Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

* * * * *

Erster Teil.

»Die Rache ist mein, ich will vergelten.«

1.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche

Familie ist auf _ihre_ Weise unglücklich. --

Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des

Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause

gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm

erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache

bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde

nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen

Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie

alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr

liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen,

noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie

selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der

Oblonskiy.

Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war

schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen

Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb

an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der

Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen

und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.

Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch

Oblonskiy -- Stiwa hieß er in der Welt -- um die gewöhnliche Stunde, das

heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin,

sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen

verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er

noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein

Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor,

setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.

»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie

war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in

Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war

aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja,

und die Tische sangen: >=Il mio tesoro=< -- oder nicht so, es war etwas

Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,«

-- fiel ihm ein.

Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte.

»Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was

man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.«

Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die

baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen

vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum

Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen;

während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne

aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer

sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.

Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß

er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief;

das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.

»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel,

was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die

Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze

Mißlichkeit seiner Lage und -- was ihm am peinlichsten war -- seine

eigene Schuld.

»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am

Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage -- ich

bin schuld -- aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,«

dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich

alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene

erhalten.

Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter

und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für

seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und

sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der

alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig

sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos,

den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung

und der Wut ihm entgegenblickend.

»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der

Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht

sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte

geantwortet hatte.

Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie

unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand

nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der

Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu

spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu

bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben -- alles dies wäre noch

besser gewesen als das, was er wirklich that -- verzogen sich seine

Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von

Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen

und daher ziemlich einfältigen Lächeln.

Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es

gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging

sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom

bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte

sie ihren Gatten nicht mehr sehen.

»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch.

»Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung

sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.

2.

Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter

Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern,

daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal

Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren,

hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei

toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt

war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor

seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze

Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst.

Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser

vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in

solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht,

und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst

geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die

Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und

gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach,

aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst

nachsichtig zu sein verpflichtet wäre -- aber da zeigte sich ganz und

gar das Gegenteil! --

»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch

selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles

bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war

zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und

überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen

ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß _sie_ eigentlich

die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen,

schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so

lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste

gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon -- aber es mußte so

kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?«

Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben

selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt.

Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens,

mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht

mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche

er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig,

sich zu vergessen im Traume des Lebens.

»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf

aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd,

kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten

voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner

auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen,

nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein

alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein

Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum

Barbieren.

»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm

entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.

»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll

Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit

schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!«

Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den

Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen.

Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das;

weißt du denn nicht?

Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte

den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig

lächelnd auf seinen Gebieter schauend.

»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und

mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar

einstudiertem Satze.

Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die

Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las

unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen;

sein Antlitz heiterte sich auf.

»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für

eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend,

die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen

Kotelettes zu säubern.

»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß

er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das

heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur

Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.

»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey.

Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit

der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey

nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.

»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?«

»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.«

»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.

»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und

melde, daß sie anordne.«

»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »Ich

gehorche.«

Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich

ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend,

mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr

anwesend.

»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie

fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er,

nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets

versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn

blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges,

etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.

»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd.

»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon

machen.«

»Es wird sich machen?«

»Ach, ja.«

»Meinst du? -- Doch wer ist dort?« frug Stefan Arkadjewitsch, an der

Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.

»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der

Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona

Philimonowna, der Amme.

»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis

an die Thür entgegengehend.

Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber

seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle

im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf

seiner Seite.

»Nun, was giebt es?« frug er niederschlagen.

»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie

leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück.

Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, -- was soll

das werden! Da könnte man doch gleich« --

»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« --

»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu

Gott!«

»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will

mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den

Hausrock ab.

Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte

sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper

seines Gebieters einzuhüllen.

3.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit

Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in

gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein

Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem

Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert

und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks

und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte

und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof.

Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem

Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte.

Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer

Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste

hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung

seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse

Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau

Verzeihung nachsuchen müßte -- dieser Gedanke kränkte ihn.

Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die

Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem

großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann

dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung

und vertiefte sich in die Lektüre.

Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von

schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl

folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders

anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen

sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte

seine Meinungen, sobald dies die große Masse that -- oder besser, er

veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er

selbst es merkte.

Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten,

sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht

die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm

brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen

Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen

Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt,

ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die

liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb

seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb,

daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie

sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei

sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan

Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die

liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die

unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das

Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge

und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die

liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein

Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan

Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören,

und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und

schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in

dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan

Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen

einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz

sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit

anzufangen brauche und als ersten Stammvater -- den Affen nicht von sich

weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch

zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem

Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte.

Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in

unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der

Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die

Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der

Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die

Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der

Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte.

Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem

Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen

Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung;

von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand

sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses

Vergnügen.

Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an

die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem

Hause.

Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden

gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten

habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines

jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht

jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem.

Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse

Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen

der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die

breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen

wäre -- nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor.

Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles

und er wurde nachdenklich.

Zwei Kinderstimmen -- Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen

Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter

-- wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und

hatten dies fallen lassen.

»Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen

kann!« rief das Mädchen auf englisch, -- »heb auf!« --

»Es ist alles durcheinandergeraten,« dachte Stefan Arkadjewitsch, »die

Kinder laufen schon allein umher.« Er ging zur Thür und rief. Die

Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug

vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu.

Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte

ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an

dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte.

Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll

Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen

hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück.

»Was macht Mama?« frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der

Tochter streichend. »Guten Morgen,« sagte er dann lächelnd zu dem

Knaben, der ihn begrüßte.

Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich

stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er

hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters.

»Mama? Sie ist aufgestanden,« antwortete das Mädchen.

Stefan Arkadjewitsch seufzte auf.

»Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,«

dachte er.

»Ist sie denn heiter?«

Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen

war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht

wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es

errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete

gleichfalls.

»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »sie hat nicht befohlen, daß wir

Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama

geschickt.«

»Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,« sagte er,

sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd.

Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage

dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am

liebsten aß.

»Soll ich dies dem Grischa geben?« frug das Mädchen, auf das eine Stück

weisend.

»Jawohl.« Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das

Haar und den Hals bevor er sie entließ.

»Der Wagen ist fertig,« meldete jetzt Matwey, »aber es ist eine

Bittstellerin da,« fügte er hinzu.

»Schon lange?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Etwa eine halbe Stunde.«

»Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!«

»Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,« antwortete

Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn

geraten kann.

»Nur dann bitte sie möglichst schnell,« sagte Oblonskiy, mit

verdrießlich gerunzeltem Gesicht.

Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas

Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner

Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein

Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen

sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und

entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen,

schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die

Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau

des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber

noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte.

Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er

-- seine Frau vergessen wollte. --

»Ach ja!« Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen

sorgenvollen Ausdruck an. »Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?« frug er

sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen,

da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen

Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden,

da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen,

oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu

verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben,

dieses beides aber war seiner Natur zuwider.

»Aber einmal muß es doch werden -- _so_ kann es doch nicht bleiben,«

sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm

eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in

einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten

durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner

Gattin öffnete.

4.

Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe

des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt,

mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen

hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer

Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere,

aus welcher sie soeben etwas herausnahm.

Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick

auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen

strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie

ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder

versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten

drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer

Mutter zu bringen -- und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu

entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich

wiederholt, daß es _so_ nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse,

strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes

an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie

ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der

That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als

ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie

auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre

fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden

würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei

Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon

gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen

erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war,

aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich,

als werde sie fahren.

Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer

Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf,

als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen

strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung

und Leiden aus.

»Dolly!« begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die

Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben,

strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß

sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit

strotzende Erscheinung. »Ja, er ist glücklich und zufrieden,« dachte

sie, »und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so

liebt und verehrt, ich hasse sie.« Ihr Mund preßte sich zusammen, der

Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts

bebte.

»Was wünscht Ihr?« frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone.

»Dolly!« wiederholte er mit zitternder Stimme, »Anna wird heute hier

ankommen.«

»Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!« rief

sie aus.

»Aber du mußt doch, Dolly!«

»Geht, geht, geht!« rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr

dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt.

Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes

dachte, er konnte hoffen, daß sich »alles noch machen werde« nach dem

Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee

nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen

Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos

klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu,

und seine Augen funkelten in Thränen.

»Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen -- Weißt du«

-- er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der

Kehle.

Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an.

»Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere

dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen

können, eine einzige Minute!«

Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen

werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner

Unschuld überzeuge.

»Eine Minute der Vergessenheit,« brachte er hervor und wollte

fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem

Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der

Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts.

»Geht, geht, hinaus von hier!« schrie sie noch durchdringender, »und

sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!«

Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der

Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte

sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen.

»Dolly!« wiederholte er, schon schluchzend, »um Gottes willen, denke an

unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe

mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu

allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie

sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!«

Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein

unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu

sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete.

»Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich

aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,« sagte sie, offenbar in einer

Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich

gesprochen haben mochte.

Sie sprach »du« zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und

bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel

vor ihm zurück.

»Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt,

um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll;

dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß

ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja -- mit

einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen,

ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa

möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?« wiederholte sie, ihre Stimme

erhebend, »angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder,

in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!«

»Aber was soll ich thun, was ist zu thun?« erwiderte er mit kläglicher

Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und

tiefer hängen lassend.

»Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!« rief sie aus, mehr und mehr

in Erbitterung geratend. »Eure Thränen sind -- nur Wasser! Ihr habt mich

nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich

abstoßend, häßlich, fremd, ja -- vollkommen fremd geworden!« Voll

Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort »fremd«

heraus.

Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte,

erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit

ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das

Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. »Nein, sie haßt mich, sie verzeiht

mir nicht,« dachte er bei sich.

»Es ist furchtbar, furchtbar!« fuhr er fort.

In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf,

welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre

Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als

wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie

sich, schnell aufstehend, nach der Thür.

»Aber sie liebt doch mein Kind,« dachte er, die Veränderung in ihrem

Gesicht bei dem Geschrei des Kindes >seines Kindes< bemerkend; »wie

sollte sie mich da hassen können?«

»Dolly, noch ein Wort,« begann er, zu ihr hintretend.

»Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle

sollen wissen, was Ihr für ein -- Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort,

Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!«

Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend.

Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ

mit leisen Schritten das Gemach.

»Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe

keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,«

sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte »Niedriger« und

»Liebhaberin« gedenkend. »Möglicherweise haben die Mägde es gehört!

Entsetzlich gemein, entsetzlich!« Stefan Arkadjewitsch wartete noch

einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust

aufreckend, hinaus.

Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf.

Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen

gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, -- daß derselbe nämlich selbst

für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen -- und

lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht

macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut »es macht sich,« dachte

er, »das muß man erzählen.«

»Matwey!« rief er. »Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für

die Anna Arkadjewna,« befahl er dem erscheinenden Matwey.

»Zu Diensten.«

Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe

hinaus.

»Ihr werdet nicht im Hause speisen?« frug Matwey, der ihn begleitete.

»Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,« antwortete Stefan

Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. »Wird

es genügen?«

»Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,« sagte

Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend.

Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und

an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr

Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr

einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten,

sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie

in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und

Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen

Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was

sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen

Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden?

»Ach, laßt mich, verlaßt mich!« antwortete sie, und ließ sich, in das

Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus

sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den

Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten,

zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu

überdenken. »Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen

haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,« dachte

sie, »nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir

auch unter _einem_ Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd

sein. Auf immer fremd!« wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das

für sie so furchtbare Wort. »Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott,

wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn

nicht noch mehr, als früher? -- Aber die entsetzliche Hauptsache ist

die« -- begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona

Philimonowna erschien in der Thür.

»Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,« sagte

sie, »damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am

gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!«

»Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch

geschickt worden?«

Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages

und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer.

5.

Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten

Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den

Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines

niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit

gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer

Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner

Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der

höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener

Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in

dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen

Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und

Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel

Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse

trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren.

Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch

befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in

dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der

Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im

Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf »du«,

und das dritte -- waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab

sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von

Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art,

sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen

konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um

ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen

nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten,

niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner

ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es

wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein

Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig

war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte.

Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und

er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als

jeder andere.

Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in

seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften

Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm,

in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen,

schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas

physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd

anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach

einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges

dabei gewesen, so freute sich doch jedermann -- schon am nächsten oder

übernächsten Tage -- ganz ebenso wieder wie das erste Mal, -- über eine

neue Begegnung mit ihm.

Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der

Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe

auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und

aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten.

Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese

allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer

außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der

Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer

vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung

gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher

er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte,

welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens -- was

das Wichtigste war -- in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den

Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich

niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war,

begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das

Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und

verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben

sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan

Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem

Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte

ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete

sich dann seiner Arbeit.

Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in

Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden,

welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der

Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof

Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem

nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst

eingeführt worden war.

»Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza

erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig« --

»Haben wir sie endlich erhalten?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, die

Akten mit dem Finger zuschlagend. »Also frisch ans Werk, meine Herren!«

und die Gerichtssitzung begann.

»Wenn sie wüßten,« dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei

dem Anhören des Referats neigend, »welch ein arger Sünder eine halbe

Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!« Sein

Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden

vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den

Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause

ein.

Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren

des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der

Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme,

erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der

Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich

wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür.

Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch,

streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette

hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße

schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente

Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm.

»Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,« sagte

Stefan Arkadjewitsch.

»Wir werden schon fertig werden,« meinte Nikitin.

»Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,« bemerkte

Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an

dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte.

Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten

Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht

angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts

auf Grinjewitschs Bemerkung.

»Wer war denn vorhin hereingekommen?« frug er den Wächter.

»Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten,

ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied,

daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden« --

»Wo ist der Mann?«

»Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der

dort ist es,« antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig

gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze

vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der

steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich

gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand,

war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen

des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy

hinwandte.

Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht

glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem

er den Eilenden erkannt hatte.

»Da ist er ja! Lewin; endlich!« rief er mit vertraulichem und ironischem

Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. »Wie kommt es denn, daß du

es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?« sagte

Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu

drücken und ihm einen Kuß applizierend.

»Bist du schon lange hier?«

»Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,«

antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im

Kreise umherblickend.

»Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,« sagte Stefan

Arkadjewitsch.

Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines

Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte,

hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch

Gefahren.

Stefan Arkadjewitsch stand sich auf »du« mit allen seinen Freunden; mit

den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit

Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so

daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den

beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der

Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie

erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes

gemeinsam hatten.

Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken

hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber

verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn

herabwürdigende »Duzfreunde« traf, wie er viele seiner Freunde nannte,

infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies

auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht

einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in

seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß

er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb

beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen.

Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem

Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war

Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten

einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und

Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von

erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind.

Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor,

daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von

ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und

gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem

schien es, als wenn das Leben, welches _er_ führe, allein ein wirkliches

Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine

Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten,

ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies

stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah,

denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan

Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen -- es interessierte ihn

aber auch herzlich wenig. --

Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer

gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung,

hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der

Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei.

Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die

großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit,

die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über

Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that

was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während

Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that.

»Wir haben lange auf dich gewartet,« sagte Stefan Arkadjewitsch, in das

Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle

er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. »Ich freue

mich herzlich, dich zu sehen,« fuhr er fort, »nun, was machst du? Wie

geht es? Wann bist du angekommen?«

Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden

Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten

Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden

so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die

ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände

hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm

keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und

lächelte.

»Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,« sagte er.

»Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin -- Michail Stanislawitsch

Grinjewitsch« -- und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, »ein

Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der

mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein

Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey

Iwanowitsch Koznyscheff.«

»Sehr angenehm,« antwortete der Alte.

»Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey

Iwanowitsch,« sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln

Lewin reichend.

Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und

wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung

vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher

Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen,

wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an

den Bruder des berühmten Koznyscheff.

»Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem

gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,« sagte er,

sich an Oblonskiy wendend.

»So schnell ist das gegangen!« antwortete Oblonskiy lächelnd, »aber wie

ist das geschehen, und weshalb?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal

erzählen,« versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu

berichten.

»Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis

für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,« sagte er in einem Tone, als

habe ihn soeben jemand beleidigt. »Einerseits ist er eine Spielerei; man

spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich

bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits« -- er gähnte

-- »ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden

Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte,

jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von

Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,« sprach er so

hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon

bestritten.

»Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen

Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,« sagte Stefan

Arkadjewitsch. »Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber

sprechen.«

»Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,«

antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend.

Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich.

»Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen

Anzug anlegen würdest?« frug er, auf die Garderobe Lewins blickend,

dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt

war. »Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten

ist.«

Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen

Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern

so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit

lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden,

röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen.

So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem

knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger

noch anzublicken.

»Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,«

fuhr Lewin fort.

Oblonskiy schien nachzudenken.

»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir

uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.«

»Nein,« antwortete Lewin sinnend, »ich muß noch weiter fahren.«

»Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.«

»Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit

dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben

unterhalten.«

»Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir

weiter reden.«

»Die zwei Worte sind diese,« sagte Lewin, »jedoch -- sie haben nichts

Besonderes.« --

Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem

Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte.

»Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie

früher?« frug er.

Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine

Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen

blitzten aber heiter auf.

»Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit

ebenso viel Worten nur zu antworten, denn -- entschuldige auf einen

Augenblick« --

Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit

freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären

gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus

dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis

der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine

Angelegenheit auseinanderzusetzen.

Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören,

freundlich seine Hand auf den Arm desselben.

»Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,« antwortete er

ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz

auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und

sagte: »So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!«

Verwirrt entfernte sich der Sekretär.

Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig

wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf

einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische

Aufmerksamkeit.

»Ich verstehe nicht, verstehe nicht,« sprach er.

»Was verstehst du nicht?« frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine

Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame

Deduktion.

»Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,« sagte Lewin, die Achseln zuckend.

»Wie kannst du das vollen Ernstes thun?«

»Wovon sprichst du denn?«

»Nun, davon, daß -- Ihr nichts thut!«

»So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.«

»Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,« bemerkte

Lewin.

»Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?«

»Ist nicht ganz unmöglich,« antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger

liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen

Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage

geantwortet,« fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy

gerade in das Auge schauend.

»Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es

ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes

im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine

Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen -- aber du kommst schon auch noch

auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du

frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade

indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.«

»Ist etwas vorgefallen?« frug Lewin erschreckt.

»Nein, nichts,« antwortete Oblonskiy. »Wir werden schon noch weiter

sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?«

»O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,« versetzte Lewin,

wiederum bis an die Ohren errötend.

»Schön. Ich begreife,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.

»Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau

ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys

heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im

Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh.

Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo

vereint dinieren.«

»Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.«

»Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich

vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!« rief Stefan

Arkadjewitsch lachend aus.

»O nein; gewiß nicht.«

Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er

die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte.

»Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,« sagte Grinjewitsch,

nachdem Lewin gegangen war.

»Ja, Verehrtester,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd

-- »der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im

Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht

ebenso gut ergehen.«

»Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?«

»Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,« antwortete Stefan

Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer.

6.

Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe

eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn

geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen

war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: »Ich

bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,« da er ja

doch nur zu diesem Zwecke gekommen war.

Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel

und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen

Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit

der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie

der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum

Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule.

In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er

hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl

erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in

die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der

Familie Schtscherbazkiy.

Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war

älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen

Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens

kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen

war.

Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm

wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er

erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr

unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle

und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten.

Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und

englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd,

das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden,

bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die

französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb

zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in

der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen --

Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz

kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten

Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in

Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den

Twerskiyboulevard abspazieren mußten -- alles dies und noch vieles

andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er

nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und

er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge.

Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die

älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon

an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste.

Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben _müsse_, nur konnte er nicht

zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen

auch Nataly folgte -- sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war

-- einem Diplomaten Lwoff an den Altar.

Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge

Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen

Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden

ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer

entferntere.

Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau

kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die

Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei

Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu

verlieben.

Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß

er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von

zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen

Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine

gute Partie anerkennen.

Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen

Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen

erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so

niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn

irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen.

Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast

jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab,

um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es

nicht sein könne und reiste ab aufs Land.

Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte

darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht

vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen

Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne.

In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige,

bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine

Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst

und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und

Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er

aber -- der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen

mußte -- war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf

Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser

Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen

der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun.

Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön

war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so

einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben.

Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity --

Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft

zu ihrem Bruder -- als eine neue Scheidewand vor der Liebe.

Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man

wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer

solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte

man ein schöner Mensch sein, und -- was immer noch die Hauptsache dabei

blieb -- man mußte ein absonderlicher Mensch sein. --

Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen

lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur

nach sich selbst urteilte.

Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit

einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren.

Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war,

überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener

Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich

erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr

Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine

Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder

nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung

entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm

ein Korb erteilt werden würde.

So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag

zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte.

Sonst -- -- er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen

würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren.

7.

In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten

Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem

ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem

Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten.

Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter

Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war,

um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage

aufgetaucht waren, aufzuklären.

Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten

und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem

er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben

brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den

Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor

war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber

auszusprechen.

Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze

zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der

Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie?

Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor

jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er

denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch

fort.

Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen

Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und

setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu

widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich

entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der

Unterhaltung zu interessieren.

Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier

handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung

ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der

Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen

Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens,

über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit

jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst,

die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren.

Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er,

daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals

näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den

Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder

davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster

Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf

Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon

eigentlich die Rede war.

»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner

gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der

Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine

gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen

sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch

die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die

Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.«

»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten,

daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung _aller_ Empfindungen

hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist.

Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei,

auch das Verständnis für das Sein fehle.«

»Ich würde dem gegenüber behaupten« -- begann Sergey Iwanowitsch.

Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen,

sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem

Professor eine Frage vorzulegen.

»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper

stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein.

Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen

Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager

hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und

richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was

man eigentlich hierauf antworten könne.

Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung

und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch

Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und

zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen,

von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte:

»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.« --

»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte

seine Ausführungen fort.

»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen

sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese

beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.«

Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der

Professor sich verabschieden würde.

8.

Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen

Bruder.

»Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt

nehmen? Wie geht es im Hauswesen?«

Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig

interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen,

darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf

seines Weizens und die Gelder.

Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen

und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen

gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine

Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den

unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder

über die häuslichen Angelegenheiten befragte -- das mütterliche Vermögen

der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen

-- empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen

Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen.

Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen

würde, wie er selbst es gewünscht hätte.

»Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?« frug Sergey Iwanowitsch

weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine

große Bedeutung beimaß.

»Ich weiß nicht viel Genaues darüber.«

»Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?«

»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,« versetzte Lewin, »werde auch

nicht mehr die Versammlung besuchen.«

»Schade,« antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd.

Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien

seines Kreises eigentlich gethan würde.

»So ist es eben immer!« unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. »Wir Russen

sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei

uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und

trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge

liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere

Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem

deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus

erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.«

»Allein was ist zu thun?« frug Lewin schuldbewußt, »es war dies meine

letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich

kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande« --

»Du bist noch recht wohl imstande,« sagte Sergey Iwanowitsch, »du

greifst nur die Sache nicht richtig an.«

»Mag sein,« antwortete Lewin traurig.

»Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?«

Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und

der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher

den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und

schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern

überworfen hatte.

»Was sagst du da?« rief voller Schrecken Lewin. »Woher weißt du dies?«

»Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.«

»Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?« Lewin stand vom Stuhle auf,

als wolle er sofort davoneilen.

»Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,« bemerkte Sergey

Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders

gewahrend.

»Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen

Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir

antwortete.«

Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin.

Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift

geschrieben und lautete folgendermaßen:

»Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das

Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche.

Nikolay Lewin.«

Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der

Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen.

In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu

vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei.

»Er will mich augenscheinlich kränken,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort,

»aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu

helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.«

»Ja wohl, so ist es,« wiederholte Lewin. »Ich verstehe und würdige dein

Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.«

»Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,«

sagte Sergey Iwanowitsch. »Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich

nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für

dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch

-- thu wie du willst!«

»Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle --

namentlich in diesem Augenblick -- aber das ist ja etwas anderes -- ich

fühle, daß ich keine Ruhe habe.«

»Nun; das verstehe ich nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Doch

halt, Eins verstehe ich!« fügte er hinzu; »das soll eine Lektion zur

Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart

auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser

Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan

hat.«

»O, es ist schrecklich, schrecklich!« versetzte Lewin.

Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines

Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu

demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich

dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor

allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu

erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach

Moskau gekommen war.

Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort

über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an

welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte.

9.

Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen

vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg

und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu

finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt

bemerkt hatte.

Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise

die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im

Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in

den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit

den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens,

deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue

Feiertagskleider gehüllt zu stehen.

Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach

dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe

bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch?

Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz.

Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr

Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen.

Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar

nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der

losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen

und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten.

Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse

der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich -- sie.

Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein

Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten

Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes,

auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein

inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter

Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine

gesamte Umgebung bestrahlte.

»Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?« überlegte

er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches

Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so

beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar

zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und

daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen.

Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, --

wie man die Sonne meidet -- aber er schaute sie doch gleich der Sonne,

wollte er sie auch _nicht_ sehen.

Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die

gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich

sämtlich kannten, versammelt.

Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst

kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern

und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus

Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten.

Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort

waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem

Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit

ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben

dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters.

Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und

engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen

auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins:

»Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr

lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!«

»Ich habe gar keine,« antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit

und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine

Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr

hinzuschauen schien.

Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber

kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen,

augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen

mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender

Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher.

Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing,

hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt

erkannte, zu.

Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem

Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm

sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er

vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen

Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem

Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens,

das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die

Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit

ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht

wohl zu würdigen verstand.

Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck

ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr

Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich

beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen

Tage seiner frühesten Kindheit entsann.

»Seid Ihr schon lange hier?« frug sie, ihm die Hand hinreichend. »Danke

bestens,« fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches

ihrem Muff entfallen war.

»Ich? Nein, noch nicht lange -- seit gestern -- oder vielmehr heute --

bin ich angekommen,« versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht

so schnell verstanden hatte. »Ich wollte zu Euch fahren,« fuhr er

sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie

aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. »Ich wußte

nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt -- und Ihr lauft gut!«

Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner

Verwirrung zu erfahren.

»Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten,

daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,« antwortete

sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln

abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren.

»Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur

Vollkommenheit bringen wollen.«

»Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,« sagte sie

lächelnd. »Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt

Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!«

»Zusammen fahren! Ist es denn möglich?« dachte Lewin, sie anschauend.

»Sogleich,« antwortete er laut, »lege ich Schlittschuhe an.

»Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,« sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß

haltend und den Absatz desselben anschraubend. »Nach Euch hat es hier

keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?« frug er,

den Riemen anziehend.

»Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,« antwortete Lewin, mit Mühe

ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen

aufstieg. »Ja,« dachte er, »das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat

sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber

ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin,

glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß

sein! Weg mit der Schwäche!«

Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen

Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde

Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und

seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr

Lächeln aber machte ihn wieder sicher.

Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf

allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker

drückte sie seine Hand.

»Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein

Vertrauen zu Euch,« sagte sie.

»Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,« antwortete

er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete.

Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor

ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine

Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte

Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten

Antlitz erschien eine Falte.

»Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch -- eigentlich habe ich gar nicht

das Recht so zu fragen,« wandte er sich schnell an sie.

»Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht

so,« versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, »habt Ihr

Mademoiselle Linon gesehen?«

»Noch nicht.«

»Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.«

»Was soll das heißen?« dachte Lewin, »ich habe sie gekränkt, Herr, steh

mir bei!« Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die

drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend,

begrüßte sie ihn als alten Freund.

»Ja, ja, wir sind gewachsen,« sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend,

»und wir werden älter. =Tiny bear= ist groß geworden!« fuhr die Französin

lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen

Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen

genannt hatte. »Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.«

Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte

nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte

denselben.

»Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen

gelernt, nicht wahr?«

Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so

ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm

schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich

ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten

Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn

nach seinem Leben.

»Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?« sagte sie.

Anna Karenina, 1. Band · 第 3 / 15 题