»O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,«

antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone

unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde,

obwohl es im Beginn des Winters war.

»Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?« frug Kity.

»Ich weiß noch nicht,« antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach.

Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen

werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben

würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu

fassen.

»Inwiefern wißt Ihr das nicht?«

»Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,« sagte er, erschrak

aber sofort über seine eigenen Worte.

Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien

zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann

hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige

Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre

Schlittschuhe ablegten.

»Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,«

sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der

Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend

und nach auswärts und innen Kreise ziehend.

In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren

Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen

aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen

herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die

freie Haltung seiner Arme zu verändern.

»Aha, ein neues Kunststückchen,« sagte Lewin, und lief sofort nach oben

um das neue Kunststückchen zu versuchen.

»Fallt nicht, das will geübt sein!« rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu.

Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten

Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe

blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber

eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die

Fläche.

»Ein wackerer Bursch,« dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen

heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei

mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. »Bin

ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei

Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in

seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?«

dachte sie.

Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam,

fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und

versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann

Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein.

»Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,« sagte die Fürstin, »Donnerstag, wie

ja immer, empfangen wir.«

»Nicht heute vielleicht auch?«

»Wird uns sehr angenehm sein,« versetzte die Fürstin trocken.

Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht

enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach

ihm um und sprach lächelnd:

»Auf Wiedersehen.«

In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf

der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger

im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er

mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von

Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile

gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter

dem Arme.

»Nun, was thun wir, wollen wir fahren?« frug er, »ich habe immer an dich

gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,« sprach er,

Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend.

»Fahren wir, fahren wir,« antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der

Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, »auf

Wiedersehen«. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen

worden waren.

»Gehen wir nach England oder in die Eremitage?«

»Mir ganz gleichgültig.«

»Nun, also nach >England<«, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »England«

deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der

Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden.

»Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen

entlassen.«

Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin

dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet

haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn

vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine

Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen

ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war

just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten »auf Wiedersehen«!

Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners

zusammen. »Liebst du nicht =turbot=?« frug er Lewin während der Fahrt.

»Was sagtest du?« frug Lewin, »=turbot=? O ja, ich liebe den =turbot=

außerordentlich.«

10.

Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein

gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen

Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan

Arkadjewitschs.

Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in

den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und

mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und

links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten

freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit

Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen

behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren

sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen

Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien

nur aus falschen Haaren, =poudre de riz= und =vinaigre de toilette=

zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich

hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity

erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des

Glückes.

»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht

stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in

Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er

sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan

Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend.

Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem

solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem

Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun

mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan

Arkadjewitsch stehen.

»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei

sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische

Austern angekommen.«

»Ah! Austern!«

Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken.

»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf

die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die

Austern auch gut sind? Sieh du zu!«

»Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.«

»Also Flensburger und frisch?«

»Erst gestern erhalten.«

»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den

ganzen Plan verändern. Nicht so?«

»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[A]

aber beides giebt es hier wohl nicht.«

[A] Russische Grützbreispeise.

»Kascha =à la russe= befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das

Kind, sich zu Lewin beugend.

»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh

gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky,

auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß

ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes

mit speisen.«

»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der

Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn,

lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit

Schwarzwurzel« --

»=Printanière=,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte

demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der

Benennung der Speisen belassen.

»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf =turbot= mit steifer Sauce, dann

=Roastbeef=; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und

Konserven.«

Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die

Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht

mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der

Karte französisch zu wiederholen: »=Soupe printanière, turbot sauce

Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits=« und wie auf

Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte

niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan

Arkadjewitsch.

»Was werden wir trinken?«

»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,«

antwortete Lewin.

»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel

vor?«

»=Caché blanc=«, verbesserte der Tatar.

»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.«

»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?«

»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.«

»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?«

»Gewiß, Parmesan. Oder liebst _du_ etwa einen anderen mehr?«

»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln

unterdrücken zu können.

Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten

flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender

Austern und einer Bouteille.

Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie

an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.

»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen

Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern

verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden

Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.

Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse

lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar

aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden

Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit

eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf

Stefan Arkadjewitsch.

»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch

leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«

Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies

der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit

alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem

im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter

diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas,

diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die

Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.

»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich

hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie

alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist;

ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir

gesehen habe« --

»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch

dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.

»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal

nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir

auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten,

der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns

die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute

ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich

Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu

thun haben.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.

»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier

arbeitet eben nur der Geist.«

»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir

jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst

schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten,

während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu

diesem Zwecke noch Austern esse.«

»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja

eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu

verschaffen.«

»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild

zu bleiben.«

»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«

Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm

schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy

aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich

hiervon abzog.

»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug

Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und

den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.

»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien,

als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«

»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier -- he,

Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als =grande

dame=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen,

doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber

doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus

Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach

dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur

das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«

»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin

seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau

verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich

wiedergekommen« --

»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge

schauend.

»Weshalb?«

»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte

Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch.

»An dir erkenne ich alles im voraus.«

»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«

»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur

eine Gegenwart, und die Gegenwart -- ist verpfuscht.«

»Was heißt das?«

»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich

kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? -- Da nimm!« rief er

dem Tataren zu.

»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden

Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.

»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran

kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan

Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.

»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme

fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jeder Muskel bebte. »Wie schaust

du auf die Sache?«

Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge

von Lewin zu verwenden.

»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als

dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«

»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir

jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend;

»glaubst du, daß es möglich ist?«

»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«

»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was

du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« --

»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd

über diese Erregtheit.

»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie

für sie.«

»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei.

Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«

»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins,

und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei

Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt -- außer

ihr -- und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren

sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber -- war sie allein, ohne

jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.

»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die

Sauce fortgeschoben hatte.

Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht

zum Essen kommen.

»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und

Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit

niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so

verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles;

indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe

ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«

»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch

lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein --

bewundernswertes Weib.« -- Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner

jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und

fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die

Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch

was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie

beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen

heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so

gekommen. Sie aber, ist -- ganz auf deiner Seite.« --

»Inwiefern denn?«

»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity

würde unfehlbar dein Weib.«

Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem

Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.

»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich

ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,«

antwortete er, von seinem Platze aufstehend.

»Gut; aber setze dich doch.«

Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit

seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und

blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann

setzte er sich wieder nieder am Tische.

»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst

verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein

eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja

deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es

nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht

existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für

mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« --

»Weshalb warest du nur fortgefahren?«

»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von

Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen

können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin

so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen.

Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay -- du kennst ihn doch,

er ist hier -- ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er

glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist

entsetzlich -- du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl -- eines ist

entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine

Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen,

unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich

nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«

»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«

»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein

Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich

tief.«

»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete

Stefan Arkadjewitsch.

»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets

geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung

erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir

vergeben.«

11.

Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.

»Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?« frug alsdann

Stefan Arkadjewitsch Lewin.

»Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?«

»Eine andere Flasche,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren,

der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich

dann, wenn er nicht erforderlich war.

»Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern

ist.«

»Was ist das für ein Wronskiy?« frug Lewin, und seine Miene ging von dem

Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy

betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.

»Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy,

einer der hellsten Sterne der =jeunesse dorée= von Petersburg. Ich habe

ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur

Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat

mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber

guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier

kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein

Mensch, der es weit bringen wird.«

Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.

»Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und

ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity.

Du weißt ja wohl, daß deren Mutter« --

»Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,« antwortete

Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er

sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte

vergessen können.

»Warte nur ruhig, warte,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine

Hand berührend. »Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß

in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die

Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.«

Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.

»Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung

zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,« fuhr Stefan

Arkadjewitsch fort, »aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr

eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.«

»Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme

nur im Frühjahr zu mir,« antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer

Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben.

Sein »Gefühl«, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht

über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die

Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins

vorging.

»Ich werde schon einmal kommen,« sagte er. »Ja, ja, liebster Freund, die

Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine

Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern.

Sprich einmal aufrichtig,« fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und

mit der anderen das Glas haltend, »und gieb mir einen Rat.«

»Worin?«

»Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein

Weib, würdest aber von einer anderen verführt« --

»Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich

etwa -- es ist ja gleich was ich nehme -- wie ich nicht begreifen

könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an

einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.«

Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.

»Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es

doch nicht aushältst:

»Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen

Meine irdische Begier;

Aber doch, wenn's nicht gelungen,

Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte

gleichfalls nicht umhin zu lächeln.

»Ja, aber ohne Scherz,« fuhr Oblonskiy fort, »stelle dir vor, daß ein

Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich

ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist -- verstehe

recht -- muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich

trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme

Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht

lindern?«

»O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei

Klassen zerfallen, oder nein -- richtiger -- es giebt Weiber und es giebt

-- ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will

keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor

mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind

es.« --

»Und die Büßerin in der Bibel?«

»O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte

er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem

ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich

nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen

Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen --

ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren

Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht -- ich

ebensowenig.« --

»Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem

Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der

linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine

Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage

mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man

hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in

Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe

hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!« Stefan

Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.

Lewin lächelte.

»Jawohl; sie ist dahin,« fuhr Oblonskiy fort, »und was soll man dann

thun?«

»Jedenfalls keine Semmeln stehlen!«

Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.

»O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich

um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte

bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere

aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da

thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.«

»Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir,

daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus

folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe -- jede der beiden

Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im »Gastmahl« definiert,

--als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art,

die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe

kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. >Ich danke

bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung<, das ist

hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein

Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil« --

In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er

gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise

fügte er daher hinzu:

»Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich

weiß nichts, entschieden nichts.«

»Da hat man es,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »du bist ein sehr

offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein

Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze

Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber

dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft

mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit

stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der

Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen

Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein

Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle

Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und

Schatten.«

Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen

Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.

Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren,

miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch

mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen

Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so

gar nichts angingen.

Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an

Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne

geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.

»Zahlen!« rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen

Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über

eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit

dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch

mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen

Anstrengung veranlaßte.

Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen

Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam,

verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner

Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt

haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause,

um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein

Schicksal entscheiden sollte.

12.

Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im

vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit

erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als

diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin

selbst erwartet hatte.

Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast

sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der

ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich

nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.

Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und

seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten

Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu

Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.

Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere

Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen

Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch

viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er

ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die

Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere

Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war,

daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute

sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du,

ich hatte recht.«

Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in

ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie

machen, sondern eine glänzende.

Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen

Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame,

entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die

sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen

gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der

Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht

sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat

hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als

fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag

käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus

besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu

erklären, war er abgereist.

»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich

nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.

Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich,

klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu

machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie

wünschen.

Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr,

besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner

Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die

Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und

Erregung befunden.

Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante

hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von

vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch

ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen

Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem

vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht

und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor

sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren

Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei,

was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie

viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken

durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit

ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas

und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte

man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen

Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern

gewesen war.

Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf

die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos

eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war.

Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die

Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran

gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie,

daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.

Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den

Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer

Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen

Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der

Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten,

und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl

eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.

»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie

ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle

älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die

Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den

Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich,

sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit

zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen

Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung

wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die

Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise

eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses

Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der

gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.

Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der

Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten

lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur

diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht

wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in

jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der

nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin

zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte

diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt

haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene

Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte

die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren

Töchtern der Fall gewesen war.

Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit

begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich

in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit,

daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun

werde.

Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden

Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen,

und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu

blicken pflege.

In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt,

welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses

Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht.

Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären,

in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen

wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt

zu haben.

»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf

die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt.

Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die

Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame

von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl

des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor

seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber

wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren

Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.

So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter

Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu

verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich

entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.

Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge

gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal

für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy

abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe

der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.

»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die

Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.

»Heute, =maman=!«

»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem

ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.

»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter

umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß

alles!«

Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des

Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.

»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« --

»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so

entsetzlich, hiervon zu reden!«

»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den

Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast

mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?«

»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und

offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu

sagen -- ich -- wenn ich auch wollte -- ich weiß nichts -- was ich sagen

sollte -- ich weiß nichts.«

»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte

die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die

Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so

ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele

vor sich ging.

13.

Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin

ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr

Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um

einen festen Punkt konzentrieren lassen.

Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal

beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick

werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im

Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie

sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger

Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die

Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem

seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen,

poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien

ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht

schwer, sich Lewins zu erinnern.

In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie

Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr

ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei -- nicht in

ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während

sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie

jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr

eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur

ein Nebel zu liegen schien.

Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den

Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer

besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde --

dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem

Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren

Bewegungen bewußt.

Um halb acht Uhr -- sie war soeben in den Salon getreten -- meldete der

Diener »Konstantin Dimitritsch Lewin!«

Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht

erschienen.

»Sei's drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie

erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.

Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie

allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis

aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz

anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie

allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte,

sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte,

den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum?

Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr

gefaßt hatte.

Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte

gehandelt werden.

»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll

ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was

soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist

unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!«

Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.

»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe

nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit

sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie

zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie

gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins

Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre

Hand.

»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,«

hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine

Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich

auszusprechen, wurden seine Mienen düster.

»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.

»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu

setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.

»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern --«

Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und

ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.

Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.

»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere

Zeit hierher gekommen wäre -- daß dies von Euch abhängt« --

Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das

Kommende zu antworten haben würde.

»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen -- ich

wollte sagen -- ich bin deshalb gekommen, damit -- Ihr mein Weib würdet«

-- sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das

Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.

Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken

durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet,

daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen

Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie

erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu

Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete

sie:

»Es kann nicht sein -- vergebt mir.«

Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie

ihm da noch für das Leben -- und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie

weit!

»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken.

Er verneigte sich und wollte gehen.

14.

In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich

Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten

Mienen.

Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne

das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die

Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie

des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder

und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm

Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon

verlassen zu können.

Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im

vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.

Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf

mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu

derselben drückte sich -- wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu

Unverheirateten -- in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen,

der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu

vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war

ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer

Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.

»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich

herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht,

weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das

sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht

ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn.

Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und

blickte verächtlich auf sie, weil sie sich -- was sie sich als Vorzug

anrechnete -- mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen

Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und

Prosaischen.

Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige

Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den

freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade

verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und

nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.

Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.

»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem

ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand

reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters

geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert,

aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity

blickend.

»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so

wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und

sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone

tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.«

»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder

Schlittschuh gefahren?«

Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch

die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber

diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu

bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und

seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl

bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.

»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im

Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen

lassen?«

»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,«

antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.«

»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein

strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den

Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern,

ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.«

»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte

recht schön -- was hat das zu bedeuten -- Ihr wißt doch ja alles. Bei

uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles

vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was

hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« --

In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.

»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts

zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier

richtend.

»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich

hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig

geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich

aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann

liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten

ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?

Jetzt, -- mochte es gut sein, oder nicht, -- mußte Lewin noch länger

bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity

liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache

glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in

ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es

giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis

wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften

zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen

dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.

Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer,

das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst

in die Augen.

Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit

freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen

Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den

kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis

zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch

zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt

Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu

dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen,

zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden

triumphierendem -- so schien es wenigstens Lewin -- verbeugte er

sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich

kleine, aber breite Hand.

Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte,

setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen,

der keinen Blick von ihm verwandte.

»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin

weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin -- Graf Aleksey Kyrillowitsch

Wronskiy.« --

Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand

drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint

mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr

waret so unerwartet auf das Land gereist.«

»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die

Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein.

»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr

derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel,

daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.

Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.

»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen,

im Winter ist das langweilig?«

»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst

langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest.

»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als

bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.

»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet,

stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone.

»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe.

Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber

nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem

russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da

ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich

langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze

Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor

allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« --

Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und

freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte

offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin

Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen

Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.

Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche

stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei

schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale

Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam,

dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine

Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.

Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er

sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch

ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.

Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin

Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu

erzählen die sie gesehen haben wollte.

»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit

den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches

erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd.

»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber,

Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin.

»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten

werde.«

»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.«

»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden

Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher

steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die

Behexung, wir aber« --

»Nun, Ihr glaubt nicht?«

»Ich kann es nicht, Gräfin!«

»Aber wenn ich selbst gesehen habe« --

»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.«

»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?«

Sie lachte nicht gut.

»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran

glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und

wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit

seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da

es unangenehm zu werden drohte.

»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht?

Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher

kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch

unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« --

»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war

nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme

und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre

Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen

ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann

erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.«

Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that;

augenscheinlich von denselben interessiert.

»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was

für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten

Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken,

worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht

eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« --

»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man

Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier

dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft

wahrscheinlich doch wohl keine -- Naturerscheinung.« --

Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu

ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern

lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte

sich an die Damen.

»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte

aussprechen, wie er dachte.

»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre

Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie

sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese

materiellen Versuchen unterwerfen.«

Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.

»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin

Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.«

Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und

schwieg.

»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es

gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem

Tische suchte.

Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete,

seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit

ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks

betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick,

»ich bin so glücklich.«

»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach

seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte

sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu

gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt

hatte, sich zu Lewin wandte.

»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar

nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.«

Der alte Fürst sprach Lewin bald mit _du_ bald mit Ihr an; er umarmte ihn

und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich

erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.

Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die

Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte

auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie

letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich

vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden

war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.

»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin

Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.«

»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die

Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch

heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der

Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch

wenigstens noch Sinn.«

Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken,

dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die

Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden

großen Balle zu reden.

»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity.

Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser

unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem

Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys,

wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.

15.

Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von

ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles

Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein

»Antrag« gemacht worden war.

Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr

zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu

finden.

Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz

Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter

ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend

und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel

Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie

vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft

stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so

edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann

entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie

selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem

Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.

»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach

sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in

derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder

darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte -- sie wußte es selbst

nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich,

erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.

Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des

Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden

Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.

»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann

seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß

Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen,

albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!«

»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die

Fürstin, fast weinend.

Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter

gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem

gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag

zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr

die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich

dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde

-- da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte

ihr die härtesten Worte zugerufen.

»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen

Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr

Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die

heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann _alle_ jungen Leute in Moskau

ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die

Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für

mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen.

Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant

hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle

nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von

Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!«

»Aber was habe ich gethan?«

»Nun,« rief der Fürst ingrimmig.

»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die

Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so

ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.«

»Es wäre auch besser so.«

»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann

von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es --«

»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich

verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich

es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« -- der

Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem

dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich

machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.«

»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« --

»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber

aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies

ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich

nur zerstreuen will.«

»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.«

»Nun, entsinnest du dich, -- jetzt ist es freilich zu spät -- wie es mit

der Dolly war?«

»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin

seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.

»Laß gut sein; schlaf wohl!«

Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die

Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.

Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend

über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die

Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten

beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war,

wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen

Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich,

erbarme dich!«

16.

Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in

ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur

Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane

erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich

fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen

worden.

Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er

unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er

aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so

lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft.

In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben

in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes,

liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte.

Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen

Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise

mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der

Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber

Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie

bedeutungsvollen Sinn verlieh.

Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der

gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr

und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr

er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung

für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber

Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber

ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese

Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie

unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm

dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im

Genuß seiner Entdeckung.

Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte

er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen

können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte,

so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht

geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein

großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, --

daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können,

daß er heiraten müßte.

Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er

liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im

Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten

Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem --

Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys

unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim

Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle

seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr

gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen

müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht

imstande, sich klar zu machen.

»Es ist reizend,« dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys

hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer

Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den

ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und

verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre

Liebe zu ihm. »Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr

gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren

Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir

gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und --

was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen

gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle,

daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese

guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: >Gewiß werde ich auf dem

Balle sein.<«

»Aber was weiter thun? Hm -- nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei

und sie auch.« Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch

ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich

begeben konnte.

»In den Klub? -- Spiel und Champagner? -- Nein, dahin nicht. =Château des

fleurs=? -- Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist

langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich

selbst zu bessern. Also nach Hause denn!«

Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab

sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als

er schon in festen Schlaf versunken war.

17.

Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der

Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das

ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy,

der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete.

»Ah, Excellenz!« rief Oblonskiy. »Aus welchem Grunde bist du heute

hier?«

»Der Mutter halber,« antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln,

welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die

Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; »sie muß jetzt mit dem

Petersburger Zuge ankommen.«

»Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von

den Schtscherbazkiys aus?«

»Nach Hause,« versetzte Wronskiy, »ich muß gestehen, es war mir gestern

nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich

nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.«

»Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,« deklamierte Stefan

Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte.

Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht

in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema

über.

»Wen erwartest du denn?« frug er seinerseits.

»Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,« sagte Oblonskiy.

»Sieh da!«

»=Honny soit qui mal y pense=! Meine Schwester Anna!«

»Aha; die Karenina!« rief Wronskiy.

»Du kennst sie ja wohl?«

»Ich glaube -- oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich

nicht besinnen,« sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina

irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend.

»Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du

wohl. Den kennt ja die ganze Welt.«

»Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein

verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies

nicht in meinem Gesichtskreis -- =not in my line= -- liegt,« sagte

Wronskiy.

»Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein

vorzüglicher Mensch,« bemerkte Stefan Arkadjewitsch, »ein vorzüglicher

Mensch.«

»Um so besser für ihn,« antwortete Wronskiy lächelnd. -- »Nun, bist du

hier?« wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der

Thür stand, den Lakai seiner Mutter.

Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle

zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet,

diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner

Auffassung mit Kity in Verbindung stand.

»Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die >Divas< geben?« sagte er, ihn

lächelnd unter dem Arme fassend.

»Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt

geworden?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.«

»Er ist ein vorzüglicher Mensch,« fuhr Oblonskiy fort, »habe ich nicht

recht?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Wronskiy, »warum es bei allen Moskauern der

Fall ist -- diejenigen natürlich ausgenommen,« bemerkte er scherzend,

»mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets

Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen

geben wollten.«

»So ist es, ja, ja,« lachte Stefan Arkadjewitsch heiter.

»Nun, kommt der Zug bald?« wandte sich Wronskiy an den Diener.

»Der Zug ist soeben eingefahren,« antwortete dieser.

Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden

Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der

Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren

der Abholenden.

Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den

weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen

Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man

vernahm die Bewegung eines schweren Etwas.

»Nein,« sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von

den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. »Nein, du würdigst

meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und

gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl

ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so

ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber

hatte er eine besondere Ursache,« fuhr Stefan Arkadjewitsch mit

bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung

vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte

sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. »Ja, eine

besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr

unglücklich werden könnte.«

Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: »Was heißt das? Hat er etwa

gestern deiner =belle-soeur= eine Liebeserklärung gemacht?«

»Vielleicht,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »mir schien es gestern

wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel

verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so

gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir

aufrichtig leid.«

»Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine

bessere Partie reflektieren,« sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und

wieder zu gehen beginnend; »doch ich weiß ja freilich nichts,« fügte er

dann hinzu. »Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die

große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier

äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel

zu klein gewesen ist, dort aber -- liegt die Ehre auf der Wagschale. --

Indessen, da ist der Zug!« --

In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der

Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch

rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und

hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick

angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender,

aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der

Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine

Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons.

Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm

folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in

strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann

mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen -- ein Bauer

mit einem Sack quer auf den Schultern.

Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus

ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was

er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn.

Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er

fühlte sich als Sieger.

»Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,« sagte der junge Kondukteur,

an Wronskiy herantretend.

Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in

Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr.

Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine

Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl

er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem

Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die

ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese

Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je

weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte.

18.

Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins

Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben.

Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den

ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen

angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte

aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa

deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer

vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern

deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm

vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen

hatte.

Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre

glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern

hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie

ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden

Haufen, als suche sie jemand in diesem.

An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit

bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte,

aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas

gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl

wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln

ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber

es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln.

Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit

schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn

erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom

Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die

kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend,

küßte.

»Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?«

»Glücklich angekommen?« antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und

unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er

wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt

begegnet war.

»Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,« sprach die Stimme

jener Dame.

»Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!«

»Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,«

antwortete sie.

»Nun, Ihr erlaubt doch -- Eurer Hand einen Kuß« --

»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht

mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,« fuhr die Dame fort,

dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend.

»Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?« frug die Gräfin Wronskaja,

sich an die Dame wendend.

Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse.

»Euer Bruder ist hier,« sagte er, sich erhebend. »Entschuldigt mich, ich

habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer

Dauer,« fuhr er fort, sie begrüßend, »daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich

nicht mehr entsinnen werdet.«

»O doch;« ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die

ganze Route über von Euch gesprochen habe,« antwortete sie, jetzt

endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in

einem Lächeln zu erscheinen. »Aber mein Bruder ist doch wohl nicht

hier?«

»Rufe ihn, Aljoscha,« sagte die alte Gräfin.

Anna Karenina, 1. Band · 第 4 / 15 题