=Geschichtliches.= Die ältesten Nachrichten sind vom Jahr 1121 v.

Chr., als ein Nachkomme des berühmten Kaisers Huang Ti mit der

Stadt _Chi_ [Dyi] belehnt wurde. Vom 8.-3. Jahrh. v. Chr. ist Chi

die Hauptstadt des Königreiches _Yên_ [Yĕn]. Unter der

Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.) heißt die Stadt _Yu-chou_

[Yó-djŏu]. 936 wurde sie von den aus Liaotung hereinbrechenden

Kitan-Tataren erobert, die als Liao-Dynastie über Nordchina

herrschten und die Stadt im Gegensatz zu ihrer nördlichen

Hauptstadt _Liaoyung Nanking_ = »Südliche Hauptstadt« nannten. Seit

jener Zeit ist Peking mit kurzen Unterbrechungen die Residenz

geblieben. Als 1125 die Chin-[Dyin]-Tataren die Liao vertrieben

hatten, wurde Peking unter dem Namen _Chung-tu_ [Djúng-du] ihre

Hauptstadt. 1215 vertrieb der mongolische Eroberer _Djingis Khan_

die Chin und machte Peking zur Hauptstadt einer Provinz seines

Reiches. Sein Enkel _Kublai Khan_ verlegte 1264 die Residenz der

mongolischen Kaiser von Karakorum nach Peking und erweiterte 1267

die alte Stadt, die er _Ta-tu_ [Dá-du, »Große Hauptstadt«],

mongolisch _Khanbaligh_, »Stadt des Khan«, nannte. Zugleich

errichtete er ein System von Peking ausgehender, fester Straßen.

Der Grund, einen so exzentrisch gelegenen Platz zur Hauptstadt des

gewaltigen Reichs zu machen, mag in der sichern Lage der

Örtlichkeit beruht haben. Vom Meere her drohten in frühern Zeiten

keine Gefahren, und nach N. und W. genoß Peking schon durch die

schwere Überschreitbarkeit des in diesen Richtungen liegenden

Gebirgslandes einen guten natürlichen Schutz, der durch das

großartige Befestigungssystem der »Großen Mauer« noch erhöht wurde.

1368 vertrieb _Hung Wu_, der erste Kaiser der einheimischen

Ming-Dynastie, die Mongolen aus China und änderte den Namen des

eroberten Peking in _Pei-p'ing-fu_ [Bè-ping-fú], residierte aber

selbst in Nanking. 1409 verlegte der dritte Mingkaiser _Yung Lo_

die Residenz von dort nach _Pei-p'ing-fu_, das nun zum erstenmal

den Namen _Peking_ (chines. Pei-ching [Bé-dying]) erhielt. Dieser

Name ist in Europa allgemein bekannt geworden durch die zu jener

Zeit zum erstenmal eintreffenden Jesuitenmissionare, die den Namen

Peking ihren Karten einverleibten. Die Chinesen selbst nennen

Peking einfach _Ching_ [Dying] = »Hauptstadt«; amtlich heißt es

_Shun-tien-fu_, und in der gelehrten Schriftsprache hat es seinen

alten Namen _Yên_ behalten. 1644 wurde die Stadt von den Mandschu

beim Sturze der Ming-Dynastie geplündert, 1662 und 1730 von

Erdbeben heimgesucht. 1728 gründeten hier die Russen eine Kolonie

Peking; englische Gesandte residierten hier zeitweise seit dem

Opiumkrieg (S. 216), französische, italienische, deutsche folgten

1861. Am 12. Okt. 1860 wurde die Stadt nach leichten Gefechten und

einem Bombardement der Nordmauer vom Gelben Tempel aus den

englisch-französischen Truppen für einen Tag geöffnet. Man begnügte

sich mit einem kurzen Demonstrationsmarsch durch die

An-ding-mönn-Straße, zerstörte aber den Sommerpalast, um die

Ermordung der englischen Parlamentäre zu rächen. Anfang Juni 1900

erreichte die Boxerbewegung Peking. Vom 12. Juni bis 14. Aug. war

die Stadt von allem Verkehr mit der Kulturwelt abgeschnitten (vgl.

S. 276). Nach der Einnahme blieb Peking über 1/2 Jahr von den

verbündeten Truppen besetzt. Neuerdings soll der Sitz der

republikanischen Regierung nach Nanking verlegt werden.

=Peking= (»nördliche Hauptstadt«), Hauptstadt des chinesischen Reiches

mit 1017209 Einw., Residenz des Kaisers, unter 39° 45' nördl. Br. (etwa

wie Madrid), 37 m ü. M., in der nördl. Ausbuchtung der Großen Ebene, 150

km vom Meer, nahe dem mauerartigen Abfall des Nankougebirges, zwischen

den Flüssen Hunho und Peiho und von drei Bächen durchflossen, die, zum

Kanal vereinigt, bei Tungtschou in den Peiho münden. Das Klima ist

ziemlich stark kontinental (vgl. S. 264), der Winter so kalt wie in

Ostpreußen, der Sommer so heiß wie in Konstantinopel; die Regen (633 mm

im Durchschnitt) drängen sich auf die Sommermonate (namentlich Juli und

August) zusammen, den größten Teil des Jahres über herrscht arger Staub,

die Luft ist fast stets dunstig. Hunho und Peiho sind von Dezember bis

Februar gewöhnlich zugefroren. Die Stadt, deren Mauer eine Fläche von

63,5 qkm umschließt, war nur noch ein Schatten früherer Pracht, ist aber

jetzt in neuem Aufblühen begriffen, hat neben alten schlechten auch

viele neue gute Straßen, dabei viele Ruinen einst bedeutender Bauwerke

(meist 1900 zerstört), elende Häuser; große Flächen sind verödet oder

nicht bebaut. Peking besteht aus zwei durch eine 9 m hohe und sehr

breite Mauer getrennten Teilen: der von den Fremden so genannten

_Tataren_- oder _Mandschustadt_ und der _Chinesenstadt_. Als 1644 die

Mandschu Peking erobert hatten, verteilten sie das Gebiet der Nordstadt

unter sich und zwangen die Chinesen zur Auswanderung nach der Südstadt;

heute wohnen aber viele Chinesen in der Tatarenstadt. Die Chinesen

selbst nennen die erstere _Nei-ch'êng_ [Nétschong], »Innere Stadt«, und

die letztere _Wai-ch'êng_ [Waí-tschong], »Äußere Stadt«. Die nördlichere

_Tataren_- oder _Mandschustadt_ bildet ein nahezu regelmäßiges Rechteck

mit einer 23,6 km langen Mauer von 13 m Höhe und oben 11 m Breite, die

von 9 Toren durchbrochen wird, von denen drei zur Chinesenstadt führen

und über denen, wie über den vier Ecken, 30 m hohe Pavillons aufsteigen.

Doch sind die meisten verfallen, ebenso wie die Wälle und der 18 m

breite Graben. Die Tatarenstadt besteht aus drei Teilen: den innersten

Kern bildet die _Rote Verbotene Stadt_ (Tzĕ-chin-ch'êng

[Dsè-dyin-tschong]), so genannt nach der sie umschließenden roten Mauer;

es ist die Residenz des Hofes, umgeben mit breitem Wassergraben. Um die

Verbotene Stadt zieht sich die gleichfalls durch eine Mauer

abgeschlossene _Kaiserstadt_ (Huang-ch'êng [Huáng-tschong]), in der sich

meist Behörden und Beamtenwohnungen befinden; sie ist dem freien Verkehr

eröffnet mit Ausnahme der Westseite, wo Militärposten den Eingang zu den

Kaiserlichen Westgärten absperren. Im W. der Kaiserstadt liegt die neue

Reichsuniversität, die aber in etwa 2 Jahren auf ein umfangreiches

Gelände vor der Nordmauer der Tatarenstadt übersiedeln soll. Um die

Kaiserstadt lagert sich dann als dritter Gürtel die eigentliche _Innere

Stadt_. Hier liegen im SO., nahe der Mauer, die 1900 zum Teil zerstörten

Gesandtschaftsgebäude Deutschlands, Österreich-Ungarns, Rußlands, der

Vereinigten Staaten, Englands, Spaniens, Japans, Frankreichs, Italiens,

der Niederlande und Belgiens; der Ketteler-Gedenkbogen (S. 284); die

Sternwarte, das Waiwupu (Ministerium des Auswärtigen), das neue

Parlament (an Stelle der alten Prüfungshallen; S. 289), die ungeheuern

Vorratskammern für den Reis der Bannerleute, der große Lamatempel, der

Tempel des Confucius, die Halle der Klassiker, der Paukenturm und

Glockenturm, im W. der Tempel der Kaiser, der Tempel der weißen Pagode.

Ferner der Neubau des Palais des Prinzregenten. Eine 1901 neuaufgebaute

Südkathedrale _Nan-tang_ liegt am Schun-dschĭ-mönn, eine

Ostkathedrale _Dung-tang_ nördl. vom Gesandtschaftsviertel. Die

englischen und amerikanischen protestantischen Missionen haben mehrere

Krankenhäuser. Nahe dem Waiwupu errichtete die chinesische Regierung

1883 die Schule der westlichen Wissenschaften (Tungwênkuan) mit

europäischen Dozenten, Bibliothek und Druckerei, auch

_Peking-Universität_ genannt, die aber 1900 mit allen Bücherschätzen

abbrannte. --Die _Kaiserstadt_ umschließt mit 4-6 m hohen, oben 16 m

dicken und 7 km langen Mauern mit vier Toren zwei künstliche Seen, aus

deren Ausschachtungen zwei Hügel, darunter der 66 m hohe,

aussichtsreiche _Kohlenhügel_ (S. 287) gebildet sind. Hier die neue

katholische _Kathedrale St. Sauveur_ (seit 1883), der _Peitang_ (Bétang

= Nordkathedrale), Sitz des apostolischen Vikars von Peking und

Nordtschili, ein Seminar, Schule, Buchdruckerei und ein Hospital der

Schwestern de la Charité. Die ältern chinesischen Bauten, zum Teil 1900

zerstört, haben meist modernen Bauten, wie den Kasernen der

Gardetruppen, Schulen und Regierungsgebäuden, Platz machen müssen. Die

Dächer des Palastes sind gelb (die Farbe des kaiserlichen Hauses).--Die

innerhalb der Kaiserstadt gelegene _Rote Verbotene_ _Stadt_, benannt

nach der sie umgebenden roten Ziegelmauer, hat vier reichgeschmückte

Tore, vier große Repräsentationshallen für verschiedene Staatsaktionen,

Privatgemächer, Paläste der Frauen und Prinzen, Wohnungen der

zahlreichen Dienerschaft (ca. 3000), Kasernen der Leibgarden, Gärten,

Ställe, die Bureaus des Staatsrats und des Großsekretariats etc., eine

kaiserliche Bibliothek (1900 verbrannt). --An die Tatarenstadt schließt

sich südl. die _Chinesenstadt_ mit einer aus Chinesen und Mandschus

gemischten Bevölkerung, wo alle Warenhäuser und Verkaufsbuden, die große

Buchhändlerstraße und auch die Tempel des Himmels und des Ackerbaues

liegen; der erstere gilt für den schönsten Tempel Chinas.--Die Straßen

sind rechtwinklig angelegt; die schönste, jetzt modern makadamisiert,

führt vom Südtor der Chinesenstadt bis zu dem der Verbotenen Stadt.

Peking beginnt jetzt eine Selbstverwaltung und hat schon ein städtisches

Wasserwerk; die Ordnung wird durch ein starkes Polizeikorps

aufrechterhalten. Die Garnison besteht aus einem Teil der Gardedivision,

deren Rest bei den Sommerpalästen liegt. Zwei Divisionen moderner

Truppen stehen im Jagdpark südl. Peking und im Nordpark bei Tching-ho an

der Kalganbahn. Die europäischen Gesandtschaften haben seit den Wirren

1900/01 Wachen eigner Truppen, die während der Revolution 1911/12

verstärkt wurden.--Die Industrie beschränkt sich auf Porzellan,

Cloisonnée (die beste Werkstätte von Yang-Tien-Li ist in einer

Nebenstraße nördl. vom Kettelerdenkmal), Edelsteinschleiferei, seit 1906

auch ein Elektrizitätswerk. Nicht unbedeutend ist der Buchhandel.

_=Rundgang.=_ Wegen der großen Entfernungen muß man auch in der Stadt

Wagen oder Rikschas benutzen. Beim Besuch der Sehenswürdigkeiten hat

man mit der orientalischen Aufdringlichkeit der Chinesen gegen Fremde

zu rechnen, daher tut man gut, sich eines vom Gasthof empfohlenen

Führers zu bedienen; kleine Trinkgelder (10 c.) öffnen alle Türen;

ob eine Sehenswürdigkeit zugänglich ist oder nicht, erfährt man

im Hotel.--Vom Bahnhof gelangt man durch das _Wassertor_ in das

_Gesandtschaftsviertel_; geradeaus führt die Kanalstraße r. am

_Deutschen Postamt_ vorbei und r. in die Gesandtschaftsstraße (an der

Ecke das Grand Hôtel des Wagons-Lits), wo man r. bald die _Deutsche

Gesandtschaft_ erreicht, in deren Garten ein Kreuz zum Andenken an den

am 20. Juni 1900 ermordeten Freiherrn v. Ketteler steht. Gegenüber

liegen die Japanische und Französische Gesandtschaft, beide mit

Postämtern; weiter östl. an der Gesandtschaftsstraße die deutschen

Offizierswohnhäuser; r. die deutsche _Walderseekaserne_. In der

Schwarzhoffstraße (l.) das _deutsche Militärlazarett_. Am Ostende der

Gesandtschaftsstraße liegt in der Hatamönnstraße das _Hôtel du Nord_

und in dessen Nähe die amerikanische Mission nebst Krankenhaus. Nun

biege man l. in die Hatamönnstraße ein, die in gerader Linie nach

N. durch die ganze =Mandschustadt= führt; an ihr liegt r., an der

Nordostecke des Gesandtschaftsviertels, der _Östliche Triumphbogen_

(»der östliche einfache Bogen«, [Dung-dan paí-lŏū]), dann folgt 0,5

km nördl. der _Ketteler-Ehrenbogen_, 1903 vom chinesischen Reich

zur Sühne erbaut an der Stelle, wo der deutsche Gesandte ermordet

wurde; l. der _Palast des Prinzen Yü_, r. in einer Querstraße

das _Waiwupu_ (Auswärtiges Amt). In der Hatamönnstraße, 1,5 km

nördl. weiter, liegen die _vier Triumphbogen_ (»die vier östlichen

Bogen« [Dung-ssĕ paí-lŏū]), in deren Nähe l. der 1902 abgebrannte

Lamatempel _Lung-fu-ssĕ_ (»Tempel des unendlichen Glücks«, 1451

erbaut); hier Wochenmärkte am 9., 10., 19., 20., 29. und 30. Tage

jedes chines. Monats. Am Nordende der Hatamönnstraße liegt etwas

westl. der =Kungfutszetempel= (_Confucius_, chines. _Kuo-tzĕ-chien_

[Guò-dsĕ-dyién], »Akademie des Landesphilosophen«), einfach und vornehm

gehalten, mit zahlreichen Votivtafeln.

Die alten Zypressen in den Höfen stammen noch aus den Zeiten der

Yüan- und der Ming-Dynastie (1206- 1368, 1368-1644). Im Frühjahr und

im Herbst wurden in der Haupthalle den Manen des alten Weisen und

seiner Schüler von den höchsten Beamten Opfer dargebracht, und

jeder Kaiser opfert einmal nach seinem Regierungsantritt persönlich

und stiftet darauf eine aus vier goldenen Zeichen auf blauem Grunde

bestehende Votivtafel. Seitdem Kungfutsze 1906 von der

Kaiserinregentin Tzĕ-hsi Himmel und Erde gleichgestellt wurde,

muß der Kaiser oder sein Vertreter jährlich einmal opfern. Die

Votivtafeln der neun Herrscher der gegenwärtigen Dynastie hängen in

der Haupthalle, in deren Mitte vor einem Opfertische die

_Seelentafel des Kungfutsze_ (chinesisch K'ung Tzĕ [Kúng

Dsĕ], d. h. der Meister K'ung) steht, mit der mandschurischen

und chinesischen Inschrift: »Seelentafel des allerheiligsten

Vorfahren und Lehrers Kungfutsze«. Die Seelentafeln seiner vier

Hauptschüler stehen paarweise davor. _Tsêng tzĕ_ [Dsóng-dsĕ]

schrieb die »Große Lehre«, das erste der vier kanonischen Bücher;

_Mencius_ (Mêng-tzĕ [Móng-dsĕ]) das nach ihm benannte vierte

dieser Bücher; _Tzĕ ssĕ_ [Dsĕ-ssĕ] verfaßte die »Lehre

von der Goldenen Mitte«und _Yĕn Hui_ (Yen-húi) die »Gespräche des

Kungfutsze«. Die Seelentafeln sechs weniger berühmter Philosophen

stehen auf jeder Seite, darunter die des Chu Hsi (Dju-chi), des

bekannten Denkers der Sung-Dynastie im 12. Jahrh.-- Auf jeder Seite

des Vorhofes liegt eine Halle mit den Seelentafeln berühmter

Philosophen der Schule des Kungfutsze. Auf der Oststeite die Tafeln

von 78 tugendhaften, auf der Westseite die von 54 gelehrten

Männern; 86 davon waren Schüler des Meisters.

Im _=Hofe=_ sechs viereckige rote Pavillons mit Dächern von Ziegeln

im kaiserlichen Gelb und Steininschriften im Innern. Darauf

berichten die großen Mandschukaiser K'ang Hsi, Yung Chêng und

Ch'ien Lung ihre Eroberungen im 18. Jahrh.: 1704 K'ang Hsi:

Eroberung der westlichen Mongolei; 1726: Yung Chêng: Eroberung von

Kukunor; 1750 Ch'ien Lung: Eroberung des Landes der Miao in Hunan

u. Kweitschou; 1760 Ch'ien Lung: Eroberung der Dsungarei; 1760

Ch'ien Lung: Eroberung von Turkestan; 1777 Ch'ien Lung:

Unterwerfung der eingebornen Stämme in Szetschuan.--Im Torwege zu

diesem Hofe liegen die berühmten _Steintrommeln_ (die schwarz und

unscheinbar aussehenden Originale hinter einem rot angestrichenen

Holzgitter auf der Nordseite des Tores); sie werden zuerst im 7.

Jahrh. erwähnt, sollen 2500 Jahre alt sein und das älteste

erhaltene chinesische Schriftdenkmal darstellen. Sie enthalten in

altertümlicher Schrift eine poetische Darstellung der Jagdzüge des

Königs Hsüan Wang. Kaiser Ch'ien Lung hat aus weißem Marmor

Nachbildungen der alten Trommeln anfertigen und südl. vom Tor

aufstellen lassen.

Im _=Vorhofe=_ wurden ehemals die alle drei Jahre wiederkehrenden

höchsten literarischen Examen in Mattenzelten abgehalten. Zur

Erinnerung an jedes Examen wurde eine Steintafel mit dem Namen der

jeweilig Graduierten errichtet, die hier den Titel eines

»chin-shih« (dyín-schĭ) erwarben. Die ältesten drei Tafeln

stammen noch aus der Zeit der Yüan-Dynastie (1206- 1368). Es ist

jedenfalls das älteste Doktorenalbum der Welt.

Westl. anschließend an den Kungfutszetempel liegt die von den Fremden

so genannte =Klassikerhalle=, chines. _Pi-yung-kung_ [Bi-yung-gúng],

etwa »Palast der vollendeten Harmonie«, erbaut vom Kaiser Ch'ien

Lung (1736-96). Am Eingang zum innern Hof ein schöner Torbogen mit

farbigen glasierten Ziegeln und Kacheln. In den offenen Hallen, die

den Hof umziehen, ist der authentische Text der neun Klassiker auf

weißen Marmortafeln eingegraben. In dem Pavillon inmitten des Hofes

pflegte der Kaiser seine eignen Gedichte und Aufsätze den höchsten

Gelehrten des Landes jährlich einmal vorzulesen. Unter seinen

Nachfolgern ist das Gebäude nie mehr benutzt worden. (Trinkgeld in

jeder dieser Anlagen 10 c. die Person; unverschämte Mehrforderungen

sind gelassen zu ignorieren). --3 Min. östl. liegt der von den Fremden

so genannte =Lamatempel=, chines. _Yung-ho-kung_ [Yùng-hōŏ-gúng],

»Palast des harmonischen Friedens«, eine weitläufige, prächtige

Anlage, ursprünglich das Kronprinzenpalais des spätern Kaisers Yung

Chêng (1723-1736), bewohnt von etwa 400 Lamas der tibetischen Gelben

Kirche, sämtlich mongolischer Abkunft (keine Chinesen!), unter der

Leitung tibetischer Oberpriester. Haupt des Klosters ist ein sogen.

»Lebender Buddha« (Hūo-fōŏ), d. h. die jeweilige Reinkarnation eines

tibetischen Heiligen; doch residiert dieser seit Jahrzehnten in

Dolonnor (acht Tagereisen von Peking) in der Mongolei und besucht

nur gelegentlich im Winter die Hauptstadt. Der wirkliche Leiter des

Klosters ist ein tibetischer Abt. Die Anlage enthält schöne Hallen,

Pavillons mit kaiserlichen Inschriften, tibetische Gebetsmühlen,

sehr schöne Altarschnitzereien und in der letzten Haupthalle ein

angeblich aus einem einzigen Stück Sandelholz gefertigtes, 14 m hohes

Monumentalbild des aufrechtstehenden »Bodhisattva Maitrêya«, des

buddhistischen Messias, der als fünfter und vollendeter Buddha unsrer

Kalpa, des gegenwärtigen Weltzeitalters, erscheinen wird, um unsre

Welt zu erlösen. Da die Größe der menschlichen Natur mit wachsender

Sittenreinheit zunimmt, wird der Bodhisattva erst zum Buddha werden,

wenn unsre Nachkommen so groß sind wie sein Bild! Sehenswert sind die

dreimal täglich stattfindenden Gebetsübungen der Mönche (Messelesen

in tibetischer Sprache. Wunderbare tiefe Stimmen, tiefes d!). Nicht

hineingehen und nicht stören! Bei jeder Halle die Person höchstens 10

c. Trinkgeld, Mehrforderungen ignoriert man; den Bettlern im Vorhofe

nichts geben!--Nun wende man sich westl. durch eine der Querstraßen

zum *=Paukenturm= (_Ku-lou_ [Gú-lŏū]), von Kublai Khan erbaut, dann

abgebrannt und in vergrößertem Maßstabe von Yung Lo aus Ziegelsteinen

neu errichtet (früher nur Holzbau). Die großen Pauken wurden früher

als Alarmsignale geschlagen; eine bronzene Wasseruhr ist seit 1900

verschwunden. Schöne *Aussicht über ganz Peking, doch des schlechten

Abstiegs wegen nur schwindelfreien Personen zu empfehlen. -- Gleich

nördl. davon der _Glockenturm_ (Chung-lou [Djúng-lŏū]), vom Kaiser

Ch'ien Lung 1740 erbaut, um eine der berühmten fünf Riesenglocken

des Ming-Kaisers Yung Lo darin aufzuhängen; die Glocke wird nicht

mehr geschlagen. Von der obern Terrasse gleichfalls schöne Aussicht,

doch unbequemer Aufstieg. -- Nun folge man der breiten Straße, die

südl. zum _Tor des irdischen Friedens_ (_Ti-an-mên_ [Di-an-mönn])

oder Hintertor (_Hou mên_ [Hŏū-mönn]) der =Kaiserstadt= führt;

wenn man am Ende der Straße den Ahnentempel (Pl. 1) erreicht,

biege man l., vorbei an den Leichenhallen der kaiserlichen Familie

(r.; Pl. 12) und der kaiserlichen Nebenfrauen (l.; Pl. 13), zur

=Reichsuniversität= (chines. _Ta-hsüeh-t'ang_ [Dà chüĕ-táng]), ein

Alumnat für 500 Studenten, geleitet von einem Rektor und 7 Prorektoren

für 7 Fakultäten, einige deutsche, englische, amerikanische und

französische Dozenten neben vielen eingebornen Professoren, die

größtenteils im Auslande studiert haben; Bibliothek, Sammlungen und

Druckerei. Zur Universität gehört das _Dolmetscherseminar_ nahe dem

»Östlichen Friedenstor« (1910 eröffnet für 300 Studenten). -- Westl.

von der Universität erhebt sich der =Ching-shan= (Dying-schan),

»Aussichtsberg«, von den Fremden nach einer alten chinesischen Sage

_Kohlenhügel_ genannt, weil er angeblich aus Kohlen besteht, die für

den Fall einer Belagerung Pekings dort aufgestapelt liegen sollen; in

Wahrheit besteht er aus den Erdmassen, die bei Anlage der künstlichen

Teiche in den Kaiserl. Westgärten ausgehoben worden sind. An einem

inzwischen abgestorbenen Baum am Ostabhange des Hügels erhängte

sich 1644 der letzte Mingkaiser Ch'ung Chêng (Tschúng-djong), als

der Rebellenführer Li Tzĕ-ch'êng [Li Dsĕ-tschóng] die Westmauer der

Tatarenstadt erstürmt hatte. Das Gebiet des Chingshan gehört zur

Verbotenen Stadt und ist für Besucher unzugänglich. -- Sw. liegen

die gleichfalls unzugänglichen =Kaiserlichen Westgärten= (_Hsi yüan_

[Chi-yüen]) mit den _Ssan-hai_, oder »Drei Meeren«, d. h. drei

Lotosteichen. Am Nordteich der berühmte _Lamatempel_ (Pl. 23) mit

Kolossalfigur eines tausendarmigen Bodhisattva Avalokitêsvara und eine

Halbinsel mit weithin sichtbarer weißer _Pagode_, in deren Nähe ein

Altar der Schutzgottheit des Seidenbaues errichtet ist, an dem die

Kaiserin nach altem Herkommen mit den Damen des Hofstaates alljährlich

einmal opfert. -- An der Südwestecke des Mittelteiches lag der

seinerzeit vom Feldmarschall Grafen von Waldersee bewohnte _Palast der

Kaiserinregentin_, der am 18. April 1901 einer Feuersbrunst zum Opfer

fiel. An seiner Stelle stehen jetzt geschmacklose Gebäude, in denen

die verstorbene Kaiserinregentin Tzĕ-hsi das diplomatische Korps in

Audienz empfing. Inmitten des Südteiches liegt der von den Fremden so

genannte _Inselpalast_, (Pl. 8), in dem der Kaiser Kuang Hsü 1898-1900

von der Kaiserinregentin gefangen gehalten wurde; er diente später

gelegentlich zu Audienzzwecken. Die Westgärten gehören zur Verbotenen

Stadt und sind nicht zugänglich. -- Zwischen Nord- und Mittelteich

führt die _Marmorbrücke_ (Pl. 9) zu einer breiten Allee, die durch

das »Westliche Friedenstor« aus der Kaiserstadt in die Mandschustadt

führt; an der breiten Allee, von den Franzosen 1901 angelegt und Avenue

Voyron genannt, liegt r. (nördl.) *_Peitang_ [Bétang], der Sitz des

französischen Erzbischofs und der Lazaristenmission mit der Kathedrale

_St.-Sauveur_ und mehreren Klöstern und Schulen, die während der

Belagerungszeit 1900 von einer Handvoll französischer und italienischer

Matrosen tapfer gegen den chinesischen Pöbel verteidigt wurden.

Die =Rote Verbotene Stadt= (unzugänglich) ist mit einer 3584 m langen

rotbraunen Mauer umgeben (s. oben) und durch einen 30 m breiten

Wassergraben von der Kaiserstadt getrennt; nur vier Brücken, je eine

von jeder Seite, führen über den Graben. Die europäischen Truppen haben

1900 arg in der Roten Stadt gehaust und viele kostbare Kunstwerke

zerstört. Gebäude, Tempel und Gärten stammen meist aus der Zeit der

großen Mandschukaiser (1662-1796), doch reicht die ursprüngliche

Anlage bis auf Kublai Khan (1260-95) zurück; sie haben geschweifte,

reichverzierte Dächer mit gelben Ziegeln, deren Giebel mit goldenen

Drachen gekrönt sind.--Am Westende der Gesandtschaftsstraße gelangt man

südl. zum _Chêng-yang-men_ [Djòng-yang-mönn], dem »Tor der senkrecht

gegenstehenden Sonne«, d. h. _Südtor_, von den Fremden =Kaisertor=,

volkstümlich _Tchiën-mönn_, »Vorderes Tor«, genannt; die im Juni 1900

abgebrannten Turmaufbauten sind 1905/07 wiederhergestellt. Diesem

mittlern Südtor der Mandschustadt liegt im N. das Haupteingangstor

des Kaiserpalastes _Da-Tching-mönn_, d. h. »Tor der Großen

Mandschu-Dynastie«, unmittelbar gegenüber. Weiter nach N. zu folgt

dahinter ein langer Vorhof bis zum Südtor der Kaiserstadt, »Tor des

himmlischen Friedens« genannt; von da führt noch ein weiterer Vorhof

zwischen Anlagen und durch das »Tor der Erhabenheit«, neben dem l.

der »Altar der Götter des Landes und der Feldfrüchte« (Pl. 3), r. der

_Ahnentempel des Kaisers_ (Pl. 2) steht, über eine reichgeschmückte

Brücke und durch das _Mittagstor_ (_Wumönn_) in die Rote Verbotene

Stadt. Die großen Mittelplätze sind durch Tore und Hallen abgeteilt.

Man gelangt durch das »Tor der Eintracht« (_Taihomönn_) in die »Halle

der höchsten Eintracht«(_T'ai-ho-tien_ [Taì-hōŏ-dién]), dann in die

»Halle der mittlern Eintracht« (_Chung-ho-tien_ [Djung-hōŏ-dién]) und

schließlich in die »Halle der beschützten Eintracht« (_Pao-ho-tien_

[Bào-hōŏ-dién]); diese Hallen dienen lediglich als Repräsentationsräume

bei bestimmten Staatsaktionen, so der T'ai-ho-tien zur Neujahrs-

und Geburtstagsgratulation vor dem Kaiser, der Chung-ho-tien zur

Aufbewahrung der Staatssiegel und der Bao-ho-tien als Prüfungshalle

beim Palastexamen. Vom nördl. Vorhof der letzten Halle führt das »Tor

der himmlischen Reinheit« (Pl. 3) in den _Palast der himmlischen

Reinheit_ (_Ch'ien-ch'ing-kung_ [Tchiĕn-tching-gúng]), worin in der

Morgenfrühe die fünf Mitglieder des Staatsrats dem Kaiser oder dem

Regenten Vortrag halten. In dieser Halle finden auch seit 1901 die

großen Audienzen statt, die fürstlichen Gästen oder dem diplomatischen

Korps erteilt werden. Bestimmte Wohnungen des Kaisers etc. gibt es

nicht. Die ewige Attentatfurcht bewirkt, daß schon seit alten Zeiten

die Mitglieder der kaiserl. Familie in den weiten Palastgründen

tageweise von Haus zu Haus ziehen. Die verstorbenen Majestäten wohnten

in einem der Pavillons der Westgärten oder des Sommerpalastes; östl.

von den Wohnungen der Nebenfrauen des Kaisers, getrennt durch das

»Tor des Kriegsgottes« (Pl. 4), liegen die Wohnungen und Paläste der

kaiserlichen Frauen und südl. davon die Wohnungen der kaiserlichen

Kinder. Außerdem liegen im nördl. Teile der Verbotenen Stadt die

Wohnungen der Dienerinnen, Eunuchen, die Seidenlager, Pelzlager,

Theatersäle, Pagoden und verschiedene andre Paläste.

Weltreise. Erster Teil: Indien, China und Japan · 第 41 / 63 段