
wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte
machen? Nicht so?«
Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet
dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder.
»Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten,
daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.«
Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu
finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ
schnell das Gemach.
»Da hast du deine Scherze!« rief die Fürstin ihrem Gatten zu; »du bist
stets die Ursache zu derartigen Scenen;« begann sie vorwurfsvoll.
Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein
Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr.
»Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst
nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die
Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!« rief
die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte
Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. »Ich begreife nicht, daß
es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!«
»Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,« versetzte der Fürst finster
sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu
verlassen, noch an der Thür stehen bleibend.
»Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu
herausforderst, so will ich dir sagen, wer an allem schuld ist. Du, du
und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte -- ich
bin leider ein Greis -- so würde ich ihn vor die Barriere fordern,
diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch
ein.«
Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin
seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie
dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte.
»=Alexandre, Alexandre=,« flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in
Thränen ausbrechend.
Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu
ihr hin.
»Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es
wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und
Gott ist barmherzig,« sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er
sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er
auf seiner Hand fühlte.
Auch der Fürst verließ den Salon.
Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art
als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur
Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen.
Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich.
Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die
Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ.
Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie
empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen
dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater
hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen,
der nötig war -- zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen.
»Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen, =maman=, Ihr wißt wohl,
daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum
letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.«
»Was soll das? Ich verstehe nicht« --
»So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht
davon gesprochen?«
»Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie
ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt« --
»Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte -- sie würde ihm nicht abgesagt
haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es --
dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.«
Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an
dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut.
»Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach
ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da« --
»=Maman=, ich gehe zu ihr.«
»Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?« sagte die Mutter.
3.
Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit
Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und
freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war,
erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen
Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe.
Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem
niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die
eine Ecke des Teppichs geheftet hielt.
Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck
ihres Gesichts veränderte sich nicht.
»Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du
aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,« sagte Darja
Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. »Ich möchte mit dir
einiges sprechen.«
»Worüber?« frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend.
»Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.«
»Ich habe kein Herzeleid.«
»Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich
weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire -- nun, wir
haben das ja alle durchgemacht.«
Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge.
»Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest« -- fuhr
Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd.
»Ja, weil er mich verschmäht hat,« sprach Kity mit bebender Stimme.
»Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.«
»Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin
überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist,
aber« --
»Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,« rief Kity,
plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle,
errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der
anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug.
Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den
Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity
imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen
und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly
wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät.
»Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?« rief Kity heftig. »Etwa
dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte,
und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine
Schwester sagen, welche glaubt daß sie -- daß sie -- mich bemitleiden
soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!«
»Kity, du bist ungerecht!«
»Weshalb quälst du mich!«
»Aber, im Gegenteil -- ich sehe, du bist gereizt!« --
Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung.
»Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz
genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht
liebt!«
»Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins -- sage mir die Wahrheit,«
fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, »sage mir, hat
Lewin mit dir gesprochen?«
Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restes von
Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf
die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen
in der Luft; dann rief sie:
»Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich
foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz
besitze, und nie -- nie und nimmermehr -- das thäte, was du thust, um
hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes
Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich
kann es nicht!«
Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an,
und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt
hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie
anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den
Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend.
Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst
nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden
hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr
desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der
Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun.
Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die
Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um
ihren Hals.
Kity lag vor ihr auf den Knieen.
»Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!« stammelte Kity
schuldbewußt.
Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten
des Kleides der Schwester.
Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne
welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern
nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach
Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie
eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen,
verstanden sie einander auch darin ganz gut.
Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort über die Treulosigkeit
von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den
Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger
verzieh.
Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen
und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen
waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß
Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß
Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu
lieben und Wronskiy zu hassen.
Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von
ihrem Gemütszustand.
»Ich habe kein Herzeleid,« hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du
wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider,
rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht
vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.«
»Aber wie kannst du böse Gedanken haben?« frug Dolly lächelnd.
»Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu
sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind
weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was
Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir
zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?« fuhr sie fort, den zweifelnden
Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. »Papa hat soeben davon
gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten.
Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich
möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese
Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir
zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint,
daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein
Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst;
jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst
du auch anderes erwarten? Der Arzt -- ha« --
Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da
diese Veränderung mit ihr vorgegangen war, Stefan Arkadjewitsch ihr
unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne
ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu
haben.
»Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,« fuhr sie fort,
»und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht« --
»Aber denke nicht« --
»Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur
bei dir.«
»Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.«
»Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich
ja gehabt, und ich werde =maman= schon bitten.« --
Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die
Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches
thatsächlich zum Ausbruch gekommen war.
Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die
Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur
Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland.
4.
Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein.
Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem
großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.
Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei
verschiedenen Gesellschaftskreisen.
Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte
angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und
Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und
willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt
waren.
Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast
abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit
diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.
Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen
gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines
jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre
gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und
wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und
worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.
Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie
nicht im geringsten -- ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia
Iwanowna -- zu erwärmen, und sie mied daher denselben.
Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen
Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.
Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein
Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger,
gelehrter ehrgeiziger Männer.
Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte
denselben »das Gewissen der Petersburger Gesellschaft«.
Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die
es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten
Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für
sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese
Gesellschaft unerträglich geworden.
Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur
verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser
Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia
kam.
Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die
eigentliche Welt -- die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden
Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um
nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren
zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen
nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.
Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy
Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige
hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von
deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte.
Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und
verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.
»Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,« sagte
sie, »aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh
zur Gottgefälligkeit.«
Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel
sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit
über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer
Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein
Umschwung hierin eingetreten.
Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die
große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische
innere Freude bei diesen Begegnungen.
Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst
eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam
nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr,
wenn er nur konnte, von seiner Liebe.
Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm
zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der
Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn
zum erstenmale wieder erblickte.
Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen
leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und
vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.
Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn
ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie
nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie
Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune
die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in
einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur
nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres
Lebens bilde.
* * * * *
Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war
im Theater.
Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen
hatte, begab er sich zu dieser -- ohne den Zwischenakt abzuwarten --
nach ihrer Loge.
»Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?« frug ihn die Gräfin. »Ich bin
doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,« fügte sie mit
einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, »sie war auch nicht
da. -- Aber Ihr kommt doch nach der Oper?«
Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr
mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.
»Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,« fuhr die Fürstin
Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der
Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.
»Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!«
»Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,« antwortete
Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. »Wenn ich Etwas
beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die
Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.«
»Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?« sagte Bezzy, etwas pikiert von
ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten
Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse
-- genau ebenso gut wie er selbst -- welche Hoffnung er haben könne.
»Keine,« sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. »Ich
habe es mir selbst zuzuschreiben,« fügte er hinzu, aus ihren Händen ein
Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte
Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. »Ich
fürchte, ich mache mich lächerlich.«
Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner
nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen
dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder
überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte.
Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau
näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch
zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann
niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den
Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte
seine Base an.
»Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?« frug sie mit
liebenswürdigem Lächeln.
»Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr
wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet
es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt.
Es ist wirklich so!«
»Wie; Ihr habt versöhnt?«
»Beinahe.«
»Ah, das müßt Ihr mir erzählen,« sagte sie, sich erhebend. »Kommt im
Zwischenakt zu mir!«
»Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.«
»Der Nilson halber?« frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der
Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.
»Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines
Versöhnungsversuchs.«
»O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,« sagte
Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört
hatte. »Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?«
5.
»Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich
sie sehr gern erzähle,« sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie
blickend. »Die Familie kann ich freilich nicht nennen.«
»Dann werde ich sie raten; um so besser.«
»Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute« --
»Natürlich Offiziere Eures Regimentes?«
»Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die
miteinander gefrühstückt hatten.«
»Übertragt dies lieber: getrunken hatten.« --
»Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der
lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche
jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt
und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden
folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.
Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des
nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne
begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen
unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen
Füßchen.«
»Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer
jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.«
»Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem
Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken
sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen
der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der
oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf
die Frage, ob oben drüber >Mamsells< wohnten, es gäbe da sehr viele.
Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des
Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben
dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es
selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig
verständlich geworden wäre.«
»Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?«
»Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und
versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor
der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in
eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem
Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier
im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.« --
»Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet,
wurstartig ausgesehen habe?«
»Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.«
»Und was geschah dabei?«
»Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem
glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun
hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den
Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist
nichts gewesen im Vergleich mit mir!«
»Worin lag denn die Schwierigkeit?«
»Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in
Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige
Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann
aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu
verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in
einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um
sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in
Bewegung setzen mußte. >Ich bin völlig damit einverstanden, daß die
Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre
Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die
Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie
bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man
ihnen ihren Fehltritt vergebe,< sagte ich.
»Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, >ich bin einverstanden,
Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein
Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten
einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger< -- Ihr versteht, er nannte die
beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins
Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der
Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr
Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht,
seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich
in diplomatischen Finessen.«
»Ah, das muß er auch Euch erzählen!« wandte sich Bezzy lachend an eine
Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. »Er hat mich vorzüglich
belustigt.«
»Nun, bonne chance,« fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den
sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern
die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie,
so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie
vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge.
Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen
Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem
Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine
Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und
ergötzte.
In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein
anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst
getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst
Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des
Regiments auf dem Spiele standen.
Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum
Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde
über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt
hätten.
Sein junges Weib -- erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben
Jahre verheiratet war -- sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte
aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen
hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei
daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause
gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht
geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause
hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die
Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der
berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt
habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen.
»Nein, was Ihr auch sagt,« meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy,
den er zu sich berufen hatte, »Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht
keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird
die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.«
Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier
von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse,
diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen.
Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen,
weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich
als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen
sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie
Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte
leisten.
Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name
Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der
Erweichung des Rates beitragen könnte.
Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam;
allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy
auch berichtete.
Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem
Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den
Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles
nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen
bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen,
Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte
lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung
Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer
wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des
Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten
halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte,
sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte.
»Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit
diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?«
frug er nochmals lachend.
»Wie war heute Claire?«
»Wunderbar,« versetzte er im Hinblick auf die neue französische
Schauspielerin. »Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden
Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!«
6.
Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes
abzuwarten.
Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr
schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder
empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als
schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in
der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten
Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur
Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete
geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei
hereindefilieren.
Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur
und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der
anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den
prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem
Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen
Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs.
Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der
Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener
heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt,
nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende
des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet
und mit scharfen, schwarzen Brauen.
Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der
ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen,
durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein
Thema, bei welchem man verweilen könnte.
»Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar
ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,« sagte ein Diplomat in dem
Kreise der Frau des Gesandten, »habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht
fiel?«
»O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich
nichts Neues mehr sagen,« äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen
und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die
Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr
=enfant terrible= benannte Dame.
Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm,
aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald
an dem des anderen.
»Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase
über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die
Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.«
Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig,
ein neues Thema ausfindig zu machen.
»Erzählt uns doch etwas Lustiges -- aber nichts Schlechtes,« wandte sich
die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen
Konversation, wie man sie auf englisch =small talk= nennt, an den
Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte.
»Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei
lustig,« begann er jetzt lächelnd.
»Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem
Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke
oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt
sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige
langweilt.«
»Das ist eine alte Geschichte,« lachte die Gattin des Gesandten. Die
Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie
zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig,
seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu
nehmen, dem des Klatsches.
»Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten
hat?« fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden
jungen Mann weisend, welcher am Tische stand.
»O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des
Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.«
Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas
gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte,
nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy.
Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in
der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen
Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der
Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das
Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei
dem Klatsch.
»Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa -- nicht die Tochter,
sondern die Mutter, sich ein Kostüm von =diable rose= fertigen läßt?«
»Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!«
»Ich staune, wie die das hat ausdenken können -- sie ist also doch nicht
so dumm -- man sieht nur nicht, wie fein sie ist.«
Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur
Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das
Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß.
Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und
leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei
seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging,
im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich
daher der Fürstin Mjagkaja.
»Wie gefiel Euch die Nilson?« war seine Begrüßung.
»Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt
erschreckt!« antwortete sie. »Aber sprecht mir nicht mehr, um aller
Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von
Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit
Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn
da neulich gekauft?«
»Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die
Bedeutung.«
»Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener -- wie nennt man sie doch -- bei
jener Bankiersfamilie gelernt -- bei denen giebt es sehr gute Gravuren.
Die haben sie uns gezeigt.«
»Wie, waret Ihr bei Schützburg?« frug die Dame des Hauses vom Samowar
herüber.
»Ich bin dort gewesen, =ma chère=. Man hatte mich eingeladen, mit meinem
Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu
Tisch tausend Rubel gekostet habe,« sprach die Fürstin Mjagkaja mit
lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, »und diese
Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber
seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für
fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden
gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.«
»Ist die natürlich!« bemerkte die Dame des Hauses.
»Bewundernswert,« flüsterte ein anderer.
Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen
pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung
dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in
diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte.
In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den
Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte
nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie
wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus.
Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit
widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten
abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das
Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher
an die Dame des Gesandten.
»Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen
müssen,« begann sie.
»O nein; ich sitze recht gut hier,« versetzte lächelnd die Frau des
Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort.
Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann
und Frau.
»Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es
liegt so etwas Seltsames in ihr,« äußerte ihre Freundin.
»Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit
sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,« sagte die Frau des Gesandten.
»Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch
ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur
Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die
Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm
sein, keinen Schatten zu besitzen.«
»Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,«
antwortete die Freundin Annas.
»Hütet Eure Zunge,« sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese
Worte vernommen hatte. »Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann
liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.«
»Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender
Mensch,« frug die Frau des Gesandten. »Mein Mann sagt, daß es nur wenig
solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.«
»Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,« antwortete
die Fürstin Mjagkaja. »Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden
wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner
Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur
unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles
einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn
geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst
dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir
selbst gesagt, _er_ sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem
Male alles klar. Ist es nicht so?«
»O wie boshaft Ihr heute doch seid!«
»Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns
beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man
dergleichen nie.
»Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem
Verstande,« warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein.
»Da haben wirs; gewiß,« wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an
ihn. »Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes
liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt
vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?«
»Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,« verwahrte
sich die Freundin Annas.
»Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb
noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.«
Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser
zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des
Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König
von Preußen bewegte.
»Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?« frug Bezzy.
»Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey
Aleksandrowitschs gegeben,« versetzte die Frau des Gesandten, sich
lächelnd an den Tisch setzend.
»Schade, daß wir sie nicht gehört haben,« antwortete die Dame des Hauses
nach der Eingangsthür blickend. »Ah, da seid Ihr ja endlich!« rief sie
lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu.
Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern
sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen
Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst
verlassen hatte.
»Woher ich komme?« antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des
Gesandten. »Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der
Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre
ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir
dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in
der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte.
Heute« --
Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie
verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem
Entsetzen.
»Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.«
»Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.«
»Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die
Gesellschaft, wie die Oper,« fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu.
7.
An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin
Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy.
Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen
Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden
auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand
anders als Anna Karenina.
Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes
in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und
gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der
großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der
Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte
mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy.
Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu.
Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde
finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig
zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin
Bezzy.
»Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen,
allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er
ist ein sehr interessanter Mann.«
»Ah, ist das nicht jener Missionar?«
»Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.«
Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen
gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen
Lampe.
»Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die
Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.«
»Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten
wird?«
»Man sagt, es sei völlig sicher.«
»Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe
geschlossen?«
»Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen, die Ihr da habt?
Wer spricht heute noch von Liebe?« äußerte die Frau des Gesandten.
»Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht
abgeschafft,« sagte Wronskiy.
»Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen
lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen
worden sind.«
»Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der
Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene
Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,« sagte
Wronskiy.
»Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen
werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem
Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.«
»Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die
Pockenkrankheit.«
»In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,«
sagte die Fürstin Mjagkaja, »ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir
etwas genützt hat.«
»Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich
erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,« sagte die Fürstin
Bezzy.
»Auch noch _nach_ der Heirat?« frug scherzend die Frau des Gesandten.
»Man kann nie zu spät Reue empfinden,« sagte der Diplomat in einem
englischen Sprichwort.
»Das ist es eben,« rief Bezzy, »man muß sich bessern, wenn man geirrt
hat. Wie denkt Ihr darüber?« wandte sie sich an Anna, die mit kaum
bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend
zugehört hatte.
»Ich denke,« antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend,
»ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen
so viel Arten von Liebe.«
Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was
sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen
Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte.
Anna wandte sich plötzlich an ihn.
»Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity
Schtscherbazkaja sehr krank ist.«
»Sollte es möglich sein?« antwortete Wronskiy finster werdend.
Anna blickte ihn streng an.
»Interessiert Euch dies nicht?«
»Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die
Frage erlaubt ist?« frug er.
Anna stand auf und trat zu Bezzy.
»Gebt mir doch eine Schale Thee,« sagte sie, hinter deren Stuhl stehen
bleibend.
Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin.
»Was schreibt man Euch?« wiederholte er.
»Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und
doch stets hiervon sprechen,« sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten.
»Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,« fügte sie alsdann hinzu,
einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums
setzend.
»Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,« versetzte er, ihr
die Schale reichend.
Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf
demselben nieder.
»Ja, ich wollte Euch sagen,« fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, »daß Ihr
schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.«
»Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war
die Ursache, daß ich so handelte?«
»Weshalb sagt Ihr mir dies?« frug sie ihn streng anblickend.
»Ihr wißt es, weshalb,« versetzte er kühn und freudig ihrem Blick
begegnend und ohne die Augen zu senken.
Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung.
»Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,« sagte sie, aber
der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz,
und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte.