Offiziere und Kadres für ihre Regimenter hatten, stand das Regiment des
Fürsten von Anhalt-Zerbst, als er mit Lord Suffolk in Unterhandlungen
trat, vorläufig nur auf dem Papiere. Nicht einmal für die
Offizierstellen konnte er unter den paar armen adeligen Teufeln seines
Ländchens »gehörig qualifizirte Subjekte« finden, und aus der
Nachbarschaft boten sich erst recht keine an, weil es allgemein bekannt
war, daß Serenissimus kein Geld hatte. Er wußte aber, daß für gutes
englisches Geld Werber und Offiziere in Hülle und Fülle zu haben waren
und leitete deshalb als vorsichtiger Geschäftsmann die erforderlichen
Maßregeln erst ein, als sie auf englische Rechnung gingen. Kaum war also
die Punktation mit Faucitt geschlossen, so betrieb auch die Zerbster
Regierung das Werbegeschäft mit großem Eifer. Es tritt uns hier überaus
naiv in seiner unverhülltesten Gestalt entgegen, als das, was es seiner
innersten Natur nach ist, als die gemeinste fürstliche Spekulation auf
das Fleisch ihrer Unterthanen und der Unglücklichen, die sich durch gute
Worte oder Gewalt einfangen ließen.
In der Stadt Zerbst wurde sofort ein Werbebureau errichtet, und mit
allen in diesem Geschäfte üblichen Listen die nöthige Mannschaft
angelockt. Im Anfang ging Alles über Erwarten gut, Meister, Gesellen und
Lehrlinge, Bewohner der Stadt und Umgegend, welche sonst kein Auskommen
hatten, nahmen Dienste. Schon im November waren mehr Soldaten als das
von England geforderte Minimum beisammen. Da die Zerbster Bürger sich
weigerten, das zum großen Theil verlorene Gesindel in's Haus zu nehmen,
so mußte es im fürstlichen Schlosse untergebracht werden. Ueberhaupt
scheint der Respekt der Zerbster vor Serenissimo nicht zu groß gewesen
zu sein, denn sie redeten den Soldaten zu, daß sie doch nicht marschiren
möchten, da sie schnöde verkauft wären und elendiglich umkommen würden,
»und was dergleichen grobe Lügen und strafbares Beginnen mehr«, wie der
Stadt-Kommandant General v. Rauchhaupt in einem Garnisonsbefehl
erklärte. Da die Gränze nicht weit war, so wurde es den Bürgern auch
nicht schwer, den Desertionslustigen zur Freiheit, d.h. zum Thore hinaus
zu verhelfen. Um den Mangel an Offizieren zu beseitigen, machte die
Regierung in den Zeitungen bekannt: »Wer Dienste als Offizier zu nehmen
wünsche, vorzüglich aber sich getraue, Chef eines Regiments Infanterie
zu werden, der könne sich sogleich bei der Hochfürstlichen Regierung in
Zerbst melden und werde von derselben nähere Auskunft erhalten«. Diese
Aufforderung hatte sehr bald den gewünschten Erfolg. Schon im Oktober
und November waren so viele Meldungen eingegangen und angenommen, daß
alle Stellen besetzt werden konnten. Als Regiments- und
Bataillons-Kommandeure hatten sich zwei Brüder v. Rauschenplatt aus dem
Braunschweigischen angeboten. Beide wurden in Dienst genommen. Der
ältere Johann ward Oberst und Regimentschef; sein Bruder Georg Heinrich
dagegen Major und Bataillonskommandeur, im Sommer 1782 aber sein
Nachfolger im Kommando des Regiments, weil der ältere Bruder wegen
Kränklichkeit nach Europa zurückkehrte. Stabsadjutant war Oberlieutenant
Möhring und Regimentsquartiermeister ein geborener Anhaltiner, J.A.
Pannier, der im April 1772 in Jena einen nassauischen Studenten im Duell
erstochen hatte. Drei Feldprediger, ein lutherischer, ein reformirter
und ein katholischer, hatten für das Seelenheil und die geistliche
Verpflegung der Soldaten zu sorgen, während 34 unter Anführung einer
Unteroffiziersfrau stehende Marketenderinnen ihnen den Bedarf an
leiblicher Speise zu liefern und zu ergänzen hatten.
Schon in den ersten Tagen des November 1777 konnte das Regiment dem
englischen Unterhändler auf dem Schloßplatz von Zerbst zur Musterung
vorgeführt werden.
»Ich bin -- schreibt Faucitt am 15. November 1777 aus Braunschweig an
Suffolk -- soeben von Zerbst zurückgekehrt, wo ich das eine der beiden
uns angebotenen Regimenter sah. Es besteht aus lauter schönen und jungen
Leuten, die indessen ihre Waffen nicht so gut handhaben und nicht so
gut exerziren, als ich erwartet hatte. Ihr Oberst, Herr von
Rauschenplatt, versicherte mich aber, daß sie erst vor drei bis vier
Tagen von ihrem Urlaub einberufen seien, nachdem sie den größten Theil
des Jahres abwesend gewesen, und daß er sich anheischig mache, sie bis
zur Zeit ihres Abmarsches gut auszuexerziren. Es scheint mir, daß der
Oberst das wohl fertig bringen wird; er ist ein gebildeter und thätiger
Offizier, der während des ganzen letzten Krieges in dem österreichischen
Heere gedient hat. Es fehlt den Leuten überhaupt nicht an guten Willen.
Zu jedem Regiment gehören zwei Grenadier-Kompagnieen. Das eine Regiment
ist marschfertig, während das andere, welches in einiger Entfernung von
Zerbst liegt, es vor nächstem Februar nicht werden kann. Ich werde sie
die Elbe hinunter bis Stade verschiffen. Die Reise dauert acht bis zehn
Tage. Rauschenplatt sagte mir, er werde sofort nach Eintreffen der
Erlaubniß der Uferstaaten marschiren und zur Noth gar nicht auf die
Antwort der Fürsten warten.«
Dieser Plan war an sich ganz gut und leicht ausführbar, wenn nur
Friedrich der Große sein Veto nicht eingelegt hätte.
Neuntes Kapitel.
Die in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Verkäufe und Verschiffungen
deutscher Soldaten reichen bis zum Herbste 1777. Die Zusätze zu den
bereits ausführlich besprochenen Verträgen sind im Wesentlichen eine
Wiederholung der ursprünglichen Bestimmungen; sie beziehen sich nur auf
Lieferungen von Rekruten, Jägern und Artilleristen und erfordern darum
auch kein näheres Eingehen auf ihren Inhalt.
Unerläßlich dagegen ist wenigstens eine kurze Beschreibung des
Transports dieser Ersatztruppen, der bei seinen großen Gefahren und
Schwierigkeiten ganz besondere Umsicht und Sorgfalt verlangte. Vor Allem
galt es, die Desertion zu verhindern und die Chikanen, Eingriffe oder
älteren Ansprüche der zu passirenden Staaten abzuwehren. Der englische
Kommissar Faucitt berechnete natürlich nur die im Hafen auf die Schiffe
gelieferten Soldaten; wer also unterwegs desertirte, lief zugleich mit
den oft nicht unbedeutenden baaren Auslagen des Lieferanten davon,
während eine spätere Desertion diesen nicht so sehr schädigte. Es wurden
deshalb nur erfahrene Offiziere von großer Geistesgegenwart,
persönlicher Gewandtheit und Entschiedenheit im Auftreten mit dem
Truppentransport betraut. Aus den zahlreichen, bei den Akten
befindlichen Berichten solcher Offiziere möge nur der des Obersten von
Wöllwarth hier Platz finden, der Mitte Mai 1777 einige hundert hessische
Rekruten von Kassel nach der Weser-Mündung führte und ein Gesammtbild
der mit der glücklichen Ausführung eines derartigen Auftrages
verknüpften Schwierigkeiten giebt.
»Ich habe mich -- meldet Wöllwarth am 30. Mai 1777 dem Landgrafen von
Hessen-Kassel -- am 14. Mai unweit der Pulvermühlen bei Kassel
eingeschifft, am 15. Abends bei Herstelle Anker geworfen und bin am 16.
gegen 11 Uhr Abends nach Hameln gekommen. Am 17. verursachte die
Passirung der dortigen Schleuse einigen Aufenthalt, so daß bereits eine
Stunde außerhalb Hameln bei Lachem angehalten und Mittag gemacht werden
mußte. Von da wurden nach der erhaltenen gnädigsten Instruktion die
Rekruten, so preußische Deserteur oder Landeskinder waren, an Anzahl
fünfzig, unter Kommando des Lieutenants Hagen und dreier Unteroffiziers
mit geladenem Gewehr, auch Begleitung einer Patrouille von dem
Estorffischen Dragonerregiment, bis Rodenberg abgeschickt, und nahm
gedachter Lieutenant Hagen zur Vermeidung derer mehren preußischen Orten
und des Bückeburgischen die Detour über Neustadt am Rübenberge, wo
derselbe das zweite Nachtlager nahm. Aller gebrauchten Vorsicht
ungeachtet ist ein Jäger, Namens Britt, so ein Franzose von Geburt, von
da die Nacht desertirt, durch Hülfe der Patrouille aber in der Gegend
von Nienburg wiederertappt worden und als Arrestant mitgebracht. Am 18.
wurde Preuß. Minden passirt. Vom Kommandanten geschah nicht die mindeste
Nachfrage, als wie stark der Transport sei. Am 19. ankerten wir bei
Stolzenau unterhalb Nienburg. Lieutenant Hagen traf daselbst erst den
Nachmittag um fünf Uhr ein. Bei diesem langen Aufenthalte entfernte
sich, ohngeachtet ich von dem Schiffe Posten ausgesetzt hatte, ein
Jägerrekrute, Namens Seidenfaden, welcher um so leichter, da er noch
keine Montirung hatte, unter der Menge Leute solches bewerkstelligen
konnte. Den Lieutenant Plier, von dessen Schiff der Rekrute war,
schickte ich, weil er diesen Unmontirten hatte vom Schiff gehen lassen,
auf vierundzwanzig Stunden auf das Staatsschiff in Arrest, an dessen
Stelle ich Lieutenant Braumann kommandirte. Nun ereignete sich der
Vorfall, daß der Unteroffizier Säugling, welcher von dem Kommando des
Lieutenant Hagen erst zurückgekommen, sich etwas betrunken und einem
Juden, welcher im Vorbeigehen bei denen Schildwachen Taback geraucht,
nach eigener Willkür die Pfeife weggenommen. Da nun der Jude bei dem
Lieutenant Braumann sich dieserhalb beschwerte und die Herausgabe der
Pfeife forderte, ertheilte mehrgedachter Lieutenant Braumann dem
Unteroffizier die geschärfte Ordre, solche sogleich wieder
herauszugeben. Der Unteroffizier aber, welcher in dieser Verwirrung
nicht wußte, daß Lieutenant Plier arretirt sei, mithin das Schiff nicht
mehr kommandirte, versetzte, er würde keines Andern Kommando Folge
leisten als besagten Lieutenants Plier. Es wurde der Unteroffizier zu
Gehorsam angewiesen. Da er aber durch Raisonniren einen Aufstand
erregte, so begab ich mich auf die Meldung des Lieutenants Braumann
dahin, um solchen zu stillen. Der Unteroffizier nebst noch zwei
Raisonneurs, so Anlaß dazu gegeben, wurden arretirt. Den erstern habe
ich mit starken Fuchteln bestrafen lassen und degradirt bis zur Ankunft
in Amerika, wie denn die beiden Andern ebenfalls zu harter Strafe
gezogen wurden. Am 21. Mai haben wir die Bremer Brücke passirt und allda
vom Kapitain v. Webern die achtzehn großen Ballen Bagage richtig
erhalten. Am Abend dieses Tages trafen wir in Vegesack ein; am 24. aber
wurden wir durch Faucitt gemustert, der nur zehn Mann ausrangirte, und
am 25. auf fünf Schiffen eingeschifft, welche am 31. Mai von Bremerlehe
absegelten.«
Was nun insbesondere die Rekrutenlieferungen betrifft, so beweisen sie,
daß das Geschäft nicht blos in Kassel, sondern auch bei den übrigen
betheiligten Fürsten eigentlich nur kurze Zeit in Blüthe stand, und daß
bereits im Laufe des Jahres 1777 der Markt weniger ergiebig wurde. Nur
Anspach machte eine Ausnahme von der Regel, weil es durch den
siebenjährigen Krieg nicht so viel als die norddeutschen Staaten
gelitten hatte. Seine Rekruten zeichneten sich bis an das Ende vor allen
anderen aus, im Februar 1779 fand Faucitt sie so schön und so gut von
Ansehen, daß er froh sein würde, wenn die anderen Rekruten ebenso
aussähen, und noch im Mai 1782 wurden die großen schönen munteren und
wohlgezogenen Anspacher bei ihrer Einschiffung ebenso bewundert, wie die
ersten Bataillone des Jahres 1777. Dagegen ward es schon zu Anfang des
Jahres 1777 den norddeutschen Lieferanten schwer, ihre Verbindlichkeiten
zur festgesetzten Zeit zu erfüllen. Schon jetzt müssen sie an allen
Ecken und Enden ihre Waare zusammenstehlen und das so gestohlene
zweibeinige Gut mit großen Kosten und außerordentlicher Vorsicht
bewachen lassen. Die Schilderungen, die wir in den Berichten Faucitt's
und Rainsford's über ihre Rekruten-Inspektionen finden, würden komisch
und erheiternd sein, wenn die Ruchlosigkeit, mit der die armen Teufel
auf die Schlachtbank geliefert werden, für unser Volk nicht gar zu
beschämend wäre.
»Am 21.d.M. -- meldete Faucitt am 24. März 1777 aus Bremerlehe an
Suffolk -- habe ich die 250 braunschweiger Rekruten in Stade besichtigt
und eingeschifft. Der Herzog hatte es für nöthig erachtet, sie durch
eine starke Infanterie-Abtheilung von einem Hauptmann, zwei Lieutenants,
vierzehn Unteroffizieren und vier und achtzig Gemeinen nach dem Hafen
transportiren zu lassen. Ich habe 36 von den Rekruten wegen
Körperschwäche, Alter und Einäugigkeit und sonstiger Gebrechen
verworfen; es sind also nur 214 Mann übrig geblieben. Ich erinnere mich
nicht, je in meinem Leben einen solchen Haufen schlecht aussehender
Kerle zusammen gesehen zu haben. Kaum diejenigen, welche ich passirte,
waren diensttüchtig. Die Gräben und die Stadt sind gefroren, es ist also
große Gefahr der Desertion vorhanden. Noch größer wird diese Gefahr in
Bremerlehe sein, wo die hessischen und waldeck'schen Rekruten jeden
Augenblick ankommen müssen, und wo ich nicht das geringste Zwangsmittel
gegen sie habe.«
Nicht viel günstiger als Faucitt über die braunschweigischen, spricht
sich Rainsford über die vom Rheinfels gekommenen hessischen Rekruten
aus. »Sie sind -- schreibt er am 28. März 1777 aus Gravendael bei
Dortrecht an Suffolk -- äußerst ungleich, Viele sehr alt, Viele bloße
Jungen und Andere wieder durchaus unbrauchbar. Es finden sich fünf bis
sechs Einäugige darunter. Wir dürfen aber nicht zu wählerisch sein, weil
es zu schwer ist, Leute zu bekommen. Ich wies deshalb Keinen zurück,
bezeichnete aber die Anstößigsten auf der beifolgenden Liste. Die Jäger
dagegen sind gut und äußerst brauchbar für den Dienst.« Die Zahl der
Rekruten belief sich auf etwa 400; der Bayreuther Minister v.
Seckendorff fand darunter viele unausgewachsene Kinder, die kaum fünf
Fuß maßen; zu ihrer Bewachung und Begleitung wurden ein Offizier, sechs
Unteroffiziere und fünfzig Gemeine mitgeschickt.
Die waldecker Rekruten dagegen waren viel besser; ihre Mehrzahl bestand
aus kräftigen und starken Leuten, wenn auch manche klein und zu jung
darunter waren. Da der Fürst von Waldeck keine Festung hatte, worin er
sie bis zu ihrem Ausmarsche sichern konnte, und da er, laut Bericht
seines Ministers Zerbst an den englischen Kommissär, schon viele durch
Desertion verloren hatte, so verschaffte ihm dieser die Erlaubniß vom
hannöver'schen General Hardenberg, sie bis zur Einschiffung in dem
damals befestigten Hameln unterzubringen, eine Gunst, die, wie Faucitt
schreibt, den Fürsten ganz erleichterte und glücklich machte, und jeden
Falls zur bessern Ausbildung der Leute viel beitrug.
Der waldecker Lieferant erwarb sich überhaupt durch seinen großen
Diensteifer die besondere Gnade des Königs von England und die
wohlwollende Gunst Suffolk's. »Die Rekrutirung geht besser als ich mir
geschmeichelt hatte -- schreibt er am 7. Dezember 1777 an Faucitt -- ein
Transport von 23 gut gewachsenen Leuten, lauter Schwaben, deren keiner
älter als dreißig Jahre ist, befindet sich seit zwei Monaten auf dem
Wege. Hier in Arolsen haben wir deren 20; wir erwarten auch noch einige
aus der Wetterau (Also Dutzendweise wurden die armen Teufel in den
verschiedenen deutschen Landschaften zusammen getrieben!) Sie sehen, wir
sind nicht müßig; rechnen Sie immer auf mich, wenn es sich um den Dienst
des Königs Georg III. und seiner gerechten Sache handelt.
»Ich lese so eben in der Leidener Zeitung, daß unter den Truppen, die
General Lord Howe ausgeschickt, um die Rebellen auf der Rechten zu
umgehen, sich die Waldecker an's Plündern gegeben und geweigert hätten,
einen Schritt vorzurücken, ehe sie mit dem Plündern fertig wären. Um
Gotteswillen, ist das wahr? Bei meiner Kenntniß des Charakters des
Obristlieutenants von Hanxleden und der Hälfte seiner Offiziere kann ich
das kaum glauben. Sie wissen, besser wie ich, daß einsichtige und
entschlossene Offiziere es verstehen, eine ungehorsame Truppe zu ihrer
Pflicht zurückzuführen. In einem solchen Falle zerschmettert man einem
Dutzend der Hauptmeuterer das Gehirn oder sticht sie nieder. Hanxleden
ist mir stets als der Mann erschienen, der bei ähnlicher Gelegenheit
energisch handeln würde. O, könnten Sie mich doch über die Haltung
meines Regiments beruhigen; ich möchte lieber, daß es 300 Mann verlöre,
als daß es sich schlecht aufführte!«
Faucitt beruhigte denn auch umgehend den Fürsten, daß die obige
Nachricht eine der vielen in Holland fabrizirten Erdichtungen sei. Die
Waldecker Truppen hielten sich vielmehr in Amerika zur vollen
Zufriedenheit ihrer englischen Vorgesetzten, welche nur das an ihnen
auszusetzen fanden, daß sie nicht reinlich genug waren und aus Mangel an
Sorgfalt zu viel Kranke hatten. Die Desertion bei ihnen war
verhältnißmäßig gering.
»Könnte ich doch bald erfahren -- schrieb der Fürst sofort nach dem
Bekanntwerden der Gefangennahme Burgoyne's, an Suffolk -- daß Howe und
Clinton das Unglück von Saratoga ausgeglichen haben! Wenn ich nur ein
Korps von 6000 Mann zu meiner Verfügung hätte! Ich würde es Ihnen
überlassen, ohne einen Heller dafür zu nehmen.« Diese leeren Redensarten
gefielen in London gar sehr.
Kaum zwei Jahre nach Absendung deutscher Truppen nach Amerika brach der
bayrische Erbfolgekrieg aus, der natürlich eine große Konkurrenz im
Markte eröffnete und dem besser zahlenden und listiger oder gewaltsamer
auftretenden Werber den Vorsprung ließ. Die kleinen Fürsten wollten zu
wenig von ihrem Gewinn abgeben; ihre Werbeoffiziere suchten deshalb
durch Rohheit und Gewaltthätigkeit zu ersetzen, was ihnen an Geld
fehlte. Die großen deutschen Mächte dagegen, die sich nunmehr
gegenübertraten, statteten ihre Werber mit größeren Mitteln aus und
zogen deshalb mehr Rekruten an. Zum Glück für die deutschen
Truppen-Lieferanten dauerte der bayrische Erbfolgekrieg nicht lange; vom
Sommer 1779 an konnten sie das ihnen nur für kurze Zeit erschwerte
Geschäft wieder ausschließlich betreiben. Im Mai 1779 wandte sich ein
Hauptmann v. Langsdorff, Kommandant des Reichs-Volontär-Korps, das sich
aufzulösen im Begriffe stand, von Prag aus an den Minister v. Gemmingen
in Anspach. »Es ist nicht schwer, sagte er, einen Theil der Leute, der
mir zu folgen gesonnen ist, zu engagiren und nach Anspach zu bringen,
ich wünsche zu wissen, wie viel Serenissimus mir vor jeden Mann, den ich
nach Anspach schaffen werde, zahlt, damit ich Handgeld und die übrigen
Depensen darauf reguliren kann. Die Leute sind meistens jung und schön
und vom besten Willen. Wie viel Unteroffiziere könnte ich engagiren, und
was wird für sie bezahlt?« Man sieht, der Mann verstand sein Geschäft.
Gemmingen meldete dieses Angebot sofort nach London, erhielt aber eine
abschlägige Antwort, da es in diesem Jahre (1779) zu spät sei, Truppen
nach Amerika zu senden. So zerschlug sich diese Sache. Anspach that
nichts mehr darin, da es wegen der nöthigen Rekruten und Jäger nie in
Verlegenheit war.
Am schlimmsten dagegen war der Erbprinz von Hessen-Kassel daran, der so
ziemlich auf demselben Jagdgrund mit seinem Vater auf Rekruten pirschen
mußte. Er war deshalb genöthigt, sich anderwärts, ja im ganzen Reiche
nach Werbeplätzen umzuthun. Die hessischen Werber waren aber überall so
gefürchtet, verhaßt und verachtet, daß der Erbprinz es sich als einen
freundnachbarlichen Gefallen vom Anspacher Markgrafen erbat, daß seine
Werber in anspachischen Uniformen ihrem Geschäfte nachgehen durften.
»Ihro Durchlaucht der Erbprinz -- schreibt der hanauische Minister
v. Gall am 15. Februar 1781 an Gemmingen -- schmeicheln sich von der
Hand des durchlauchtigsten Herrn Markgrafen und von der Freundschaft
und Gefälligkeit der Herren, welche zu dem guten Erfolg in dieser
Werbungssache einen Beitrag leisten können, daß solche, da sie
vermuthlich nur einige Wochen dauern kann, auch in dieser kurzen Zeit
uns zum Theil aus der Verlegenheit ziehen wird, die die Einrichtung
eines solchen Korps natürlich mit sich führt, wenn wenig Zeit und
an allen Orten und Enden Holländische Werbung ist, die ihre Dukaten
und den Umstand sehr geltend macht, daß die Leute den Rheinstrom
nicht verlassen. Vielleicht finden sich unter deren Arrestanten
verschiedener Art solche Leute, denen eine Wohlthat und dem Lande ein
Vortheil geschähe, wenn sie nach Amerika geschickt würden. Vielleicht
sind auch unter deren geworbenen Ausländern einige, die klein und
also entbehrlich sind; hoffentlich aber werden es Ew. Exzellenz
gefälligst in die Wege leiten, daß, Dero eigene Werbung unbeschadet,
die Kommandirten an die unsrigen behülflich und beförderlichst sein
dürften. Ew. Exzellenz wollen gefälligst gestatten, daß allen Falls
Herr Hauptmann v. Geismar (der hessische Werbeoffizier) seine Rekruten
mit dem hochfürstlich Brandenburgischen Transport den Mayn herunter
schicken dürffe.«
Der Markgraf kam den Wünschen des Erbprinzen um so lieber nach, als
dieser sich ihm bei früheren Gelegenheiten besonders gefällig erwiesen
hatte, und verehrte ihm als besonderes pretium affectionis einen
wahrscheinlich ebenfalls gestohlenen zwei und zwanzigjährigen, 10½
Zoll großen Rekruten. Serenissimus behielt natürlich den »prächtigen
Kerl« für sich und dankte seinem Geschäftsfreunde in den
überschwenglichsten Ausdrücken für diesen kostbaren Beweis seiner
Zuneigung. Solche Geschenke von Menschenfleisch waren übrigens nichts
Seltenes unter den regierenden Herren jener Zeit, ja diese machten sie
sogar den im Range unter ihnen Stehenden. Schenkte doch sogar der
aufgeklärte Kaiser Joseph II. dem berühmten preußischen Reitergeneral
v. Seidlitz, um ihn besonders auszuzeichnen, eine schöne zirkassische
Sklavinn, die dem alten Haudegen so sehr gefiel, daß er sich einige Zeit
darauf noch eine zweite auf eigene Rechnung nachkommen ließ.
Am Empörendsten von allen deutschen Fürsten handelte übrigens der Herzog
von Braunschweig. Dieser Mensch hatte die Stirn, die englische Regierung
flehentlich zu bitten, seine in Gefangenschaft gerathenen Truppen, wenn
sie überhaupt ausgewechselt werden sollten, ja nicht in die Heimath
zurückkehren zu lassen, damit ihm, dem besorgten Landesvater, das
Rekrutirungsgeschäft nicht verdorben werde. Es befanden sich bekanntlich
etwa 2000 braunschweigische, unter dem braven Riedesel stehende Soldaten
bei Burgoyne, als sich dieser leichtfertige und unbedeutende General am
17. Oktober 1777 bei Saratoga dem amerikanischen General Gates ergeben
mußte. In dem zwischen diesem und Burgoyne abgeschlossenen Vertrage der
Uebergabe war bestimmt worden, daß die Truppen baldmöglichst in Boston
nach England eingeschifft oder ausgewechselt werden sollten. Gates'
Zusicherung wurde jedoch später vom Kongreß nicht genehmigt. In Folge
dessen blieben die deutschen Gefangenen unter unsäglichen Entbehrungen
und Kränkungen zuerst im Winter auf dem Winterhill bei Boston und wurden
später nach Charlotte in Virginien internirt, aber erst Ende 1782 nach
mehr als fünfjähriger Gefangenschaft ausgewechselt.
Man hat vielfach den Grund für diese schlechtere Behandlung der
Braunschweiger in der englischen Engherzigkeit und Parteilichkeit
gesucht. Man thut aber den Engländern Unrecht, denn der eigene
Landesherr war es, welcher seine Unterthanen benachtheiligte. Als das
erste Gerücht von der Gefangennahme bei Saratoga und der baldigen
Zurückkunft der englischen Truppen, also auch der Braunschweiger nach
Deutschland drang, schrieb nämlich der Minister Feronce am 23. Dezember
1777 an Faucitt:
»Wenn man uns hilft, wie man kann und soll, so werden wir unsere Truppen
bald wieder auf den erforderlichen Etat bringen. Soll es geschehen, und
darin werden Sie, General, mit mir übereinstimmen, so dürfen wir unter
keiner Bedingung die armen Teufel von Kapitulanten nach Deutschland
zurückkehren lassen. Sie werden natürlich mißvergnügt sein, und ihre
Uebertreibungen werden ebenso natürlich von jeder fernern Betheiligung
an Ihrem amerikanischen Kriege abschrecken. Sie lassen sie besser, wenn
sie denn einmal ausgewechselt werden sollen, nach einer Ihrer
amerikanischen Inseln oder selbst z.B. nach der Insel Wight schaffen.
Denn dadurch haben Sie weniger Kosten und verlieren weniger Zeit. Ich
bitte Sie also, bester General, über das, was ich Ihnen hier sage,
nachzudenken und, wenn Sie sich ebenso dafür interessiren, wie wir,
meine Ansicht auch Mylord Suffolk zu unterbreiten, der zu viel Einsicht
hat, als daß er eine derartige Maßregel in dieser uns ganz
gemeinschaftlichen Sache nicht dem Interesse und Dienste des Königs für
entsprechend hielte.«
Als wenn aber Faucitt nicht zuverlässig genug gewesen wäre, schrieb
Feronce zwei Monate später, am 23. Februar 1778 noch direkt an Suffolk.
»Der Herzog -- sagte er in seinem Briefe -- ist zu sehr von dem
Wohlwollen des Königs und der Klugheit seines Ministeriums überzeugt,
als daß er voraussetzte, daß man je daran denken wird, die deutschen
Truppen, die bei Saratoga kapitulirt haben, nach Deutschland zu
schicken, denn ihre Rücksendung würde in ihrem gegenwärtigen zerrütteten
Zustande die traurigsten Wirkungen hervorrufen und die schmerzlichste
Sensation erregen, uns aber verhindern, unsere drei Regimenter in Kanada
à 600 Mann zu kompletiren.«
Natürlich wußten die armen in Amerika gefangen gehaltenen Braunschweiger
nichts von dieser freundlichen Fürsorge ihres Serenissimus, denn sonst
würden sie sich wohl nicht so oft über Zurücksetzung hinter die
Engländer beschwert oder ihrem Fürsten selbst unter den härtesten
Entbehrungen die unverbrüchlichste Treue bewahrt haben. Es ist ein
rührendes Bild, wie die mitgefangene deutsche Generalsfrau die Fahnen,
um sie zu retten und unverletzt nach Hause zu bringen, bei Nacht in ihre
Betten einnäht, und wie ein, wenn auch mißverstandenes Ehr- und
Pflichtgefühl die Unglücklichen selbst in der Gefangenschaft
zusammenhält; aber es ist eine jeder Charakteristik spottende, selbst in
jener Zeit einzig dastehende Infamie, wie der herzlose braunschweiger
Herzog dieselben Soldaten, welche ihre Haut für ihn zu Markte trugen und
ihn dadurch vom Bankerott retteten, jetzt im unverdienten Unglück nicht
wieder sehen will, weil sie ihm das Geschäft verderben könnten. Also
nicht genug, daß die eigenen Landeskinder verkauft sind; jetzt nachdem
es geschehen, dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen, damit ihrer
noch mehr verkauft werden können. Und der braunschweiger Herzog war noch
lange nicht der schlimmste unter seinen fürstlichen Zeitgenossen, er
galt im Gegentheil als aufgeklärt, liberal und leutselig.
Wie stolz und Ehrfurcht gebietend steht diesen kleinen Fürsten der große
König von Preußen gegenüber! Friedrich ist fast der einzige deutsche
Regent jener Zeit, der, weil er seine persönliche Verantwortlichkeit vor
der Welt fühlt, auch persönliche Würde hat; der einzige Herrscher, der
mit klarem Auge große politische Ziele verfolgt, und der sich mit
wahrhaft erhabener Vorurtheilslosigkeit nicht scheut, die Dinge beim
rechten Namen zu nennen. Man kannte außer beim König kaum eine
selbständige Politik mehr in Deutschland, die meisten kleinen Staaten
fristeten ihre klägliche Existenz nur durch geschmeidiges Anklammern an
fremde Interessen. Deshalb ist der souveraine Hohn und die kalte
Verachtung, welche er England und seine Lieferanten überall fühlen läßt,
doppelt wohlthuend.
Friedrich's Verhältniß zum Soldatenhandel ist vielfach entstellt und
übertrieben worden; führen wir es deshalb auf den richtigen Thatbestand
zurück!
Der König sowohl wie der deutsche Kaiser hatten ein naheliegendes
politisches Interesse an den Truppenlieferungen. Einmal verstießen
dieselben gegen die Reichsgesetze, deren Hüter der Kaiser sein sollte,
dann aber raubten sie ihm, sowie dem König von Preußen bei dem damaligen
Werbesystem einen großen Theil der Mittel zur Füllung ihrer eigenen
Regimenter, wenn der amerikanische Krieg noch unbestimmte Zeit
fortdauerte.
So lange die ersten Verhandlungen schwebten, erwartete man höchstens
einige tausend Mann als ihr Ergebniß, denn Niemand hatte geglaubt, daß
die kleineren Fürsten kaum dreizehn Jahre nach dem siebenjährigen Kriege
im Stande sein würden, innerhalb weniger Monate nahe an 20,000 Mann zu
liefern. Gleichwohl wurden der Verschiffung der Hauptkorps nicht die
mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Erst mit den Sendungen des
Jahres 1777 begann, wie wir im siebenten Kapitel gesehen haben, auf
Anstiften des kaiserlichen Gesandten, sich unter den rheinischen Fürsten
eine, vorläufig noch in kleinen Chikanen auftretende Feindseligkeit
gegen die Truppenlieferanten zu entwickeln, die gleichwohl diesen und
England die ernstlichsten Besorgnisse einflößte, weil sie für die Folge
das Geschäft bedeutend verzögern und dadurch beeinträchtigen konnte.
Schlimmsten Falls war aber mit den geistlichen und pfälzer Kurfürsten
durch diplomatische Vorstellungen und Drohungen, Geschenke,
Baarzahlungen und sonstige Aufmerksamkeiten an ihren Höfen schon fertig
zu werden. Auch des Kaisers Befehle waren unter Umständen zu umgehen und
fielen mehr durch ihr moralisches Gewicht als durch ihre praktische
Tragweite in die Wagschale.
Bereits im Oktober 1777 hatte der Wiener Hof allen seinen Gesandten bei
den verschiedenen deutschen Fürsten Auftrag gegeben, die
Truppenlieferungen an England soviel als möglich zu verhindern, da sie
das Reich entvölkerten und sonstige schlechte Folgen nach sich zögen.
»Die Wahrheit ist -- schreibt Cressener am 17. November 1777 aus Bonn an
Suffolk -- daß die österreichischen Werbe-Offiziere große
Schwierigkeiten beim Rekrutiren fanden, daß die Rekruten den Dienst in
Amerika vorzogen, und daß selbst die kaiserlichen Regimenter in Folge
dessen mehr als gewöhnlich durch Deserteure verloren. Aehnliche
Beschwerden brachten die preußischen Werbeoffiziere vor. Namentlich
klagten sie darüber, daß seit dem amerikanischen Kriege ihre Rekruten
nur selten noch das erforderliche Maß hätten, also bloß Ausschuß wären.«
Ein zu derselben Zeit den Direktoren des westfälischen Kreises vom
Kaiser gemachter Vorschlag, innerhalb ihres, ganz Westfalen und
Niedersachsen umfassenden Gebietes, die Truppenaushebungen für England
zu verhindern, scheiterte gleichwohl mit am Widerspruch des preußischen
Residenten Emminghaus, da der König sich dem Kaiser nicht unterordnen
wollte und er selbst möglichen Falls unter den Konsequenzen des Verbots
zu leiden gehabt haben würde. Uebrigens kümmerte sich England in der
Folge gar nicht um den Widerspruch von Kaiser und Reich, und diese
ließen es auch ruhig gewähren.
Anders dagegen bei Friedrich, der seiner Politik bei Freund und Feind
Respekt zu verschaffen wußte. Sein Verhältniß zu England war seit dem
Jahre 1761, wo er so schmählich durch Bute im Stich gelassen wurde, sehr
lau gewesen und seit der ersten Theilung Polens, wo es seinen Ansprüchen
auf Danzig mit entschiedenem Erfolge entgegengetreten war, sogar ein
erbittertes geworden. Aeußerlich höflich, verachtete Friedrich die
damals England beherrschende Aristokratie und sprach sich bei jeder
Gelegenheit mit der äußersten Geringschätzung gegen sie aus, diese
Menschen, bei denen die Liebe zum Gelde und der persönliche Vortheil
den Sieg über das öffentliche Wohl davon trage. »Dieser Engländer --
hatte er früher einmal von Bute gesagt -- glaubt, er könne mit Geld
Alles erreichen.« Jetzt war die Gelegenheit gekommen, England
empfindlich zu kränken, ohne ihm gerade feindlich gegenüberzutreten --
und Friedrich ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Andererseits
fürchtete er aber wirklich, daß die bedeutenden Truppenlieferungen nach
Amerika ihn in seinem eigenen Bedarf verkürzen würden, und das zu einer
Zeit, wo der täglich drohende Tod des Kurfürsten Maximilian Joseph den
bei den österreichischen Ansprüchen unvermeidlich gewordenen Krieg wegen
der bairischen Erbschaft zum Ausbruch bringen konnte.
»Der König von England -- sagt Friedrich in seinem Anhang zu den
Memoiren seit dem Frieden von Hubertsburg bis zum Ende der Theilung
Polens -- unterhandelte mit allen Höfen Deutschlands, um die wenigen
Leute daraus zu ziehen, die es noch zu liefern vermochte. Deutschland
spürte schon die Nachwehen der zahlreichen Menschenlieferungen, die in
fremde Welttheile geschickt waren, und der König von Preußen sah mit
Sorge, daß im Falle eines neuen Krieges das Reich seiner Vertheidiger
beraubt sein würde, denn im Jahre 1756 hatten Niedersachsen und
Westfalen allein eine Armee auf die Beine gebracht, mit welcher man die
Fortschritte des französischen Heeres aufhalten und vereiteln konnte.
Aus diesem Grunde chikanirte er die Truppen der mit England verbündeten
deutschen Fürsten, sobald sie durch Magdeburg, Minden und das Gebiet am
Niederrhein passiren mußten. Es war das eine schwache Rache für das
schlechte Verhalten, welches der Hof von London ihm gegenüber
rücksichtlich der Stadt und des Hafens von Danzig beobachtet hatte. Der
König wollte übrigens die Dinge nicht zu weit treiben, denn eine lange
Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man immer eine Menge Feinde findet,
ohne daß man sie sich aus Uebermuth auf den Hals zu laden braucht.«
Wenn man sich die damalige deutsche Politik des Königs vergegenwärtigt,
so wird man finden, daß er erst dann, als der Krieg mit dem Kaiser gewiß
geworden war, ernstliche Maßregeln gegen England und seine Lieferanten
ergriff. Friedrich hat in den obigen Worten ihnen gegenüber ganz genau
seinen Standpunkt bezeichnet. Wir werden später sehen, daß jede seiner
Handlungen damit übereinstimmt; gleichwohl haben selbst angesehene
deutsche Geschichtsschreiber, wie z.B. Schlosser, von den Amerikanern
nicht zu reden, seine Motive und Akte in dieser Beziehung gröblich
entstellt. Diese tendenziöse Auffassung der Opposition Friedrich's
verräth namentlich amerikanischer Seits einen eben so großen Mangel an
Einsicht in die Politik jener Zeit als in den Charakter des Königs. Ein
Fürst, der, um seine Zwecke zu erreichen, ohne jedes Bedenken hundert
Tausende von Menschenleben opfert; ein Feldherr, der sich wundert, daß
»die Hunde von Grenadiere ewig leben wollen«, wenn sie sich nicht gleich
in den Rachen von hunderten, Tod und Verderben speienden Geschützen
stürzen, ein solcher Mann wird, ohne das moralische Ungeheuer zu sein,
als welches ihn höchst oberflächlicher Weise Macaulay karrikirt, nie wie
ein junger sentimentaler Lyriker für die Sache unterdrückter Unterthanen
in die Schranken treten und am allerwenigsten ihnen zu Liebe seines
Gleichen den Krieg erklären. Nichts ist deshalb ungerechtfertigter als
die Annahme, daß Friedrich aus Sympathie für die amerikanischen Rebellen
dem Landgrafen von Hessen und seinen Kollegen feindselig
gegenübergetreten sei.
Um hier nur eine der bekannteren falschen Geschichten hervorzuheben, so
ist es zum Beispiel eine von Kortüm zuerst Franklin nacherzählte und
später von Schlosser wiederholte Anekdote, daß die hessischen Soldaten
auf Befehl des Königs bei Minden den Viehzoll hätten entrichten müssen,
weil sie ja wie Vieh verkauft seien[5]. Schlosser druckt den Passus
sogar mit gesperrter Schrift. Nie hat Friedrich eine derartige Maßregel
angeordnet. Er beschränkte sich einfach, wie er das selbst ausdrücklich
hervorhebt, auf die Chikane und zwang die Miethstruppen, eine Zeit lang
sein Gebiet bei Magdeburg, Minden und Wesel zu umgehen oder er
besteuerte ihr Gepäck. Zudem haben wir es hier nicht mehr mit dem
jugendlich übermüthigen König zu thun, der die hallischen »Fasen« zum
Theaterbesuch zwang, sondern mit dem gewiegten Staatsmann, der nur das
Interesse seines Staates im Auge hat und jedes Ereigniß in diesem
Verhältniß auffaßt und benutzt. Sodann darf man nicht übersehen, daß die
preußische Armee damals auch noch keine Landwehr hatte, sondern fast in
derselben rohen Weise wie jede andere durch Werbungen rekrutirt wurde,
und daß der König viel zu klug war, um seine eigenen Soldaten einer
ähnlichen Behandlung Seitens eines übelgesinnten oder mächtigen Nachbarn
auszusetzen.
Schon bei einer frühern Gelegenheit, im Anfang seiner Regierung, hatte
der König, als die Holländer Truppen von Braunschweig mietheten, die
Käufer mit Metzgern verglichen, welche nach Podolien wandern, um dort
schwere Ochsen einzuhandeln. Eine ähnlich klingende gelegentliche
Aeußerung findet sich in einem am 18. Juni 1776 an Voltaire
geschriebenen Briefe Friedrich's, worin er diesem gegenüber die Ehre
ablehnt, der Lehrer des Landgrafen von Hessen gewesen zu sein, der
gerade einen Katechismus für Fürsten geschrieben und ihn Voltaire
geschickt hatte. »Wäre der Landgraf -- schrieb Friedrich -- aus meiner
Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Unterthanen
nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank
zu schleppen.« Der König nahm allerdings aus Haß gegen England
unbedingte Partei für die Amerikaner und gefiel sich sogar dem
englischen Gesandten gegenüber darin, deren Erfolge zu übertreiben oder
die den englischen Waffen ungünstigen Berichte gehässig zu erläutern
oder geschäftig zu verbreiten. Nur von diesem rein persönlichen
Gesichtspunkte aus darf man daher seine Stellung in der Subsidienfrage
beurtheilen.
Gleichwohl aber liegt in Friedrich's Worten und Maßregeln eine solche
geistige Ueberlegenheit, und eine solche souveräne Verachtung der
elenden Bereicherungsmittelchen der kleinen Reichsfürsten ausgedrückt,
daß man sich den Jubel der Unterdrückten und die Freude der bei dem
schmachvollen Handel Unbetheiligten sehr wohl erklären kann. Das Volk
liebt es, seinen Helden seine eigenen besten Gedanken unterzuschieben,
es macht sie zu Trägern seiner liebsten Wünsche und Hoffnungen. So wurde
denn auch allmälich auf Grund von ein paar scharfen Aeußerungen, die der
amerikanischen Revolution günstig waren und die geizigen und gierigen
Fürsten brandmarkten, in Friedrich der Haß und die Verachtung aller
denkenden Zeitgenossen gegen die Seelenverkäuferei verkörpert.
Der König von Preußen hatte, wie wir bereits gesehen haben, den bis zum
Herbst 1777 durch sein Gebiet fahrenden und nach Amerika bestimmten
Truppen so gut als keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Den ersten
Anstoß dagegen nahm er an 308 anspacher Jägern und Rekruten, die am 31.
Oktober jenes Jahres mit den neuen Uniformen für das erste Regiment in
Stefft eingeschifft waren und Main und Rhein hinunterfahrend, am 15.
November in Dortrecht eintreffen sollten. Der Markgraf dachte so wenig
an Hindernisse irgend welcher Art, daß er am 16. Oktober, um seine durch
die englischen Zahlungen verbesserte Vermögenslage zu genießen, mit
seiner Maitresse Lady Craven nach Paris abgereist war, wo er sich
während des Winters aufzuhalten gedachte. Unmittelbar vor seiner Abreise
hatte er die an den Rhein gränzenden Staaten um freie Durchfahrt für
seine Truppen gebeten und sich am 14. Oktober auch an den König gewandt.
Er betrachtete diese Requisitionen als bloße Formsache und ließ deshalb
auch seine Leute, ohne nur eine Antwort abzuwarten, marschiren. Pfalz,
Mainz und Trier gaben am 5. und 6. November die gewünschte Erlaubniß und
bewilligten zugleich Zollfreiheit für Mannschaft und Gepäck. Der
Kurfürst von Mainz knüpfte an seine Genehmigung zwar die Drohung, daß er
den anspacher Transport nach mainzer Landeskindern oder Deserteuren
durchsuchen lassen werde. Da indessen der Oberst Schlammersdorff die
letzteren am 7. November, als er bei Mainz vorbeifuhr, auf den Rath
Gemmingen's versteckte, so fanden die mit der Durchsuchung beauftragten
Mainzer Offiziere Niemanden und trennten sich nach einer gemüthlichen
Kneiperei von ihrem neuen anspacher Freunde. So harmlos ließen nun der
alte Fritz und seine Untergebenen nicht mit sich handeln. Der König
schlug dies Mal ganz wider Erwarten das anspachische Gesuch rund weg ab.
Sein Antwortschreiben, welches in der Gesammtausgabe seiner Werke nicht
enthalten, noch überhaupt sonst irgendwo veröffentlicht ist, findet sich
in den anspacher Manual-Akten. Es ist vom 24. Oktober 1777 aus Potsdam
datirt und lautet wörtlich (das Original findet sich im Anhang) wie
folgt:
»Ich gestehe Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, daß ich niemals an den
gegenwärtigen Krieg in Amerika denke, ohne von der Gier einiger
deutscher Fürsten unangenehm berührt zu werden, welche ihre Truppen
einer sie gar nichts angehenden Sache opfern. Mein Erstaunen vergrößert
sich, wenn Ich Mir die alte Geschichte und jene weise und allgemeine
Zurückhaltung unserer Vorfahren in's Gedächtniß rufe, welche sie
verhinderte, deutsches Blut für die Vertheidigung fremder Rechte zu
vergießen und welche sogar als Gesetz in das deutsche Recht übergegangen
ist.
Aber Ich merke, daß Mein Patriotismus Mich fortreißt und Ich komme auf
das Schreiben Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht vom 14.d.M. zurück,
welches ihn so stark angefacht hat. Sie verlangen darin die freie
Durchfahrt für die Rekruten und das Gepäck, welches Sie Ihrem, im
großbrittanischen Dienste befindlichen Truppen-Korps zuschicken wollen.
Ich nehme Mir die Freiheit, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie dieselben
nach England gelangen lassen wollen, Sie durchaus nicht nöthig haben,
sie durch meine Staaten passiren zu lassen, sondern daß Sie dieselben
einen kürzern Weg zum Einschiffungshafen einschlagen lassen können.
Ich unterbreite diese Ansicht dem Urtheil Ew. Hochfürstlichen
Durchlaucht, und Ich bin nicht weniger mit aller Zärtlichkeit, die Ich
Ihnen schulde, mein Herr Neffe, Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht guter
Onkel Friedrich.«
Dieser Brief gelangte in der ersten Woche des November nach Anspach.
Gemmingen und Benckendorff, welche während der Abwesenheit des
Markgrafen eine Art Regentschaft bildeten, erbrachen ihn, hielten es
aber für das Beste, seinen Inhalt zunächst ganz zu ignoriren. Sie
dachten offenbar, in Potsdam herrschte dieselbe Wirthschaft wie in
Anspach, und die preußischen Minister könnten hinter dem Rücken des
Königs thun und lassen, was Sie wollten. Sie schrieben also am 16.
November noch einmal an Hertzberg und Finckenstein und baten, als ob der
Markgraf noch keinen abschlägigen Bescheid vom König erhalten hätte,
noch einmal dringend um endliche Gewährung des freien Durchzugs. »Der
unerwartete Aufenthalt dieses Truppentransports -- so motivirten sie ihr
Gesuch wörtlich -- wird der Hochfürstlichen Durchlaucht zu einem gar
empfindlichen Schaden gereichen, zumalen Hochdieselbe, wie Ihro Königl.
Majestät bereits bekannt ist, die Ueberlassung Ihro Trouppes in
Königlich Großbritannischen Sold und Dienst bloß in der patriotischen
Absicht bewilligt haben, durch die erlangenden Subsidien mehrere
Landesschulden zu tilgen.«
Die königlich preußischen »verordneten wirklich Geheimde Estats-Räthe«,
Finckenstein und Hertzberg antworteten aber am 22. November 1777, daß
sie das Gesuch der anspachischen hochgeehrtesten Herren Sr. Majestät
zwar gebührend mit ihrem Berichte vorgelegt, daß Höchstdieselbe aber
befohlen habe, darauf zu erwidern, daß Sie bei der des Herrn Markgrafen
Durchlaucht ertheilten Antwort beharre. Auch der englische Gesandte
Elliot in Berlin, der sich in derselben Angelegenheit in Suffolk's
Auftrag an den König gewandt hatte, erhielt dieselbe abschlägige Antwort
mit dem Zusatze, daß die im vorigen Jahre unter den Rekruten
vorgekommenen Unordnungen Se. Majestät veranlaßten, in Zukunft ähnlichen
Transporten die Durchfahrt zu verweigern. Das durch einen solchen Zusatz
motivirte Verbot klang wie ein Hohn, weil die Truppen damals gar nicht
hatten an's Land gehen dürfen; allein es fiel wie eine Bombe unter die
von ihm betroffenen englischen Agenten und deutschen Fürsten sammt ihren
Ministern. Mit Recht schreibt Sir Joseph Yorke, als er diesen
merkwürdigen Vorwand hörte, am 15. November 1777 an Rainsford:
»Jedermann hat eine zu heilige Scheu vor Seiner Preußischen Majestät und
schwebt vor ihr in zu großer Furcht, Leute auf der Passage durch ihr
Gebiet zu verlieren, als daß er es wagen würde, dort irgend eine dem
Könige mißfällige Handlung zu begehen.« Expresse und Kouriere wurden
jetzt aber schleunigst von einem Hofe zum andern geschickt, Noten
gewechselt und Versuche bei dem preußischen Gesandten in Köln und dem
Kommandanten von Wesel gemacht, damit sie ein Auge zudrückten; aber
Alles war vergebens. »Bisher -- ruft Faucitt aus -- war der Rhein der
ganzen Welt offen, jetzt wird er unerwartet und plötzlich geschlossen.
Es ist zu spät, unsere Route zu ändern. In Minden droht dieselbe
Unterbrechung. Ich habe sofort nach Berlin, Hanau, Anspach und Kassel
geschrieben und Schlieffen gerathen, die Hessen an der Weser das
preußische Gebiet umgehen zu lassen.« In demselben Tone jammerte
Cressener: »Zu Lande können die Truppen nicht marschiren, zudem ist es
den Rhein entlang unmöglich, das preußische Gebiet nicht zu berühren,
und dann werden die Boote mit den Uniformen doch in Wesel angehalten
werden.« »Wenn Ihr Hof -- wehklagt der anspachische Oberst
Schlammersdorff in seinem Briefe an Rainsford d.d. Bendorf 18. November
1777 -- keine Mittel findet, den Entschluß des Königs von Preußen zu
ändern, so ist Alles verloren, so sind wir ruinirt, denn es ist absolut
unmöglich, zu Lande zu marschiren.« Rainsford selbst, der bereits in
Nimwegen auf die neue Zufuhr wartete, fand den Verzug um so
unangenehmer, als die Transportschiffe schon in Holland eingetroffen
waren, das Wetter ganz prachtvoll war und ein paar Tage hingereicht
hätten, die Truppen einzuschiffen. Hier war also guter Rath theuer.
Inzwischen waren die anspachischen Truppen am 12. November nach Bonn
gelangt, wo Oberst Schlammersdorff durch den englischen Gesandten
Cressener mündlich und durch Oberst Faucitt schriftlich Kenntniß von dem
Verbot des Königs erhielt. »Es ist somit -- schreibt er am 13. November
an Gemmingen -- die Transportirung unmöglich 1. weil das preußische
Gebiet doch nicht zu evitiren; 2. keine Requisitoriales für die
Landmärsche ergangen sind, folglich die Einquartirung refusirt werden
wird; 3. die Baggage nicht mit fortgebracht werden kann und 4. die
Desertion inevitabel sein wird, wofür ich absolute nicht responsabel
sein kann. Ich fahre also zurück nach Bendorf, um dort oder in
Altenkirchen die Leute einzuquartiren. Ich habe per Estafette sofort
Serenissimo Bericht nach Paris erstattet.« Als die kurfürstlich
kölnischen Behörden von dem preußischen Verbote hörten, wurden sie auch
unangenehm. In Bonn wollten sie die Anspacher nicht länger dulden, und
täglich fragte der dortige General Kleist höflich bei Schlammersdorff
an, wann er abzufahren gedenke? Dieser verließ Bonn am 18. und traf am
19. November Abends in Bendorf ein.
Der Markgraf von Anspach besaß zu jener Zeit die seinem Vater im Jahre
1741 anerfallene Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit der Stadt Bendorf (am
rechten Rheinufer zwischen Neuwied und Ehrenbreitstein). Oberst
Schlammersdorff gab, um dort Platz zu bekommen, dem Gouverneur der
Grafschaft Befehl, die in Bendorf stehende Kompagnie tiefer in's Land zu
legen. Als Schlammersdorff aber selbst nach Bendorf kam, fand er, daß
die Stadt keine Wälle hatte, daß er also seine Leute nicht sicher
bewachen konnte. Er beschloß deshalb, dieselben in den Booten zu
behalten und diese mit Oefen zu versehen, die Soldaten aber von Zeit zu
Zeit truppweise unter Aufsicht an's Land zu lassen, damit sie sich
Bewegung machen und erholen könnten. So lagen sie etwa vier Wochen lang
Bendorf gegenüber auf dem Rhein. Ihnen zur Seite hatte sich ein hanauer
Transport von etwa 250 Rekruten gelagert, welcher am Rheinfels von dem
preußischen Verbote benachrichtigt und jetzt auf Wunsch des Erbprinzen
zu den Anspachern gestoßen war, nachdem dieser sich feierlich
verpflichtet hatte, alle Bedürfnisse für seine Leute baar zu bezahlen.
Diese nach Anspach oder Hanau zurückzuschicken, durften der Markgraf und
Erbprinz nur im alleräußersten Nothfall wagen, weil sie sich dadurch
den Markt für die Zukunft verdorben, die Desertion befördert und
zugleich die englischen Subsidien und Löhnung geschmälert hätten.
Die Schlammersdorff'sche Korrespondenz mit Gemmingen wirft einige
interessante Streiflichter auf die Mittel, welche während jener Zeit zur
Aufrechterhaltung der Zucht und zur Verhinderung der Desertion der
Soldaten für nöthig erachtet wurden.
»Es ist nicht thunlich, -- schreibt Schlammersdorff am 20. November 1777
-- die Leute in Bendorf einzuquartieren. Es sind keine Häuser dafür
vorhanden; das Rathhaus, das größte Gebäude, faßt nicht mehr als 60
Mann. Ich werde deshalb meine Leute so lange als möglich auf den
Schiffen halten. 24 Mann vom Altenkirchener Kontingent und 6 Jäger sind
hier, die mir das Ufer garantiren. Meine Leute fangen an, mürrisch zu
werden; sie fürchten sich vor der Rückkehr nach Anspach. Nach
Altenkirchen zu marschiren, dauert zwei Tage; ich muß in einen
geschlossenen Ort. Aus meinem Beutel habe ich für etwa 80 fl. den Leuten
dann und wann Gemüse, Fleisch, Bier und Taback reichen lassen, um sie
gut zu erhalten bei dieser äußerst unangenehmen, naßkalten Saison.
Hingegen konnte ich bis vor zwei Tagen Alles mit sie machen, ohnerachtet
ich in Fällen rigid strafe. Allein seit gestern muß ich sehr auf meiner
Hut sein. Gott gebe eine baldige Aenderung in dieser Lage! Es ist zum
rasend werden! Auf den Schiffen -- heißt es am 29. November weiter --
ist Alles gesund und noch ruhig. An Peroriren, Schlagen,
Viktualien-Präsenten und Krummschließen lasse ich es nicht fehlen, um
den Klumpen in der sehr rauhen Witterung in Ordnung zu halten. Meine
Nachbarn, die Hanauer, haben schon 23 Kranke, worunter viele mit
hitzigem Seitenfieberstechen. Ich will hier bleiben und nicht nach
Altenkirchen marschiren. Es ist zehn Stunden von hier entfernt; wir
müssen also zwei Märsche dahin machen. Zur Nachtstation ist nur
Diersdorf geeignet, die Residenz des regierenden Grafen, quaeritur, ob
er uns einnimmt, und wenn er es thut, wie viel wird man nicht für das
bloße Nachtquartier zahlen müssen? Dann ist der Ort Diersdorf mit
kaiserlicher, preußischer, französischer und holländischer Werbung
angefüllt. Die Soldaten werden unruhig -- fährt Schlammersdorff am 8.
Dezember fort -- Gestern Abend nach dem Zapfenstreich wurde mir
entdeckt, daß zwei Mann Komplot gemacht, zu desertiren, und den Dritten,
als den Denunzianten mit haben wollten. Diese wurden nun sogleich in
die Eisen geworfen und heute verhört. In der Nacht um ein Uhr sind aber
von der Hauptwache zwei Mann vom Posten mit Ober- und Untergewehr
desertirt, worunter ein Mainzer, sechs Zoll messend, die Kanaille, die
mich damals, als wir Mainz passirten, bat ihn zu verbergen. Was auch
kommen mag, die Desertion bleibt unvermeidlich. Etliche 20 bis 30 Mann,
verdächtige liederliche Pursche, sind beim ganzen Transport. Wie wäre
es, wir bäten den Erbprinzen von Hanau um Quartiere im Winter? Wir
müßten unseren Leuten nur den englischen Sold geben (Serenissimus gab
ihnen natürlich nur den anspachischen und steckte die gestohlene
Differenz in seine Tasche). Die Verhöre haben ergeben -- schließt
Schlammersdorff seine Berichte am 12. Dezember 1777 auf dem Rhein unweit
Koblenz -- daß 3-4 Mann desertiren wollten. Gottlob, daß nicht mehr
mitimplizirt waren! Zwei Jäger und drei Musketiere habe ich aber der
altenkirchener Mannschaft geschlossen mitgegeben zur Bewahrung bis auf
weiteren Befehl, und damit solche nicht noch größeres Unheil anstellen.
Den Knichtel aus dem Bayreuthischen und den Hubel, ein schöner, junger,
großer Pursch, der von die andere Kanaille verführt worden, den habe ich
wieder losgelassen. Einen französischen Werber vom Regiment Anhalt, der
gleich andern Tages nach meiner Ankunft vor Bendorf an das Ufer kam und
einer Soldatenfrau ein Goldstück versprach, wenn sie ihm etliche schöne
Pursche brächte, habe, sobald die Frau es mir angezeigt, aufsuchen,
arretiren und in die Eisen schmeissen lassen.«
Die Verhandlungen mit der englischen Regierung hatten schließlich dahin
geführt, daß die Hanauer und Anspacher in Hanau überwintern sollten,
welches, wie Cressener zur Beruhigung an Suffolk schrieb, befestigt war,
so daß die Desertion verhindert werden konnte. Jene trafen am 16.
Dezember in letztgenannter Stadt ein; diese zwei Tage später. Beim
Abmarsch wurde um Bendorf ein Kordon von 40 Jägern und 12 Altenkirchener
Musketieren gezogen und das Ufer links zur Abfahrt besetzt gehalten. So
ging Alles gut von Statten.
Während der hier geschilderten, die letzte Hälfte des November und die
erste Hälfte des Dezember 1777 einnehmenden Vorgänge hatten sich die
englischen diplomatischen Agenten und Gesandten, sowie die betreffenden
beiden deutschen Fürsten den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die also
aufgehaltenen Soldaten am schnellsten und sichersten an's Meer schaffen
könnten. Es gab nur zwei Wege, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen.
Entweder marschirten sie auf dem linken Rheinufer über Aachen und
Mastricht nach Holland und wurden hier zu Wasser nach einem dortigen
Hafen geschafft, oder sie wandten sich auf dem rechten Rheinufer durch
die jetzige preußische Provinz Hessen-Nassau bis zur Weser und fuhren
von da nach Bremerlehe.
»Der Markgraf von Anspach-Brandenburg -- meldet Cressener am 26.
November 1777 -- hat nach Berlin geschrieben und den König um Erlaubniß
der ungehinderten Passage für seine Truppen gebeten, da er sonst zu viel
verlieren werde. Ich erwarte aber keinen Erfolg von diesem Schritte. Der
König von Preußen, der sagt, seine Freundschaft für uns habe sich nicht
verändert, aber mittelst eines kleinen Umweges könnten die von uns
gemietheten Mannschaften doch an das Ziel ihrer Bestimmung gelangen,
giebt uns mit dieser Erklärung einen Fußtritt und bittet dabei mit
lächelnder Miene, wir möchten diesen Tritt nicht als einen Bruch seiner
Freundschaft betrachten. Wenn er uns nur einen Weg auf der Karte zeigen
wollte, wie wir an's Meer kommen können! Es bleibt uns nur übrig,
entweder die Truppen zurückzuschicken, oder sie über Aachen nach Holland
marschiren zu lassen. Der Weg über Lechenich, Düren, Eschweiler und
Aachen ist der kürzeste und leichteste; die Truppen brauchen dann nur
kölner, pfälzer, aachener und General-Staaten-Gebiet zu berühren. Von
hier über Düren nach Aachen ist nicht über achtzehn Meilen (?), von
Aachen nach Mastricht sieben Meilen, von da nach Herzogenbusch
zweiundzwanzig Meilen, zusammen also siebenundvierzig Meilen. Endhofen,
welches auf dem geraden Wege nach Herzogenbusch liegt, gehört zwar der
Kaiserin, kann aber leicht umgangen werden. Mastricht ist die einzige
Festung, die im Wege liegt. Um Desertion zu verhindern, können der
Markgraf und Erbprinz zur Begleitung und Bewachung der Truppen die
erforderliche Anzahl von Subaltern-Offizieren und Soldaten schicken.«
Schlammersdorff weigerte sich aber entschieden, diesen langen Landweg
einzuschlagen, da er bei dem Mangel an Bedeckungsmannschaften und in der
gefährlichen Nähe der Festung Mastricht nicht dafür stehen könne, daß er
mit fünfzig Mann in Nimwegen ankommen werde. Auch Cressener ließ diesen
Plan fallen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gefahr der
Desertion in hohem Grade vorhanden. »Denn ich weiß -- so schloß er
seinen Bericht vom 1. Dezember an Suffolk -- aus was für Volk seine
Rekruten bestehen.«
Es handelte sich also zunächst darum, vom rechten Rheinufer bis an die
Weser und auf ihr an's Meer zu gelangen. »Ich habe -- berichtete Faucitt
aus Hannover am 21. November an Suffolk -- die erforderlichen
Vorkehrungen getroffen, daß die Anspacher und Hanauer von Bendorf nach
Münden und von dort, mit Vermeidung des preußischen Gebietes bei Minden,
nach Bremerlehe geschafft werden. General von Hardenberg hat mir einen
in diesen Dingen sehr erfahrenen Offizier, den Hauptmann von Wangenheim,
beigegeben, der sofort nach Bendorf gehen und unterwegs alle Anordnungen
für den ungehinderten Durchzug der Truppen treffen wird. Die
Transportschiffe müssen also nach Bremerlehe fahren. Ich habe die
endgültige Entscheidung über meinen Plan Sir Joseph Yorke überlassen.
Der Haupteinwand, der sich dagegen machen läßt, ist die Gefahr der
Desertion. Ich glaube ihr dadurch vorgebeugt zu haben, daß ich dem
kommandirenden Offiziere anbefohlen habe, aus den besten und sanftesten
Rekruten eine Art Eskorte zu bilden, ihnen eine außerordentliche
Belohnung für ihre Treue und ihr gutes Verhalten auf dem Marsche zu
sichern und sie für den Eifer zu beloben, den sie zeigen werden, um ihre
Kameraden von der Desertion abzuhalten und Unordnungen zu verhindern.
Sollte Frost eintreten, so können die Truppen, wenn sie einmal im
Kurfürstenthum sind, in Nienburg oder Stade untergebracht werden, was
mir General Hardenberg auch versprochen hat.«
Faucitt berechnete die Entfernung von Bendorf über Montabaur (Trier),
Weilburg (Nassau), Wetzlar (freie Reichsstadt), Marburg (Hessen-Kassel),
Gesberg und Fritzlar (Mainz), und Kassel nach Münden auf 26½ Meilen
und zwölf Marschtage nebst fünf Ruhetagen, bis Bremerlehe aber auf im
Ganzen vierzig Marschtage und zehn Ruhetage, während nach seiner
Berechnung der Weg über Düren bis Herzogenbusch nur sechszehn
Tagemärsche in Anspruch nahm. Diese Entfernungen wären übrigens der
geringste Nachtheil gewesen; ein viel größerer bestand in der von den
betreffenden Fürsten zu erlangenden Erlaubniß zum Durchmarsche durch ihr
Gebiet. Nur unter dieser Bedingung und Voraussetzung genehmigte Yorke
den Faucitt'schen Vorschlag.
Anfangs ließen sich die Aussichten gut an. Man hätte glauben sollen, daß
der Landgraf von Hessen-Kassel als englischer Soldaten-Lieferant gar
nicht weiter befragt worden wäre, allein er war so eifersüchtig auf
seine Rechte, daß Faucitt, der sogar ein Verbot des Durchzuges der
Hanauer befürchtete, sich an ihn, wie an jeden andern Fürsten, um freie
Passage wenden mußte. Es waltete hier nämlich noch eine besondere, und
zwar höchst lächerliche Schwierigkeit ob. Der Landgraf stand seit 1754
mit seinem Sohne, dem Erbprinzen und Grafen von Hanau auf gespanntem
Fuße und hatte ihn seit dieser Zeit nicht gesehen, ja selbst sein Name,
wie überhaupt die souveraine Grafschaft Hanau durfte bei Vermeidung des
allerhöchsten Mißfallens vor dem Serenissimus nicht genannt werden. Der
Landgraf gestattete zwar in einer höflichen Antwort an Faucitt den
Durchmarsch der hanauer und anspacher Rekruten und Jäger durch »seine
Staaten«, bestand aber ausdrücklich darauf, daß sie unter dem Namen
Anspacher gehen mußten, und daß sie Kassel nicht berühren durften. Er
ertheilte demnach freie Passage für 534 Anspacher, obgleich sie für 234
Hanauer und 300 Anspacher verlangt worden war. Die anderen Souveraine
waren aber nicht so gefällig als der Landgraf. Der Kurfürst von Trier
gab die Erlaubniß nicht. Als die von den Hanauern vorausgeschickten
Quartiermeister in Montabaur ankamen, wurden sie vom Magistrat der Stadt
abgewiesen, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Auch die freie
Reichsstadt Wetzlar wollte die Rekruten nicht durch ihr Gebiet ziehen
lassen. Man befürchtete eben von ihnen Exzesse, für welche weder die
englische Regierung, noch ihre deutschen Lieferanten aufkommen wollten.
So ließ man den Plan ganz fallen.
Im Februar 1778 wurde man endlich mit Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt
über eine neue Marschroute einig, so daß in der letzten Woche dieses
Monats die Anspacher und Hanauer ihr zeitweiliges Quartier Hanau
verlassen konnten. Faucitt nahm ihnen hier den Eid der Treue für den
König von England ab, weil dieser Akt einen mächtigen Eindruck auf die
Rekruten mache und die Desertion auf dem Marsche verhindere. In der That
war diese äußerst gering, was aber wohl hauptsächlich der tüchtigen
Führung durch erfahrene Offiziere zu verdanken war. Zudem ließ zur
größern Vorsicht der Erbprinz den Transport durch ein Korps seiner
Haustruppen bis Münden eskortiren. Der Weg ging von Hanau über
Windecken, Friedberg, Butzbach, Gießen, Marburg, Felsberg, Münden und
Hannover nach Nienburg, wo die Truppen am 8. März eintrafen und auf die
für Bremerlehe bestimmten englischen Transportschiffe warten mußten.
Erst am 23. März konnten sie in Nienburg weiter nach Bremerlehe
eingeschifft werden; von hier fuhren sie am 8. April nach Portsmouth
ab. Diesen Hafen verließen sie am 24. Mai, aber erst am 8. September
1778 kamen sie in Newyork an. Die Unglücklichen hatten Anspach und Hanau
in den letzten Tagen des Oktober resp. ersten Tagen des November 1777
verlassen, waren also im Ganzen länger als zehn Monate unterwegs
gewesen.
Natürlich hatte die englische Regierung die Kosten für alle diese
unvorhergesehenen Zwischenfälle zu tragen. Suffolk gab schon Ende
Dezember 1777 Anweisung an Faucitt, Alles, was recht und billig sei, zu
berichtigen. »Wir müssen den Markgrafen und Erbprinzen natürlich
entschädigen -- schrieb er am 23. Dezember an Faucitt -- Sie hätten sich
das selbst wohl denken und dieserhalb nicht lange Briefe an mich
schreiben lassen sollen. Thun Sie also, was verständig ist. Zahlen Sie
alle nothwendigen Ausgaben, welche wir ohnehin gehabt haben würden, wenn
die Einschiffung stattgefunden hätte, binden Sie sich aber nicht die
Hände für die Zukunft. Ist Gefahr vorhanden, daß wir die Leute bis zum
Frühjahr nicht einschiffen können, so lassen Sie die Kerle laufen und
bezahlen Sie dieselben bis auf den letzten Tag.« Offenbar, um sich zu
entschuldigen, erklärte Faucitt in seiner Antwort vom 8. Januar 1778 aus
Hannover, daß die Fürsten von Anspach und Hanau die maßlosesten
Ansprüche erhoben hätten. »Die außerordentliche Aengstlichkeit --
schrieb er -- womit Gemmingen und Malsburg, die Minister von Anspach und
Hanau, ihre Entschädigungsforderungen bei mir geltend gemacht haben,
erschien mir so unanständig und unbegründet, daß ich nicht umhin konnte,
ihnen ernstlich den Kopf zu waschen. Seitdem ist der Ton ihrer Briefe
ein anderer und athmet nichts als Unterwürfigkeit und Zufriedenheit.«
Das gerade Gegentheil war der Fall. Statt unterwürfig zu sein, traten
die Minister, namentlich Gemmingen, seit sie das Spiel in der Hand
hatten, sehr selbstbewußt und positiv fordernd auf; Faucitt aber hielt
es im Interesse seiner Aufgabe für das Beste, sich ihnen stets
willfährig und entgegenkommend zu zeigen. Statt übermäßige Forderungen
zu erheben, verlangten die Minister von Anspach und Hanau nur den Ersatz
der Transport- und Unterhaltungskosten der Truppen während des Winters;
Malsburg im Ganzen 1600 Pfund Sterling, Gemmingen bei der größern
Entfernung und längern Zeitdauer etwas mehr. Faucitt gab das selbst zu,
indem er am 30. Januar 1778 von Hanau aus an Suffolk schrieb, daß die
Rechnungen billig seien und daß sich anständiger Weise nichts davon
abziehen lasse.
Von jetzt an legte Friedrich der Große den Soldatenhändlern keine
Hindernisse mehr in den Weg; die Beförderung der Truppen an den Ort
ihrer Bestimmung konnte also ohne Umwege erfolgen. Die Baggage ließ er
ebenfalls ungehindert passiren und sogar den im Herbst 1777 von seinen
Beamten auf die Uniformen und das Gepäck der Anspacher erhobenen Zoll
von 600 Dukaten niederschlagen.
Am Lästigsten waren übrigens die Nachtheile, welche das Verbot des
Königs von Preußen für die zerbstischen Truppen nach sich zog. Die
preußischen Minister, an welcher sich die zerbster Behörden um Aufhebung
desselben gewandt hatten, erwiderten ihnen am 20. November höhnisch, daß
nachdem Anspach und Hanau mit ihren Gesuchen um den Durchmarsch durch
preußisches Gebiet abgewiesen worden seien, auch Zerbst nicht besser
behandelt werden dürfe, und gaben den wohlfeilen Rath, das zerbster
Regiment auf einem kleinen Umwege durch den Harz nach dem Kurfürstenthum
Hannover marschiren und von da an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu
lassen. »Da der König von Preußen -- schreibt Faucitt am 27. November
1777 an Suffolk -- auf seiner Weigerung besteht, so muß das zerbster
Regiment Stade oder Bremerlehe auf Umwegen durch Sachsen, Braunschweig
und Hannover zu erreichen suchen; allein bis es so weit sein wird, haben
wir Frost und sind die Flüsse gefroren. Ich weiß nicht, welcher Ursache
ich diese plötzliche Maßregel des Königs zuschreiben soll, es müßte denn
die sein, daß seine Werbeoffiziere sich neuerdings vielfach darüber
beschweren, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können und daß so viele
preußische Soldaten desertiren, um sich für Amerika anwerben zu lassen.
Namentlich haben die Hessen viele Deserteure aus Preußen aufgefangen und
die Weser hinuntergeschmuggelt. Im Ganzen ist aber ihre Zahl zu
unbedeutend, als daß sie den Gegenstand ernstlicher Erörterungen bilden
könnten, zumal es unter den deutschen Fürsten als erlaubt gilt, einander
Unterthanen und Soldaten abzufangen und zu verführen.«
Suffolk hielt es unter diesen Umständen für das Gerathenste, den
Abmarsch der Zerbster bis zum Frühjahr zu verschieben, und wies Faucitt
an, sich in diesem Sinne mit der dortigen Regierung zu verständigen. Der
zerbster Fürst mußte sich also in sein Schicksal fügen und gedulden. Er
wüthete in seinen Briefen barocker denn je; sein Haß gegen Preußen
erreichte jetzt die höchste Spitze. Der Selbstherrscher aller Zerbster
wandte sich sogar an die Selbstherrscherin aller Reußen, um sie zur
Intervention gegen Friedrich den Großen zu veranlassen, allein Katharina
von Rußland erklärte Preußen weder den Krieg, noch erwirkte sie für
ihres Bruders Truppen die Oeffnung des preußischen Theils der Elbe.
Uebrigens war für Friedrich August die Gefahr des Verlustes durch
Desertionen größer als bei jedem andern Soldatenhändler, weil er im
eigenen Lande so gut wie gar nicht werben konnte und für seine Leute
fast ausschließlich auf das deutsche Ausland, bei dem damaligen längst
fühlbaren Mangel an tauglichen Subjekten aber vorzugsweise auf
Menschenraub und Zwang, List, Betrug und Gewalt angewiesen war. Sobald
Serenissimus sein in dieser Weise zusammengebrachtes Regiment unter
gehöriger Bewachung direkt bis an's Meer schaffen lassen konnte, erlitt
er verhältnißmäßig geringe Verluste; ein langes Müßigliegen in offenen,
unbefestigten Garnisonsorten drohte ihm aber mit unerhörter Desertion
und Widersetzlichkeit. Noch vor Weihnachten brach denn auch unter den
Soldaten eine Meuterei aus. Es sollten ein paar Dutzend Zerbster
Kavalleristen, um das nach Amerika bestimmte Infanterie-Regiment zu
verstärken, in dieses gesteckt werden. Sie nahmen aber die Maßregel als
Beleidigung auf und empörten sich, bei welcher Gelegenheit einige
Offiziere gefährlich verwundet wurden. Die Meuterer flohen, nachdem sie
überwältigt waren, zum Theil nach Sachsen, wo ihnen natürlich niemand
etwas anhatte. Bei einer andern Gelegenheit machte sich sogar ein
Lieutenant mit seinem ganzen Kommando von fünfzig Mann aus dem Staube
und ging ebenfalls nach Sachsen.
Endlich war der Winter überstanden und das zerbstische Regiment trat,
841 Mann stark, am 21. Februar 1778 seinen Marsch, wie die preußischen
Minister höhnisch gerathen hatten, durch den Harz und Hannover nach
Stade an. Als es am nächsten Tage die Elbe erreicht hatte, ließ der
Oberst halten; die Sappeure mußten ihre Aexte in die Brückengeländer
einhauen und das Ganze einen Kreis bilden. Der Kommandeur ließ hierauf
die Kriegsartikel noch einmal verlesen und dann beschwören; darauf hielt
er eine geharnischte Anrede und warnte namentlich vor den preußischen
Werbern. Er drohte, daß derjenige, der dawider handle und ertappt werden
würde, sofort erschossen werden solle; aber trotzdem desertirten schon
an demselben Tage der Regiments-Tambour, ein Feldwebel, ein Korporal und
einige Soldaten. Weiterhin wurden deshalb die Städte und Flecken auf
dem Marsche möglichst umgangen, um weitere Desertionen zu verhüten, da
die Entwichenen überall rege Hülfe und Theilnahme fanden. Um das
Betreten des preußischen Gebietes zu vermeiden, ging die Marschroute
über Dessau (Anhalt), Merseburg, Laucha, Birchlingen (Kursachsen),
Greußen (Sondershausen), Mühlhausen (freie Reichsstadt), Duderstadt
(Kurmainz), Eimbeck (Hannover), und von da durch's Braunschweigische
wieder durch Hannover nach Stade.
Trotz der strengen Ueberwachung und der angedrohten Todesstrafe kamen
noch täglich Desertionen und allerlei Exzesse vor. Im Dorfe Zeulenrode
entsprang ein Mann, der von einem Korporal verfolgt wurde, und lief in's
Wirthshaus. Ohne weiter nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige
Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirthsstube hinein, wo die
Kugel die ruhig dasitzende Wirthin traf, so daß diese sofort todt zu
Boden sank. Durch diese Gewaltthätigkeit wurden die Bauern sehr
aufgebracht. Als die Baggage nachkam, bei der sich ein Oberlieutenant
befand, kam es erst zu einem Wortwechsel und dann zu Thätlichkeiten,
wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am andern Tage zu
Stadtworbis starb. Die Bauern, durch deren Dörfer der Transport ging,
nahmen auch anderwärts Antheil an dem Schicksal der nach Amerika
bestimmten Soldaten und verschafften ihnen überall Gelegenheit zu
entkommen. In Greußen kam es mit den preußischen Werbern, die hier
Geschäfte machen wollten, zu einer Schlägerei, wobei auf beiden Seiten
viel Blut floß.
Am 3. März meldete der Oberst Rauschenplatt dem damals in Hannover
weilenden Faucitt, daß er in den ersten zehn Tagen nach dem Abmarsch
durch Desertion nicht weniger als _dreihundertvierunddreißig_ Mann
verloren habe. Am 21. März waren sogar nur noch 494 Mann bei der Fahne.
»Was soll ich thun -- fragte Faucitt am 23. März 1778 bei Suffolk an --
wenn die Uebrigbleibenden nicht mehr stark genug sind, um ein Bataillon
daraus zu bilden? Die Lücken sind zu groß, als daß sie zur rechten Zeit
ausgefüllt werden könnten. Ich fürchte, daß der größte Theil des
Regiments vor der Ankunft in Stade desertirt sein wird. Ich hoffe, aus
den Resten wenigstens noch ein Bataillon formiren zu können. Die
Zerbster fanden übrigens überall in Sachsen schlechte Aufnahme, waren
täglich von den Werbe-Offizieren verschiedener Fürsten umgeben, die in
Verbindung mit den Eingeborenen des Landes jedes Mittel benutzten, um
die Soldaten zu verführen. In ähnlicher Lage würden die besten Truppen
gelitten haben.«
Yorke bestätigte im Wesentlichen Faucitt's Schilderung und nahm sich des
Zerbster Fürsten warm an. »Seinen Bemühungen -- schreibt er d.d. Haag,
7. April 1778 -- des Königs Schutz und Freundschaft zu verdienen, ist
von so vielen Seiten entgegengewirkt, daß ich es meinem persönlichen
Verhältniß zu ihm schuldig bin, den gegenwärtigen Stand der
Angelegenheit zu melden. Des Königs von Preußen Weigerung, die
zerbstischen Truppen durch sein Gebiet passiren zu lassen, (obgleich
rechtlich nichts dagegen gesagt werden kann) veranlaßte den Fürsten,
sich an den russischen Hof zu wenden, damit dieser seinen Einfluß in
Potsdam geltend mache; aber ich weiß nicht, ob diese Bitte irgend
welchen Erfolg gehabt hat. Inzwischen setzte der Fürst, da es bei der
vorgerückten Jahreszeit mit der Einschiffung zu spät geworden sein
würde, seine Truppen in Bewegung, ohne ein vorheriges Uebereinkommen mit
England wegen eventueller Entschädigung getroffen zu haben, und schickte
sie durch Kursachsen auf Umwegen nach Hannover. Auf diesem Marsche waren
sie jeder Chikane und Schwierigkeit ausgesetzt, sowohl seitens der
Preußen als Sachsen und bei mehr als einer Gelegenheit haben sich seine
Offiziere ihren Weg erkämpfen müssen. Sie bewiesen dabei große
Entschiedenheit und Tapferkeit. Natürlich war die Desertion sehr stark;
ich wundere mich überhaupt, daß nur noch Soldaten beisammen blieben; die
übrig gebliebenen sind aber wahrlich nicht schlecht. Seit Ankunft im
Kurfürstenthum Hannover hat die Desertion aufgehört, und mit Hülfe der
von Jever geschickten Rekruten ist immer noch ein gutes Bataillon
zusammen zu bringen. Ich trete für den Prinzen ein und hoffe, daß
angenommen werde, was er mit so großer Mühe, Kosten und Gefahr an's Meer
geschafft hat. Ich thue es um so mehr, als ich höre, daß die
Transportschiffe für die Zerbster zurückbeordert sind; es wäre eine zu
große Enttäuschung für den Fürsten, wenn er nicht endlich angenommen
werden sollte. Viel Gewinn bleibt doch für ihn nicht übrig.«
Suffolk bedauerte, daß die Zerbster so viele Leute verloren hatten, daß
sie kaum noch in Betracht kämen und befahl Faucitt, sie sammt und
sonders wieder nach Hause zu schicken, wenn er nicht wenigstens ein
Bataillon aus ihnen formiren könne. Die für sie bestimmten
Transportschiffe wurden sogar abbestellt. Indessen gelang es dem
Obersten Rauschenplatt und den mit den seinigen vereinten Bemühungen
seines Bruders, des Majors Rauschenplatt, den auf weniger als ein
Bataillon zusammengeschmolzenen Bestand seines Regimentes in Jever und
Nachbarschaft auf 625 Mann, einschließlich der Offiziere, zu erhöhen,
sodaß Faucitt keinen Anstand nahm, sie in den englischen Dienst
einzumustern. Er ließ sie am 22. April in Stade einschiffen. Erst
nachdem dies geschehen, schloß er am 23. April 1778 den Vertrag mit den
Bevollmächtigten des Fürsten ab, die sich selbstredend jede von dem
englischen Kommissär beliebte Bedingung gefallen ließen.
Dieser Vertrag wurde am 12. Mai 1778 dem englischen Parlament vorgelegt
und am 13. Mai von ihm genehmigt. Er stimmt im Wesentlichen mit dem
anspacher überein, sodaß wir uns wegen seiner näheren Bestimmungen
füglich auf diesen beziehen können.
Das Regiment kam nach einer überraschend schnellen und günstigen Fahrt
in den letzten Tagen des Mai vor Quebeck an. Die große Freude, das
ersehnte Ziel so glücklich erreicht zu haben, wurde plötzlich in bittern
Verdruß verwandelt, als den Zerbstern das Ausschiffen vom Gouverneur
untersagt wurde. Durch eine grobe Nachlässigkeit der englischen
Behörden, wie solche so häufig vorkam, hatte man vergessen, den
britischen Befehlshaber von der Ankunft dieses Regiments zu
benachrichtigen, der nicht wenig dadurch überrascht wurde und, so nöthig
er diese Verstärkung auch hatte, auf diese dennoch so lange verzichten
zu müssen glaubte, bis er von der britischen Regierung die weiteren
Instruktionen erhalten haben würde. Am übelsten war der Oberst von
Rauschenplatt daran, der auf dieses fatale Intermezzo ebenso
unvorbereitet war. Als ihn der Gouverneur, trotz aller Versicherungen
und Betheuerungen nicht an's Land lassen wollte, schickte er endlich mit
der nächsten Schiffsgelegenheit seinen Quartiermeister Pannier direkt
nach London, um über diese Vernachlässigung Beschwerde zu führen und die
weiteren Weisungen des Ministeriums einzuholen. Erst Anfang August
kehrte Pannier wieder zurück. Die armen Zerbster hatten demnach gegen
drei Monate nutzlos und unthätig und Angesichts der Stadt Quebeck in den
engen und ungesunden Schiffsräumen aushalten müssen.
Das Regiment blieb vorläufig in Quebeck und wurde, da es in seiner
Ausbildung noch gegen die anderen Truppen sehr zurück war, vorzugsweise
zu Arbeiten, sowie zu Munitions- und Gefangenen-Transporten benutzt.
Nach Einstellung der Feindseligkeiten ward es 1783 nach Halifax
versetzt. So kam es, ohne an irgend welchen kriegerischen Bewegungen
Theil genommen zu haben, im September 1783 wieder zu Hause an. Während
es in den ersten Jahren nach seiner Aufnahme in den englischen Dienst
nur 613, resp. 625 Mann gezählt hatte, belief sich sein Aktivbestand in
den beiden letzten Jahren des Krieges auf 945 Mann.
Empfindlicher als diese Verzögerungen war übrigens für die Ergänzung der
englischen Armee in Amerika der Ausfall, den sie durch den in Folge des
preußischen Verbotes nothwendig gewordenen Abbruch der Verhandlungen mit
dem Herzog von Würtemberg erlitt. So schlecht dessen Armee auch
beschaffen sein mochte, so wäre er, selbst nach dem Zeugnisse Faucitt's,
doch mit einiger Nachhülfe an Geld immerhin im Stande gewesen, noch
1500-2000 Mann auf die Beine zu bringen. Es war lediglich die Sperrung
des Rheins, welche die Würtemberger zu Hause hielt und den in Amerika
kommandirenden englischen General ihrer Hülfe beraubte. Karl Eugen ließ
zwar aussprengen, daß er, für seine überrheinischen Besitzungen
Unannehmlichkeiten fürchtend, auf die Einsprache Frankreichs den Vertrag
mit England rückgängig gemacht habe; aber das ist nicht wahr, Suffolk
hat nie einen Vertrag mit ihm geschlossen. Der Herzog hätte nur zu gern
englische Hülfsgelder genommen; indessen der alte Fritz verdarb ihm das
Spiel. Uebrigens wußte sich der Würtemberger Soldatenhändler bald darauf
zu helfen, zumal sich durch den großen Konsum der letzten Jahre das
Geschäft bedeutend schnell wieder hob. Ohne nur seine Landstände zu
fragen, überließ er nämlich im Jahre 1786 das von Rieger für den
englischen Dienst geworbene Regiment, welches er nach dem Fehlschlagen
der Unterhandlungen mit Faucitt auf den Asperg in Garnison geschickt
hatte, auf 1000 Mann vermehrt, den Holländern, welche diese Truppen
ebenso gut als die Engländer bezahlten und sie theils in Afrika am Kap
der guten Hoffnung, theils in Ostindien verwandten. Für ihren Abmarsch
dichtete Schubart das ergreifende Lied: »Auf, auf, ihr Brüder und seid
stark!«
Wenn wir uns die damalige Lage der Dinge auf dem amerikanischen
Kriegsschauplatze vergegenwärtigen, so werden wir die bedeutenden, wenn
nicht entscheidenden Folgen der Politik Friedrich's des Großen noch
besser würdigen können. _Washington_ lag nach dem für ihn unglücklichen
Feldzuge des Herbstes 1777 von Mitte Dezember bis Mitte Juni 1778 in
seinen Winterquartieren zu Valley Forge, allen Entbehrungen der
Jahreszeit preisgegeben, unter allen Mißbräuchen und Mängeln einer
desorganisirten Verwaltung leidend. Nie bis jetzt, selbst nicht nach den
Niederlagen auf Long Island, hatte die Sache der jungen Republik so
schlecht gestanden, denn nie war der Geist des Volkes und seine
Widerstandskraft so sehr gebeugt und entmuthigt gewesen. Die zerlumpten
und hungernden armen Teufel, die kaum mehr als 5000 Mann stark zu Anfang
1778 das amerikanische Heer vorstellten und damals unter _Steuben_ erst
die Anfangsgründe der Disziplin lernten, wären keines ernsten
Widerstandes fähig gewesen, wenn Howe sie mit einer überlegenen
Streitmacht angegriffen hätte. Aber der englische General ließ die ihm
günstigste Zeit zum Angriffe ungenützt verstreichen und entschuldigte
seine Unthätigkeit mit dem Mangel an Leuten. Und gerade in diesem
entscheidenden Augenblicke erlangte er die Kenntniß von Friedrich's
Verbot, das ihm verläufig jede Aussicht auf weitere Verstärkungen
abschnitt. Es sind darum nicht sowohl die 2000, höchstens 3000 Mann,
deren verzögerte Ankunft oder gänzlicher Ausfall England so empfindlich
schadete, als vielmehr die Ungewißheit für die Zukunft, welche jede
sichere Berechnung ausschloß und England die Bezugsquellen für seine
deutschen Verstärkungen ganz abzuschneiden drohte. Eben darin liegt die
Bedeutung der Politik Friedrich's für den amerikanischen Krieg. Sie war
in ihren Folgen für Washington soviel als ein neuer Bundesgenosse werth,
sie gönnte ihm Zeit zur Erholung und half das Kriegsglück wenden. Ohne
es zu wollen, erwies also der große König dem republikanischen Feldherrn
einen wesentlichen Dienst.
Zehntes Kapitel.
Die Verträge, deren Abschluß in den vorhergehenden Kapiteln erzählt
worden ist, mußten, wenn sie gültig werden und in Kraft treten sollten,
selbstredend erst vom englischen Parlamente genehmigt werden, von dessen
Entscheidung sogar wie bei der Armee des eigenen Landes, so auch bei den
Hülfstruppen die Fortdauer und Auszahlung des Soldes für jedes neue
Verwaltungsjahr abhing. Das Ministerium North konnte im damaligen
Parlamente mit Hülfe der Abgeordneten vom Lande stets auf eine
dienstbereite Majorität rechnen, behandelte deshalb auch in allen
entscheidenden Fragen die Legislative mit einer geflissentlich zur Schau
getragenen Geringschätzung und trat namentlich nach Außen hin mit einer
so absoluten Sicherheit auf, als ob gar kein gesetzgebendes Votum in
England existirte. Gleichwohl aber konnte es sich seinen
konstitutionellen Verpflichtungen nicht entziehen und legte deshalb
schon Ende Februar 1776 die mit Braunschweig, Kassel und Hanau
abgeschlossenen Verträge dem Hause der Lords und Gemeinen vor.
Suffolk hatte rechtzeitig Sorge getragen, den betreffenden deutschen
Fürsten die formelle Nothwendigkeit dieser Maßregel in möglichst
günstigem Lichte darzustellen. Man werde sie allerdings angreifen, sogar
ohne jede Schonung und in sehr harten Ausdrücken; allein das sei in
einem konstitutionellen Staate einmal nicht zu vermeiden und ändere im
Uebrigen nichts an dem bestehenden Vertragsverhältniß, indem Löhnung und
Subsidien nach wie vor bezahlt werden würden. Diese letztere Gewißheit
beruhigte denn auch die deutschen Landesväter. Eine deutsche unabhängige
Presse gab es zu jener Zeit nicht. Der in allen anderen Fragen
entscheidende und unabhängige Hofrath Schlözer stand als Göttingen'scher
Professor mit seinem »_Briefwechsel_« auf Seiten des Königs von England,
druckte also keine feindseligen Parlaments-Verhandlungen ab, und so
hörten denn die Unterthanen nichts von der Charakteristik, welche die
Minorität des englischen Parlaments von den deutschen Herrschern
entwarf. Daran, daß die Mehrheit des gebildeten und denkenden Europa sie
verachtete und durch die hier mitzutheilenden Verhandlungen sie erst
recht verachten lernte, lag ihnen bei der guten Bezahlung herzlich
wenig.
Die Verträge wurden im Hause der Gemeinen am 29. Februar 1776 zuerst
debattirt. Lord North hatte bei Motivirung ihrer Einreichung auf die
Nothwendigkeit der Maßregel hingewiesen und große Wirkungen von ihr
erwartet. Es könne, sagte er, hier überhaupt nur auf die Beantwortung
von drei an sich ganz klaren Fragen ankommen, nämlich:
1. ob die zur Miethe vorgeschlagenen Truppen nöthig,
2. ob die Bedingungen, auf welche hin sie beschafft würden,
vortheilhaft seien,
3. ob ihre Stärke hinreiche, um die beabsichtigten Zwecke zu
erreichen?
Ad 1. antwortete er, daß, da es die Absicht des Parlamentes sei, die
amerikanischen Kolonieen zum Gehorsam zurückzubringen, dieselbe nicht
besser als durch die Annahme dieser Maßregel erreicht werden könne, denn
diese deutschen Soldaten seien wohlfeiler zu haben als englische
Rekruten;
ad 2. kosteten die fremden Truppen, selbst abgesehen von ihrer
verhältnißmäßigen Wohlfeilheit weniger als je vorher, zumal wenn der
Krieg nur ein Jahr dauere;
ad 3. aber werde diese Streitmacht im Stande sein, vielleicht ohne
fernern Blutverlust die Kolonien zu unterwerfen.
Lord _Cavendish_ hielt die vorgeschlagene Maßregel in allen ihren
Theilen für verderblich. Sie sei die erste beunruhigende Folge des
amerikanischen Krieges und entehre England in den Augen von ganz Europa.
Es müsse sich in der erniedrigendsten Weise an einige kleine deutsche
Staaten wenden und sich Unwürdigkeiten gefallen lassen, die bisher noch
nie einem gekrönten Haupte, geschweige denn dem Beherrscher eines
mächtigen und reichen Königreichs geboten worden. Der Redner erklärte
sich aus folgenden Gründen gegen den Vertrag: Einmal erhalte das
Hülfskorps Bezahlung, ehe es nur marschirt sei, dann empfange es ein zu
hohes Werbegeld per Kopf; ferner zahle man den kleinen Fürsten doppelte
Subsidien, die selbst dann noch fortdauerten, nachdem die Truppen in
ihre Heimath zurückgekehrt seien, und endlich führe man ein Korps von
17,000 Fremden in die Besitzungen der englischen Krone ein, ohne es der
Kontrolle des Königs oder Parlaments zu unterwerfen, indem es laut
Vertrag nur unter dem Kommando seiner Generale stehe.
Lord _Irnham_ erörterte die staatsrechtliche Seite der Frage und
erklärte die betreffenden Fürsten für nicht kompetent, solche Verträge,
wie die zur Annahme vorliegenden, abzuschließen. Sie seien dem Kaiser
Gehorsam schuldig und dürften ihr Land nicht einer Sache zu Liebe
entvölkern, die in keiner Weise etwas mit dem Reiche zu thun habe, und
welche dieses in den Augen Europa's verächtlich machen müsse als eine
Pflanzschule für Menschen, die von Reicheren, aber Ungerechten und
Sittenlosen gegen Bezahlung zur Unterdrückung der Schwachen und zur
Aufrechterhaltung der Willkür gemiethet würden. »Ich will hier nicht
von den Gefühlen jener Fürsten sprechen, die ihre Unterthanen für solche
Zwecke zu verkaufen im Stande sind. Wir haben von Sancho Pansa's heiterm
Wunsche gelesen, der für den Fall seiner Erhebung zum Fürsten bat, daß
alle seine Unterthanen Mohren sein möchten, damit er sie alle verkaufen
könnte und recht viel baares Geld in die Hand bekäme; aber dieser
Wunsch, so lächerlich und unanständig er auch für einen Herrscher
erscheinen mag, ist viel unschuldiger als die Handlungsweise der
deutschen Fürsten, die ihre Unterthanen in einem zerstörenden Kriege
opfern, und zu diesem Verkauf noch das Verbrechen hinzufügen, sie zur
Vernichtung viel besserer Menschen, als sie selbst sind, auszusenden.«
Dann aber könne die Verpflichtung, im Nothfalle den Länderbesitz des
Landgrafen zu schützen, sehr unangenehm werden. Wenn nun der Kaiser,
über die Handlungsweise seiner Vasallen entrüstet, eine Exekution
vornehme und an England Entschädigungs-Ansprüche mache? Dann sei der
König von Preußen an seiner Thür, der offenbar die Gelegenheit ergreifen
werde, die diesseitige Regierung zur Zahlung der Lstr. 600,000 zu
zwingen, um die sie ihn bei dem letzten Friedensschluß gebracht haben
solle. Die Verträge seien in jeder Beziehung nicht rathsam und sogar
schmachvoll für die Nation; man müsse ihnen also unbedingten Widerstand
entgegensetzen.
Während _D. Hartley_ die vorgeschlagene Maßregel für die schmachvollste,
unnatürlichste und heilloseste von allen bisher dem Parlament zur
Annahme vorgelegten Vorschlägen erklärt, und während er vor den
schlimmen Folgen warnt, welche eine derartige Hereinziehung fremder
Mächte in den Streit haben müsse, und welche vor Allem jede Aussicht auf
Wiederversöhnung abschneide, spricht James _Luttrell_ sein Erstaunen
darüber aus, daß sich das Ministerium jetzt an das Parlament wende, um
17,000 Deutsche nach Amerika zu senden. »Großer Gott, für welchen Zweck!
Um 180,000 ihrer Landsleute zu Sklaven zu machen, von denen viele, um
unsern Schutz zu suchen, ihren Tyrannen entflohen. Meine Schätzung ist
noch sehr gering, denn indem ich von Georgia und West-Florida ausgehe,
wo einige deutsche Niederlassungen sind, komme ich nach Pensylvanien,
einer der blühendsten und größten unserer amerikanischen Kolonieen, von
deren Bevölkerung mehr als die Hälfte Deutsche sind, die kaum englisch
sprechen. Die deutschen Niederungen am Mohawk-Fluß, die sich hinter
New-York und New-Yersey ausdehnen, sind sehr kultivirt und gelten als
das beste Land jener Provinzen. Einige tausend Deutsche sind die
Ansiedler und Verbesserer jenes Landes und die nächsten Nachbarn der
fünf Nationen. Sie handeln mit ihnen, sprechen ihre Sprache, und die
Voraussetzung ist sehr natürlich, daß sie die Indianer überreden werden,
die Streitaxt gegen die Truppen des Königs zu ergreifen. Die Deutschen
haben einige bedeutende Niederlassungen am Connecticut-Fluß, wenn auch
nur wenige in Neu-England und im Norden leben. Es scheint mir durchaus
unthunlich, diese Ansiedler durch Waffengewalt mit einer solchen
Handvoll deutscher und englischer Streitkräfte erobern zu wollen, allein
ich glaube, diese Maßregel bietet unseren gemietheten Truppen eine
ausgezeichnete Gelegenheit zur Desertion, weil ihnen von ihren bereits
angesiedelten Landsleuten Land und Schutz versprochen werden wird. Diese
kriegerischen Transporte, die wir ausrüsten, dienen so gut wie die mit
Pfälzern beladenen Schiffe dazu, Amerika mit Deutschen zu bevölkern. Es
scheint mir deshalb keine gute Politik, diese fremden Truppen zu
miethen, einmal weil sie fünf mal soviel von ihren Landsleuten in
Amerika und viele Indianer veranlassen werden, in die Provinzial-Armee
einzutreten, dann aber, weil sie desertiren und Land brauchen werden,
wodurch wir also die gemietheten Truppen gegen uns bekommen.«
Das Ministerium gab zu, daß die Bedingungen hart und die Ausgaben stark
seien, kam aber wiederholt auf die Nothwendigkeit der Maßregel zurück,
da es sich im gegenwärtigen Stadium des Kampfes nur um die Frage handle,
ob England Amerika aufgeben oder seine Souveränität über die dortigen
Kolonien wiedererlangen solle.
Das Königreich habe immer fremde Truppen nöthig gehabt, meinte der
Kriegsminister Lord _Barrington_ -- um seine Kriege zu führen und die
Regierung zu stützen; im Lande selbst seien jetzt keine Rekruten zu
haben, und wenn der Handel mit den fremden Truppen nicht so vortheilhaft
gewesen sei, als er wohl habe sein können, so habe man, nur durch die
Nothwendigkeit gezwungen, die von den fremden Fürsten vorgeschriebenen
Bedingungen annehmen müssen.
Edmund _Burke_ warf dem Ministerium mit vernichtendem Hohne vor, daß
selbst zu einer Zeit, wo der Aufstand im Innern des Königreiches
gewüthet und die völlige Auflösung der gesetzlich herrschenden Gewalt
gedroht habe, kein so schimpflicher und theurer Handel abgeschlossen
worden sei. Beim Beginne der Sitzung habe es geheißen, es solle kein
fremder Soldat zur Bekämpfung der amerikanischen Kolonieen verwandt
werden, jetzt könne auf einmal nichts ohne fremde Hülfe gethan werden,
und zwar aus dem Grunde, weil diese letztere wohlfeiler sei. Zur Stunde
lasse man auch den Vorwand der Wohlfeilheit fallen, denn es ergebe sich,
daß England für jedes Tausend Fremder, die es in seinen Dienst nehme,
gerade so viel bezahle als für fünfzehnhundert Eingeborene. Wenn Lord
North beschuldigt werde, der Beförderer dieser Maßregel zu sein, so
leugne er die Thatsache und behaupte, nur mit den übrigen Ministern des
Königs gearbeitet zu haben; wenn sie aber einer andern Klasse Menschen
zugeschrieben werde, so beanspruche er das ganze Verdienst dafür.
Oberst _Barré_, der alte Freund der amerikanischen Unabhängigkeit,
fragte die Minister, ob das Tuch für die deutschen Truppen in England
oder in Deutschland gekauft werden solle? Er bezweifle nicht, daß dieser
Verkauf von Menschenfleisch sich für das Geschäft der Tuchfabrikanten
von Hessen und Braunschweig als eben so vortheilhaft erweisen werde, als
er sich schon gewinnreich für den Beutel der betreffenden Fürsten
bewährt habe. Der König solle in einer Petition gebeten werden, seinen
Einfluß dahin aufzubieten, daß die jetzt oder später in englischem Sold
stehenden deutschen Truppen mit Tuch aus den englischen Fabriken
bekleidet werden möchten. -- (Es sei hier in Parenthese bemerkt, daß der
König in Folge dieses Antrages den Landgrafen von Hessen auch
aufforderte, das Tuch für seine Soldaten in England zu kaufen, daß
dieser aber die Bitte, als außer jeder Beziehung zu seinem Vertrage
stehend, kurzer Hand abwies.)
Der letzte Redner im Unterhause war der Alderman _Bull_, der vom
Standpunkte des liberalen Londoner Bürgers aus die Verträge angriff. Der
Krieg, sagte er, den man gegen Amerika führe, sei ein ungerechter; er
stütze sich auf Unterdrückung und sein Ende werde Elend und Schande
sein. Das Ministerium solle es nicht dahin bringen, daß die
Geschichtsschreiber sagen, daß russische und deutsche Sklaven gemiethet
worden, um die Söhne Englands und der Freiheit zu unterjochen, und daß
unter der Herrschaft eines Fürsten aus dem Hause Braunschweig der
nichtswürdige Versuch gemacht worden sei, jenen Geist auszurotten, der
seine Vorfahren auf den Thron brachte und sie trotz Verrätherei und
Rebellion dort befestigte.
Aber alle diese Appellationen an Ministerium und König halfen nichts,
die Minorität war zu schwach, und mit 242 gegen 88 Stimmen wurden die
Verträge vom Hause an das Committee of Supplies verwiesen, welches
selbstredend am 4. März zu deren Gunsten berichtete.
Bei den Lords kamen die Verträge am folgenden Tage, am 5. März 1776, zur
Verhandlung.
Der Herzog von _Richmond_ beantragte zunächst, den König zu bitten, daß
er Befehl gebe, den Marsch der deutschen Truppen und zugleich die
Feindseligkeiten in Amerika einzustellen. Der Redner gab eine kurze
Geschichte der mit dem Landgrafen von Hessen von 1702 bis 1762
abgeschlossenen Verträge, wies nach, wie sie bei jeder Gelegenheit ihre
Forderungen erhöhten, bessere Bedingungen erpreßten und nie verfehlten,
die frühere Erpressung als Präzedenzfall oder als Basis für einen
spätern Vertrag aufzustellen. Das sei auch jetzt der Fall. Der vorletzte
Vertrag habe die Subsidien nur für eine gewisse Zeit gewährt, der
gegenwärtige verdoppele sie und werde England wohl anderthalb Millionen
Pfund an Extrasubsidien kosten. Schlimmer als das seien aber der
unbestimmte Wortlaut der Verträge, ihre zweideutige Ausdrucksweise und
die darin aufgestellten gefährlichen Präzedenzfälle. Allerdings spreche
der Vertrag von gegenseitiger Hülfsleistung und Bundesgenossenschaft,
allein die betreffenden Ausdrücke seien nichtssagende Redensarten.
Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes, als ein nichtswürdiger
Handel, um eine Anzahl Miethsknechte in Dienst zu nehmen, die gleich so
und so viel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein
anderes gemeinschaftliches Interesse verbinde die beiden abschließenden
Theile, als daß der eine möglichst viel Geld zahle und der andere
möglichst viel erhalte. Aber selbst angenommen, daß die Verträge ein
wirkliches Bündniß vorstellen sollten, was werde die Folge sein? England
müsse im Falle eines Angriffes jenen Fürsten helfen, also für die
Unterstützung von ein paar Tausend fremder Söldlinge nicht allein
doppelt zahlen, sondern auch ihre Herren im Besitze ihres Gebietes
schützen. Zu Ende des letzten französisch-amerikanischen Krieges habe
Herr Mauduit berechnet, daß jeder französische Skalp 10,000 Pfd.
gekostet habe. Die Lords möchten danach berechnen, was ein
amerikanischer Skalp koste, wenn für 17,000 fremde Söldlinge anderthalb
Millionen Pfund per Jahr zu bezahlen seien. Endlich aber sei die Gefahr
vorhanden, daß Differenzen zwischen den Offizieren entstehen möchten und
daß ein hessischer General den Oberbefehl erhalte, wenn dem
Kommandirenden in Amerika etwas zustoßen sollte.
Lord _Suffolk_ (der uns schon bekannte Minister des Auswärtigen)
vertheidigte natürlich dem Vorredner gegenüber die Politik der
Regierung. Es habe derselbe -- sagt er -- keinen einzigen gewichtigen
und stichhaltigen Grund gegen die zur Annahme vorliegenden Verträge
vorgebracht, noch ein einziges Beispiel angegeben, wo von den früheren
Verträgen mit den betreffenden Fürsten im Wesentlichen abgewichen sei.
Im Inhalte stimmten sie beide überein, nur enthalte einer der
gegenwärtigen Verträge einige pomphafte, hochtönende Phrasen mehr. Die
Absicht des Ministeriums sei kein Bündniß mit Hessen gewesen, sondern
nur die, ein Korps Truppen zu miethen, welches der Krieg in Amerika
nöthig gemacht habe. Wenn der Krieg in einem Jahre beendet werde, so sei
der Handel äußerst vortheilhaft, weil dann nur _eine_ jährliche doppelte
Subsidie gezahlt zu werden brauche, die einer einfachen Subsidie für
zwei Jahre gleich komme. Wenn nun der Krieg zwei Jahre dauere, so
verliere die Regierung weder, noch gewinne sie, weil zwei Jahre
doppelter Subsidien vier Jahren einfacher Subsidien gleich seien. Wenn
aber der Krieg länger als zwei Jahre dauere, dann müsse er bekennen, sei
der Vertrag unvortheilhaft für England. Aber selbst ungünstige
Bedingungen müsse man hinnehmen, wenn man die Truppen brauche. Die Frage
könne also nur lauten, ob man sie nöthig habe? Diese Frage müsse
unbedingt bejaht werden. Zudem seien die Bedingungen, unter denen die
Truppen geliefert worden, leicht und günstig, denn unter
Berücksichtigung aller Umstände, der kurzen Frist, der Unannehmlichkeit
des Dienstes in solcher Entfernung von Europa, sei er, der Redner, fast
erstaunt, daß England diese Soldaten so billig erhalten habe. Der zum
Schlusse vom Herzog von Richmond vorgebrachte Einwand zerfalle in sich,
da der kommandirende General immer höher stehe als ein selbst im
Dienstalter über ihm stehender General; die Gefahr, durch irgend welchen
Zufall oder ein Unglück einen Fremden zum Obergeneral zu erhalten, sei
also nicht vorhanden.
Der Earl von _Carlisle_ stimmte mit der Ausführung des Lord Suffolk
überein und wies darauf hin, daß, da einmal Zwangsmaßregeln gegen
Amerika angewandt werden müßten, man auf das Ausland zur Beschaffung der
außerordentlichen Werkzeuge zur Ausführung dieses Zweckes angewiesen
sei. Die große Zahl der Hände, welche zur Betreibung der englischen
Manufakturen täglich nöthiger werde, die geringe Erfahrung neu
Ausgehobener und der Wunsch, die gegenwärtigen Unruhen so schnell als
möglich zu beenden, habe die Verwendung fremder Truppen an Stelle der
einheimischen als am geeignetsten erscheinen lassen. Kein unbefangen
Urtheilender werde leugnen, daß England beim besten Willen nicht die
erforderliche Anzahl Soldaten besitze, um die Operationen auszuführen,
welche der Dienst in Amerika nothwendiger Weise verlange.
Des Königs Bruder, der Herzog von _Cumberland_, stimmte dagegen mit der
Opposition. »Ich bin von Anfang an -- sagte er -- gegen jede Art
Gewaltmaßregel gewesen, und mißbillige deshalb die Politik der Minister.
Ich bedauere aus diesem Grunde auch, daß ich sehen muß, wie
Braunschweiger, die einst zu ihrer eigenen großen Ehre die Freiheiten
der Unterthanen so tapfer vertheidigten, jetzt ausgesandt werden, um die
konstitutionellen Freiheiten in einem andern Theile dieses großen
Reiches zu unterdrücken.«
Die übrigen Redner, wie der Herzog von _Manchester_, Earl von
_Effingham_ und Lord _Camden_, welche sich dem Herzog von Cumberland
anschlossen, sagten mit Ausnahme von Lord Camden nicht viel Neues. »Wenn
ich die Verträge recht verstehe -- meinte dieser -- so enthalten sie ein
Uebereinkommen mit dem Herzog von Braunschweig, mit dem Landgrafen von
Hessen-Kassel und dem Grafen von Hanau für eine bestimmte Anzahl Truppen
zu einem bestimmten Preise. Um diesem Handel den Schein dessen zu geben,
was er nicht ist, wurde das Ganze mit hochtönenden Redensarten von einer
Allianz ausstaffirt, die sich auf gemeinschaftliche Interessen und
gemeinschaftliche Hülfeleistung stützt, als ob diese kleinen Staaten
beim Ausgang des zwischen uns und Amerika schwebenden Krieges irgend wie
betheiligt wären. Die ganze Verhandlung ist nichts als ein Gewebe von
Lug und Trug, wie es noch nie einem Hause des Parlaments aufgeschwindelt
wurde; sie ist nichts als ein gemeiner Schacher für die Miethe von
Truppen auf der einen Seite und der Verkauf menschlichen Blutes auf der
andern Seite, und die armen in ihr Schicksal ergebenen Teufel, welche so
für die Abschlachtung verkauft worden, sind armselige Söldlinge im
schlimmsten Sinne des Wortes. Jetzt blicken Sie auf die Verträge in
ihrem wahren Lichte, in ihrer ganzen Nacktheit! Wir bezahlen nicht
allein mehr für diese Miethlinge als je vorher, sondern treten sogar,
statt die uns gebotenen Vortheile zu benutzen, in ein Offensiv- und
Defensiv-Bündniß mit jenen kleinen Fürsten, ja wir verpfänden die Ehre
der Nation und setzen uns allen bösen Folgen eines Kontinentalkrieges
aus. Aber schlimmer als das ist die Behauptung, daß wir die zur
Durchführung des Krieges erforderlichen Mannschaften hier zu Lande nicht
auftreiben können, und daß folglich die vorliegenden Verträge, welchen
begründeten Einwendungen sie auch ausgesetzt sein mögen, eine bittere
Nothwendigkeit für uns sind. Diese Behauptung als richtig vorausgesetzt,
würde unsre Rettung ausschließlich von Fremden abhängen, und all unsre
gerühmte Macht, Vorzüge, wie Reichthum und Ansehen im Ausland wären sehr
wenig werth, ja wir könnten keine einzige Segnung äußerer Stärke oder
innern Glückes länger genießen, als es unsere würdigen Freunde, die
Soldatenvermiether, uns gnädigst erlauben würden. Ich bin einer
entgegengesetzten Ansicht. Sollten wir aber wirklich von den Fremden
abhängen, so sind auch unsere Freiheiten und unsere Unabhängigkeit
dahin.«
So wenig sich auch gegen diese Anklagen und Beweisführung einwenden
ließ, so blieb die Opposition doch mit 32 gegen 100 Stimmen bei der
Abstimmung in der Minorität. Das Ministerium hatte offenbar darin Recht,
daß, nachdem einmal beschlossen worden war, den Krieg zu führen, man
auch die Soldaten zu seiner Durchführung beschaffen mußte, und daß diese
in England selbst beim besten Willen nicht zu erlangen waren. Die
parlamentarischen Gegner der Maßregel sahen zwar recht gut ein, daß ihr
Widerstand die bereits feststehende Politik Englands nicht ändern würde,
indessen benutzten sie die ihnen noch einmal gebotene Gelegenheit, ihrer
Abneigung gegen den Krieg mit Amerika Worte zu leihen und die verlangten
Truppen zu verweigern. Von diesem Gesichtspunkte aus muß man auch die
nachstehende Adresse auffassen, welche die in der Minorität gebliebenen
zweiunddreißig Lords an den König richteten:
»Wir, Ew. Majestät getreue und gehorsame Unterthanen und im Parlament
versammelte geistliche und weltliche Lords, bitten gehorsamst, Ew.
Majestät vorstellen zu dürfen, daß wir mit dem tiefsten Kummer die
Verträge gesehen haben, welche Ew. Majestät auf den Rath Ihrer Minister
mit ihren Durchlauchten, dem Herzog von Braunschweig, dem Landgrafen von
Hessen-Kassel und dem Grafen von Hanau abzuschließen und diesem Hause
mitzutheilen geruht haben.
»Wir erlauben uns gehorsamst, Ew. Majestät die Gefahr und Schmach
vorzustellen, welche diese unbesonnene Maßregel im Gefolge hat, wenn es
bei dem ersten Versuche Großbritanniens, seine Kolonieen zu
unterjochen, schon für nöthig erachtet wird, eine Armee fremder
Söldlinge zu miethen und dadurch vor ganz Europa anzuerkennen, daß diese
Königreiche entweder aus Mangel an Menschen oder aus deren Abneigung für
diese Art Dienst unfähig sind, eine für den ersten Feldzug hinlängliche
Anzahl Eingeborener zu stellen. Zu gleicher Zeit ist es für uns eine
traurige Betrachtung, daß die Herausziehung der nationalen Streitkräfte
aus dem Lande (so schwach sie auch für den beabsichtigten unseligen
Zweck sein mögen) das Königreich seiner Vertheidigung berauben und den
Einfall mächtiger Nachbaren und fremder Völker preisgeben wird.
»Wir bitten ferner, Ew. Majestät gehorsamst vorstellen zu dürfen, daß,
wenn auch die Gerechtigkeit und Billigkeit dieses unnatürlichen Krieges
von einem so großen Theil Ihrer Unterthanen nicht in Frage gestellt
wird, doch eine selbst von einzelnen Zugeständnissen begleitete
Versöhnung mit den Kolonieen einer gesunden Politik weit mehr
entsprechen wird, als daß man die Verfolgung der Feindseligkeiten
Ausländern anvertraut, auf die wir uns nicht verlassen können,
Ausländern, welche bei einer so großen Entfernung von ihrer Heimath und
unter dem Einfluß der Strapazen des Krieges, der sie nichts angeht und
ihnen so viele Versuchungen bietet, die Knechtschaft mit der Freiheit zu
vertauschen, viel eher zur Meuterei und Desertion neigen, als treu und
gewissenhaft mit Ew. Majestät geborenen Unterthanen handeln und kämpfen
werden.
»Ebensowenig dürfen wir Ew. Majestät die Besorgniß verhehlen, die wir
wegen der Tragweite einzelner in den verschiedenen Verträgen enthaltenen
Artikel fühlen, wonach Sie die Macht haben, diese Truppen in irgend
einem Theil vor Europa zu verwenden. Dadurch werden also Mittel
beschafft, selbst in dieses Königreich eine fremde Armee einzuführen.
Wir können aber Ew. Majestät Ministern nicht so weit vertrauen, um
vorauszusetzen, daß sie zu gewissenhaft sein würden, um Ihnen eine
solche Maßregel anzurathen, zumal sie schon fremde Truppen in zwei
unserer wichtigsten und stärksten Festungen gelegt und sich erboten
haben, noch 4000 Fremde ohne vorherige Genehmigung des Parlaments nach
dem Königreich Irland zu schicken. Wir haben vielmehr gerechten Grund
zur Befürchtung, daß die Kolonieen, wenn sie hören, wie England
auswärtige Bündnisse eingeht und fremde Truppen zu ihrer Vernichtung
miethet, sich für berechtigt halten werden, das gegebene Beispiel
nachzuahmen und ähnliche Hülfe zu suchen; ja daß Frankreich, Spanien,
Preußen und andere europäische Mächte sich ebensogut wie Hessen,
Braunschweig und Hanau für befugt erachten werden, sich in unsern
häuslichen Zwist einzumischen. Wenn dann, was sehr möglich ist, aus
diesen Schritten die Flammen eines europäischen Krieges angefacht werden
sollten, so denken wir mit Schrecken an die Lage dieses Landes, welches
den furchtbaren Angriffen mächtiger Feinde zu einer Zeit Widerstand
leisten soll, wo die Kraft und Blüthe der Nation auf der andern Seite
der Welt zu nutzlosen Kriegszügen vergeudet wird.
»Sodann fürchten wir, daß der Vertrag, der dem Landgrafen von Hessen
nicht blos im Falle eines Angriffes oder einer Beunruhigung in seinen
Besitzungen allen in der Macht Ew. Majestät liegenden Beistand sichert,
sondern diesen Beistand sogar so lange fortsetzt, bis der Landgraf volle
Sicherheit und gerechte Schadloshaltung erlangt haben wird; daß dieser
Vertrag das Königreich zwingt, ohne irgend eine Gegenleistung an jedem
Streit auf dem Kontinent Theil zu nehmen, in welchen Seine Durchlaucht
verwickelt werden sollte. Oder was für Hülfe könnte diese Insel von
einem winzigen Ländchen im Herzen Deutschlands erwarten, aus welchem
schon mehr Truppen gezogen sind, als es zu seiner eigenen Vertheidigung
nöthig hat, und dessen Einkünfte nicht hinreichen, ohne die gezahlten
Subsidien selbst diejenigen Soldaten zu unterhalten, welche es
vermiethet hat? Es will uns deshalb scheinen, als ob diese Verpflichtung
Großbritanniens zur Vertheidigung und Entschädigung des Landgrafen als
ein Theil des Preises, zu welchem es die gemietheten Truppen bezahlt,
angesehen werden muß. Wenn diese Kosten, die unmöglich abgeschätzt
werden können, zu den enormen Ausgaben für Werbegeld, für
Vervollständigung der in den verschiedenen Korps eingetretenen Verluste
und für ordentliche und außerordentliche Subsidien, selbst nach der
Rückkehr der Truppen in ihre Heimath, hinzugefügt werden, so können wir
in Wahrheit sagen, daß England noch nie zuvor einen so kostspieligen,
ungleichen, unehrenhaften und in seinen Folgen so gefährlichen Vertrag
abgeschlossen hat.
Wir flehen deshalb Ew. Majestät unterthänigst an, sofortigen Befehl zu
geben, daß die hessischen, braunschweigischen und hanauischen Truppen
nicht marschiren, und daß die Feindseligkeiten in Amerika eingestellt
werden, damit eine schleunige und dauernde Wiederversöhnung zwischen den
streitenden Parteien dieses in sich zerrissenen Reiches angebahnt werden
könne.« --
Natürlich diente dieser Protest nur dazu, den Standpunkt der Minderheit
zu wahren; auch er wurde mit 100 gegen 32 Stimmen von den Lords
verworfen und blieb deshalb ein todter Buchstabe. Nachdem sich das
Parlament einmal mit großer Majorität für die Zweckmäßigkeit der vom
Ministerium befolgten Politik ausgesprochen und die drei ersten Verträge
mit Braunschweig, Kassel und Hanau genehmigt hatte, standen den ferneren
Truppenlieferungen seitens Waldeck's, Anspach's und Zerbst's um so
weniger Hindernisse im Wege, als die betreffenden Verträge sich in ihren
wesentlichen Bestimmungen an ihre Vorgänger anlehnten und zum Theil
günstiger für England waren. Es genügt hier also die kurze Bemerkung,
daß die drei letzten Verträge ohne jede Debatte von beiden Häusern
angenommen wurden.
Uebrigens verhielt sich die öffentliche Meinung Europa's diesem
Menschenhandel gegenüber im Ganzen ziemlich gleichgültig. Es waren nur
die hervorragendsten Geister Englands, Frankreichs und Deutschlands,
welche das Verbrechen in seiner ganzen Tragweite erkannten und an den
Pranger stellten. Während die Worte der Opposition im englischen
Parlament ungehört verhallten oder in den unvollständigen Berichten
seiner Sitzungen begraben wurden, nahm ein zu jener Zeit in Holland
lebender, kaum bekannter französischer Flüchtling, der zwölf Jahre
später Europa's größter Volkstribun wurde, im Namen der Menschlichkeit
und der Ideen des Jahrhunderts das Wort gegen England und die es
bedienenden deutschen Fürsten. Dieser Mann war kein geringerer als
_Mirabeau_, der revolutionäre Titan, der mit der alten Ordnung der Dinge
kämpfte und sie endlich glücklich über den Haufen werfen half, damals
noch nicht der vom Kampf ermüdete, vom Lebensgenuß erschöpfte Ringer,
der mit dem unterliegenden Königthum einen Vergleich eingehen wollte.
Seine der öffentlichen Meinung des denkenden Europa vorgelegte Anklage
hatte gerade deshalb einen so unermeßlichen Erfolg, weil ihre
begeisterten unwilligen Worte in der Sprache Rousseau's gedacht waren,
weil ihre ganze Anschauung in der Philosophie jener Zeit wurzelte; sie
wirkte deshalb so drastisch und unmittelbar, weil sie unbekümmert um
Herkommen, Ueberlieferung und Geschichte die schlummernde Thatkraft in
den Unterdrückten zu wecken suchte. Was uns jetzt als Phrase erscheint,
war im Munde Mirabeaus und seiner Zeitgenossen das höchste Pathos.
Der Titel dieser vom Landgrafen von Hessen eiligst aufgekauften und
darum höchst selten gewordenen Flugschrift heißt[6]: »_Rath an die
Hessen und die übrigen von ihren Fürsten an England verkauften Völker
Deutschlands_«. Ihr Inhalt folge hier unverkürzt; er lautet:
»Unerschrockene Deutsche! Welches Schandmal laßt Ihr Euch auf Eure edle
Stirne brennen? Ist es dahin gekommen, daß am Ende des achtzehnten
Jahrhunderts die Völker Mittel-Europa's die Söldlinge eines verhaßten
Despotismus spielen? Ist es dahin gekommen, daß die braven Deutschen,
die ihre eigene Freiheit so verzweifelt gegen die Eroberer der Welt
vertheidigten und den römischen Heeren Trotz boten, gleich elenden
Negern verkauft werden und ihr Blut im Interesse der Tyrannen zu
verspritzen suchen? Ist es dahin gekommen, daß unter Euch Menschenhandel
getrieben, Eure Städte entvölkert, und Eure Lande ausgesaugt werden, um
übermüthige Lords in der Verwüstung einer andern Hemisphäre zu
unterstützen? Wollt Ihr die blinde Verstocktheit Eurer Herren noch
länger theilen? Ihr, wackere Soldaten! Die treuen und festen Stützen
ihrer Macht! jener Macht, die ihnen nur zum Schutze ihrer Unterthanen
anvertraut wurde! Ihr seid verkauft und für welchen Zweck? Gerechter
Himmel! Wie Vieh in fremden Schiffen zusammengepfercht, werdet Ihr
über's Meer geführt! Ihr trotzt den Klippen und Stürmen, um gegen Leute
zu kämpfen, die Euch nicht gekränkt haben, die eine gerechte Sache
verfechten und die Euch das herrlichste Beispiel geben! Ach! warum ahmt
Ihr sie nicht nach, diese muthigen Männer, anstatt daß Ihr sie zu
verderben sucht? Sie brechen ihre Ketten, sie kämpfen für die Wahrung
ihrer natürlichen Rechte, für die Sicherung ihrer Freiheit. Sie reichen
Euch die Hand entgegen; sie sind Eure Brüder; die Natur hat sie dazu
gemacht und gesellige Bande haben diesen heiligen Titel bestätigt. Mehr
als die Hälfte dieses Volkes besteht aus Euren Landsleuten, Freunden und
Verwandten. Sie sind bis an's Ende der Erde geflohen, um der Tyrannei zu
entgehen, und die Tyrannei verfolgt sie bis dahin. Unterdrücker, die
ebenso habgierig als undankbar sind, haben Ketten für sie geschmiedet
und die hochsinnigen Amerikaner haben Waffen aus diesen Ketten
geschmiedet, zum Widerstande gegen die Unterdrücker. Die neue Welt steht
daher im Begriffe, Euch zu den Ungeheuern zu zählen, welche sie aus
Geld- und Blutdurst verheert haben! Deutsche, die Ihr Euch immer durch
Biederkeit auszeichnetet, schreckt Ihr nicht zurück vor einem solchen
Vorwurfe?
Muß man zu diesen Beweggründen, die auf alle Männer so überzeugend
wirken, auch noch jene fügen, welche das Interesse von Sklaven ebenso
nahe berühren, wie das freier Bürger? Wißt Ihr denn auch, welch ein Volk
Ihr anzugreifen im Begriffe seid? Wißt Ihr wohl, welche Kraft im
Fanatismus für die Freiheit ruht? Es ist dies der einzige Fanatismus,
den man nicht hassen kann, sondern achten muß, und doch ist er der
mächtigste unter allen Arten von Fanatismus. Ihr kennt ihn nicht, blinde
Menschen, die Ihr vor dem gehässigsten Despotismus kriecht, welcher Euch
zum Verbrechen treibt, und Euch doch noch frei dünkt; Ihr kennt ihn
nicht, Ihr, welche die Laune der Habgier eines Despoten gegen Leute
bewaffnen kann, die sich um das ganze Menschengeschlecht verdient
machen, weil sie dessen Sache verfechten und ihm ein Asyl bereiten.
Oh ihr Söldlinge und Tyrannenknechte! Entnervte Europäer! Ihr geht zum
Streit gegen Männer, die stärker, tüchtiger, kühner und rascher sind als
Ihr möglicher Weise sein könnt! Sie sind von großartigen Interessen
beseelt, Euch leitet nur schmutziger Gewinn; sie vertheidigen ihr
Eigenthum und kämpfen für ihren häuslichen Heerd, Ihr verlaßt Euren
Heerd und kämpft nicht für Euch selbst. Sie führen Krieg im Schooße
ihres Vaterlandes, unter einem gewohnten Klima, unterstützt von allen
Hülfsmitteln, welche die Heimath bietet, und zwar gegen eine Bande,
welche der Ozean ausgespieen hat, nachdem er sie zur Niederlage reif
gemacht. Die mächtigsten und heiligsten Beweggründe entflammen ihren
Muth und leiten ihre Schritte zum Sieg. Führer, die Euch verachten,
während sie Euch benützen, werden der unwiderstehlichen Beredsamkeit der
Freiheit, des Bedürfnisses und der Nothwendigkeit, nur leeren Wortkram
entgegenzusetzen haben. Endlich, um das Ganze in _ein_ Wort
zusammenzufassen, ist die Sache der Amerikaner eine gerechte, während
Himmel und Erde diejenigen verdammen, die zu unterstützen Ihr Euch nicht
schämt.
Deutsche, wer hat Euch diese Kampfwuth, diese barbarische Mordlust,
diese abscheuliche Hingebung an die Tyrannei eingeflößt?.... Nein! ich
will Euch nicht mit den fanatischen Spaniern vergleichen, die aus Lust
an der Zerstörung zerstörten, die sich in Blut badeten, als die
erschöpfte Natur ihre unersättliche Habgier einer noch wildern
Leidenschaft Platz zu machen zwang. Edlere Gefühle und leichter zu
entschuldigende Irrthümer mißleiten Euch. Diese Treue gegen Eure
Fürsten, welche schon Eure Vorfahren auszeichnete; diese Gewohnheit zu
gehorchen, ohne zu bedenken, daß es Pflichten gebe, die heiliger sind
als der Gehorsam und welche allen übrigen vorangehen; diese
Leichtgläubigkeit, welche Euch der Leitung einiger unüberlegter und
ehrgeiziger Männer folgen heißt -- das sind Eure Fehler; aber sie werden
zu Verbrechen, wenn Ihr nicht am Rande des Abgrundes inne haltet. Schon
sind sich Eure Landsleute, die Euch vorangegangen, ihrer Blindheit
bewußt und die Wohlthaten dieses Volkes, das sie noch vor kurzer Zeit
abschlachten halfen und welches sie jetzt, wo es nicht mehr das Schwert
des Henkers in ihren Händen sieht, wie Brüder behandelt, erschweren ihre
Gewissensbisse und vervielfältigen ihre Reue.
Zieht Nutzen aus ihrem Beispiele, Soldaten! Denkt an Eure Ehre, denkt an
Eure Rechte! Habt Ihr nicht denselben Anspruch darauf wie Eure Fürsten?
Ja, ohne Zweifel, aber diese Wahrheit ist noch nicht genug
ausgesprochen. Menschen stehen höher als Fürsten, die größtentheils
dieses Namens nicht würdig sind. Ueberlaßt es ehrlosen Hofschranzen und
Gotteslästerern, die königlichen Vorrechte und deren Unbeschränktheit zu
preisen, und vergeßt nicht, daß Alle nicht für Einen gemacht wurden, daß
es eine höhere Macht giebt als fürstliche Macht, daß der, welcher ein
Verbrechen zu begehen befiehlt, keinen Gehorsam verdient und daß mithin
Euer Gewissen der höchste unter Euren Herrschern ist. Fragt dieses
Gewissen, und es wird Euch sagen, daß Ihr Euer Blut nur für das eigene
Vaterland vergießen sollt, daß es abscheulich ist, einige tausend Meilen
weit zu gehen, um Leute niederzumetzeln, die kein anderes Verhältniß zu
Euch kennen als ein solches, das ihnen Euer Wohlwollen sichern sollte.
Das Mutterland giebt vor, einen gerechten Krieg zu führen, während es
sich selbst erschöpft, um seine Kinder zu verderben. Es verlangt seine
Rechte und will dieselben nur mit dem Donner der Schlacht besprechen.
Aber habt Ihr diese Rechte -- mögen sie nun wohl begründet sein oder
nicht -- geprüft? Steht es Euch zu, in dieser Streitsache zu Gericht zu
sitzen? Steht es Euch zu, das Urtheil zu fällen oder es zu vollstrecken?
Und worauf laufen diese leeren Ansprüche, die so zweifelhaft sind und so
viel bestritten wurden, am Ende hinaus? Der Mensch hat überall, in der
ganzen Welt ein Recht auf Glückseligkeit. Dies ist das höchste Gesetz,
dies ist der beste Rechtsanspruch. Kolonisten ziehen nicht hinaus und
bebauen wilde Gegenden, vermehren die Macht und vergrößern den Ruhm des
Mutterlandes, um von diesem unterdrückt zu werden. Und wenn sie
unterdrückt werden, so haben sie ein Recht, das Joch abzuschütteln, denn
das Joch wurde nicht für den Menschen gemacht.
Und wer sagte Euch, daß die Engländer das Aechtungs-Urtheil, das über
die Amerikaner gesprochen wurde, unterzeichnet haben? Wackere Deutsche!
Schmäht nicht durch einen solchen Verdacht eine Nation, die große Männer
und vortreffliche Gesetze hervorgebracht, die das heilige Feuer der
Freiheit so lange in ihrem Busen genährt hat und deshalb Achtung und
Rücksicht verdient. Ach! Auf den britischen Inseln wie überall in der
Welt wiegelt eine kleine Zahl ehrgeiziger Menschen das Volk auf und
führt allgemeines Unglück herbei. Die Engländer wurden unglücklicher
Weise in einen Krieg mit ihren Brüdern verwickelt, weil auch unter ihnen
der Despotismus seit einigen Jahren mit Erfolg die Freiheit bekämpfte.
Schmeichelt Euch nicht mit dem Gedanken, daß Ihr die Sache der Engländer
vertheidigt. Ihr kämpft nur für die Vergrößerung der Macht gewisser
Minister, welche sie verachten und verabscheuen.