mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen, wurde
die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann auf's Land
gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe geben werde,
um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und getreuen
Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten
Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein soldatenbedürftiger
Fürst die Würtemberger. Während diese unter tüchtiger Führung zu den
allerbesten deutschen Soldaten gehörten, war zu jener Zeit ihre
Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt. Damals war das Militär bei
seinen eigenen Landsleuten verachtet und verabscheut. Den jungen
Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn er nur Soldaten sah; lieber
verließ er das elterliche Haus oder erlegte starke Majoritätsgelder, um
heirathen zu dürfen, wenn er von einer Aushebung hörte. Die Ursachen
dieser Abneigung vor dem Militärstand lagen in den allzuschroffen
Kriegsartikeln, in dem kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den
abgedrungenen Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in
den nicht gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern
und dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden
Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten.
Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut,
wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender, mißrathene
Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte, daß das
Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen erlernt
werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen Revolution waren
die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen zusammengestoppelter, der
Strapazen ganz ungewohnter Leute, von denen die meisten nur darum gern
in's Feld zogen, um eine schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu
finden. Der Abgang wurde zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die
Rekrutentransporte waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere
erreichten, unterwegs durch Desertion oder durch die Künste fremder
Werber auf die Hälfte herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets
durch Husaren begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren
und Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der
gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes aber bestand aus
alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren Abschied oder
den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war durch die vielen
Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure ganz mißmuthig und
verdrießlich geworden. Die Artillerie allein machte eine Ausnahme von
diesem schlechten Zustand. (Pfaff's Geschichte des Militärwesens in
Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp. 66-87.)
So viel sich auch die Landstände beklagten, sie fanden kein Gehör. Im
Jahre 1764 beliefen sich ihre Militärbeschwerden auf mehr denn fünfzig,
darunter die Klage über die ohne Wissen der Landschaft geschlossenen
Bündnisse und Subsidienverträge, über die gewaltsamen Aushebungen, über
die den jungen Leuten abgedrungenen Loskaufgelder von 50-100 fl., über
das Verfahren gegen diejenigen, welche ihre Kapitulationszeit vollendet
hatten und nun durch Fuchteln, Stockschläge, Einkerkerung und andere
harte Strafen zu längerm Dienste oder zu Arbeiten beim herzoglichen
Bauwesen gezwungen wurden, wo sie oft lange Zeit weder Sold noch Lohn
erhielten und daher in zerrissenen Monturen, ohne Schuhe und Strümpfe
auf dem Bettel umherziehen mußten. Die Stände klagten ferner über die zu
strengen Strafen gegen Deserteure, über die Wegführung der mit Gewalt
weggenommenen Unterthanen in's Ausland, über die harte Bestrafung der
verheiratheten Bürger, welche bei der angeordneten Landesdefension nicht
erschienen, und der Eltern und Verwandten der Rekruten, wenn sie diese
verbärgen, über das auf Befreiung vom Militärdienst gesetzte hohe
Lösungsgeld, welches im Ganzen gegen 500,000 fl. betrage und welches
selbst solche zahlen müßten, welche ihre Kapitulationszeit schon
überstanden hätten, über die Fortdauer der Einquartierung, ungeachtet
der ansehnlichen Beiträge des Landes zum Kasernenbau, über die durch den
häufigen Garnisonswechsel verursachten Unkosten, über die höchst
beschwerlichen »Deserteurs-Attrapirungsanstalten«, über die Bedrohung
und Bestrafung der Gemeindevorsteher, welche beschuldigt würden, daß sie
Ausreißer hätten durchkommen lassen, über die Erleichterung der
Soldaten- und die Erschwerung der bürgerlichen Ehen, über den Schaden,
welchen Gewerbe und Landwirthschaft durch die gewaltsame Wegnahme der
Handwerksburschen und Dienstknechte erlitten, über die erzwungene
Uebernahme der ausgemusterten Wagen- und Artilleriepferde, wodurch den
Aemtern ein Schaden von 200,000 fl. erwüchse, über die vielen Leistungen
von Vorspann bei »Campements« und Garnisonswechseln, den Ruin der
Felder und die Verhinderung der Leute an ihren Feldarbeiten, sowie
endlich über den übergroßen Generalstab, die zahlreichen Offiziere und
die kostbaren Montirungen und Equipirungen.
Der Herzog, erbittert über den nur zu gerechten Tadel, schickte die
Landstände nach Hause. Diese ließen sich aber durch seine Drohungen
nicht einschüchtern, sondern reichten, durch die Könige von Dänemark,
England und Preußen als Garanten der Würtembergischen Verfassung
unterstützt, am 30. Juli 1764 eine gerichtliche Klage gegen des Herzogs
verfassungswidriges Betragen beim Reichshofrath ein, welcher am 15. Mai
1765 den Landständen Recht gab und Karl Eugen zur gütlichen Beilegung
des Streites aufforderte. Jetzt gab dieser nach. Das Resultat der
Verhandlungen war der sog. Erbvergleich vom 2. März 1770, welcher die
Rechte des Herzogs und der Landschaft festsetzte. Von jetzt an hörten
die schreiendsten Mißstände wenigstens eine Zeit lang auf; im Uebrigen
ging bald Alles wieder seinen alten Schlendrian. Als 1782 die Stände
sich von Neuem darüber beschwerten, daß die Ursache der starken
Auswanderung neben den Forst- und Jagdklagen in den Beschwernissen
liege, welche der Unterthan durch das Militärwesen zu erdulden habe,
nannte der Herzog ihre Bemerkungen eine ganz unanständige Zensur.
Wie sehr übrigens die Stände in ihren Streitigkeiten mit dem Herzog
Recht hatten, beweist u.A. die von dem letztern 1765 und 1766 bewirkte
Reduktion seines Offizierkorps, um dem Reichshofrath weniger schuldig
gegenüber treten zu können. So entließ er im erstgenannten Jahre
3 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Obristlieutenant, 5 Majore,
62 Hauptleute, 113 Lieutenants und 26 Fähndriche, während er 1766 noch
1 Feldzeugmeister, 1 Generallieutenant, 5 Generalmajore, 3 Obersten,
1 Major und 1 Rittmeister pensionirte. Die Offiziere selbst waren
nichts als rohe Landsknechte, denn sie wurden nicht so sehr nach der
Tüchtigkeit als nach den Vorzügen der Geburt gewählt, am Willkommensten
aber waren Ausländer. Hierdurch aber kam ein Geist des Uebermuths unter
die Offiziere, durch welchen sämmtliche Klassen des Bürgerstandes
schwer leiden mußten; denn diese wurden »recht rittermäßig gehudelt«,
selbst an Ober- und Staatsbeamten wurden Rippenstöße und Stockprügel
ausgetheilt, »das Heiligthum der Landesrechte und Freiheiten aber mit
Füßen getreten.« Nur eine einzige, dem Ende der uns beschäftigenden
Periode angehörige und in Schlözer's Staats-Anzeigen erzählte Anekdote
möge hier als charakteristisch für den Geist des würtembergischen
Kriegsheers einen Platz finden. Am 24. Mai 1783 ließ ein Lieutenant von
Böhnen in Stuttgart einen an der Hauptwache vorbeigehenden Kammerrath,
weil er den Hut nicht vor ihm abgezogen, in die Wachtstube schleppen
und ihm fünfundzwanzig Stockschläge aufzählen. Der Geprügelte erhielt
einzelne Hiebe auf den Kopf und schwebte mehrere Tage in Lebensgefahr.
Es sei der hochmüthigen Schreiberseele schon recht geschehen, meinte
das Hofgesindel. Natürlich kam der adlige Lieutenant so gut wie
straffrei davon.
Der Herzog wußte zu gut aus eigener Erfahrung, daß man mit rebellischen
Unterthanen so leicht und schnell nicht fertig wird und lächelte
ungläubig ob der Naivetät Suffolk's, als dieser die Revolution in einem
Feldzug niederwerfen zu können erklärt hatte. Karl Eugen wartete deshalb
auch seine Zeit ab. Kaum hörte er von den Siegen der Engländer auf Long
Island, als er dem König zur glücklichen Niederwerfung der Rebellion
Glück wünschte und zugleich seine Truppen für den nächsten Feldzug
anbot. Dieser Brief wurde von Wilhelm Römer, dem würtembergischen
Agenten in London, am 9. Dezember 1776 überreicht. Bald darauf kam der
Herzog selbst. Es scheint aber nicht, daß sein persönliches Erscheinen
einen günstigen Eindruck auf Suffolk gemacht habe, wenigstens förderte
es die Verhandlung nicht. Am 19. Januar 1777 bot Römer in aller
Förmlichkeit 3000 Würtemberger an, die gegen Mitte März in Heilbronn
eintreffen und sich dort einschiffen sollten. »Ich erlaube mir --
schrieb Römer -- am Schlusse zu versichern, daß der Herzog bei seiner
hohen persönlichen Ehrerbietung vor Seiner Majestät Alles aufbieten
wird, sich bei dieser Gelegenheit durch sorgfältig ausgewählte
Mannschaften und gute Ausrüstung der Offiziere und Soldaten
auszuzeichnen, und daß er den König, Ew. Lordschaft und den
Oberbefehlshaber in Amerika zu befriedigen suchen wird.«
Als Suffolk am 14. Januar 1777 Faucitt seine Instruktionen für Anspach
gab, fügte er einen gleichlautenden Auftrag für Würtemberg bei. »Der
König -- sagte er -- will die 3000 Mann, welche der Herzog ihm angeboten
hat, annehmen. Die zu liefernden Truppen sollen aus 100 Mann per
Kompagnie, mit je vier Offizieren und eben so viel Sergeanten, ein
Sechstel des Ganzen aber aus Jägern bestehen, falls Sie so viel gute und
erfahrene Jäger haben können. Je jünger die Offiziere, desto besser!
Jedes Bataillon muß seine Geschütze mitnehmen und das ganze Korps am
10. März zur Einschiffung fertig sein.« »Die Mittheilung mag Ihnen von
Nutzen sein -- fügte Suffolk in einem vertraulichen Schreiben hinzu --
daß der Herzog von Würtemberg und der Markgraf von Anspach besonders
warm wünschen, ihre Truppen Seiner Majestät zu vermiethen, und daß die
desfallsigen Vorschläge nicht von uns ausgegangen, sondern von ihnen
gemacht sind. Römer, des Herzogs hiesiger vertrauter Agent, hat mir
zudem versprochen, daß die zu liefernden 3000 Mann möglichst auf den
englischen Fuß gestellt und mit so wenig überflüssigem Zubehör versehen
sein sollen, als nur möglich ist. Hoffentlich denkt der Herzog nicht
daran, einem Offizier von höherm Rang als General-Major den Befehl über
seine Truppen zu übertragen.«
Als Suffolk das Anerbieten des Herzogs annahm, war er von der falschen
Voraussetzung ausgegangen, daß dessen stehendes Heer doppelt so groß als
das versprochene Kontingent sei, in welchem Irrthum er durch einen im
englischen Kriegsministerium befindlichen Bericht des Hauptmanns
Pleydell bestärkt wurde. Dieser Offizier hatte nämlich Stuttgart zu
Anfang September 1775 besucht und war offenbar durch die glänzende
Außenseite der würtembergischen Residenz, durch den Herzog und seine
Minister geblendet worden; er hatte die auf dem Friedensfuß stehende
Armee des Herzogs auf 5500 Mann geschätzt und sich äußerst anerkennend
über die guten Eigenschaften der Truppen, die schönen Kasernen, die
prächtigen Uniformen und die guten Pferde ausgesprochen.
Anders lautete die Lesart, die jetzt Faucitt bei genauerer Besichtigung
gab.
»Ich wurde -- schreibt er am 7. Februar 1777 von Stuttgart -- dem
Herzoge am Tage meiner Ankunft von Anspach (3. oder 4. Februar)
vorgestellt. Er versprach mir sofort, dem Könige die 3000 Mann zur
festgesetzten Zeit zu liefern; die Minister versicherten aber, daß
dieses Versprechen sich unmöglich erfüllen lasse. Ich bedaure, daß meine
Verhandlungen an diesem Hofe voraussichtlich zu Nichts führen werden.
Der Herzog ist nicht im Stande, ein Drittel der in Aussicht gestellten
Truppen zu liefern. Sein Kredit und seine Finanzen sind bei einer so
niedrigen Ebbe angekommen, daß er, selbst wenn er die Truppen auszuheben
vermag, unmöglich gute Waffen und Uniformen anschaffen kann, um sie
für's Feld auszurüsten. Seit ich in Deutschland bin, habe ich schon viel
von des Herzogs ruinirten Verhältnissen gehört; ich finde jetzt die
weitgehendsten Schilderungen bestätigt, namentlich aber sind seine
Mittel so erschöpft, daß er gar nicht an die Ausrüstung eines Korps für
Amerika denken kann. Seine ganze Armee besteht aus 1690 Mann (Offiziere
und Unteroffiziere nicht mit eingeschlossen). Die Kavallerie beträgt 410
Mann; die Infanterie 1060 und die Artillerie 220 Mann. Ein
Infanterie-Regiment hat im Durchschnitt 240 Mann und ein
Kavallerie-Regiment 120 Mann! Ein großer Theil der Soldaten ist
beurlaubt. Was bei den Fahnen steht, ist der steif, alt und dekrepit
gewordene Ueberrest aus dem letzten Kriege. Um die Desertion zu
verhindern, giebt man den Soldaten, deren Zeit längst abgelaufen ist,
ihre fällig gewordene Löhnung nicht. Ihre Waffen stammen aus dem letzten
Kriege, sie sind von allen Kalibern, dabei abgenutzt und werthlos. Ihre
Feld-Ausrüstung und Zelte sind von noch schlechterer Beschaffenheit. Die
Offizierszelte sind in Stücke geschnitten und in verschiedene Formen
gebracht, um bei den ländlichen Festen des Herzogs zu dienen. Ohne neue
Zelte können sie gar nicht marschiren. Dieser entmuthigende Zustand der
würtembergischen Armee erschreckte mich derartig, daß ich mir des
Herzogs Geständniß, er könne nicht alle 3000 Mann in der
vorgeschriebenen Zeit liefern, zu Nutze machte und erklärte, ich müsse
auf der ganzen Zahl bestehen, jedenfalls Ihnen aber erst Bericht
erstatten. Der Herzog ernannte zwei seiner Minister und einen Major zur
Unterhandlung mit mir, welche keinen der bisherigen Verträge kannten.
Ich entwarf einen nach dem Muster des braunschweigischen, da dieser der
mäßigste von allen ist. Die Subsidien beschränkte ich auf sechs Monate,
statt zwei Jahre wie in Braunschweig einzuräumen. Ebenso bewilligte ich
vor dem Abmarsch nur sieben Tage Löhnung statt zwei Monate. Ich war
natürlich bereit, bessere Bedingungen zu gestatten, falls es verlangt
würde. Die Herren machten aber nicht die geringsten Einwendungen.«
»Ich kann mich noch immer nicht -- fährt Faucitt von Kassel aus am 17.
Februar 1777 fort -- über den Aerger der Enttäuschung in Stuttgart
beruhigen. Ich fürchte, daß dieser bedeutende Ausfall an Truppen
ernstliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen wird. Ich bin mir aber
bewußt, recht gehandelt zu haben. Alle Manöver schlugen bei mir fehl.
Weder die schmeichelhaften Höflichkeiten, noch die ausgesuchteste
Artigkeit und Aufmerksamkeit haben mich verlockt. Ich habe auch nicht
für einen Bruchtheil der Truppen abgeschlossen, da diese, ganz abgesehen
von ihrer schlechten Equipirung und Bewaffnung, doch für den aktiven
Dienst nicht getaugt haben würden. Der Herzog hat sich seit einigen
Jahren so sehr weibischen Vergnügungen hingegeben, daß er das
Militärwesen ganz vernachlässigt und in Verfall gebracht hat. Was ich in
seinem Arsenal in Ludwigsburg sah, hat mich in meinen ersten ungünstigen
Eindrücken nur bestärkt. Ich fand daselbst nur einen schönen
Artillerie-Train, den wir aber nicht brauchen können; die dort
befindlichen Gewehre verschiedensten Kalibers sind alt, ihre Schlösser
zerbrochen oder außer Ordnung; die wenigen Zelte sind alte schäbige
Ueberreste aus dem letzten Kriege. Ich zog mich deshalb so gut ich
konnte aus der Schlinge, sprach von gegenseitigem Mißverständniß über
Zahl und Lieferungszeit der Truppen und reiste ab.«
Suffolk gab Faucitt unbedingt Recht und meinte nur, ob man nicht
Malsburg einen Wink geben und die brauchbaren würtembergischen Jäger
nicht zur Vervollständigung der hanauischen Jäger-Abtheilung benutzen
könne. Malsburg verstand den Wink und fast ein Drittel der letzten drei
hanauer Jäger-Kompagnien, die im April in Nimwegen ankamen, waren
Würtemberger.
Uebrigens regte Faucitt selbst im April 1777 von Kassel aus den Plan
wieder an, wenigstens 1000 bis 1500 Mann vom Herzog von Würtemberg zu
miethen, der nach wie vor von Ehrerbietung gegen den König von England
überströmte und es sich als besondere Gnade ausbat, daß seine Truppen
einigen Antheil an der Niederwerfung der amerikanischen Rebellion nehmen
dürften. Suffolk meinte zwar, diese Dienstwilligkeit ziele mehr darauf
hin, eine bedeutende Summe Geldes nach Stuttgart zu ziehen, als Sr.
Majestät Streitkräfte bedeutend zu verstärken, allein er bevollmächtigte
Faucitt, die Verhandlungen mit Karl Eugen wieder anzuknüpfen und ihm die
den Hessen gewährten Bedingungen einzuräumen, wenn er bis zum Frühjahr
zwischen 1500 und 4000 Mann erhalten könne. Indessen hatte der englische
Minister immer noch Mißtrauen in die Tüchtigkeit der würtembergischen
Truppen und brach im Dezember die schwebenden Unterhandlungen ganz ab,
als -- wie wir später sehen werden -- in Folge der vom König von Preußen
gegen die deutschen Hülfskontingente ergriffenen Maßregeln ihre
Verschiffung den Rhein hinunter vorläufig unmöglich wurde.
Uebrigens verschmähte es Suffolk zu gleicher Zeit nicht, mit
hergelaufenen Abenteurern, alten Werbe-Offizieren und prahlenden
Landsknechten direkt zu verhandeln, wofern sich ihm nur eine Aussicht
bot, ein paar tausend Mann mehr für den Dienst in Amerika zu gewinnen.
So ließ er sich u.A. Monate lang in einen ausführlichen Briefwechsel mit
einem schwäbischen Baron Eichbegg ein. Dieser Mann bot seine Dienste in
London selbst an und fand dort, wo man seinen Aufschneidereien und
abenteuerlichen Plänen anfangs ein gläubiges Ohr schenkte, eine äußerst
freundliche Aufnahme. »Da ich glaube, -- schrieb er in einem
barbarischen Französisch am 12. Juni 1777 an Suffolk -- daß der Hof von
Wien und das ganze Reich neue, für Amerika bestimmte Truppen-Aushebungen
in Deutschland mit keinem günstigen Auge ansehen wird, so erlaube ich
mir, Mylord, Ihnen einen Vorschlag zu machen, über den kein Mensch Lärm
schlagen kann. Mein Geheimniß besteht darin, daß ich eine
Rekruten-Niederlage auf der Insel Minorka bilde, dort eine beträchtliche
Anzahl Deutscher sammle und von da aus stets die deutschen in Amerika
dienenden Regimenter vervollständige. Ein geborner Schwabe, habe ich die
beiden letzten Kriege in Deutschland mitgemacht und kenne nicht allein
besser als jeder Andere das Land, sondern auch die Mittel und Wege, auf
denen man, ohne Skandal zu machen, alle möglichen Rekruten zu zwanzig
Pfund pro Stück nach Genua und von da nach Minorka schafft. Ich würde
natürlich meinen Wohnsitz in Minorka aufschlagen.«
Suffolk fand diesen Plan denn doch etwas zu weit aussehend; aber der
erfinderische Herr von Eichbegg machte ihm bereits am 8. August 1777
einen neuen verbesserten Vorschlag. Er hatte diesmal nichts Geringeres
vor, als Slowaken und Kroaten nach Amerika zu schaffen und aus diesem
Gesindel zugleich nach beendigtem Kriege eine den Amerikanern furchtbare
Niederlassung zu bilden. »Meine alten Waffengefährten -- schreibt
Eichbegg unter jenem Datum -- wollen Niemandem anders dienen, als
England; ich erneuere deshalb meine Bitte um Prüfung meines sehr
beachtenswerthen Vorschlages. Ich weiß nicht, was für Gründe Sie
bestimmen, denselben abzulehnen. Meine Leute sind tapfere Slowaken, die
ich im Kriege gegen Türken und Russen kommandirt habe; sie folgen mir,
wohin ich gehe, bis an's Ende der Welt; zugleich sind sie gute Matrosen.
Es wäre aber wichtig, nicht allein Soldaten und Matrosen nach Amerika zu
schaffen, die sich während des dortigen Krieges nützlich machen könnten,
sondern zugleich von der höchsten Bedeutung, später aus ihnen eine den
Amerikanern furchtbare Kolonie zu bilden. Sie würden in ihnen eine
natürliche Garnison gewinnen und die Transportkosten doppelt und
dreifach wieder herausschlagen.«
Es schien aber selbst Suffolk vor dieser Bande bange zu werden; er
lehnte deshalb den Antrag am 12. September 1777 definitiv ab und
beharrte bei seiner Weigerung, als Eichbegg am 6. Januar 1778 sein
Anerbieten von Hamburg aus erneuerte. So blieben denn die armen Rebellen
vor der Gesellschaft der Halsabschneider, Rattenfallenhändler und
Militärgränzer verschont.
Je länger aber der Krieg in Amerika dauerte, desto größer wurden die
Verlegenheiten des englischen Ministeriums. Es hatte gar keine Wahl
mehr, sondern mußte seine Truppen nehmen, wo sie nur zu finden waren.
Der frühere Hochmuth Suffolk's machte deshalb auch seit der
Gefangennahme der Hessen bei Trenton und namentlich seit der Uebergabe
Burgoyne's bei Saratoga einer ebenso großen Verzagtheit Platz. Die
Verwickelungen mit Frankreich und Spanien wurden namentlich seit dem
zuletzt genannten, für die englischen Waffen so traurigen Ereignisse
immer drohender, und täglich trat ein Krieg mit den bourbonischen
Mächten mehr in den Vordergrund. Waren die Amerikaner, als sie noch ohne
fremde Hülfe kämpften, nicht niedergeworfen, wie wollte man erst mit
ihren europäischen Bundesgenossen fertig werden?
Außer in Deutschland waren aber nirgend Hülfstruppen für England
aufzutreiben, und auch in Deutschland wurde die Aufgabe immer
schwieriger. Das an Soldaten so reiche Land hatte kaum zwölf Jahre nach
dem siebenjährigen Kriege sich wieder einen Abfluß von etwa 20,000
Menschen gefallen lassen müssen; einen größern Aderlaß konnte es kaum
noch aushalten. Gleichwohl fiel Suffolk immer wieder auf Deutschland
zurück, weil nirgend anderswo anzukommen war. Schon nach Fehlschlagen
seines Versuches in Würtemberg hatte er sich wieder an Sir Joseph Yorke,
seinen Gesandten im Haag, gewandt, dem er von allen englischen
Diplomaten die genaueste Kenntniß der deutschen Verhältnisse zutraute.
»Ich habe Sie -- schrieb er ihm am 4. März 1777 -- bereits am 1.
September 1775 nach der Möglichkeit befragt, fremde Truppen für den
amerikanischen Dienst zu erlangen. In Ihrer Antwort vom 5. September
1775 wiesen Sie mich auf den Landgrafen von Hessen-Kassel, den Herzog
von Würtemberg, den Herzog von Sachsen-Gotha, den Fürsten von Darmstadt
und den Markgrafen von Baden als Mächte hin, welche uns unter Umständen
und bei richtiger Behandlung eine ansehnliche Truppenzahl zu liefern im
Stande sein dürften. Seit jener Briefwechsel zwischen uns stattfand, hat
Seine Majestät mit dem Landgrafen von Hessen-Kassel, dem Herzog von
Braunschweig, dem Erbprinzen von Hessen-Kassel, dem Fürsten von Waldeck
und jüngst mit dem Markgrafen von Anspach Verträge abgeschlossen. Ich
glaube kaum, daß wir alle nöthigen Mannschaften von diesen Fürsten
erlangen können. Der Herzog von Würtemberg hat Seiner Majestät
wiederholt seine Truppen angeboten. Es war auch unsre Absicht, einen
Theil davon in Sold zu nehmen; indessen entdeckten wir bald die
Unfähigkeit des Herzogs, uns irgend welche zu liefern, so daß wir den
Plan zu unsrer großen Enttäuschung haben aufgeben müssen. An die übrigen
in Ihrem Briefe genannten Fürsten, den Markgrafen von Baden, den Fürsten
von Darmstadt und den Herzog von Sachsen-Gotha haben wir uns weder
gewandt, noch sind uns ihrerseits Eröffnungen gemacht worden. Der Zweck
dieses vertraulichen Schreibens ist nur der, Ew. Exellenz zu bitten, daß
Sie sich darüber vergewissern wollen, welche Streitmacht diese Fürsten
im Nothfalle zu stellen im Stande sind. Natürlich dürfen Sie den
Verdacht nicht aufkommen lassen, daß wir uns möglichen Falls an sie
wenden werden. Der Ausfall der 4000 Mann die wir von Würtemberg zu
beziehen hofften, verringert in der That unsere Verstärkungen für den
nächsten Feldzug erheblich. Es ist natürlich unmöglich, diesen Ausfall
vor dessen Eröffnung wieder auszugleichen allein vielleicht liegt es in
unsrer Macht, Sir William Howe zur Wiedereröffnung der Feindseligkeiten
nach den heißen Augusttagen eine ansehnliche Truppenzahl zu senden,
falls er deren überhaupt noch bedürfen sollte. Beschränken Sie sich in
Ihren Nachforschungen ja nicht auf die genannten Fürsten, sondern dehnen
Sie dieselben überall hin aus, wo Sie eine Verstärkung erwarten zu
können glauben. Es ist von der größten Wichtigkeit, schon im Voraus zu
wissen, wo fernere militärische Hülfe zu finden ist, sei es für Amerika
oder für irgend einen Punkt in Europa.«
»Ich bedaure unendlich -- antwortet Yorke umgehend am 7. März 1777 --
daß der Herzog von Würtemberg sein Anerbieten nicht ausführen konnte,
und bin doppelt überrascht, da die schweizer Offiziere im holländischen
Dienste, welche von hier aus ihre Heimath besuchten, eine ganz andere
Sprache führten und mir oft Glück wünschten, daß wir in den
Würtembergern die besten deutschen Truppen in unsere Dienste nehmen
würden. Ich werde es mir natürlich zur Aufgabe machen, Ew. Lordschaft
Befehlen nachzukommen. Der Herzog von Sachsen-Gotha könnte uns, glaube
ich, leicht Truppen liefern. Der Landgraf von Darmstadt ist, wie ich
seit meinem damaligen Briefe gefunden habe, zu verliebt in seine
Soldaten, als daß er sie außer Sicht ließe; vielleicht dürfte er sich
aber doch in Versuchung führen lassen.« Das geschah nun nicht. Das
Paradespiel ward dem großen Trommler eine Stütze seiner Tugend.
Aus verschiedenen Ursachen schlugen auch alle späteren Versuche
Suffolk's fehl, mehr Truppen zu erlangen. Meistens ergab sich bei
näherer Prüfung der Verhältnisse, daß entweder die angebotene Zahl nicht
vorhanden war oder daß sonst ein Hinderniß im Wege stand. So schien sich
schon im Frühjahr 1777 eine Aussicht auf Gewinnung von zwei
Hildburghauser Bataillonen zu bieten. Unterm 9. April 1777 schrieb der
englische Gesandte in Wien, Robert M. Keith, an Suffolk, daß der
Feldmarschall Prinz von Sachsen-Hildburghausen ihm als Vormund seines
Neffen, des regierenden Fürsten, für den nächsten Feldzug zwei
Bataillone unter den dem Landgrafen von Hessen bewilligten Bedingungen
angeboten habe, und daß die Truppen in sechs Monaten marschfertig sein
könnten. Der Marschall hielt sein Gesuch sehr geheim und ließ es nur
durch die Hände der englischen Gesandtschaft in Wien gehen. Ob er sich
desselben schämte? So viel steht aber fest, daß er sein Anerbieten nicht
ausführen konnte, denn Suffolk, der es so gern angenommen hätte, kommt
nie wieder darauf zurück. Dagegen wies der englische Minister im
Dezember 1780 kurzer Hand das letzte ihm gemachte größere Angebot ab.
Gotha und Darmstadt hatten dem englischen Gesandten in Regensburg durch
ihren dortigen Residenten, einen Herrn von Gemmingen, erklären lassen,
daß sie froh sein würden, wenn der König von England 4000 Mann für den
amerikanischen Dienst von ihnen nehmen wollte. Es stellte sich später
heraus, daß der Suffolk'sche Agent entweder zu viel gehört oder das
Gehörte nicht recht verstanden hatte.
Somit behielt es für die ganze Dauer des amerikanischen Krieges bei den
sechs, in den Jahren 1776 und 1777 mit Braunschweig, Kassel, Hanau,
Waldeck, Anspach und Zerbst abgeschlossenen Truppenlieferungs-Verträgen
sein Bewenden. Die ersten vier sind bereits dargestellt worden; die
beiden letzteren werden in den folgenden Kapiteln erzählt werden.
Siebentes Kapitel.
Der Markgraf Karl Alexander von Anspach, zu welchem wir uns nunmehr
wenden, hatte schon im Herbst 1775, kurz nach Ausbruch des Krieges der
englischen Krone zwei Bataillone angeboten, indessen statt ihrer Annahme
nur eine grobe abschlägige Antwort auf seine im demüthigsten Tone
vorgebrachte Bitte erhalten können. Er war aber nicht der Mann, der sich
so leicht abweisen ließ, denn er kannte die Annehmlichkeit fremder
Subsidien aus früheren Kriegen zu gut, seine Vorgänger waren zu oft
Lieferanten des Reiches, Frankreichs und Englands gewesen, als daß ihr
Nachfolger nicht auch jetzt seinen persönlichen Vortheil aus der
Verlegenheit des englischen Kabinets angestrebt hätte. Sein Unglück war
nur, daß die englischen Waffen im ersten Jahre des Krieges zu viel Glück
in Amerika hatten, daß also König Georg III. ohne weitere
Truppensendungen mit den Kolonien fertig zu werden hoffte. Daher auf der
einen Seite der servile Eifer, das unterthänige Betteln des Markgrafen,
und auf der andern als natürliche Antwort darauf der brutal hochmüthige
Ton der englischen Minister. Karl Alexander bedurfte aber gerade damals
des Geldes mehr als je, wußte er doch nicht, wie er sonst die ungeheuren
Schulden, die sein Ländchen fast erdrückten, anders los werden sollte,
als durch die aus der Vermiethung seiner Truppen zu ziehenden
Hülfsquellen.
Als gegen Ende des ersten Kriegsjahrs ein zweiter Feldzug unerläßlich
schien, um den Aufstand vollends nieder zu werfen, hielt der Markgraf
seine Zeit für gekommen. Sein Minister Reinhard Freiherr von Gemmingen
mußte am 9. November 1776 durch den in Privatgeschäften in London
weilenden markgräflichen Kammerherrn von Seckendorff bei dem Ministerium
anfragen, ob die beiden Anspachischen Bataillone jetzt nicht anzubringen
seien. »Die Gründe, welche uns zu diesem Geschäfte veranlassen, brauche
ich Ihnen kaum einzeln anzuführen, erkundigen Sie sich unter der Hand,
handeln Sie so geheim als möglich, aber thun Sie Ihr Möglichstes« -- mit
diesen Worten schloß Gemmingen seine erste Aufforderung an Seckendorff.
Auf Grund derselben begann eine Verhandlung, welche sich bei der kühl
ablehnenden Haltung des englischen Kabinets über zwei Monate lang
hinzog.
Seckendorff wandte sich zuerst an Faucitt, erhielt von ihm aber die
Antwort, daß man voraussichtlich in Amerika keine Truppen mehr brauche,
zumal dort ein Erfolg den andern überbiete, zudem kenne er die Absichten
seiner Regierung nicht (obgleich er nach Kassel zu reisen im Begriffe
stand, um dort eine Abtheilung Jäger zu engagiren). Lord North ließ
Seckendorff kürzer abfahren, indem er ihm stehenden Fußes erklärte, der
Anspachische Unterhändler irre sich in dem Ressort, er müsse sich
deshalb an Suffolk wenden. Dieser aber wies ihn ohne Weiteres ab, da er
keine gehörig beglaubigte Vollmacht vorzulegen vermöge: erst wenn er
diese beibringe, könne man ihm eine offizielle Antwort geben.
Seckendorff bat also um die nöthigen Papiere, und unter obligaten Klagen
über seine eigene Mittellosigkeit, so wie über das theure Londoner
Pflaster, zugleich um einen Vorschuß von hundert Pfund, von welchen er
sich zugleich ein Galakleid machen lassen wolle, um am Geburtstag der
Königinn der Kur (18. Januar) beizuwohnen und seinen Auftrag möglichst
zu fördern. Er zweifelte übrigens trotz seines guten Willens an seinem
Erfolge, da in Amerika Alles zu gut gehe, und hielt es, ehe er formelle
Anträge stellte, für klüger, erst bessere, d.h. für England schlechtere
Nachrichten abzuwarten. »So viel ich weitläufig gehört habe -- schloß er
einen seiner ersten Berichte an Gemmingen -- so soll noch ein sehr alter
Groll und eine noch unter voriger Regierung und des kaiserlichen
Geheimen Raths v. Seckendorff's Ministerio gespielte Untreue schuld an
der abschlägigen Antwort im November 1775 gewesen seyn. Ew. Exzellenz,
welche den Schlüssel zu unseren secretis haben, kann diese Sache leicht
beyfällig werden.«
Gemmingen, der sich bei diesen Verhandlungen als ein billig denkender
und verständiger Herr, sowie als erfahrener und tüchtiger Geschäftsmann
zeigt, dringt in jedem Briefe auf Beschleunigung des Geschäfts. Er muß
Alles selbst schreiben, da er sich vor einem Vertrauensbruch seiner
Untergebenen und dem unzeitigen Bekanntwerden der sehr leicht noch fehl
schlagenden Unterhandlung fürchtet. »Es erscheint mir immerhin sehr hart
-- sagte er u.A. -- mit Truppen Handel zu treiben; allein der Markgraf
ist um jeden Preis entschlossen, seine Angelegenheiten zu ordnen und
alle seine, sowie seiner Vorgänger Schulden zu zahlen. Das Gute, welches
aus einem solchen Subsidienvertrage hervorgehen kann, würde also die
Gehässigkeit dieses Geschäftes bedeutend überwiegen. Wir können, wenn es
verlangt werden sollte, außer der Infanterie noch ein Korps
ausgezeichneter Jäger stellen, welches jetzt schon aus 200 Mann, lauter
gelernten Leuten, besteht. Der Markgraf hat sich an die verwittwete
Herzoginn von Sachsen-Hildburghausen, Tante der Königinn von England,
gewandt, damit diese sein Anliegen beim König bevorworte. Er hofft viel
von dieser Vermittlung, mir scheint jedoch der Erfolg sehr fraglich.
Erkundigen Sie sich unter der Hand nach den, Hessen bewilligten
Bedingungen und übermitteln Sie die eventuellen Vorschläge ad
referendum.«
Der Markgraf schickte am 5. Dezember 1776 seine Instruktionen nebst
Vollmacht an Seckendorff und beauftragte diesen, die beiden Anspacher
Bataillone und ein Jägerkorps der englischen Regierung formell
anzubieten. »Wenn es verlangt wird, sagte er am Schluß seines Briefes,
so können Sie hinzufügen, daß ich für die Tüchtigkeit und Tapferkeit
meiner Soldaten einstehe. Im Uebrigen versichern Sie den Minister oder
denjenigen, welchen man mit der Verhandlung mit Ihnen beauftragen wird,
daß ich mich sehr geschmeichelt fühlen werde, wenn ich dem König von
einigem Nutzen sein und durch meinen Eifer in der Erfüllung der von mir
einzugehenden Verbindlichkeiten das Unrecht wieder gut machen kann,
welches der Minister meines verstorbenen Vaters in einem früher
abgeschlossenen Subsidienvertrage begangen hat.« (Bezieht sich offenbar
auf die Subsidienverträge im österreichischen Erbfolgekriege.) An
Suffolk selbst schrieb der Markgraf am 13. Dezember 1776: »Nichts in der
Welt kommt dem Eifer gleich, mit welchem ich Sr. Majestät nützlich zu
sein wünsche, und nichts wird meiner Dankbarkeit gleich kommen, wenn Ew.
Exzellenz dazu beitragen, mich in den Stand zu setzen, daß ich den
Beweis für diesen meinen Eifer liefere.«
Im Besitz seiner Vollmachten giebt sich Seckendorff heute den
übertriebensten Erwartungen hin und glaubt, den sofortigen
befriedigenden Abschluß des ihm aufgetragenen Geschäfts in sichere
Aussicht stellen zu können, morgen wieder verliert er, von den
englischen Ministern schnöde behandelt, das gestrige Vertrauen und läßt
jede Hoffnung fahren. Ob aber hoffend oder verzagt, er hat die
übertriebenste Ansicht von seiner Bedeutung und Stellung in der
diplomatischen Welt, er hält sich von allen Seiten für beobachtet und
bemerkt. Als ein junger, wegen leichtsinniger Streiche aus Anspach
durchgegangener Offizier, ein der Aristokratie des Ländchens angehöriger
Lieutenant v. Forstner eines Tages Seckendorff in London besucht und ihm
mittheilt, daß er in amerikanische Dienste zu treten im Begriff stehe,
fällt der neue Diplomat vor Schrecken fast in Ohnmacht. »Denken Sie sich
mein Erstaunen -- schreibt Seckendorff am 31. Dezember 1776 an Gemmingen
-- als der alten Frau v. Forstner Sohn plötzlich bei mir eintritt und
mir erklärt, bei den Rebellen Dienste nehmen zu wollen. Ich habe ihm das
auszureden gesucht und statt dessen Empfehlungsbriefe nach Bengalen
angeboten, allein er sagt, dafür habe er kein Geld. Er will nach Paris
zu Franklin, von welchem er Alles erwartet. Da hier die eifrigsten
Amerikaner taub für seine Bitten sind, soll ich ihm helfen. Der Mensch
bereitet mir die entsetzlichsten Verlegenheiten. Während ich in unserer
Sache negoziiren soll, will er die Royalisten in Amerika bekämpfen, für
welche ich werbe. Ich zittere vor der Entdeckung!« Forstner muß seinen
Mann gut gekannt haben, denn er beutete dessen Furcht, im Verkehr mit
einem, den Republikanern geneigten unbekannten deutschen Offizier
entdeckt zu werden, gehörig zu seinem Vortheil aus und machte
verschiedene Zwangsanleihen bei ihm. Seckendorff, um ihn los zu werden
und wieder zu seinem Gelde zu kommen, vermittelte dann in der Folge auch
Forstners Eintritt in eins der nach Amerika bestimmten Anspacher
Bataillone, in dessen Reihen er in der Schlacht am Brandywine tapfer
kämpfend fiel.
Seckendorff's Berichte bis Mitte Januar 1777 sind in der wechselndsten
Stimmung geschrieben. Seinen unbedingten Erfolg voraussehend, brütet er
die abenteuerlichsten Pläne aus, zu denen sich nicht einmal die in
derartigen Dingen fruchtbare Phantasie des Landgrafen von Hessen
verstiegen hatte. Da der Krieg möglicher Weise mit dem ersten Feldzuge
beendigt sein werde, so solle man durch den abzuschließenden Vertrag der
Gefahr vorbeugen, daß die anspachischen Truppen, nachdem sie kaum
engagirt worden, auch schon wieder verabschiedet würden. »_Vielleicht
wäre es auch gut, jeden Soldaten, der sich in Amerika niederläßt und
dadurch seinen Souverain eines Unterthans beraubt, vorher schriftlich
sich verpflichten zu lassen, daß er zu Gunsten des Fiskus auf einen
Theil seines Vermögens verzichtet und auch den König von England zu
bestimmen, daß er einen Theil des Verlustes trägt._« (!!)
Mittler Weile hatte auch die verwittwete Herzoginn Louise von
Sachsen-Hildburghausen von Heilbronn aus, wo sie wohnte, dem Wunsche des
Markgrafen entsprechend, ihre Fürsprache bei der Königinn von England
eingelegt, indessen die Erfolglosigkeit ihrer Schritte gemeldet, da der
König alle ihm nöthigen Truppen in Amerika habe, diese also nicht zu
vermehren gedenke.[4]
Zudem lauteten die Nachrichten für die markgräflichen Pläne, wie
Seckendorff, von der größten Hoffnungsfreudigkeit wieder in die äußerste
Verzagtheit fallend, schreibt, täglich trauriger, wenn auch gut für den
König und die Menschlichkeit, und zuletzt fürchtete er bei den ewigen
Siegen der englischen Waffen doch, daß man die Zahl der Truppen in
Amerika nicht weiter vermehren würde. Endlich aber wurde er am 7. Januar
1777 zu einer neuen Audienz bei Suffolk zugelassen. Dieser versprach
jetzt, dem König über die Sache zu berichten, da man inzwischen im
englischen Kabinet zu dem Entschluß gekommen sei, die amerikanischen
Streitkräfte zu ergänzen. Am 11. Januar also nahm Suffolk Seckendorff's
Anerbieten an, nachdem dieser ihm erklärt hatte, daß die Anspacher
marschfertig seien, und beauftragte den bereits in Kassel weilenden
Faucitt mit dem sofortigen Abschluß eines Vertrages.
»Da der Markgraf von Brandenburg-Anspach -- so lautet seine vom 14.
Januar 1777 datirte Instruktion -- durch einen an mich gerichteten Brief
dem König ein kleines Korps für Amerika angeboten hat, das sofort
marschbereit gemacht werden kann, so erhalten Sie Vollmacht, den
betreffenden Vertrag mit ihm abzuschließen. Reisen Sie also unverzüglich
nach Anspach und erledigen Sie dieses Geschäft so schnell als möglich.
Ich kann Ihnen, dem jetzt bereits eine Erfahrung von sechs Verträgen zur
Seite steht, überlassen, eine solche Konvention abzuschließen, wie sie
der König billigen wird. Suchen Sie also die möglichst besten
Bedingungen zu erlangen und gestatten Sie keine neuen. Als Sie 1775 die
ersten Verträge abschlossen, war eine Expedition nach Amerika den
Deutschen noch ganz neu und galt, abgesehen von den Schrecken der
Seereise, noch für schlimmer als sie in der That ist. Jetzt aber
versteht man diesen Dienst besser. Wir brauchen uns also nicht länger
übervortheilen zu lassen; suchen Sie namentlich Geld zu ersparen.
Möglichen Falls thut die Anspacher Verstärkung bei der gegenwärtigen
Lage der Dinge (die Niederlagen bei Trenton und Princeton waren in
England noch nicht bekannt geworden) gar keine Dienste mehr. Dies muß
Ihr Hauptgesichtspunkt bei der Bestimmung der Subsidien sein. Diese
dürfen nur vom Tage der Genehmigung des Vertrages an und während der
aktiven Verwendung der Truppen, nicht aber auf eine Reihe von Jahren
gewährt werden und höchstens noch sechs Monate nach dem Kriege
fortdauern. Die Löhnung muß mit dem Monate aufhören, in welchem die
Truppen zurückkehren. Das Korps selbst muß am 10. März zur Einschiffung
bereit sein. Diese Winke mögen Ihnen als Richtschnur dienen.«
Faucitt kam am 28. Januar 1777 in Anspach an. Der regierende Markgraf
Karl Alexander, geboren 1737, hatte 1757 die Regierung von Anspach
angetreten, 1769 Bayreuth geerbt und herrschte zu jener Zeit über ein
Land von etwa 140 Quadratmeilen und etwa 400,000 Einwohnern. Im Jahre
1791 trat er Anspach-Bayreuth an die ältere Linie der Hohenzollern, die
Könige von Preußen, ab und starb 1806 im Ausland. Die fränkische Linie,
welcher der Markgraf angehörte, hatte keinen einzigen der Vorzüge der in
Preußen regierenden Vettern, dagegen desto mehr Fehler und Laster, vor
Allem aber eine maßlose Heftigkeit und den alten Hohenzollernschen
Jähzorn. Die Regenten von Anspach und Bayreuth sind vom Scheitel bis zur
Sohle die schlechtesten Exemplare der Landesväter des achtzehnten
Jahrhunderts. Land und Volk sind nur zu ihrer Ausbeutung, zu ihrem
Vergnügen vorhanden; für sie giebt es kein Gesetz, keine Schranke, ihre
ruchlose Willkür steigert sich zum Mord und Todtschlag. Rohe Gewaltthat
und despotische Laune vererben sich vom Vater auf den Sohn; der
Sultanismus ist der ihnen Allen gemeinschaftliche Charakterzug. Man
geräth fast in Verlegenheit zu entscheiden, wer von ihnen der
schlechteste und nichtswürdigste ist. Während Friedrich Wilhelm I. und
sein großer Sohn durch unermüdliche Arbeit im Dienste des Staates und
treue Pflichterfüllung Preußen zu einer der leitenden europäischen
Mächte erheben, ruiniren Friedrich Alexander und Friedrich Christian von
Bayreuth, Karl Friedrich Wilhelm und Karl Alexander von Anspach ihre von
der Natur so sehr gesegneten Ländchen durch den sinnlosesten Luxus und
eine fast wahnsinnige Verschwendung. Darin thaten es ihnen andere
Zeitgenossen, die sächsischen und würtembergischen, die pfälzischen und
bayrischen Fürsten ganz gleich, wenn auch nicht zuvor; bezeichnender
aber ist für die Bayreuther und Anspacher Markgrafen der Werth und der
Preis, welchen ein Menschenleben in ihren Augen hat. Der vorletzte
Markgraf von Anspach, Karl Friedrich Wilhelm (1723-1757) schoß sich,
seiner Maitresse zum Spaß, einen Schornsteinfeger vom Dach des
Bruckberger Schlosses. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Menschen
herunterpurzeln zu sehen. Der seine Gnade anflehenden Wittwe des
frevelhaft Ermordeten gab der biedere Fürst _fünf Gulden_. Wenn man die
in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Anspach herrschenden Zustände
türkische nennen wollte, so wäre das eine durchaus ungerechtfertigte
Beleidigung der Muselmänner; sie nähern sich vielmehr der durch das
Negerkönigreich Dahomey repräsentirten Kulturstufe: Serenissimus ist
echt patriarchalisch Ankläger, Richter und Henker in _einer Person_!
Die weiteren Beweise dafür finden sich in Hülle und Fülle in einer
interessanten Schrift des bekannten Ritters K.H. von Lang über den
vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Anspach. »Ein Jude, Namens Isaak
Nathan -- heißt es dort u.A. -- war 1740 von Weißenborn in Franken nach
Anspach gezogen und hatte sich hier durch Fleiß und Gewandtheit ein
bedeutendes Vermögen erworben, man sagte an 200,000 fl. Er erhielt u.A.
Darlehne aus der Anspachischen Landschaftskasse, wofür er Juwelen
verpfändete, die aber im Grunde nicht ihm selber, sondern einem
jüdischen Hause Ischerlein in Amsterdam gehörten, dem sie ein Fürther
Jude Gumbert in Versatz gegeben. Der Markgraf verlieh ihm den Titel
eines Residenten, der Reichthum und Einfluß dieses Juden erregte aber
mancherlei Mißgunst und verdächtigende Angaben. Noch stand aber der
Resident damals so fest in der Gnade, daß der Fürst den Landschreiber
Wolf, welcher ihn denuncirt hatte, als Verläumder in Ketten und Banden
legen, und am Ende als einen unruhigen Kopf des Landes verweisen ließ;
und als bald darauf der Resident seinen Sohn verheirathete, mußte die
jüdische Trauung im Schloßhof selbst, unter den Glückwünschen der
Markgräfin, des ganzen umgebenden Hofstaates, und den stattlichsten
Beschenkungen gefeiert werden; und doch, etliche Monate später, erfolgte
der fürchterlichste Sturz. Ein Jahr vorher, 1739, hatte der Resident
seine der Landschaftskasse versetzten Juwelen zurückgenommen; zu
gleicher Zeit erhielt aber der jetzt nach Gunzenhausen gezogene Jude
Ischerlein vom Markgrafen den Auftrag, den für den König von England
bestimmten rothen Adlerorden mit Brillanten besetzen zu lassen, was er
mit denen vom Residenten Isaak Nathan zurückgenommenen Juwelen alsbald
bewerkstelligte und dafür 40,000 fl. berechnete und empfing. Der
Markgraf empfindlich darüber, daß er für solch ein kostbares Geschenk
auch nicht einmal ein Wort des Dankes aus London zurück empfing, erfuhr
endlich aus den Nachfragen seines Beauftragten daselbst, daß die
angeblichen Brillanten lauter böhmische Steine gewesen, und daß der
König, wenn auch den Markgrafen über ein solches Geschenk nicht
beschämen, ihm doch auch dafür nicht habe danken wollen. Es läßt sich
denken, mit welcher Zorneswuth der Markgraf den in das tiefste Versteck
sich geflüchteten Rab Ischerlein hervorziehen ließ. Er wurde alsbald
nach Wülzburg geschleppt, und nach kurzen Verhören und Umständen in
einen großen Saal gebracht und dem Scharfrichter übergeben, der ihn auf
den nächsten besten Stuhl festband und dann eben das Schwert über ihn
schwingen wollte, als der Gefangene mit sammt dem angebundenen Stuhle
sich aufraffte, und, um eine lange Tafel laufend, und um Gotteswillen
nur um eine Minute Gehör beim Markgrafen hülfeschreiend, dem
Todesstreich entrinnen wollte, der ihm aber doch vom Scharfrichter über
die Tafel hinüber beigebracht wurde. -- Die vielfachen Verwickelungen
des Residenten Isaak Nathan mit diesem Ischerlein, das Spiel mit den
Juwelen, die bald in des Einen, bald in des Andern Hände gegangen,
andere Anklagen, die jetzt lauter und günstiger angehört wurden, konnten
jedoch nicht verfehlen, auch über ihn die Wolken des schwersten
Verdachts zu sammeln. Er wurde aus seinem Haus in die Frohnfeste
geschleppt, und über denselben Schloßhof, worin man frohlockend die
Hochzeit seines Sohnes gefeiert, brachte man nun alle vorgefundenen
Schätze und Kostbarkeiten in die Säle des Schlosses zurück. Man
beschuldigte ihn außerdem, 25,000 fl. Chatullgelder, in den an den
Markgrafen über seine besonderen Aufträge gestellten geheimen
Rechnungen, unterschlagen und in seinem Nutzen verwendet zu haben. Vom
weitern Schicksal desselben besagen unsere Nachrichten nichts. Auch sein
Haus und Grundbesitz wurde eingezogen. -- Vermuthlich haben sich seine
Angehörigen von hier entfernt, und er selbst ist entweder im Gefängniß
verkommen oder ebenfalls im Stillen des Landes verwiesen worden.
Allein nicht blos jüdische Opfer fielen zur selben Zeit, sondern sogar
Große des Hofes. Nicht nur ein Oberst Enzel zu Wülzburg wurde daselbst
1740 wegen gewisser Staatsverbrechen, sie sind nicht genannt, durch das
Schwert hingerichtet, sondern auch kurz darauf ein Graf von Schaumburg.
Es scheint, daß sich dieses auf unerlaubte Kommunikationen und
Einverständnisse in den damaligen österreichisch-preußischen
Verhältnissen bezogen. Christoph Wilhelm von Rauber wurde beschuldigt,
famose Gemälde und Pasquille wider die landesfürstliche Regierung und
die Rathskollegien angeschlagen zu haben. Durch den Inquisitionsrath
Joh. Chr. Schnitzlein wurde ihm auf der Feste Wülzburg, wo er verhaftet
lag, in Gegenwart mehrerer Ober- und Unteroffiziere und Konstabler das
Urtheil vom 30. Mai 1740 dahin verkündet: daß er sich selbst freiwillig
(was außerdem durch den Scharfrichter vollzogen werden soll) auf das
Maul zu schlagen habe, seine Pasquille unter seinen Augen vom
Scharfrichter zu verbrennen seien, er selbst aber hierauf mit dem
Schwert hingerichtet werden solle; welches letztere jedoch der Markgraf
aus Gnaden in eine ewige Gefangenschaft zu Wülzburg verwandelte. Sein
schon 1722 unter Vorbehalt des lebenslänglichen Nießbrauches der
fürstlichen Kammer verkauftes Rittergut Steinhart (bei Oettingen) wurde
eingezogen, 1768 aber dem von Krailsheimischen Fideikommiß um 78,500 fl.
wieder verkauft. Die Gattin des Unglücklichen, Friederika Helena, war
selbst eine geborene von Krailsheim. Die Ordres zu all diesen blutigen
Exekutionen ergingen immer an den geheimen Rath, Generalmajor und
Festungs-Kommandanten August Friedrich von Pöllnitz.
Der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein -- fährt unser Gewährsmann
S.90 fort -- stand bei allem dem, und wo man ihn auch noch eines
schmählichen Geizes und der Bestechlichkeit bezüchtigte, unter dem
sichern Geleit der Volksgunst, darum, weil er überall doch eine gewisse
Achtung für das Menschenleben bezeugte, und da, wo der Markgraf in
seiner Wuth auf einen Dritten losstürmen wollte, ihn mit seiner eigenen
Gefahr und gewaltsam zurückhielt. So, als ihm der Markgraf einmal in
solcher Zornwuth die Pistolen abgefordert, um einen Schäfer
niederzuschießen, der ihm und seinem scheuenden Pferde durch seine
Heerde nicht schnell genug den Weg offen gelassen, verweigerte der
Oberstallmeister kalt das abverlangte Gewehr mit dem kurzen Bescheid:
»Es ist nicht geladen«. Als sie aber im Nachhauseritt unfern der
Schloßthore waren, ließ der Reise-Oberstallmeister rechts und links
seine beiden Pistolen krachend los, daß der überraschte und erschrockene
Fürst kaum zu fragen vermochte: »Was ist's? Was ist's!« Der
Oberstallmeister aber versetzte: »Gnädigster Herr, ich meine nur, daß
Sie heut Nacht viel süßer schlafen werden, nachdem Sie meine Pistolen
jetzt erst haben krachen hören, statt eine Stunde früher.«
Den Fürsten -- so schließt Lang S.92 und 93 dessen Charakteristik --
würde seine großmüthige Freigebigkeit, seine Pünktlichkeit in Besuchung
des öffentlichen Gottesdienstes und die mehr als anständige Unterhaltung
der Kirchen und Pfarrhäuser beim Volk höchlich empfohlen haben, wenn
nicht der Abscheu vor so manchen schrecklichen und blutigen Exekutionen
ihm die Herzen entfremdet hätte. Unter diesen führt man besonders an:
die militärischen Exekutionen in Triesdorf in den Jahren 1733 bis 1745,
neun an der Zahl, einer arquebusirt, sechs gehangen, ein Ungar Stephan
Nagy aus Ketschkemet, der des Markgrafen Büchsenspanner erschossen,
wurde lebendig gerädert, einer verbrannt. Im Jahre 1738, den 11. August,
die Katharina Gallin, ein preußisches Soldatenweib, an einem
Lindenbaume, unweit des Falkenhauses, aufgehängt, weil sie einen
Gefreiten der Leib-Kompagnie, Namens Johann Heublin, zur Desertion
verleitet, wobei sie, der Soldat und der preußische Werbe-Offizier bei
Stein ertappt worden. Der preußische Werbe-Hauptmann mußte die Exekution
mit ansehen und wurde dann auf die Veste Wülzburg gebracht. Den
Deserteur hat man wahrscheinlich zum Aufhängen allzu schön befunden.
1744 ließ der Markgraf an der anspachischen Kirchweih einen vom Wirth
Heumann am obern Thor ob einer kleinen Mauserei ertappten Soldaten, dem
Wirth zu einer argen Genugthuung, vor seinem Haus an einen
aufgerichteten Galgen hängen. Im Jahre 1747, als Georg Krämer von Hausen
bei Wülzburg mit der Dorothea Lindnerin aus Gunzenhausen, Dienstmagd des
Marketenders in Triesdorf, desertirte, wurde dieselbe am 2. September
ohne weiteres rechtliches Verfahren, auf bloßen Befehl des Markgrafen,
zu Anspach aufgehängt. Einem Bürger von Gunzenhausen, der vor dem
Schloßthor Wache hielt, forderte er, als er eben ausreiten wollte, zur
Versuchung das Gewehr ab, und als dieser, in solchen Dingen wenig
erfahren, es ihm gutwillig hinreichte, wurde er vom Fürsten als Memme,
als Hundsfot behandelt, und zweien Husaren übergeben, die ihn an den
Pferdeschwanz binden und durch die Altmühl hin- und wiederschwemmen
mußten, worauf er bald hernach krank geworden und verstorben ist. Dem
Fallmeister bei Gunzenhausen, durch elende Menschen angegeben, daß er
die Hunde des Markgrafen, die er in Pflege hatte, vernachlässigte, ritt
er alsbald vor das Haus, rief ihn an die Hausthür und schoß ihn dann auf
seiner eigenen Hausschwelle nieder. Nach etlichen Tagen, als der Fürst
einen langen Zug von Menschen aus allen Orten her begegnete, und er ohne
Antwort von den anderen Höflingen blieb, was denn das für ein Auflauf
sei? ritt endlich auch hier der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein
herbei und sagte: »Es wird der Mann begraben, den Euer Durchlaucht vor
drei Tagen erschossen haben.« Der Markgraf ward heftig ergriffen und
befahl, man sollte ihm die Wittwe schicken, damit sie sich eine Gnade
ausbäte.«
Nicht viel besser war es in Bayreuth. Der letzte Markgraf Friedrich
Christian hatte als junger Prinz einen Jägerburschen erschossen, weil
dieser ihm zu widersprechen wagte. Der jugendliche Mörder nahm sich
dieses Verbrechen wenigstens zu Herzen und wurde darüber tiefsinnig. Als
Markgraf (1763-1769) liebte er seine Unzufriedenheit durch Stockschläge
an den Tag zu legen. Hoch und Niedrig, Bürgerliche und Adlige,
Kammerherren und Offiziere waren vor diesen handgreiflichen Beweisen
landesväterlichen Unwillens nicht sicher. Als diese patriarchalische
Liebhaberei des regierenden Herrn täglich ärger und unerträglicher
wurde, beriefen »Ein hoher Adel« und »Ein Hochlöbliches Offizier-Korps«
eine Versammlung nach Bayreuth, um zu berathen, wie sich der Adel und
namentlich das Militär zu verhalten habe, der immer mehr überhand
nehmenden Neigung des Markgrafen gegenüber, seine nächsten Umgebungen
mit Stockschlägen zu traktiren, oder, wie ein Herr von Reitzenstein
sagte, »wenn Serenissimus die Neigung beibehalten oder noch wohl weiter
ausdehnen sollten, Allerhöchst dero Umgebungen mit denen Manifestationen
Allerhöchst dero lebhaften fürstlichen Temperaments in Kollision kommen
zu lassen.« Ein Hoher Adel und Ein Hochlöbliches Offizier-Korps faßten
denn auch den tapfern Beschluß, den Hofprediger zu ersuchen, er möge
Hochfürstliche Durchlaucht zur größern Schonung des militärischen
Ehrgefühls ermahnen. Zugleich ward festgestellt, die vom Landesvater
empfangenen Prügel »als die persönliche Ehre nicht touchirend« zu
betrachten und die von demselben gezahlten Schmerzensgelder in eine
gemeinschaftliche Kasse fließen zu lassen. (C. Gutzkow, Fritz Ellrodt
II, 59.)
Markgraf Karl Alexander von Anspach-Bayreuth, der Erbe des ebengenannten
Friedrich Christian, war nicht aus der Art seiner Väter und Vettern
geschlagen. Er hatte aber eine bessere Erziehung als diese genossen und
zeigte auch, wenn es noth that, größere persönliche Kraft und
Entschiedenheit. Seine Mutter Friederike Louise, die erste Tochter
Friedrich Wilhelm's I. und Schwester Friedrich des Großen, hatte darauf
bestanden, daß ihr Sohn auf einer republikanischen Universität studire,
damit er dort den Werth der bürgerlichen Tugend desto besser erkennen
und würdigen lerne. In Folge dessen ward der Prinz Studirens halber nach
Utrecht geschickt, wo er übrigens den Absichten der verständigen Frau
durchaus nicht entsprach. Einige Jahre darauf trat er eine größere Reise
nach Italien an; allein diese Reise erregte die Unzufriedenheit des
Vaters im höchsten Grade, »denn der Prinz vermochte bei seiner Rückkehr
nicht die Spuren jener körperlichen Leiden und Erschöpfungen zu
verbergen, die er sich durch unvorsichtige Genüsse mancherlei Art mochte
zugezogen haben.« Ruhe und verständiger Rath stellten ihn zwar möglichst
wieder her, aber desto heißer ergoß sich der Zorn des fürstlichen Vaters
über das Haupt des unglücklichen Gesellschafters, des Hofrath Mayer, der
beschuldigt wurde, den Prinzen, wo nicht gar verführerisch selber
mißgeleitet, doch nicht seiner Pflicht gemäß, treu genug bewacht,
gewarnt und zurückgehalten, oder seine höheren Obern, auch den
Markgrafen selbst, über die Lage der Dinge unterrichtet zu haben. Der
Markgraf ließ ihn ergreifen und nach Sayn-Altenkirchen abführen, von da
er durch ein Kommando hannöverscher Dragoner, dem Ansuchen des
Markgrafen gemäß, abgeholt und nach Zelle in's Zuchthaus gebracht wurde,
wo er dann ohne fernere Spur verkommen. Eine andere Sage dagegen will,
der Markgraf habe ihm den Garde-Offizier von Leubelfing nach
Altenkirchen nachgeschickt mit dem Befehl, ihn daselbst hinrichten zu
lassen. (Lang.)
Diese wenigen Züge zeigen, weß Geistes Kind Karl Alexander war. Da wir
seines Gleichen schon in den hessischen und braunschweigischen Fürsten
kennen gelernt haben, so können wir uns hier füglich seine nähere
Charakteristik ersparen. Bei diesen Menschen ist Alles Schablone, die
abschreckende Einförmigkeit ihrer innern Leere und Hohlheit sowohl als
ihre geistlose Uebereinstimmung in äußerer Verschwendung und Prunksucht.
Vom Großvater und Urgroßvater an haben sie alle dieselbe Schule der
Entfremdung vom deutschen Wesen, der bedientenhaften Erniedrigung vor
dem Auslande und der despotischen Gewalt gegen die eigenen Unterthanen
durchlaufen. Der bloße Gedanke an Pflichten, soweit sie dessen überhaupt
fähig, scheint bei diesen Landesvätern eine Gefährdung ihrer
Souverainität in sich zu schließen. Die naiv-derbe, wenn auch oft rohe
Eigenart der deutschen Fürsten des sechzehnten und theilweise des
siebenzehnten Jahrhunderts ist durch den Versailler und Venetianer
Firniß, durch den halb zivilisirten, halb zivilisirenden französischen
und italienischen Einfluß zurückgedrängt. Wo früher Luther's Hymnen
erklangen, da singen jetzt italienische Kastraten ihre lateinischen
Verse. Ueberall an den Höfen finden sich französische Abenteurer und mit
ihnen französische Mode und französische Unsitte. Jeder Zaunkönig hat
sein Monplaisir, Belvedere, Eremitage, Solitude oder Monbijou, seine
großen Feste und Spiele, seine Tourniere und Karoussels, seine
Maskeraden und Banketts, wofür die armen Teufel von Unterthanen mit
ihrem Gelde zahlen, wenn sie welches haben, und mit ihren Knochen und
ihrem Blut, wenn sie sonst nichts haben. Natürlich huldigt Serenissimus
unter den noblen Passionen vor Allem dem Spiel und der Jagd. Er verliert
am Spieltisch ein ganzes Dorf oder setzt ein halbes Bataillon auf eine
Karte gegen das schöne Bein einer Tänzerin. Der Markgraf von Anspach
gewinnt 1783 von dem ihn besuchenden Herzog von Gloucester, dem Bruder
des Königs von England, 180,000 fl. im Spiel. Der verlierende Gastfreund
ist so edel, sich selbst als Pfand zu geben, vermehrt aber während
seines verlängerten Besuches seine Schuld durch neue Anlehen um noch
270,000 fl., die aber der königliche Bruder erst recht nicht zahlen
will, so daß der Markgraf froh ist, als der Engländer nach Straßburg
abzieht. Das eminenteste von allen eminenten Privilegien ist aber
sämmtlichen Landesvätern die Jagd. Wo sie beeinträchtigt ward, da kennt
ihre Grausamkeit keine Gränzen. Schon als Friedrich der Große auf dem
Throne saß, wagte noch ein Herzog von Sachsen-Weimar zu verordnen, »daß
alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und auf
Betreten sofort aufgehengt, deren Weiber gebrandmarkt und in's Zuchthaus
gesetzt werden sollten, daß ein Förster und Jäger, der einen Wilddieb
todtschießt, 50 Thlr. verdient, während seine Wittwe, falls er selbst
todtgeschossen wird, lebenslänglich 200 Thlr. Pension erhält (eine für
jene Zeit sehr hohe Summe!), daß aber ein Jäger, der den Wilddieben
durch die Finger sieht, selbst aufgehenkt wird.« Was uns vom Weimaraner
urkundlich erhalten ist, das trieben auch seine Herren Brüder, sind sie
doch alle nach demselben Muster gebildet. Darum bleibt es sich im Grunde
auch gleich, ob der eine Landesvater eine französische oder der andere
eine englische Maitresse hat; ob der Anspacher mit einer in kararischem
Marmor gehauenen Büste Voltaire's auf seinem Arbeitstische prahlt, oder
ob der Kasseler einen Fürstenkatechismus in Voltaire'schen Redensarten
schreibt; ob der Bayreuther seinen Trost in Süßmilch's göttlicher
Ordnung sucht oder ob ein geistlicher Herr, wie der Fürstbischof von
Würzburg, Goldmacherei treibt und einen Talisman am Leibe trägt, oder ob
der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar den Stein der Weisen gefunden
zu haben glaubt und in einem eigenen Reskripte die Kunst des Goldmachens
für ein Regal erklärt. Ebensowenig ist es charakteristisch, daß der
Markgraf eine Armee von Kammerherren, Hofjunkern und Kammerjunkern hält
und daß zur Bestreitung des Unterhalts dieser Tagediebe das Genuesische
Lotto eingeführt wird, denn dieser ganze Unfug findet sich bei seinen
sämtlichen Kollegen wieder. Noch weniger befremdend ist es aber, daß die
bürgerlichen, an den anspacher Hof gezogenen Damen dort kein deutsches
Wort fallen lassen dürfen, weil Alles, was deutsch ist, die Lady Craven
anekelt, und noch weniger auffallend ist es, daß die deutschen Frauen
jener Zeit solche Beleidigungen als eine Auszeichnung ansahen.
Bezeichnend ist nicht einmal die liebevolle Fürsorge, welche der
anspachische Markgraf seinem Wildstande angedeihen ließ. Als sein Land
1791 preußisch wurde, erlaubte der damalige Statthalter und spätere
Staatskanzler Hardenberg den Bauern, das Wild auf ihren Feldern
niederzuschießen. Seither hatten sie Sommer und Winter die Nächte mit
Schreien zubringen müssen, um ihre Felder vor dem in Massen
herumstreifenden Hochwilde zu schützen. Verschliefen sie eine Nacht, so
war auch die Saat zertreten. Denn nur schrecken durften sie das Wild,
und es war ihnen bei _Zuchthausstrafe_ verboten, ein Gewehr oder einen
Knittel, ja selbst einen Hund mit sich zu führen. Daß der Markgraf
keinen Spaß verstand, wenn sein noch wertvolleres Wild, die Soldaten,
sich ihm durch die Flucht entzogen, werden wir sehr bald zu sehen
Gelegenheit haben.
Sobald Karl Alexander die Aussicht auf einen Vertrag gesichert erschien,
traf er in aller Stille die Maßregeln, um seine beiden Bataillone in
guten Stand zu setzen. Für Beschaffung neuer Uniformen und
Ausrüstungsgegenstände wurde ein Darlehn aufgenommen und dessen
Rückzahlung aus der später von England zu zahlenden Löhnung festgesetzt.
Namentlich aber ward alle Aufmerksamkeit auf das zu errichtende
Jägerkorps verwandt und zu diesem Zwecke besonders Bayreuth
heimgesucht, welches bei seinen herrlichen Gebirgswaldungen auch ein
tüchtiges Forst- und Jagdpersonal aufzuweisen hatte. »Bessere Jäger,
meinte Gemmingen, gebe es in der ganzen Welt nicht, denn sie hätten sich
alle ihrem Berufe aus Neigung gewidmet.« Der Bayreuther Minister v.
Seckendorff, ein Bruder des in London thätig gewesenen Kammerherrn,
faßte das Geschäft denn doch etwas bedenklicher auf, als der die
Erlösung von seinen Schulden ersehnende Markgraf, besonders aber wollte
er nicht in die Aushebung sämmtlicher Jäger und Jägerburschen willigen.
»Das wegen der englischen Subsidien zu Stande gebrachte negotium --
schreibt er am 31. Januar und 2. Februar 1777 an Gemmingen -- wird in
Kurzem im ganzen Lande eklatiren. Es wird an Vorstellungen der
Landstände, ja des ganzen Bauernstandes nicht fehlen. Ich werde auch
laut Serenissimi Befehl's auf Vorschlag solcher Mittel denken, die zur
Beruhigung dienen können. Ich möchte den Vertrag kennen, um daraus zu
beurtheilen, ob die Unterthanen durch einen erklecklichen Steuer-Nachlaß
werden consolidirt werden können? Die hiesige (Bayreuther) Bürgerschaft
wird am Meisten leiden, weil durch den Abgang der Truppen sich die
Consumtion in der Stadt um wenigstens 60-70,000 fl. verringert, da es
den Bürgern ohnehin an Nahrung fehlt.
»Mein Schwager v. Spiegel hat die Ordre erhalten, nicht nur alle
hiesigen Feldjäger, sondern auch alle und jede Forstbedientensöhne, von
den Oberforsterssöhnen an bis zu den Gränzschützen-Söhnen, keinen
ausgenommen, nebst deren Lehrjungen nach Anspach zu schicken.
Vermuthlich wird man nur die Absicht haben, eine Auswahl unter ihnen zu
treffen, welche als zu Hause entbehrlich unter das in Subsidie tretende
Korps gestellt werden und mitmarschiren könnten. Im Falle aber die
Intention dahin ginge, alle und jede dieser Jägerpursche,
Forstbedienten-Söhne und Lehrjungen in's Feld zu schicken, so befürchte
ich, es werde dadurch das Jagd- und Forstwesen nebst den damit
verknüpften Rechnungen gänzlich zum Nachtheil der Revenuen und derer
herrschaftlicher Gerechtsame Nothleiden und darniederliegen.«
Diese in ihren verderblichen Folgen ausführlich motivirten Einwendungen
hatten denn doch das Resultat, daß der Markgraf sich in seinen
Ansprüchen an das Land beschränkte und nur die Hälfte der anfangs
beabsichtigten Zahl Jäger (100 statt 200) aushob. »Wegen der
Jägerburschen können sie sich beruhigen, antwortete Gemmingen am 5.
Februar begütigend -- sie stehen unter dem Kommando des
Hofjägermeisters von Schilling, der nur die unumgänglich nöthigen
aushebt und im Uebrigen die Bedürfnisse unsers Forstwesens kennt.«
Die Verhandlungen mit Faucitt nahmen nur die beiden Tage des 30. und 31.
Januar in Anspruch; der Vertrag selbst wurde am 1. Februar 1777 von den
beiden Bevollmächtigten unterzeichnet und vom Markgrafen am 13. Februar
unter Ausdruck seiner höchsten Zufriedenheit für Gemmingen genehmigt.
Dieser erwies sich als der gewandtere und umsichtigere Unterhändler, ja
er verstand es meisterhaft, Faucitt durch eine zur Schau getragene,
wenig aufrichtige Biederkeit, anscheinend große Einfachheit und
Unterordnung, sowie kluges Nachgeben in Nebenpunkten zu übertölpeln.
Hätte sich der englische Bevollmächtigte die Finanznoth seines
fürstlichen Geschäftsfreundes mehr vergegenwärtigt, und hätte er vor
Allem Suffolk's deutlichen, bei Gelegenheit der Würtembergischen
Instruktion gegebenen Wink (Seite 100) mehr beachtet, wonach der
Markgraf sich anbot, nicht aber England das erste Gebot machte, so würde
er die Anspachischen Truppen unter viel günstigeren Bedingungen erlangt
haben. Zudem war er doppelt hochmüthig, weil er immer noch in der
selbstgefälligen Einbildung lebte, daß der Krieg in höchstens einem
Feldzuge beendigt sein werde, während Gemmingen auf eine längere Dauer
desselben rechnete. Die ein paar Wochen später in Europa eintreffenden
Nachrichten von den Niederlagen bei Trenton und Princeton sollten dem
letztern nur zu sehr zum Schaden Englands Recht geben. Wenn Gemmingen
auch nicht durchsetzen konnte, daß die englische Löhnung einen Monat vor
dem Abmarsch vorausbezahlt wurde und wenn er sich mit einer nur
siebentägigen Vorausbezahlung begnügen mußte, so erreichte er doch, daß
dem Markgrafen dieselben Subsidien wie Hessen-Kassel bewilligt wurden,
die allerdings erst mit der Unterzeichnung des Vertrages begannen und
nur noch drei Monate (statt wie bei Kassel zwei Jahre) nach der Rückkehr
der Truppen fortdauerten. Faucitt nahm also zwei Regimenter Infanterie
zu je 570 Mann, 101 Jäger und 44 Artilleristen, im Ganzen 1285 Mann,
ausschließlich für den amerikanischen Dienst, deren Löhnung und sonstige
Behandlung ganz derjenigen der englischen Truppen gleich gestellt wurde,
bewilligte für jeden Soldaten dreißig Kronen Werbegeld, dessen eine
Hälfte sechs Wochen und dessen andere drei Monate nach Unterzeichnung
des Vertrages zu berichtigen war, und zahlte außerdem eine jährliche
Subsidie von 45,000 Kronen. Im Uebrigen kam der Vertrag dem
Braunschweigischen am Nächsten, ja er war noch günstiger als dieser,
wenn der Krieg, wenn es der Fall war, länger als zwei Jahre dauerte.
Nach Gemmingen's Berechnung stellt sich das Verhältniß für Braunschweig
und Anspach für ein Jahr, die Truppenzahl auf 1200 Mann geschätzt, wie
folgt:
Braunschweig erhielt
Einfache Subsidien für ein Jahr 18,970 Rthlr.
Am Ende des Krieges
Doppelte Subsidien für zwei Jahre 75,880 "
-----------------
94,850 Rthlr. = 142,275 fl.
(den Thaler nach dem Konventionsfuße zu 1 fl. 30 kr. gerechnet.)
Dagegen erhielt Anspach
Einfache Subsidien für ein Jahr 45,000 Thlr. Banko.
Am Ende des Krieges
Dreimonatliche Subsidien . . . 11,250 " "
-------------------
56,250 Thlr. Banko = 135,000 fl.
(den Bankothaler zu 2 fl. 24 kr. gerechnet) also 7275 fl. weniger als
Braunschweig. Setzt man dagegen den Fall, daß die Subsidie zwei Jahre
dauerte, so erhielt Braunschweig nur für ein Jahr 18,970 Thlr. mehr,
also im Ganzen 113,820 Thlr. = 170,730 fl.; Anspach aber 101,250
Banko-Thlr. = 240,000 fl., also 72,270 fl. mehr als Braunschweig. Nun
zog sich aber der Krieg, mithin auch die Subsidie noch volle sieben
Jahre hin. Braunschweig erhielt somit 18,970 Rthlr. × 7 = 132,970 Rthlr.
+ 75,850 Rthlr. doppelte Subsidien = 208,670 Thlr. oder 313,005 fl.;
Anspach aber 45,000 Thlr. Banko × 7 = 315,000 Thlr. Banko + 11,250
Bthlr. dreimonatliche Subsidie = 326,250 Banko-Thlr. oder 783,000 fl.,
mithin einen Mehrbetrag von annähernd einer halben Million Gulden.
Man sieht aus dieser Zusammenstellung, daß der »bon homme« Gemmingen gar
kein schlechter Rechenkünstler war. Er selbst äußerte sich am 2. Februar
in einem Briefe an Seckendorff über seinen Triumph in durchaus nicht
überhebender Weise; sein Brief sieht vielmehr wie eine Rechtfertigung
sich selbst und dem Adressaten gegenüber aus. »Der eben abgeschlossene
Vertrag, sagt er, ist viel günstiger als wir erwarten konnten, zumal
wenn Sie bedenken, daß wir uns angeboten hatten und daß die königlichen
Waffen bis jetzt so große Erfolge in Amerika erkämpft haben. Es ist ganz
natürlich, daß diese Angelegenheit unter allen möglichen, uns wenig
günstigen Gesichtspunkten von denjenigen beurtheilt und verdammt werden
wird, welche eine Staatsaffaire weder in ihrer Totalität noch in ihren
bestimmenden Motiven aufzufassen verstehen. Sobald indessen diese
Menschen das fremde Geld in unser armes Land fließen, sobald sie uns
dessen Schulden mit den bereitwillig einströmenden Mitteln zahlen sehen
werden, dann werden sie, und wird die ganze Welt entzückt sein und
erkennen, daß das Militär, welches die Feinde des Staates (welches
Staates?) bekämpfen muß, auch den allerschlimmsten Feind besiegt hat,
unsere Schulden nämlich. Selbst der niedrigste nach Amerika verschiffte,
wohlbezahlte und mit dem Nothwendigsten versehene Soldat wird mit seinen
Ersparnissen zurückkehren und stolz darauf sein, für sein Vaterland und
für seinen eigenen Nutzen gearbeitet zu haben. (NB. zog der Markgraf für
die Uniformen und Ausrüstung zwei Pence oder fünf Kreuzer an der
täglichen Löhnung ab, so daß dem Soldaten nur sechs Pence oder fünfzehn
Kreuzer in dem theuern Amerika blieben!) Wenn man meinen Rathschlägen
folgt, so wird die Bayreuther Landschaft gewinnen, und die Bayreuther
Kammer wird ebenfalls aus dem Vertrage großen Vortheil ziehen. In
wenigen Jahren wird Ordnung in unseren Finanzen herrschen und der größte
Theil unserer Schulden bezahlt sein. Ich hoffe, Sie werden die Reinheit
meiner Motive billigen und mich nach besten Kräften unterstützen. Ich
bin im Allgemeinen der abgesagte Feind eines derartigen Handels mit
Menschen, allein es giebt besondere Fälle, in welchen das Uebel sich in
eine verhältnißmäßige Wohlthat verwandelt, und ein solcher ist, wenn ich
nicht irre, der unsrige. Selbst wenn der Krieg und die Subsidien nur ein
Jahr dauern sollten, so würden der Markgraf oder vielmehr das Land
400,000 fl. gewinnen, während eine längere Dauer der Subsidien unsern
Gewinn beträchtlich steigern wird.«
Faucitt dagegen schreibt am 10. Februar 1777 aus Hanau an Suffolk: »Am
Tage nach meiner Ankunft wurde ich dem Markgrafen vorgestellt, bei
welcher Gelegenheit die gewöhnlichen Redensarten gewechselt wurden. Der
Markgraf bedankte sich dann ganz besonders dafür, daß der König so
gnädig und herablassend gewesen war, auf seinen Wunsch einen Theil der
anspachischen Truppen in seine Dienste zu nehmen. Ich schloß darauf
sofort einen Vertrag mit dem Minister, Freiherrn von Gemmingen ab, der
sich zu unserm Nachtheil die gedruckten Verträge verschafft hatte und
diese natürlich seiner Unterhandlung zu Grunde legte. Es waren in der
That Waffen, die wir gegen uns selbst geschmiedet hatten, und die
Gemmingen sehr gut zu gebrauchen wußte. Die Hauptveränderungen von den
früheren Verträgen sind diese: Die Löhnung beginnt nur sieben Tage
(statt einen und zwei Monate) vor dem Abmarsch der Truppen und hört mit
dem Monat ihrer Rückkehr auf. Die Subsidie, die ich vergebens
herunterzudrücken suchte, ist verhältnißmäßig so groß als die an Hanau
und Waldeck gezahlte, fängt aber, statt mit der Unterschrift, erst mit
der Genehmigung des Vertrages an und endet drei Monate statt ein Jahr
nach der Rückkehr der Truppen. Die gewöhnlichen Ausgaben für deren
Marsch, Wagen und Pferde &c. fallen, statt wie in den bisherigen
Verträgen auf die Krone, jetzt auf den Markgrafen, der Alles bezahlen
muß, bis die Soldaten auf die Mainboote geschafft werden.
Ich war jeden Morgen auf der Parade, und fand die Truppen sehr schön,
groß und gut gebaut. Sie handhaben ihre Waffen, die übrigens sehr gut
sind, vortrefflich, exerzieren so regelmäßig, daß kaum eine Uhr besser
gehen kann, und marschiren und schwenken sehr gut. Ihre Uniformen, blaue
Röcke mit rothen Aufschlägen und gelber Weste, sind neu und rein. Wenn
der Rest so gut ist, so können wir uns zu einem ausgezeichneten Handel
Glück wünschen. Das andere Regiment steht noch in Bayreuth. Die Leute
sollen nicht so groß, aber sonst ebenso tüchtig sein. Einige
österreichische Offiziere sagten mir, sie seien sogar besser. Beide
Regimenter werden am 28. Februar marschfertig sein; sie haben nur zwei
bis drei Tage nach Stefft am Main, wo sie nach Dortrecht eingeschifft
werden sollen. Die Wasserreise dauert etwa fünfzehn Tage.«
Das Bayreuther Regiment verließ zur festgesetzten Stunde, am 28. Februar
seine Garnison und marschirte über Streitberg, Muggendorf, Bayersdorf,
Fürth und Heilsbronn nach Anspach, wo es am 4. März eintraf. Vom ersten
Nachtquartier Muggendorf an wurden »aus Vorsicht (um die Desertion zu
verhindern) beide Orte, Muggendorf und Streitberg, mit Feldmiliz und
Landjägern entourirt und die ausgestellten Posten durch
Husaren-Patrouillen visitirt.« Auf dem Wege durch Bayersdorf fand sich
der Bambergische Husaren-Rittmeister v. Gravenreuth ein, und meldete,
daß er Ordre habe, nach den Befehlen des Kommandeurs seine Husaren
dergestalten zu detachiren, daß alle Desertion in das Bambergische
desto besser verhindert werde. Serenissimus kam dem Regiment bis
Kloster Heilsbronn entgegen. Am 5. März war in Anspach Rasttag und große
Tafel von achtzig Couverts bei Hofe. Sämmtliche Offiziers speisten mit
den gnädigen Herrschaften und hatten die Gnade, vor der Tafel der Frau
Markgräfinn Durchlaucht die Hand küssen zu dürfen. Serenissimus zeigten
jedem Offizier außerordentlich viel Gnade.« Am 7. März marschirten das
Anspacher und Bayreuther Regiment mit den Jägern von Anspach ab,
erreichten am 8. Uffenheim und am 9. Ochsenfurt am Main. Statt in Stefft
sollten sie hier in die Mainboote umgeschifft werden, als ein Aufstand
unter ihnen ausbrach, der nur durch die Geistesgegenwart des in aller
Eile herbeigekommenen Markgrafen unterdrückt werden konnte. »Am 9. d.M.
entstand -- heißt es in einem Bericht des Hamburger Korrespondenten vom
18. März 1777 -- unter gewissen, auf der Reise nach England begriffenen
deutschen Kriegsvölkern ein Aufstand, welcher gefährliche Folgen hätte
nach sich ziehen können, wenn nicht noch in derselben Nacht der
Landesherr selbst in aller Eile bei den Schiffen persönlich angekommen
wäre, und durch seine hohe Gegenwart die Völker in Gehorsam zu halten
vermocht hätte. Indessen war es dennoch zu solchen Thätlichkeiten
gekommen, daß ein Mann getödtet und fünf verwundet worden sind, dreißig
andere aber sich davon zu machen Gelegenheit gefunden haben. Die Herren
Kriegskommissarien, welche ihres Lebens nicht sicher gewesen, mußten in
einer benachbarten Stadt ihre Zuflucht suchen.«
Lassen wir noch einen Augenzeugen die Ereignisse dieses Tages erzählen:
»Wir marschirten durch Ochsenfurt, welches dem Bischof von Würzburg
gehört -- schreibt Johann Conrad Doehla, Soldat im Bayreuthischen
Regimente von Voit, in seinem Tagebuche -- und wurden da am Abend des 9.
März das erste Mal eingeschifft und hielten da vor Anker über Nacht auf
dem Main. Weil wir nun dieses Quartier noch nicht gewohnt waren und sehr
wenig Platz war auf den Schiffen, indem wir sehr dichte zusammenlagen
und der häufige Schiffsrauch uns sehr beschwerlich war, auch war es
ziemlich kalt: Dieses alles gab daher Gelegenheit zum Raisoniren an die
Hand und erstunde auch Tags darauf ein ganzer Aufstand und Rebellion
nemlich. Zu Früh mit Tagesanbruch machte das Anspacher Regiment den
Anfang dazu, indem da ein Schiff von ihnen nahe am Lande vor Anker lag,
so legten sie ein lang Brett vom Schiff an's Land hinaus, und gingen
alle aus diesem Schiff an's Land heraus, zogen hernach mehr Schiffe zu
Lande; auch eines vom Bayreuther Regiment. Unsere Leute stimmten auch
diesem Unternehmen bey und brachen mit Gewalt und ohne Erlaubniß der
Herrn Offiziere aus den Schiffen; so daß in einer Stunde kein Soldat von
den zwei Regimentern mehr in Schiffen anzutreffen war; alles war in der
größten Furie aufgebracht. Und obgleich die beiden Herrn Obristen und
Commandanten, sammt allen Offizieren, sowohl gute als böse Worte und
alle Mittel hervorsuchten, um die Leute wieder zufrieden zu stellen,
auch Brod, Fleisch und andere Victualien nebst Holz häufig aus der Stadt
herbeischaffen ließen, um damit die Leute kochen sollten, und wann die
Leute gegessen und getrunken hätten, wiederum zu Schiffe sich begeben,
so half doch dieses alles im Geringsten nichts, sondern der viele Wein,
den die Einwohner von Ochsenfurt häufig herbei brachten, machte, daß die
Soldaten noch furiöser wurden und auf keinen Offizier nichts mehr gaben,
ein Jeder ließ sich verlauten, nicht mehr in's Schiff sich nöthigen zu
lassen. Daher gegen Mittag hin die Leute sich stark gegen den
überliegenden Bergen zu wanderten und in ihrer Tollheit und
Betrunkenheit den Reisaus nahmen. Es wurde daher das Jäger-Corps
befehligt, sich gegen die Anhöhen auszupostieren und Schreckschüsse auf
die rebellierenden Ausreisser zu thun. Allein unsere Leute gaben auch
Feuer auf die Jäger. Es wurden daher einigen Leuten von den unßerigen
die Beine blessirt, die Rebellion gab daher Anlaß, daß die Stadt
gesperrt wurde und die Zugbrücken aufgezogen wurden, weil sich die
Bürger bei dergleichen Aufruhr nichts Guts versahen, es wurde faßt auf
zwei Stunden gegen einander gefeuert, und weil endlich die Jäger einige
von uns blessirten, so gab es auch Anlaß zu einer großen Antipathie
zwischen uns und ihnen, so auch einige Jahre noch in Amerika fort
dauerte. Endlich gegen Abend hin, als der Wein den Leuten etwas aus den
Köpfen gekommen war, so wurden sie doch wieder etwas zufriedener, es
wurde auch von dem Herrn Obrist v. Eyb als Chef vom Anspacher Regiment
die Versicherung ertheilt, daß wir wieder Uffenheim gingen; dieses
veranlaßte, daß die Regimenter sich wieder in Ordnung stellten, und
endlich auf vieles Zureden, von denn Herrn Offizieren in Zufriedenheit
und Ruhe gebracht wurden. Es waren bei diesem Aufstande gegen 40 Mann
von unsern Bayreuther Regimente echappiret. Daher wurde auch sogleich
ein Expresser nach Anspach abgeschickt, um von diesen Vorgegangenen
allen Ihro hochfürstlichen Durchlaucht zu rapportiren. Dieser sobald er
Nachricht bekam, machte sich sogleich mit einigen Begleitern zu Pferd in
der Nacht auf den Weg und kam mit höchster Bestürzung ganz schleunig. In
aller Frühe kam der Markgraf bei uns an, unsere zwei Regimenter wurden
sogleich aufgestellt, und der Markgraf ging Mann für Mann durch und
fragte einen jeden, was seine Einwendungen wären und versprach dabei
alle Gnade und Fürstengunst alle denen, die mit nach Amerika in
englischen Solde gehen würden, die so aber nicht wollten mit hinein,
sollten heraustreten und dagegen aber ihres Vermögens sammt ihren
Vaterlande und aller fürstlichen Gnade verlustigt sein. Hierauf sind wir
beide Regimenter wieder eingeschiffet.«
Der Markgraf, für den ein so gewinnreiches Geschäft auf dem Spiele
stand, stellte sich mit der gespannten Büchse in der Hand und in
seine Wildschur gehüllt, selbst auf das Mainschiff, um jeden
Erneuerungsversuch der Flucht zu verhindern, was ihm denn mit Hülfe
würzburgischer Husaren auch gelang. Ja Serenissimus, bei dessen
Erblickung der rechtschaffene Soldat Freudenthränen vergoß und seinen
Marsch mit Ruhe antrat (wenn wir anders jenem Berichte des Hamburger
Korrespondenten glauben dürfen) beschloß der größern Sicherheit wegen,
seine Truppen jetzt nicht mehr außer Augen zu lassen, und sie den Main
und Rhein hinunter bis zu ihrer Einschiffung in Holland zu begleiten. So
schnell war er von Anspach weggeeilt, daß er seine Uhr auf dem Tische
liegen gelassen und nicht einmal Kleider mitgenommen hatte, so daß er
sich vom Erbprinzen von Hanau reine Wäsche und Hemden borgen mußte.
Diese Meuterei, so unbedeutend sie an sich auch war, verursachte eine
gewaltige Aufregung unter den kleinen deutschen Fürsten und im
englischen Ministerium. Beide Theile fürchteten, daß dieser Geist der
Unzufriedenheit und offenen Widersetzlichkeit leicht um sich greifen,
also zukünftigen Aushebungen hindernd in den Weg treten könne. »Die
Revolte der Anspacher -- meldet der englische Gesandte Cressener am 17.
März an Suffolk -- konnte nur durch die freundliche Hülfe der Truppen
des Fürstbischofs von Würzburg gedämpft werden. Der Markgraf erzählte
mir gestern beim Essen, wie sehr er diesem zu Dank verpflichtet sei. Die
Anspacher sind lauter schöne Leute; wenn sie nur nicht so abgeneigt
wären, nach Amerika zu gehen!« »Bedanken Sie sich im Namen Ihres Hofes
beim Fürstbischof von Würzburg für seine uns bei der Niederwerfung des
Aufstandes der Anspacher gewährte Unterstützung«, antwortete Suffolk.
»Die Meuterei in Ochsenfurt -- schrieb Graf Wartensleben aus Mainz am
16. März an Cressener -- brach, so viel ich hörte, aus, weil das
Regiment Bayreuth sich nicht von den Jägern transportiren lassen wollte,
weil die Schiffe zu eng waren und zu stark rauchten. Der Bischof von
Würzburg schickte ein Korps Husaren und ein Dragoner-Regiment. Das
half.«
Faucitt meldete am 17. April, daß der Aufstand so schlimm nicht gewesen
sei. Die Offiziere hätten gleich drein hauen sollen, statt zu viel
Nachsicht zu beweisen. Eine gute Disziplin werde die frechen Burschen
schon mürbe machen, man solle beide Regimenter in Amerika zu besonders
schwerem Dienst verwenden. »Der Markgraf bekannte mir -- fuhr er am 24.
April fort -- daß er bei jener Ochsenfurter Meuterei 18 bis 20 Mann
durch Desertion verloren habe, eine keineswegs große Zahl, wenn man die
hier zu Lande überwiegende Parteilichkeit für die Amerikaner und die
Vortheile bedenkt, welche österreichische und andere Werbe-Offiziere aus
diesem Stande der öffentlichen Meinung für ihre eigenen Zwecke ziehen.
Es ist mir kaum möglich, Ew. Lordschaft einen nur annähernden Begriff
von der hierorts herrschenden gehässigen Abneigung gegen England und von
den Bemühungen zu geben, welche von übelgesinnten Menschen angewandt
werden, um die Soldaten von dem englischen Dienste abzuschrecken. Des
Markgrafen kluges und beherztes Handeln und seine Begleitung der Truppen
bis zum Hafen vereitelte jedoch die schändlichen Absichten dieser
Schurken. Leider werden wir aber aus Franken in diesem Jahre schwerlich
neue Truppenlieferungen erhalten, umsoweniger als der Markgraf
entschlossen ist, in Zukunft keine Rekruten mehr aus seinem eigenen
Lande, sondern nur Fremde anzuwerben.«
Die Anspacher Soldaten fügten sich übrigens fortan der auf's Strengste
gegen sie gehandhabten Disziplin und machten weder auf der Reise, noch
in Amerika einen weitern Aufstandsversuch, der beste Beweis dafür, daß
die Ochsenfurter Meuterei nur das Ergebniß einer augenblicklichen
Aufwallung, wenn nicht einer trunkenen Stimmung war. Die Deutschen jener
Zeit fühlten eben in ihrer großen Mehrzahl nicht das an ihnen begangene
Verbrechen. So ging denn auch dieses Ereigniß ziemlich unbemerkt
vorüber. Nur eine einzige Ausnahme findet sich in den Gemmingenschen
Manual-Akten. Es ist ein pseudonymer Brief, den ein angeblicher Hans
Fürstenfeind an »Ihro Durchlauchten, den Herrn Markgraf zu
Brandenburg-Anspach &c. zu Anspach« schrieb. Der Inhalt entsprach nicht
der geschäftsüblichen Anrede; er lautet wörtlich:
»Durchlauchtiger Barbar, Gnädiger Menschen Verkäufer!
So wie der Oxsen Treiber sorgsam ist, seine Heerde glücklich und ohne
Zufall an den Markt zu bringen, so lassen Ew. Durchlaucht es sich auch
angelegen seyn, die an England verkaufften Menschen wolbehalten zu
überliefern, um für die Ihnen davor versprochenen Lst. 39,588 in die
Wolle zu kommen. Der Zug ist schön. Sie gehen vorauf als Eigener der zu
Markte gebrachten Troupes. Hinten an folgen die Jäger wie Hunde. Sobald
einer ausweicht, bellen und beißen sie und geben Feuer.
Die nun mit Wiederwillen und ohne Gewehr hingeführten Menschen warten,
bis ihnen die Gelegenheit wieder die Waffen in Händen spielen, um sich
an den Jägern zu rächen. Anstatt gegen die Amerikaner zu fechten, werden
sie sich unter sich selbst aufräuben und den Engländern mehr schädlich
wie nützlich sein.
Gantz Europa siehet dieses als eine natürliche Folge ein. Nur Ew.
Duchlauchten sind zu kurzsichtig. England wird Ihnen aber das Rätzel
erklären, Ihnen und Ihren Truppen zurückschicken und anstatt 39,000 Lst.
zu geben, vor der gantzen Welt lächerlich machen.
Der Vorfall zu Oxsenfurth freuet der ganzen Welt, besonders macht man
den vier verabschiedeten Soldaten die grösseste Eloge. Man sagt, daß man
diese zu Ew. Durchlaucht Schande ein ewiges Ehrendenkmahl aufrichten und
Ihnen darinnen als Menschen Verkäuffer unter den Elendesten der
Verbrecher setzen wird.
So wie man bereits in England und Frankreich von den Menschen Handel der
Teutschen Fürsten Comoedien schreibt, so wird man auch bald davon
Tragödie aufführen. Es wird nicht lange nicht an Stoff dazu fehlen. Die
Unterthanen werden zu klug, als nicht solche Tyrannen, die ihnen wie das
Vieh verkauffen, abzusetzen und fortzujagen.
Ich habe übrigens die Ehre zu seyn Ew. Durchlaucht Barbaresk ergebenster
Diener Hans Fürstenfeind.«
Dieser Brief, in schöner Frakturschrift geschrieben, traf am 20. April
1777 in Anspach ein. Gemmingen war außer sich vor Aerger und Schrecken:
Es lag ihm Alles an der Ermittelung des »frechen Pasquillanten«; er
wollte an ihm womöglich ein abschreckendes Exempel statuiren. Der
Minister schickte also sofort das Kouvert an den kaiserlichen
Postmeister Welz in Nürnberg, um zunächst den Absendungsort zu
ermitteln. Die Antwort dieses Beamten vom 29. April lautete dahin, daß
der Brief von Straßburg gekommen sei. Eine dahin gesandte Anfrage ergab
kein weiteres Resultat, als daß nach der Ansicht des dortigen
Postmeisters Mouilleraux der Brief seinem Stempel nach in Bordeaux
aufgegeben sein müsse. Die Schrift ist allerdings entschieden
kaufmännisch; auch auf dem Pettschaft sieht man den geflügelten Stab des
Merkur. Wahrscheinlich also hat ein deutscher Kaufmann in oder bei
Bordeaux in obiger Weise seinem Patriotismus Luft gemacht. Gemmingen
hielt es, nachdem er diese Auskunft empfangen, für besser, die Sache auf
sich beruhen zu lassen, konnte er doch bei der den Amerikanern günstigen
Stimmung Frankreichs von dessen Regierung keine Unterstützung seiner
Rachepläne gegen »den frechen Pasquillanten erwarten!«
Achtes Kapitel.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrages mit Anspach war
Faucitt nach Hanau geeilt, um mit dem Erbprinzen von Kassel und Grafen
von Hanau wegen der ihm von diesem angebotenen Jäger abzuschließen. Seit
die englischen Generale ihre unbedingte Vermehrung anempfohlen hatten,
wurden auf einmal, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen, die
deutschen Förster und Jagdgehülfen ein äußerst gesuchter Artikel. Der
Erbprinz Wilhelm, obgleich er deren nur wenig an der Hand hatte und
deswegen Anfangs nur 160 anbot, machte sich, um aus den günstigen
Konjunkturen des Marktes Vortheil zu ziehen, doch anheischig, ihrer so
viel als Suffolk verlangte zu liefern, zumal sein Vater, der Landgraf
von Hessen-Kassel, schon im Vorsprung war.
»Wir hatten -- schrieb Malsburg am 17. Januar 1777 an Faucitt -- auf
Ihren ablehnenden Brief hin den Plan, Ihnen für das Frühjahr Jäger zu
liefern, schon ganz fallen lassen. Seine Ausführung ist jetzt auch
schwieriger als damals, wenn nicht ganz unmöglich, nicht allein durch
den Zeitverlust, sondern auch durch Rekrutirungen, die der Landgraf
seitdem in unsrer ganzen Nachbarschaft vorgenommen hat und auf welche
wir ganz besonders gerechnet hatten. Nur der Eifer meines Herrn für die
gute Sache und seine unwandelbare ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit an den
König ist im Stande, diese unvorhergesehene Schwierigkeit zu heben. Der
Prinz wird jeden Nerv anstrengen, um das Jägerkorps möglichst bald
zusammen zu bringen. Voraussichtlich können wir aber vor Mai Niemanden
liefern.« -- »Es ist eine Abgeschmacktheit, zu erwarten -- antwortet
Suffolk am 4. Februar 1777 -- daß man die Jäger noch im Mai nimmt. Der
König will deshalb nur soviel als bis zur Einschiffung der Anspacher
fertig sein können.«
Der hanauische Minister Malsburg that nach dem Zeugnisse Faucitt's nur
so ängstlich, um sich aus der Erfüllung des Vertrages in verhältnißmäßig
kürzerer Zeit ein besonderes Verdienst zu machen. Faucitt rieth, dem
geldbedürftigen Prinzen 2000 Pfd. auf Abschlag zu schicken, das werde
helfen. Natürlich half es. Der Vertrag, durch welchen zugleich die
Subsidie im Verhältniß zur Zahl der gelieferten Jäger vermehrt wurde,
kam am 10. Februar 1777 für 412 Mann zu Stande. Seine Einleitung lautet:
»Nachdem der König von England seine Zustimmung dazu gegeben hat, daß
die in seinem Dienste befindlichen Truppen des Erbprinzen um ein Korps
Jäger vermehrt werden sollen, und nachdem der Erbprinz im Einklang mit
der tiefsten Dankbarkeit, der ehrfurchtsvollsten Ergebenheit an Seine
Majestät und dem unbegrenztesten Eifer für die Interessen und den Dienst
des Königs mit der größten Freudigkeit die Aushebung und Ausrüstung
eines solchen Korps übernommen hat, so sind die beiderseitigen Minister
übereingekommen &c.«
Es werden sodann in acht Paragraphen die Bedingungen festgestellt, unter
welchen dieses Korps in den englischen Dienst tritt. Es darf mehr, aber
nicht weniger als vier Kompagnien, jede zu 100 Mann, zählen. Die erste
Kompagnie muß zu Anfang März marschfertig sein. Die Löhnung erfolgt mit
dem Augenblick der Anwerbung jedes einzelnen Mannes, der ein gelernter
Jäger sein muß. Das Werbegeld beläuft sich auf dreißig Kronen pro Mann,
das in zwei gleichen Zahlungen, je einen und je zwei Monate nach
Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages, zu berichtigen ist, und wird
auch die an den Erbprinzen zu zahlende Subsidie im Verhältniß zur Zahl
der neu angeworbenen, resp. von England angenommenen Jäger erhöht.
Schließlich werden die hanauer Jäger mit den kasselschen auf ganz
gleichen Fuß gestellt, und ist ihre Löhnung höher als die der
Infanterie.
Der erste Transport (117) Jäger und 100 Rekruten verließen Hanau am 7.
März; der aus drei Kompagnieen bestehende Rest wurde zu Anfang April auf
dem Main und Rhein eingeschifft.
Faucitt und der Prinz von Hanau hatten diesmal versäumt, sich zur
rechten Zeit die Erlaubniß zur Durchreise der Truppen durch die Gebiete
der rheinischen Fürsten zu erbitten. Diese Vernachlässigung sollte sich
aber jetzt bitter rächen. Der Mainzer und Trierer Kurfürst beschlossen
nämlich auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten Grafen Metternich
(Vater des spätern Fürsten), die vorbei passirenden Kontingente
anzuhalten und jedes mit Truppen gefüllte Fahrzeug nach ihren
Unterthanen zu durchsuchen. Am 8. März also ließ der Kurfürst von Mainz,
ohne den Einspruch des hanauischen Offiziers zu beachten, aus dessen
Booten acht Jäger nehmen, die er als seine Unterthanen reklamirte.
Einige, hieß es, seien Deserteure aus seinem Dienste und namentlich
befinde sich Einer darunter, den er vergebens von Hanau reklamirt habe;
dann aber seien auch einige Leibeigene dabei gewesen, an deren Körpern
ihm das Eigenthumsrecht zustehe; diesen Eingriff in Privatrechte habe
man sich unter keinen Umständen gefallen lassen können, wenn man selbst
wegen der Deserteure ein Auge habe zudrücken wollen. Der Prinz von Hanau
habe wissen müssen, daß diese Eigenthumstitel wieder aufgelebt seien,
sobald einer von diesen Leuten das mainzische Gebiet betreten habe.
Selbstredend verfehlte Malsburg nicht, Suffolk die gefährlichen Folgen
dieses Verfahrens in den stärksten Farben zu malen. »Der Akt ist gegen
England gerichtet -- schrieb er diesem am 9. März. -- Wenn Sie ihn
dulden, so können die mit Soldatenlieferungen betrauten Fürsten auf die
Dauer ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Man muß, um die
Nachahmung des gegebenen Beispiels zu verhindern, ähnliche Eingriffe
gleich von vornherein durch lebhafte Vorstellungen unterdrücken. Mein
Herr, der kein Kartell mit Mainz hat, also jeden Mainzer anwerben kann,
hat sie gemacht und Genugthuung für die begangene Gewaltthat verlangt.
Thun Sie jetzt auch das Ihrige.«
Da sich herausstellte, daß die acht Mainzer wirklich Deserteure aus der
Festung und da sie noch von keinem englischen Kommissär in den Dienst
des Königs eingemustert waren, so verweigerte Suffolk mit Recht jede
Einmischung in die Sache und empfahl dem Erbprinzen, die von Mainz
gestohlenen Rekruten in Zukunft nicht mehr der Gewalt des Kurfürsten
preiszugeben.
Dieser hatte auch den einige Tage später eintreffenden anspacher
Schiffen einen Besuch zugedacht, welche am 13. März in Hanau und zwei
Tage darauf vor Mainz eingetroffen waren. Als er aber hörte, daß der
Markgraf selbst sich in Begleitung der Erbprinzen von Hanau und
Darmstadt an Bord befand, zog er, aus Furcht vor ihnen, die zur
Durchsuchung der Boote bestimmte Abtheilung von einigen Offizieren und
dreißig Unteroffizieren zurück. Dagegen wurde die Schiffbrücke anfangs
nicht geöffnet. Der Kurfürst hatte ein großes Essen anrichten lassen,
weil er den Markgrafen mit den beiden Erbprinzen als Gäste erwartete. Ob
sie sich nun nicht an's Land wagten, weil sie, wie Oberst Rainsford
berichtet, von den Mainzern arg verhöhnt und beschimpft wurden, oder ob
sie dem Kurfürsten ihren Unwillen ob seiner wenig brüderlichen
Handlungsweise zu erkennen geben wollten --, es kam Niemand als ein
anspacher Offizier, der kurz die Frage stellte, ob man die Brücke öffnen
wolle oder nicht? Als man mit dem Bescheid zögerte, erklärte er, die
Brücke im Weigerungsfalle sprengen zu lassen. Lächerlicher Weise
antwortete man ihm darauf, daß man sie auf eigene Gefahr öffnen wolle,
daß es der Kurfürst aber nicht erfahren dürfe, da er Befehl gegeben
habe, die Brücke unter keiner Bedingung zu öffnen. So fuhr denn Abends
in der Dunkelheit die anspacher Flotille durch.
Auch bei Koblenz zog der Markgraf ungehindert vorbei, indem man ihn zu
stark fand, als daß man ihn anzuhalten gewagt hätte. Die dortige
Regentschaft verlangte nur, er solle den Hessen nicht helfen, was er
natürlich seinem Konkurrenten gegenüber gern versprach. Darauf begrüßte
man ihn in aller Freundschaft von Ehrenbreitstein aus mit vierundzwanzig
Kanonenschüssen. Als der Markgraf Koblenz passirte, war dort nämlich
gerade der hessen-kasselsche Oberst Benning mit einem von Rheinfels
kommenden Rekruten-Transport angehalten, damit er auf Befehl der
Regentschaft dem kaiserlichen Gesandten, Grafen Metternich, die unter
seinen Leuten befindlichen kaiserlichen Unterthanen herausgebe. Am Rhein
waren die Posten verdoppelt und die Kanonen auf die hessischen Boote
gerichtet, den Fluß entlang aber Feuer angesteckt, um sie an der Abfahrt
zu verhindern. Kurz die Sache sah ganz ernst aus. Indessen wären Hessen
und Anspacher stark genug gewesen, dem Ansinnen erfolgreichen Widerstand
zu leisten. Da aber der Markgraf den Obersten im Stich ließ, so wurden
ohne Weiteres siebenzehn Soldaten aus den Schiffen genommen, die dem
Kaiser gehören sollten. Diese Maßregel verursachte einen Aufenthalt von
mehreren Tagen. Der Verzug war um so gefährlicher, als es gerade damals
sehr stark fror, die Boote aber zum Theil offen waren und weder
hinreichendes Stroh noch Oefen hatten, so daß die Rekruten massenhaft
krank und die Gesunden stündlich unzufriedener wurden. Faucitt und
Cressener befürchteten deshalb jeden Augenblick eine Meuterei. Indessen
kamen die Hessen dies Mal noch ohne weitern Verlust als die obigen
siebenzehn Mann davon.
Cressener schrieb einen entrüsteten Brief an den Kommandanten von
Koblenz und die Regentschaft. Er fragt darin verwundert, wie der
kaiserliche Gesandte es wagen dürfe, derartig den Kurfürsten von Trier
zu beleidigen, der doch Herr in seinem eigenen Lande sei. Uebrigens
hoffe er, dem Kommandanten liege die Ehre seines Fürsten zu nahe, als
daß er die Hand zu einer solchen Gewaltthat bieten werde, die ganz gegen
das Völkerrecht verstoße, und weist schließlich die Regentschaft auf die
angebliche Rettung Deutschlands durch den Herzog von Marlborough und die
Schlacht von Dettingen (!!) hin. Selbst Suffolk scheint diese Art
englischen Geschichtsunterrichtes doch etwas zu kühn gefunden zu haben,
denn er meint in einem Briefe an Cressener, dieser hätte lieber von den
Marlborough'schen Feldzügen und der Dettinger Schlacht, als im Interesse
des Reiches unternommen, nicht sprechen sollen; zur Sache selbst aber
hoffe er, der Kurfürst werde seine eigene Würde zu sehr fühlen, als daß
er Metternich gestattete, seine Rechte so schmählich zu verletzen.
Uebrigens behielt es bei den Beschwerden sein Bewenden. Es wird in
unsern Quellen auch nicht berichtet, ob die Rachedrohungen des kasseler
Vaters und des hanauer Sohnes wegen Beschimpfung ihrer »Flagge« (!!)
wirklich ausgeführt wurden. Es scheint vielmehr, daß sich ihr Zorn
allmälich abgekühlt und ganz verlaufen hat.
Die Fahrt der Hessen und Anspacher verlief bei der freundlichen
Gesinnung des Kurfürsten von Köln gegen England und in Ermangelung jeder
Chikane seitens der preußischen Behörden ohne jede äußere Störung.
Dagegen war die Stimmung der Truppen selbst desto erbitterter. Der
Markgraf gab den Seinigen, um ihnen jede Ursache zur Klage zu nehmen,
auf der ganzen Reise eine Extra-Ration von einem Pfund Brod und einem
Pfund Fleisch per Tag auf den Mann und theilte, als bis Nimwegen Alles
gut gegangen war, unter jedes Regiment hundert Dukaten als Geschenk aus.
Unter den Soldaten der hanauischen Kompagnie Kornrumpf entstand dagegen
am 25. März auf dem Rhein bei S'Gravendael in Holland eine Meuterei.
Sieben Mann sprangen über Bord. Vier von ihnen wurden von ihren
Verfolgern wieder eingefangen, die drei übrigen retteten sich in ein
Haus. Die Bauern der Ortschaft nahmen ihre Partei und vertheidigten sie
gegen die ihnen nachsetzenden Offiziere und Soldaten, so daß diese sich,
um nicht todtgeschlagen zu werden, unverrichteter Sache zurückziehen
mußten.
Die Anspacher wurden am 25. März vom Obersten Rainsford in den
englischen Dienst gemustert. »Es sind schöne, prächtige Kerle -- meldet
dieser am 28. März aus S'Gravendael an Suffolk -- jung und gut gebaut,
kurz ein herrliches Korps. Ich fürchtete, sie würden nicht ohne Weiteres
den Eid der Treue leisten, da ihr Gemurre noch kurz vorher ihre eigenen
Offiziere beunruhigt hatte; allein die Anwesenheit ihres Fürsten, des
Markgrafen, der sie von Ochsenfurt bis hierher begleitet hatte,
verhinderte den Ausbruch selbst der geringsten Unzufriedenheit. Am
zweiten Tage brachten wir sie nach Dortrecht, wohin sie der Markgraf in
seiner Yacht begleitete, und gestern Abend wurden sie Alle zugleich mit
den hessischen Jägern und Rekruten eingeschifft. Ich hielt es im
Interesse des königlichen Dienstes für geboten, ihnen bei ihrer Ankunft
an den Schiffen, um sie guten Muthes zu erhalten und jede
Unannehmlichkeit zu vermeiden, frisches Fleisch und Brod zu versprechen,
da sie sonst schwerlich dem König den Eid der Treue geleistet haben
würden. Es ging aber Alles gut ab. Die Leute waren sehr zufrieden, als
sie an Bord frisches Brod und Fleisch erhielten.«
Auch die hanauer Jäger fand Rainsford in ausgezeichneter Ordnung für den
Dienst.
Nicht so günstig spricht er sich über die hessen-hanau'schen Rekruten
aus, die er am 27. März in den englischen Dienst musterte. Nur die
früher in preußischen Diensten gestandenen Leute seien hübsche Kerle;
die übrigen habe er nur deshalb zugelassen, meldet er, weil es bereits
sehr schwer geworden sei, gute Mannschaften zu bekommen; sie seien
meistens zu alt oder zu jung, ja sogar mehrere Einäugige hätten sich
darunter befunden. Wegen der hier bewiesenen Nachsicht schenkte, wie es
scheint, der Erbprinz von Hanau dem Obersten Rainsford eine goldene
Schnupftabacksdose, welche mit seinem in Brillanten gefaßten Portrait
geschmückt war. Dieser hielt sie nicht für echt und ließ sie deshalb
sofort von einem Juwelier abschätzen. »Das hätte ich nicht gedacht --
vermerkt der ob der Schätzung freudig erstaunte Oberst in seinem
Tagebuche -- die Dose ist wahrhaftig Lstr. 160 werth: Lstr. 100 die
Brillanten, Lstr. 20 das Gold, Lstr. 10 das Bild und Lstr. 30 die
Arbeit; der Prinz ist doch anständig!«
Am 29. März segelten die Anspacher nach Portsmouth ab und kamen am 4.
Juni in Staaten Island bei New York an; der Markgraf selbst traf von
seiner »Berufsreise« am 10. April wieder in Anspach ein.
Die drei letzten hanau'schen Jäger-Kompagnieen gelangten unter Oberst
Creuzburg am 9. April 1777 ganz unbehelligt nach Nimwegen und wurden am
11. in den englischen Dienst eingeschworen. Rainsford schildert sie als
ein schön ausgerüstetes Korps von vortrefflichen Schützen und bedauert
nur, daß Suffolk keine Transportschiffe zu ihrer Beförderung gesandt
habe.
Wie gefügig übrigens diese Truppen waren, wie wenig man sich zu ihnen
der Desertion oder gar einer Meuterei zu versehen brauchte, beweist am
Besten die Anrede, welche der Auditeur Becher in Hanau an die anspacher
und hanauer Soldaten bei ihrer Vereidigung richtete. Der Leser wird
bemerken, daß das patriarchalische _Er_ und das vertrauliche _Du_, um
jeden äußern Anstoß zu vermeiden, dem höflichern _Sie_ Platz gemacht
hat. Diese Anrede und dieser Eid lauten wörtlich:
»Ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne dies schon das allergnädigste und
gnädigste Zutrauen erfüllen werden, welches Se. Königlichen Maj. und
beyde durchlauchtigste Fürsten in Ihre Redlichkeit und Tapferkeit
setzen, und daß Sie bey allen Kriegs-Vorfallenheiten zeigen werden, daß
Sie Deutsche sind, welche jederzeit den großen Ruhm der Treue und
Tapferkeit behauptet haben. Werden Sie, wie man es von Ihnen erwartet,
mit diesen redlichen Entschließungen von hier abgehen und denselben
getreu bleiben und nachkommen, so erwartet auch unfehlbar in einem
fremden Welttheil, Ehre, Glück und Belohnung auch Sie. Sie streiten für
die gerechteste Sache eines der erhabensten und gütigsten Monarchen. Sie
können sich nicht weniger der höchsten Gnade Ihrer theuersten Landes-
Fürsten versichern, von deren Liebe und Zuneigung Sie schon so viele
Beweise haben. Machen Sie sich dieser würdig und ehren Sie durch
Unerschrockenheit und edelmüthige Kühnheit Ihren Stand und Ihr
Vaterland, und Jeder von Ihnen sei dem Andern zum Muster, wie sich ein
braver und rechtschaffener Soldat hervorthun müßte.
Hören Sie nunmehr die Formul aufmerksam an, wonach Sie einen leiblichen
Eid zu Gott dem Allmächtigen schwören sollen: »Ihr sollt geloben und
schwören einen leiblichen Eid zu Gott dem Allmächtigen, daß Ihr Sr.
König. Großbritannischen Majestät in allen Kriegsvorfallenheiten
treulich, willig und redlich dienen, dem Commando folgen und Euch
überhaupt dergestalt erweisen wollt, wie tapferen und redlichen Soldaten
wohl anstehet, eignet und gebühret, jedoch vorbehaltlich und
ohnabbrüchig derjenigen Eides-Pflichten, mit denen Ihr Eurem gnädigsten
Fürsten und Herrn ohnehin bereits zugethan seid. Alles getreulich und
ohne Gefährde.«« Hierauf wird mit Emporhebung der zwei vordersten Finger
nachgesprochen.
»Daß ich dem also, wie mir jetzo vorgehalten worden und ich
wohlverstanden habe, in allem steif, getreu und unverbrüchlich
nachkommen wolle, solches gelobe und schwöre ich, so war mir Gott helfe
durch seinen Sohn Jesum Christum, unsern Erlöser und Seeligmacher.
Amen!«
Mittler Weile hatte sich die Lage der Dinge in Amerika sehr zum
Nachtheil Englands gestaltet. Washington's Erfolge im Winterfeldzuge
1776-1777 machten es selbst dem hochmüthigen Londoner Kabinet klar, daß
die Unterwerfung der Aufständischen noch mehr als einen Feldzug in
Anspruch nehmen würde. Suffolk wurde deshalb auch weniger wählerisch und
suchte Truppen zu erlangen, wo sie sich ihm nur anboten. Wir haben im
sechsten Kapitel gesehen, wie er in den ihm von Sir Joseph Yorke namhaft
gemachten kleinen deutschen Staaten, Baden, Darmstadt, Gotha und
Hildburghausen seinen Zweck nicht erreichte. In dieser seiner
niedergeschlagenen Stimmung trat von Neuem das Angebot des Fürsten v.
Anhalt-Zerbst an ihn heran, welches sein Agent Faucitt im ersten Jahre
des Krieges verächtlich abgelehnt hatte. »Der Fürst von Anhalt-Zerbst
hat mich und Faucitt -- schrieb Yorke am 7. März 1777 an Suffolk -- oft
mit seinen Truppenanerbietungen geplagt; ich habe ihn indessen stets
höflich abgewiesen. Er will, glaube ich, zwei Bataillone, er kann aber
vielleicht mehr stellen. Sie sollen in guter Ordnung sein. Es hängt von
Ihren Befehlen ab, ob ich den Fürsten auf Privatwegen sondiren und mir
bei ihm ein Verdienst daraus machen soll, mich ihm nützlich zu zeigen.«
»Thun Sie ja, was Sie können, antwortete er jetzt Sir Joseph Yorke am
11. März -- um dem Fürsten von Anhalt-Zerbst in nicht offizieller Weise
auf den Zahn zu fühlen. Wenn ich weiß, wieviel, wie und wo er liefern
kann, werde ich ermessen können, ob es rathsam ist, in dem Geschäft
fortzufahren.«
Auf diesen Briefwechsel hin wurden die Verhandlungen mit dem Fürsten
eröffnet.
_Friedrich August_, der letzte Fürst dieses Ländchens (1747-1793) gebot
über ein Territorium von etwa fünfzehn Quadratmeilen mit ungefähr 20,000
Einwohnern, das (1793 bei seinem Tode unter die drei Vettern von Dessau,
Bernburg und Cöthen verloost) in Folge der seit dem dreißigjährigen
Kriege dort erblichen Mißwirthschaft zu den ärmsten und ausgehungertsten
Deutschlands gehörte. Seit 1716 wurden in Zerbst weniger Menschen
geboren als starben! Das unglückliche Fürstenthum hatte in den letzten
hundert Jahren alle nur denkbaren Landplagen ausgestanden,
Ueberschwemmungen und Hungersnoth, Auswanderung und Krieg. Es besaß
keine Industrie und keinen Handel, litt dagegen desto mehr Mangel an
Nahrung. Nirgend in Deutschland gab es verhältnißmäßig mehr Hagestolze,
namentlich unter den Beamten, weil die im siebenzehnten Jahrhundert
festgesetzte Besoldung kaum halb zum standesgemäßen Haushalt ausreichte.
Seit 1698 war kein Landtag mehr berufen worden. Die Fürsten herrschten
despotisch, und Friedrich August, mit welchem wir es zu thun haben,
übertraf selbst seine Vorgänger in launenhafter Willkür und frechem
Souverainitätsdünkel. Er ist, was viel heißen will, die Karrikatur des
Landesvaters des achtzehnten Jahrhunderts, die komische Figur unter
seinen Kollegen und verdient der Held eines tragi-komischen Gedichts zu
werden. Friedrich August war der Bruder der berühmten Kaiserin Katharina
II. von Rußland. Ob in den winzigen Verhältnissen der Heimath
Verrücktheit wurde, was bei der großen Schwester auf einem mächtigen
Thron des Auslandes Genialität des Denkens und Handelns war, läßt sich
schwer entscheiden; jedenfalls aber wäre bei Katharina, wenn wir uns
anders einen so gewaltigen hochstrebenden Geist auf dem Zerbster
Thrönchen denken können, Vieles Karrikatur gewesen, was wir jetzt als
groß und imponirend an ihr bewundern. Natürlich mußte ein so angelegter
Mann, wie Friedrich August, aus ganzer Seele seinen mächtigen Nachbar,
Friedrich den Großen, hassen, der Leben schuf, wo noch keines vorhanden
gewesen war, der mit alten Vorurtheilen und Mißbräuchen unbarmherzig
umging und sich in seinem revolutionären Vorgehen am allerwenigsten
durch eingebildete Größen hindern ließ. Der König behandelte den Fürsten
wie einen unbedeutenden Landjunker, in dessen Rechte er allerdings sehr
gewaltsam eingriff, wie er denn z.B. einen von dessen Schützlingen im
Jahre 1758 ohne Weiteres im Zerbster Schlosse verhaften ließ. Nach dem
Frieden von 1763 ging der Fürst nach Basel, um nur nicht in der Nähe des
verhaßten Königs zu sein, und regierte bis 1780 von hier und von 1780 an
von Luxemburg aus sein Ländchen durch Reskripte und Befehle in einem
Stil, den in neuerer Zeit ein anderer deutscher Potentat, Fürst Heinrich
LXXII. von Reuß-Schleiz-Lobenstein glücklich nachgeahmt hat. Als seine
Unterthanen sich einst wegen Abstellung eines Unrechts an ihn wandten
und um seinen Schutz baten, antwortete er ihnen, derartige Lapalien
gingen ihn gar nichts an und wünsche er sehr, in seiner
Zurückgezogenheit nicht mit ihren elenden Klagen belästigt zu werden. Da
diese gleichwohl fortdauerten, verbot er durch einen auf Querfolio
gedruckten Anschlag vom 1. März 1788, daß ihm ferner Niemand mehr
nachlaufe noch ihn behellige, bei Vermeidung unausbleiblicher Ahndung
und Absetzung der Dienerschaft. Auf der Insel Wangeroge, die als Theil
der Herrschaft Jever ihm damals gehörte, errichtete er einen großen
Galgen, an welchem die beim Austernsammeln ertappten Fischer gehängt
werden sollten; es wurde aber keiner abgefaßt.
An Stelle Serenissimi regierte in Zerbst ein Geheimer Rath, dessen zwei
oder drei Mitglieder die sämmtlichen Instanzen bildeten. Bekannt ist die
von dem pädagogischen Schriftsteller Sintenis erzählte Anekdote, wonach
er von dem Geheimen Hofrath Haase, durch den Geheimen Hofrath Haase
nochmals an denselben Geheimen Hofrath Haase appelliren mußte. Der
französischen Revolution muß zu den vielen Sünden, die sie bereits auf
dem Gewissen hat, auch der Tod dieses Fürsten zugeschrieben werden. Als
er von ihrem Ausbruche hörte, wurde er unruhig und erließ lange, sehr
schwer verständliche Schreiben an seine Unterthanen, in welchen er sie
im Namen der heiligen Dreieinigkeit ermahnte, treu und gehorsam zu
bleiben, im Falle des Ungehorsams ihnen aber mit den himmlischen Strafen
drohte. (Warum wohl nicht mit den irdischen?) Friedrich August starb
aus Kummer über die Hinrichtung Ludwig's XVI. Auf die erste Nachricht
von diesem Ereigniß hin weigerte er sich, ferner Speise und Trank zu
sich zu nehmen -- und einige Wochen später war der Märtyrer der
Legitimität todt. Dieses fürstliche Prachtexemplar hatte es in
österreichischen Diensten bis zum Feldmarschall-Lieutenant gebracht,
hielt sich nach 1783 auch selbst eine »Armee« von 2000 Mann mit nicht
weniger als elf Obersten. Seine Werbeplätze waren über ganz Deutschland
zerstreut, einmal gab es deren nicht weniger als sechzehn. Gleichwohl
bezahlte sich das Geschäft, denn er fand fast immer Verwendung für seine
Truppen.
Schon bei Eröffnung der englisch-amerikanischen Feindseligkeiten war
Friedrich August mit seinem Angebote in den Markt gekommen; indessen
nahm man anfangs nicht die mindeste Notiz von ihm, und ohne Yorke's
Empfehlung würde er voraussichtlich wohl nie berücksichtigt worden sein.
Er hatte sich zunächst unmittelbar an Georg III. gewandt, aber keine
Antwort auf seinen Brief erhalten, weil der König seinen Inhalt nicht
entziffern konnte. Um direkt zu seinem Ziele zu gelangen, ließ der Fürst
im Mai 1776 durch den Erbprinzen von Hanau seine Vorschläge an Suffolk
machen. »Wenn Sie je -- schreibt der Minister Malsburg am 27. Mai 1776
an Faucitt -- von der sonderbaren Denk- und Handlungsweise dieses
Fürsten gehört haben, so werden Sie über die Unregelmäßigkeit dieses
Schrittes nicht erstaunt sein. Da Sie aber möglicher Weise ein Regiment
mehr brauchen können, so hat mein Herr mir befohlen, Ihnen den Brief des
Fürsten vertraulich im Original mitzutheilen. Die Verwirrung, die in
seinem Stil und in seinen Ausdrücken herrscht, hat mir nicht erlaubt,
eine französische Uebersetzung davon zu machen. Zudem werden Sie wohl
Jemanden haben, der ihn lesen kann und, soweit dies überhaupt möglich
ist, seinen Sinn erklärt. Der Fürst will also ein Regiment von 627 Mann
an England überlassen. Mein Herr möchte übrigens in der ganzen Sache
nicht genannt sein. Der Brief an den König ist in einer so merkwürdigen
Art geschrieben, daß es mir ein Problem scheint, ob er überhaupt dem
hohen Adressaten übergeben werden kann.«
Faucitt legte in seinem Berichte an Suffolk den Original-Brief des
Fürsten nicht einmal bei, um dem König die Unbequemlichkeit der
Beantwortung eines in so befremdender Weise gemachten Anerbietens zu
ersparen. Suffolk billigte sein Verfahren und ließ den Zerbst'schen
Antrag auf sich beruhen.
Uebrigens war der Fürst so leicht nicht abgeschreckt. Er suchte Ende
November 1776 durch den Herzog von Braunschweig seine Absicht zu
erreichen. »Der Fürst von Anhalt-Zerbst -- schreibt Feronce am 17.
November 1776 an Suffolk -- hat den Herzog inständigst ersucht, durch
Ihre Vermittlung dem König 800 Mann Infanterie für Amerika anzubieten.
Das Regiment ist gut einexerzirt und ausgerüstet; es kann sich, sobald
es gewünscht wird, mit zwei Geschützen in Marsch setzen und, falls der
König noch mehr fremde Truppen anwerben sollte, mit unseren Rekruten
einschiffen. Die einzige Gunst, um die ich bitte, besteht darin, daß der
Herzog in den Stand gesetzt wird, dem Fürsten eine Antwort zukommen zu
lassen.« Suffolk lehnte am 26. November das Gesuch aber auch wieder ab,
weil der König bei der günstigen Wendung, welche die Dinge in Amerika
genommen hätten, keine fremde Truppen dort mehr nöthig zu haben glaube.
Friedrich August war jedoch nicht der Mann, den ein zweimaliger
abschläglicher Bescheid entmuthigt hätte. Er empfahl sich also dem
englischen Gesandten im Haag, Sir Joseph Yorke noch einmal zur
gefälligen Berücksichtigung. Yorke hatte offenbar Mitleid mit dem
Zerbster und wollte seine Standhaftigkeit belohnen. Er verfehlte also
nicht, ihm die durch Suffolk's letztes Schreiben in Aussicht gestellte
günstige Wendung der Dinge mitzutheilen. Als Antwort auf diese freudigen
Eröffnungen empfing er eine wahre Sündflut von fürstlichen Briefen,
Plänen und Vorschlägen, die sich sogar bis auf die Vermehrung der
englischen Marine erstreckten. Bei dem dunkeln und verworrnen Stil
dieses fürstlichen Don Quixote ist es leider nur ausnahmsweise möglich,
seine Gedanken ganz zu errathen, ein Prozeß, der durch ein barbarisches
Französisch bedeutend erschwert wird, da es die abgerissenen Sentenzen
noch verrückter erscheinen läßt. Doch der Leser möge selbst nach den im
Anhang mitgetheilten Proben urtheilen.
Der Fürst schien also endlich am Ziele seiner Wünsche zu sein, und seine
kühnsten Hoffnungen und Gedanken schwelgten jetzt schon in einem
Kreuzzug für die von den amerikanischen Rebellen bedrohte Legitimität.
»Vier Brüder in Dessau -- schreibt er an Yorke in dem im Anhange
vollständig mitgetheilten Briefe vom 29. April 1777 -- besaßen
gemeinschaftlich mehr als sechshundert Hetzhunde, die bei den Dessauer
Bürgern einquartirt waren. Schöne Garnison! und beim ersten
Peitschenknall oder Hörnerschall eilten diese Hunde zusammen wie die
Soldaten beim Klang der Trompete. Teufel! wenn man die Amerikaner wie
diese Hunde laufen machen könnte! Das wäre herrlich! Aber dazu braucht
man Truppen.«
Inzwischen hatte Faucitt am 29. April 1777 auch von Suffolk Auftrag
erhalten, sich von der Beschaffenheit der Zerbster Bataillone zu
unterrichten, um beurtheilen zu können, ob sie des Königs weitere
Aufmerksamkeit verdienten. Er sollte nicht weniger als 500 und nicht
mehr als 800 Mann nehmen und seinen Verhandlungen mit Zerbst den
anspacher Vertrag zu Grunde legen. Kaum war aber Aussicht für die
Vermiethung der Landmacht vorhanden, so faßte der Fürst auch schon den
Plan, die Vortheile seiner an der Nordsee gelegenen Grafschaft Jever zu
verwerthen. »Wenn England -- schrieb er am 23. Juni 1777 an Yorke -- an
der deutschen Küste gegen die Rebellenkaper zwei Fregatten von je zwölf
und zwanzig Kanonen und zwei kleinere Fahrzeuge von je acht und zehn
leichten Geschützen wünscht, so kann ich ihm dieselben überlassen. Meine
Schiffe sind Schnellsegler und aus folgenden Gründen für Sie
unentbehrlich: 1) stellen sie die Verbindung zwischen mir und meinen
Truppen her; 2) vermitteln sie die von Deutschland abzusendenden
Verstärkungen; 3) erlangen sie dadurch so viel Schiffe und Matrosen
mehr, was bei der Frechheit der Rebellen, die »leur canaille de pirates«
überall hinschicken und sogar im Stande sind, die deutschen Küsten
heimzusuchen, gar nicht gering anzuschlagen ist.«
Komischer Weise nahm Yorke diesen letzten Vorschlag im Ernste auf und
meint am 15. Juli 1777 in seiner Bevorwortung desselben bei Suffolk, daß
er deshalb Beachtung verdiene, weil England durch ihn eine große Zahl
von Seeleuten erlangen könne, die sonst vielleicht gegen dasselbe vom
Feinde verwandt werde. Als wenn der Fürst außer vielleicht ein paar
Fischerbooten ein einziges seetüchtiges Fahrzeug gehabt hätte! Der Mann
lebte in Basel und wollte von hier aus eine Flotille ausrüsten!
Suffolk hatte nur unter der Voraussetzung mit dem Fürsten angeknüpft,
daß sein Regiment bis zum April marschfertig in Jever sein und bis zur
Eröffnung des Herbstfeldzuges in Amerika eintreffen könne. Als aber der
Geheime Rath Haase, welcher zerbstischer Seits mit Faucitt den
eventuellen Vertrag in Braunschweig abzuschließen bestimmt war, dort zur
verabredeten Zeit nicht erschien, und als Faucitt außerdem noch Anfang
Juni 1777 nach Hause meldete, daß das Zerbster Regiment, statt wie
versprochen schon in Jever, noch in Zerbst sei, nahm Suffolk unmuthig
seinen Befehl für Annahme der zerbstischen Truppen zurück. Die
Jahreszeit, erklärte er, sei zu weit vorgerückt, als daß sie noch im
Laufe des Sommers in den englischen Dienst genommen werden könnten. Der
Fürst hatte in der Person der Herren von Oppeln und von Wietersheim zwei
»Gesandte« nach London geschickt, um durch sie den Vertrag zwischen den
Kronen Zerbst und Großbritannien abschließen zu lassen. Suffolk
bedeutete sie kurzer Hand, London sei nicht der Platz für ein derartiges
Geschäft und empfahl ihnen sofortige Abreise.
»Trotz Ihrer Versprechungen -- schreibt der Fürst am 25. Juni 1777
wehklagend an Yorke -- hat man in London meine Truppen abgelehnt; man
will bis zum nächsten Jahre warten. Das ist unmöglich, ich werde mich
dann nicht wieder ähnlicher Behandlung aussetzen. Andere Mächte werden
diese schönen Truppen (ohne Eitelkeit!) mit offenen Armen aufnehmen. Ich
hoffe, Sie werden aber noch Alles arrangiren.«
Yorke suchte denn auch die Sache bei Suffolk wieder in den Gang zu
bringen. »Ich sende Ihnen -- schrieb er ihm am 15. Juli 1777 -- durch
den hannöver'schen Kourier verschiedene Briefe, welche ich von meinem
merkwürdigen Korrespondenten, dem Fürsten von Zerbst erhalten habe. In
seinem letzten ist er über den eingetretenen Zeitverlust aufgebracht.
Ich lege meine eigene Korrespondenz nicht bei, da sie nur ermüdend für
Sie sein würde; ich habe mich übrigens genau an meine Befehle gehalten.
Ich habe dem Fürsten heute geschrieben und mich bemüht, ihn guten Muths
zu erhalten und zu besänftigen. Bei allen seinen Verrücktheiten ist er
doch ein guter Kerl, der besser handelt als er schreibt. Ich wünsche,
seine Truppen möchten in diesen schwierigen Zeiten doch noch genommen
werden.«
Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz ließen es denn auch Suffolk noch
im Laufe des Sommers wünschenswerth erscheinen, die englische Armee in
Amerika, sei es auch nur durch ein oder zwei zerbstische Bataillone zu
verstärken, ja er mußte froh sein, daß sich ihm wenigstens eine Aussicht
auf ein sofort bereites Hülfs-Korps bot. So beauftragte er denn im
Herbste 1777 Faucitt, für zwei Regimenter mit dem Zerbster Ministerium
abzuschließen. Dieses unterwarf sich ohne jeden Widerspruch den vom
englischen Kommissar gestellten Bedingungen und begnügte sich sogar mit
der bloßen Punktation eines Vertrages, die gegen Ende Oktober 1777 zu
Stande kam, die es aber England freistellte, seine endgültige
Genehmigung so lange zu verschieben, bis die zerbstischen Truppen von
Faucitt im Einschiffungshafen in den englischen Dienst gemustert sein
würden. Jedes der beiden zu liefernden Regimenter sollte aus 614 Mann,
einschließlich der Offiziere, bestehen; jedes derselben aber nur zwei
Stabsoffiziere, Oberst und Major, haben und im Frühjahr marschfertig
sein.
England übernahm also nicht die mindeste Gefahr oder Verantwortlichkeit;
diese fiel vielmehr ausschließlich der Zerbster Regierung anheim, die,
wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, in der Folge hart genug daran
zu tragen hatte.