Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: »Oblonskiy, hier!«

Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald

sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem

Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll

Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm

seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich.

Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte,

ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn

erwarte, trat er wieder in den Waggon.

»Nicht wahr, sie ist reizend?« frug ihn dieselbe. »Ihr Gatte hat sie in

meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich

habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber -- sagt

man nicht -- =vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant

mieux=«!

»Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, =maman=,« antwortete der Sohn kühl.

»Aber wollen wir jetzt gehen, =maman=?«

Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich

von der Gräfin zu verabschieden.

»Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,« scherzte sie

heiter, »meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter

hätte ich nichts mehr zu berichten.«

»O nein,« versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, »mit Euch

möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen.

Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und

gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm

doch einmal trennen.« --

Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif

aufgerichtet und ihre Augen lächelten.

»Anna Karenina,« begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend,

»hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von

ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.«

»Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,«

sagte die Karenina, »die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,«

und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes

Lächeln, das ihm galt.

»Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,« sagte er,

im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien

indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise

weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin:

»Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der

gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.«

»Adieu, liebste Freundin,« versetzte die Gräfin, »laßt mich Euer liebes

Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es

gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.«

So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen

Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich

leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich

wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen

zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm

gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über

den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete.

Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die

ziemlich volle Gestalt bewegend.

»Sehr lieb,« sagte die alte Gräfin.

Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so

lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf

seinen Zügen.

Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm

in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann,

augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich

wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich.

»Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?« wiederholte er

seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend.

»Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und

Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.«

Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch

genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach

Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war.

»Da ist ja Laurenz,« sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, »jetzt

können wir gehen, wenn du willst.«

Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé,

um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu

gehen.

»Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,« sagte

Wronskiy.

Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und

ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme;

als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige

Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der

Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe.

Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem

Train kam zurück.

»Was giebt es denn! Was ist! -- Es ist jemand unter den Zug geraten! --

Er ist zerquetscht!« hörte man verschiedene Stimmen unter den

Vorübereilenden.

Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit

erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk

vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt.

Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch

mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu

erfahren.

Ein Weichenwärter -- mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu

sehr vermummt gewesen sein -- hatte den rückwärts sich bewegenden Zug

nicht wahrgenommen, und war überfahren worden.

Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen

diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren.

Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam

und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde

traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen.

»O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein

Unglück!« rief er aus.

Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb

vollkommen ruhig.

»Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »auch

sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es

warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche

Familie erhalten. Dies ist das Unglück!« --

»Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?« frug die Karenina in

aufgeregt flüsterndem Tone.

Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon.

»Ich werde sofort wiederkommen, =maman=,« sagte er, sich an der Thür

nochmals umwendend.

Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan

Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten,

während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend.

»Jetzt wollen wir gehen,« sagte Wronskiy, hereintretend.

Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter;

hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der

Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war.

»Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch

die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?«

»Der Witwe,« antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, »ich begreife

nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.«

»Ihr habt gegeben?« rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand

der Schwester drückend: »Das ist doch charmant, charmant; er ist doch

ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!«

Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen.

Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die

Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich

soeben ereignet hatte.

»Es ist ein entsetzlicher Tod,« sagte ein vorübergehender Herr, »man

sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.«

»Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er

augenblicklich tot gewesen ist,« meinte ein anderer.

»Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,« ein dritter.

Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte

mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die

Thränen unterdrückte.

»Was ist dir, Anna?« frug er.

»Ein böses Anzeichen.«

»Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du

kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.«

»Kennst du Wronskiy schon lange?« frug sie.

»Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.«

»Ja wohl,« versetzte Anna leise. »Aber jetzt wollen wir einmal von

deinen Angelegenheiten reden,« fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd,

gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie

bedrückte und störte. »Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten

sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.«

»Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, so erzähle mir denn alles.«

Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen.

Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem

Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt.

19.

Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit

ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich

zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der

Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse,

im Bemühen, denselben abzureißen.

Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose

sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder

nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte

ihn in ihre Tasche.

»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich

wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte,

und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie

aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend.

Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich

nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie

dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die

Schwägerin voll Aufregung.

Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe

versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die

Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und

daselbst die =grande dame= spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die

dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie

hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde.

»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich

weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes

und Gutes erfahren.«

Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie

bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben

nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der

Gesamtheit des Familienlebens daselbst.

»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur

nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly.

»Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen

Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber

es hielt nichts davon Stich.«

Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von

ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der

Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf

die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald

freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte,

bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit

jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und

deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören

zu müssen.

Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und

übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so

daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm.

Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in

der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte

sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen.

Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin.

»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen.

»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!«

»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich

bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits

wisse.

»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer

von Beileid auf Annas Zügen gewahrend.

»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort,

im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich

hinauszuschieben.

»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus,

und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb

sie stehen und errötete.

»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!«

Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr

ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben

aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte.

»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast

neidisch.

»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines

Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen

Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es -- »ein reizendes

Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!«

Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern

auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre

Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon.

»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt,

schade.«

Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich,

nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem

Präsentierbrett, und schob es dann von sich.

»Dolly; er hat mit mir gesprochen.«

Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte

Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art.

»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn

sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz,

mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!«

Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich

Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand

mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht,

allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie

sagte:

»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen

Geschehnissen; alles ist dahin!«

Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher

wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte

sie und antwortete:

»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man

am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? -- Hierüber gilt es jetzt

nachzudenken!«

»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete

Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht

verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben

aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.«

»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun

von dir hören; erzähle mir alles.«

Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme

und Liebe sichtbar waren.

»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an

erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner

französischen =Maman=-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr

dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die

Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan

-- Stefan Arkadjewitsch -- hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht

glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei,

welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor,

daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein,

daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit

solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese

ganze Niedrigkeit kennen lernen.

Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines

Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« -- Dolly fuhr fort, nur mit

Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es

war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu

entsetzlich!«

Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz.

»Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort,

nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu

betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu

sein und zugleich der ihrige -- das ist furchtbar! Aber du kannst das

nicht verstehen!«

»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,«

antwortete Anna, ihr die Hand drückend.

»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner

Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und

zufrieden!«

»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen

Stimmung, er wird von Reue bedrückt!«

»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins

Gesicht schauend.

»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können.

Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er

sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese

Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei

quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er,

der dich liebt -- ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« -- ließ

Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, -- »dir

so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. >Nein, nein, sie

vergiebt nicht!< ist sein stetes Wort.«

Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und

lauschte auf deren Worte.

»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel

tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch

seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm

verzeihen, wiederum sein Weib werden können -- nach jenem Geschöpf?

Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb,

weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.«

Schluchzen unterbrach ihre Stimme.

Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die

Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen,

was sie vor allem so erbittert hatte.

»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst,

Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen

worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in

seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm -- das versteht sich wohl -- ein

frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen,

oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben -- verstehst du?«

Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.

»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn

noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein

Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du

verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war

mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was

quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? -- Es ist furchtbar, daß

plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und

Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde

ich ihn haben« --

»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du

bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte

siehst!«

Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille.

»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon

mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.«

Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes

Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin.

»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und

kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« -- sie

machte eine Geste vor ihr Stirn -- »diese Fähigkeit des vollständigen

Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von

Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was

er gethan hat.« --

»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in

die Rede, »aber ich -- du vergißt mich ja ganz -- ist mir etwa

leichter?«

»Warte doch! Als er mit mir sprach -- ich gestehe es -- begriff ich noch

nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und

daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich,

selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem

Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich

dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden

von Grund aus -- nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie

viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie

viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen

würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!«

»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die

Rechte küssend.

»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer,

die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen.

Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht

der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber

ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene

Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie

können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art

unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen.

Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!«

»Aber er hat sie doch geküßt« --

»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er

in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und

Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe

Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir

gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen

selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly

sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit

gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß

seine Seele nichts« --

»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?«

»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.«

»Also du würdest ihm vergeben?«

»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich

kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die

Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl,

ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu

streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde

gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«

»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas

aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja

keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz

thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer

führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.

»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt

leichter, bei weitem leichter geworden.«

20.

Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy.

Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von

ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen

Tage zu besuchen.

Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb

nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu

Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm.

Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um

Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du

anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.

In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche

Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung,

und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer

Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.

Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber

nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die

Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen

werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna

Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort.

Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend

und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich

nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt

in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in

verheiratete und ältere Damen zu verlieben.

Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines

achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen

geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische

und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem

Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade

ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer

Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna

vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in

ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst

unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur

besaßen.

Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich

Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.

»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den

Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.«

Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.

Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem

Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es,

weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es,

daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die

beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das

gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur

Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer

Seite.

Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin

bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen

suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte,

mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides

zu berühren strebte.

»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna,

sich auf ihren Platz niederlassend.

Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in

die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.

»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity.

»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf

denen es stets recht lustig ist.«

»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit

feinem Lächeln.

»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es

stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es

immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?«

»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen

es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen

wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.

»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig

ist.«

»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?«

»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig

finde?« frug Anna.

Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.

»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein

würdet!«

Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und

sagte:

»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre,

warum?«

»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity.

»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu

Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring

abgezogen hatte.

»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar

zu gern auf dem Balle sehen.«

»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem

Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr'

nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine

in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder

zurechtsteckend.

»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.«

»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört

ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich

losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens,

weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht

Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber

dabei sein möchte.«

»Woher wißt Ihr das? Allerdings.«

»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich

noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der

Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit

überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem

grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger

werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl

er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht

durchschritten?

Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich

nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte

sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey

Aleksandrowitschs, ihres Gatten.

»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich

gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy

auf der Eisenbahn zusammen.«

»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?«

»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen --

Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie

fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr

Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder

eingenommen sein können, aber« --

»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?«

»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem

auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum

Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder

überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche

That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit

einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der

zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.

Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das

Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie

selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.

»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und

ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen

gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt --

Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das

Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit

irgend etwas unzufrieden sein.

»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt

die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante

Anna geeilt kamen.

»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend

entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich

tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen

warf.

21.

Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer;

Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der

Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.

»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu

Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir

sind uns dann auch näher.«

»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht

Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die

Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.

»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin.

»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein

Murmeltier schnarche.«

»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett

hereintretend und sich an seine Frau wendend.

An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung

zustande gekommen war.

»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders

gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich

muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten

wendend.

»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie

den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.

»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte

Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles

thun.«

»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna.

»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem

Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann

fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte

spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.

»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei

gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war,

trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.

»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den

Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch,

mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.

Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem

gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst

befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber

nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter

Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.

Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und

angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy

durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört;

dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten

Grunde seltsam.

Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand

Anna Karenina plötzlich schnell auf.

»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich

auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter

hinzu.

Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied

nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu

Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von

ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich

und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey

zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm

reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und

ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe

nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte

Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.

Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die

Glocke laut.

»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es

wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu.

»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan

Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der

Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber

bereits bei der Hauslampe.

Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames

Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in

ihrem Herzen.

Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In

diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob

er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck

von Verlegenheit und Erschrecken.

Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie

die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten,

und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher

ablehnte.

Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und

Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines

Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden

Standesperson gegeben werden sollte.

»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig

Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.

Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er

gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.

»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht

antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten

sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.«

Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und

beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.

Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu

seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein

geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat;

indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von

allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.

22.

Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit

Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte,

lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges,

gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem

Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen

vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale

die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters,

welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der

seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine

Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der

Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die

ihm noch unbekannt war.

Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte

Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer

außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte

und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend,

wieder um und bat Kity um eine Quadrille.

Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die

zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die

Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte,

seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.

Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle

Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie

jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei

und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die

Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine

Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll

geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den

zwei Blättchen obenauf.

Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter

ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich

Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und

graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.

Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid

drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die

Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die

rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern

machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden

Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die

Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu

verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein

schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses

Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals

geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.

In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war

wunderschön.

Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel

schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein

Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.

Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im

Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.

Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und

blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze

harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon

zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie

engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte

=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine

stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.

Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste

Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt

einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr

hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten

charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu

fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu

umfangen.

Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd

nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.

»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre

Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte

Erscheinen.«

Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen

Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im

Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.

»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den

ersten langsamen Pas des Walzers.

»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war

das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.

Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in

den Saal.

Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle

aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine

Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so

kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte

von beidem.

In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft

gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit

Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte

mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der

Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen,

nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte

sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.

Auch er war dort.

Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage

gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich

erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.

»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug

Korsunskiy leicht schnaufend.

»Nein; ich danke.«

»Wohin darf ich Euch führen?«

»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!«

»Wohin Ihr befehlt.«

Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der

linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes

dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von

Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante

hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte

Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre

Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten

Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine

ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie

zu Anna Arkadjewna zu führen.

Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und

suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.

Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte,

sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid,

welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen

Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten

feinen Gelenken.

Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in

ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine

Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen

Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.

Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken

kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf

ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden

kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.

Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie

sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz

erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt

hatte.

Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete

Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen

konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets

persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr

sichtbar sein dürfe.

In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht

sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie

allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.

Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als

Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt

zu diesem hinwendend.

»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl

ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich

alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von

Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte

ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre

Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung.

»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie.

»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna

Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge

Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna

Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend.

»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr.

»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße

Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer,

Anna Arkadjewna!«

»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete

diese.

»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy.

In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu.

»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,«

sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf

Korsunskiys Schulter legend.

»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie

bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte.

Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille

unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie

zu sehen.

Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte

dabei Wronskiys Worten.

Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that

es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und

engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt,

als die Musik plötzlich abbrach.

Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange

nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe,

mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete,

mit quälender Beschämung in ihr Herz.

»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des

Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu

tanzen.

23.

Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers

ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der

Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die

erste Quadrille zu bitten.

Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung

gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die

Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte,

als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes

Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung

empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei

und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen.

Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen;

sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in

dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden.

Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte,

beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso

mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf

Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon.

Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein

zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie

tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung

bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen

Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis

Wronskiy mit Anna Karenina.

Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt

zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in

ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf

Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie

erweckten Festrausches.

Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese

Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen,

das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen

kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen.

»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es

einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in

der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren,

wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos

Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine=

verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und

schwerer.

»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken

gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser

Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?«

Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in

ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen.

Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude

nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem

Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu?

Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem

Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch

auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der

unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt,

jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als

wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der

Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es

war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir,

ohne daß ich weiß, wie«.

Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm

wahrgenommen hatte.

Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar

langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes

Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal

besiegelte, sondern auch das jener beiden.

Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich

Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die

kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für

sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso

fühlten wie Kity.

Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der

Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie

durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man

von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja

selbst lächeln.

Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu

stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen

Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des

Schreckens.

Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht

tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte,

weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen

hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt

noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl

fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte

sich gebrochen.

Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier

in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine

Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte

Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der

rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und

fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz.

Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im

Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und

weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem

Herzen.

»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich

gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor,

was sie gesehen hatte.

»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar

auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!«

Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell.

»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?«

»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen

zitterten.

»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die

Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und

Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen

Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!«

»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity.

Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie

gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil

sie einem anderen vertraut hatte.

Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt

hatte und befahl ihm Kity zu engagieren.

Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu

reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner

Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna

befanden sich ihr ziemlich gegenüber.

Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen

als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr

überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei.

Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des

überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest

und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck

der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck

eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist.

Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde

nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt

Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet.

Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid;

verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der

kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken

der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen

der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner

Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz.

--

Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr

Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem

Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit

ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte

sie sich verändert.

»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen.

»Ja,« versetzte Kity.

Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy

ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm

zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich.

Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit

den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber

bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und

des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich

heiter mit der anderen Dame.

»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in

ihr,« sagte Kity zu sich selbst.

Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu

bitten.

»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren

entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich

für den Cotillon! =Un bijou=!« --

Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu

ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu.

»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz

des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen

Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde.

»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr

getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte

Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor

der Rückreise noch erholen.«

»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy.

»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die

Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz

ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach.

Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg.

24.

»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der

Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines

Bruders begebend.

»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld,

sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte

ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.«

Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen,

den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren

Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie

mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand

und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht

besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte?

Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand

nützlich war.

Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der

Erinnerung an ihn hin.

»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist?

Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich,

vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht

gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich

kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und

ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher

gekommen, um zu dinieren.«

Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in

seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher.

Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals

aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder

auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des

Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle

Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle

Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war

er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung

getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin

entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus

dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in

einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß,

unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich

jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und

Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte

unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die

Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie

Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus

untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß

gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm

dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte,

und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz

in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den

Vorgesetzten geprügelt hatte.

Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht

so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten,

von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem

Herzen.

Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der

Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche

hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für

seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur --

ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn

verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach,

da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit

Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt.

Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde

seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht

schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten.

Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und

einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch

stets gestrebt darnach, gut zu sein!

»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm

beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu

sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen

Gasthaus vorfahrend.

»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage.

»Ist er daheim?«

»Er muß wohl da sein.«

Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem

lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak.

Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß

sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten.

Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade:

»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung

geführt wird.«

Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann

in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach,

während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen

Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar.

Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte,

in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so

streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der

Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen.

»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er

die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten.

»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da

ist, sonst schicke darnach.«

Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt

Konstantin.

»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie.

»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt.

»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend.

»Wer ist das, >ich<?« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man

vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande

hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte

Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und

Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit

großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte.

Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo

Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände

erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden,

aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die

nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden.

»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend,

und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben

Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine

Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse,

als wenn ihn das Halstuch drückte.

Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte

sich auf seinen abgezehrten Zügen.

»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch

nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest

du!«

Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte.

Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit

ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt,

als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder

erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte

Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein.

»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete

Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.«

Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er

zuckte die Lippen.

»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst

du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt;

weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den

Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von

Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du,

seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.«

Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer

befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib,

welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt,

habe ich gesagt!«

Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die

Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der

Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und

berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er

einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen

gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber

auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen

sei.

»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um

das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu

brechen.

»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen.

»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau

weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe

sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals

als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender

Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen

will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz

gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du

denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!«

Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin.

»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.«

»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und

Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh,

geh!« --

25.

»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es

wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich

sagen oder thun solle.

»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne

Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der

Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um

die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.«

Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht

und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem

ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der

Arbeitergenossenschaft berichtete.

Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur

Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter:

»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die

wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt,

daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer

Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.

»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern,

und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine

Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die

Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die

Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene

arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese

Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte

dabei fragend auf den Bruder.

»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf

den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.

»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher

alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente

zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.«

»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug

Konstantin Lewin.

»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.«

»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es

doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem

Dorfe?«

»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind,

die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es

unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,«

versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.

Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren,

schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu

erregen.

»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen,

und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die

herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.«

»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete

lächelnd Lewin.

»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses

Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich

dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du

verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott,

geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!«

»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja

gar nicht.«

In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin

blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und

flüsterte ihm etwas zu.

»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und

schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und

seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel

Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der

Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz

gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische

niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut

umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.

»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster,

augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.

»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an

Krizkiy.

»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.«

»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit

verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist

ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes --

ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.«

Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.

»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem

Schlosser!« --

Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit

den Augen zwinkerte.

»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« --

In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach

Nikolay.

»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den

Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend

wandte sich an diese:

»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie.

»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach

geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie.

»Was trinkt er denn?«

»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.«

»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin.

»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher

jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.

»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten

Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte

er.

»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.

»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar

nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr

er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und

weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den

Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf,

seine Stimme erhebend.

»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja

Nikolajewna, an ihn herantretend.

»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja

schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem

Servierbrett hereintrat.

»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den

Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du

nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend.

»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern

bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so

ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er

fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites

Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?«

»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige

mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die

Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich

indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.

»Weshalb heiratest du denn nicht?«

»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend.

»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben.

Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten;

hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann

würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.«

Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.

»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor

ist?« sagte er.

Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.

»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was

machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich

besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß

nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und

führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich

auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.«

»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so

bequem machen!«

»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey

Iwanowitsch nicht bei dir fände.«

»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.«

»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm

und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.

Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.

»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser

Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey

Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr

befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form

nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.«

»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt

Nikolay aus.

»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die

Freundschaft mit dir vor, denn« --

»Denn, denn?« --

Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber

habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber

Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich

unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.

»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die

fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.

»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er.

Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich

auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.

»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht

alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes

in ihr?«

»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um

ihr einige Worte zu sagen.

»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit,

da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte,

hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr<

angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er

plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese

Semstwos, was ist das alles für Unsinn!«

Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem

Herzen hatte, herunterzusprechen.

Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes

in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte

und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des

Bruders.

»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz.

»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,«

wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen

lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und

Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht

gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich

vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du

lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den

Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die

russischen Lieder!«

Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das

andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu

überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig

Berauschten zur Ruhe.

Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay

auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu

leben.

26.

Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des

nämlichen Tages langte er zu Hause an.

Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über

Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte

ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit

mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.

Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen

alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen

gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des

Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah,

seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und

Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die

Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und

davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine

Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere

Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.

Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er

aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in

denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche

Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er

nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd

gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da

fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.

Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr

sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.

Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht

mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine

Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die

lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.

Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft

ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde,

als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.

In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß

er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus

den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu

können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen

werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den

Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten

hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.

Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für

unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in

seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt

beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von

jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig

gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus

gestatten wolle.

Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg

in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl

der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der

neunten Stunde vor seinem Hause vor.

Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen

Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein

Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie

war noch nicht zur Ruhe gegangen.

Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur

Freitreppe heraus.

Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt

hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen,

erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust

des Herrn setzen.

»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna.

»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber

daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein

Kabinett.

Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze

erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe,

Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst

einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern

her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen

zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.

Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an

der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf

dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens

schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht

entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du

warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir

selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten

Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht

geboten ward und für dich niemals möglich ist!«

Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele

sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der

Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er

sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des

Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und

begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere

Stimmung zu versetzen.

Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er

die Gewichte beiseite.

Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen

sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre

von unten angebrannt wäre.

Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin

selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese

Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten

Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.

Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war,

lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum

hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte

seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und

erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf

einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt.

»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er

sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.«

Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem

Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der

Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.

Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre

aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der

Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.

Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer

holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte

aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal

wütend, als man an ihm vorüberschritt.

Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd,

hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil

gedreht, und beschnob es jetzt.

Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge

Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf,

beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut

schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb

suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den

Schwanz.

»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das

Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der

Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy

Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter,

jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des

Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des

Kalbes.

»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der

Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm

unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über

die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.«

Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des

Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab

er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem

Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause

woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.

27.

Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein

bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in

Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar

von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber

dieses Haus war für ihn die ganze Welt.

Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben

waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der

höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer

Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.

Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn

nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in

seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen

geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.

Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht

vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor.

Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl

seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener

zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.

Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes

künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.

Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken

pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen

hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit

ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am

Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte,

von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben

konnte.

Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in

seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte

dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort

schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem

Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor

das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele

Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.

Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott

vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er

dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib

halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und

überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt

worden waren.

Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner

absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der

Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der

philosophische Blick nicht zureiche.

Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß

nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische

Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte

und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten,

die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.

Er blickte wieder in sein Buch.

»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn

möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen

zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames

Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden.

-- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst

eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen

drei mischen kann.«

Ausgezeichnet!

Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns

besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die

Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen

wie ein Kind auferzogen.«

»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen.

»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre

dann die Antwort.

Aber wer soll diese Hausfrau sein?

Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.

»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.«

»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht

eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die

Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei

weitem besseres Leben führen zu können.«

Er hob den Kopf und dachte nach.

Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft

des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und

hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder

zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen

Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm

und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose.

»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein

Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat

sich auch genug gelangweilt.«

»Weshalb?«

»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich

geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter

ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in

gesundem Leib!«

Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie

seine Gedanken erraten konnte.

»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse

ergreifend, und ging hinaus.

Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte

denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es

sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote

legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte

Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die

alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe.

Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres.

»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's

gut sein.«

28.

Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein

Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage.

»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer

Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone

mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von

Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es

ist am besten, ich fahre jetzt!«

Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die

Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.

Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung

geschrieben, sie habe Kopfschmerzen.

Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin.

Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden,

daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so

allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen

befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante

ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es

kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste.

Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise

beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre

Rechnungen und packte.

Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger

Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche

Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne

Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich

selbst verdeckt.

Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden,

und Dolly folgte ihr dahin.

»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna.

»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl.

Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer

weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch

vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem

Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher

packte.

Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von

Thränen umflort.

»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht

von hier hinweg.«

»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte

Dolly, sie aufmerksam betrachtend.

Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly.

»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch

nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich

verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan,

was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe,

daß du verzeihen mußtest und konntest.«

»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du,

Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.«

»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.«

»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so

klar.«

»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen

erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen.

»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte

Dolly lächelnd.

»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen?

Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna

fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und

Dolly gerade in die Augen blickend.

Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu

den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete.

»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen

hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie

vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer

Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig,

ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,«

sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend.

»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte

Dolly.

Anna fühlte sich verletzt.

»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich

sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir

erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna.

Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß

dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie

empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr

früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu

begegnen.

»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und

daß er« --

»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich

gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache

ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« --

Sie wurde wiederum rot und hielt inne.

»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly.

»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite

irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin

überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört,

mich zu hassen?«

»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht

diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande

käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.«

»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von

neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte

sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen;

»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht

habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch

ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?«

Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna,

aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche

habe.

»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.«

»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie

ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr

Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute

doch.«

Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich

anzukleiden.

Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an,

mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um

sich verbreitend.

Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und

als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu:

»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde

es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und

stets lieben werde als meinen besten Freund.«

»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre

Thränen verbergend.

»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein

Herz!«

29.

»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der

Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder

verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den

Zutritt zum Waggon versperrt hatte.

Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des

Schlafwaggons um sich.

»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey

Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes

Dasein.«

Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich,

welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem

gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an.

Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack,

langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und

setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte,

zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei

andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte

ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen.

Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der

Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre

Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie

befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus

ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman

heraus.

Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber,

nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr

möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken

Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb,

die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden

Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die

Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies

alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt

blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der

monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der

Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von

Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen.

Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu

folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten

Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen

fest, von denen der eine zerrissen war.

Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in

ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte.

Sie wollte vor allem ja selbst leben.

Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie

mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon,

wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese

Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte,

ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen

setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun.

Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn

nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich

eifrig ihrer Lektüre widmend.

Anna Karenina, 1. Band · 第 5 / 15 题