in die Hand gaben? Eitler Luxus und übermäßige Verschwendung haben die
Finanzen der Fürsten, die Euch beherrschen, zu Grunde gerichtet. Ihre
Hülfsquellen sind erschöpft und das Vertrauen ihrer Nachbaren haben sie
zu oft getäuscht, als daß sie sich von Neuem an sie wenden könnten. Um
es wiederzugewinnen, müßten sie auf jene verschwenderischen Ausgaben und
auf die tollen Genüsse verzichten, deren Befriedigung ihre wichtigste
Beschäftigung ist. Dazu können sie sich nicht entschließen, das wollen
sie nicht thun. England braucht Soldaten und Geld und kauft beides zu
theueren Preisen. Eure Fürsten beuten dieses augenblickliche Bedürfniß
mit der größten Gier aus; sie heben Truppen aus, verkaufen sie und
liefern sie ab. Das ist die Bestimmung Eurer Armee, dies das Ziel, dem
Ihr entgegen geht. Euer Blut ist der Preis der Verderbtheit und der
Spielball des Ehrgeizes. Das Geld, welches der Schacher mit Eurem Leben
einträgt, wird zur Bezahlung schändlicher Schulden verwendet oder zur
Kontrahirung neuer benutzt werden. Ein gieriger Wucherer, eine
verächtliche Maitresse oder ein gemeiner Komödiant wird die Guineen in
die Tasche schieben, welche gegen Euer Leben eingetauscht wurden.
O Ihr blinden Verschwender, die Ihr mit Menschenleben spielt und die
Früchte ihrer Arbeit und ihres Schweißes vergeudet, späte Reue und
nagende Gewissensbisse werden Eure Henker sein; aber diese können das
Volk nicht trösten, das Ihr unter Eure Füße tretet. Ihr werdet Eure
Arbeiter und deren Ernten, Eure Soldaten und Unterthanen vermissen, Ihr
werdet weinen über das Unheil, dessen Urheber Ihr gewesen und das Euch
selbst wie Euer ganzes Volk erdrücken wird. Ein furchtbarer Nachbar
lacht über Eure Blindheit und bereitet sich vor, daraus Nutzen zu
ziehen. Er schmiedet bereits die Ketten, in die er Euch schlagen wird;
Ihr werdet unter der Last seines Joches seufzen und Euer Gewissen,
welches dann gerechter sein wird als Euer fühlloses Herz, wird die
rächende Furie des Uebels sein, welches Ihr gethan habt.
Und Ihr, betrogene, erniedrigte und verkaufte Völker, Ihr solltet über
Eure Irrthümer erröthen! Laßt den Schleier von Euren Augen fallen und
flieht den Boden, der vom Despotismus befleckt ist. Durchkreuzt das
Meer, flieht nach Amerika; aber umarmt Eure Brüder, vertheidigt dieses
edle Volk gegen die übermüthige Raubsucht seiner Verfolger, theilt sein
Glück und vermehrt seine Stärke. Helft ihm durch Euren Fleiß und eignet
Euch seine Reichthümer an, indem Ihr sie vergrößert; dies ist der Zweck
der Gesellschaft, dies ist die Pflicht des Menschen, den die Natur dazu
bestimmt hat, seinen Nächsten zu lieben, anstatt abzuschlachten. Lernt
von den Amerikanern die Kunst, frei und glücklich zu sein, die Kunst,
gesellschaftliche Einrichtungen zum Vortheile jedes Mitgliedes der
Gesellschaft zu verwenden. Vergeßt in den geräumigen Zufluchtstätten,
welche sie der duldenden Menschheit eröffnen, die Bethörung, deren
Theilnehmer und Opfer Ihr waret. Begreift, was wahre Größe, wahrer Ruhm
und wahres Glück ist. Mögen europäische Völker Euch beneiden und die
Mäßigung der Bürger der neuen Welt segnen, die darauf verzichten werden,
sie für ihre Verbrechen zu bestrafen und ihre entvölkerten Gebiete zu
erobern, welche von tyrannischen Unterdrückern beherrscht und von den
Thränen elender Sklaven befeuchtet werden.«
Der Landgraf von Hessen, nicht zufrieden mit dem Aufkauf der
Mirabeau'schen Schrift, suchte diese sogar durch eine Antwort zu
widerlegen, welche den Titel führte: »_Vernünftiger_ Rath an die Hessen«
und sich selbstredend auf die feudalen Legitimitätslehren stützte.
Mirabeau entgegnete ihm aber in einer »Erwiderung auf den vernünftigen
Rath«, worin er, durch die Beweisführung des Gegners genöthigt, mehr auf
die leitenden Grundsätze eingeht. »Wenn die Gewalt -- sagt er dort --
willkürlich und unterdrückend wird, wenn sie das Eigenthum angreift, zu
dessen Schutz sie eingesetzt ist, wenn sie den Vertrag bricht, welcher
ihr ihre Rechte sicherte und beschränkte, dann wird der Widerstand
Pflicht und kann nicht Empörung heißen. Wenn das nicht wahr ist, dann
sind die Holländer sammt und sonders Verbrecher und Empörer. Wer sich
bemüht, seine Freiheit wieder zu erlangen und für dieselbe kämpft, der
übt ein gesetzliches Recht aus; die Empörung dagegen ist eine durchaus
gesetzliche Handlung. Das Verbrechen gegen die Freiheit der Völker ist
die größte Unthat.«
Gegen diese und ähnliche Ausführungen ließ der Landgraf durch seinen
Minister _Schlieffen_ Artikel in die holländischen Zeitungen rücken,
welche damals die gelesensten, weil einzig zensurfreien, waren. Auf
Seiten Mirabeau's kämpfte noch der bekannte Abt Raynal, gegen den sich
bald die ganze Wuth des Angriffs richtete, weil seine historischen
Arbeiten ihm einen weitern Leserkreis sicherten, und er damals der
Bekanntere von Beiden war.
Uebrigens scheint Schlieffen sich Mirabeau gegenüber nicht bloß auf eine
literarische Fehde beschränkt zu haben. Einige Anzeichen deuten vielmehr
darauf hin, daß er an der Auslieferung seines Gegners durch die
Generalstaaten nicht unbetheiligt war. Mirabeau und Sophie waren am 7.
Oktober 1776 in Amsterdam angekommen und lebten hier still und
zurückgezogen, bis sie durch einen französischen Polizeispion entdeckt
und am 14. Mai 1777 verhaftet wurden. Der »Avis aux Hessois« war zu
Anfang 1777 erschienen. Nun behaupten zwar die Biographen Mirabeau's,
daß lediglich der alte Marquis und die Eltern Sophie's die Verhaftung
der Flüchtlinge verlangt und durch den französischen Minister Vergennes
unterstützt, auch bewirkt hätten; allein die Quellen, die sie anführen,
sind sehr lückenhaft und theilweise sogar ganz hinfällig. So ist es z.B.
unmöglich, daß am 14. Mai die Verhaftung auf Grund eines Urtheils hätte
erfolgen können, welches, wie das in Pontarlier gegen Mirabeau und
Sophie erlassene, am 10. Mai 1777, also nur vier Tage früher
gesprochen war. Ein Erkenntniß lag also noch nicht vor, als die
Auslieferungsverhandlungen begannen; es waren vielmehr nur
Familienrücksichten und persönliche Rache der nächsten Angehörigen,
welche mit Hülfe der französischen Diplomatie das betreffende Gesuch an
die Generalstaaten stellten. Eine Verpflichtung derselben konnte nicht
geltend gemacht werden; der Privatantrag eines französischen Grafen,
wenn er auch vom Minister unterstützt wurde, gab noch keinen Grund ab,
ihm willfährig zu sein. Selbst befreundeteren Mächten als der damaligen
französischen Regierung gegenüber, hatten die Generalstaaten ganz
besonders eifersüchtig das Asylrecht gewahrt, und wenn ihnen zu jener
Zeit Mirabeau auch nur als eine gewöhnliche katilinarische Existenz
galt, wie sie zu Dutzenden in Amsterdam lebten, so lag doch nach
holländischer Anschauung keine Veranlassung vor, gegen ihn
einzuschreiten. Es müssen also noch andere Gründe mit untergelaufen
sein, welche das gegen Mirabeau heraufziehende Unheil zum Ausbruch und
den Becher zum Ueberlaufen brachten. Und sollten nicht gerade hier die
Klagen des kasseler Landgrafen und seines Ministers Schlieffen
Beschwerden die letzten Tropfen, wenn nicht die bestimmenden Faktoren
gewesen sein? Derartige Beeinträchtigungen des Geschäfts, wie sie der
Rath an die Hessen enthielt, griffen den Landgrafen an seiner
empfindlichsten Seite an. Die Holländer hatten alle Ursache, ihn zu
schonen; sie waren seine alten Kunden und Geschäftsfreunde. Seine Brüder
und Vorfahren hatten in holländischen Diensten gestanden oder standen
noch darin; kurz die Generalstaaten thaten im eignen Interesse wohl
daran, einem so gewissenhaften Lieferanten sich gefällig zu zeigen.
Zudem war der Dienst, den er verlangte, nicht sehr groß; einem Mann wie
Mirabeau gegenüber, der die herrschende Gewalt gegen sich hatte, konnte
man um so leichter über Bedenken und Zweifel hinwegkommen, als
Frankreich's Minister ja auch thätig für den die Auslieferung
verlangenden Vater mit eintrat.
Am 10. Mai 1777 schrieb der damalige amerikanische Geschäftsträger in
Holland, C.W.T. Dumas aus Amsterdam an den Ausschuß der auswärtigen
Angelegenheiten in Philadelphia (Dipl. Corresp. IX., 318), daß der
Verfasser des »Rathes an die Hessen« verhaftet werden solle, was, wie
oben angegeben, wirklich einige Tage später geschah. Warum, sagt der in
jeder Beziehung gut unterrichtete Dumas nicht, daß Mirabeau
ausgeliefert werden solle, warum nennt er diesen, der in den politischen
Kreisen allgemein als Verfasser dieser Flugschrift bekannt war, nicht
mit seinem Namen und bezeichnet ihn kurzweg als politischen
Schriftsteller? Offenbar doch nur, weil er dessen persönliche
Verhältnisse nicht kannte oder weil er sie in einem politischen Berichte
für ganz untergeordnet hielt, kurz, weil er die Verhaftung des Mannes in
eine sachliche Verbindung mit seiner Flugschrift brachte und weil diese
Angelegenheit für seine Auftraggeber von großem politischen Interesse
war.
Nach Mirabeau kam Raynal an die Reihe, gegen den sich freilich nur mit
der Feder, wenn auch unglücklich polemisiren ließ. »Es ist schlimm --
sagt Schlieffen in einer 1782 französisch geschriebenen Antwort gegen
den »Deklamateur« Raynal, welche füglich als Muster der hessischen
»wahren Philosophie« gelten kann, -- daß die Menschen sich unter
einander erwürgen; aber sie haben es von Nimrod an gethan bis auf Louis
XVI.; es ist schlimm, daß sie zuweilen sich, ja ihre Unterthanen wegen
fremden Streites vermiethen, aber es ist immer so gewesen von den
Griechen an bis auf die Schweizer. Die 10,000 Griechen unter Xenophon
waren dem jungen Cyrus wegen der Bezahlung gefolgt. Xantippus, der
Besieger des Regulus, war ein lacedämonischer Söldling in Carthago.
Warum also unsere Zeitgenossen für ein Vergehen verantwortlich machen,
welches zu allen Zeiten dasselbe war und in der menschlichen Natur zu
liegen scheint?
Im Mittelalter war die Gewohnheit, sich zu vermiethen, allgemein,
namentlich bei den Deutschen, daher auch der heutige hessische
Subsidien-Vertrag vielleicht der zehnte seit Anfang des Jahrhunderts.
Ende vorigen Jahrhunderts schickte Venedig die Hessen nach Griechenland
gegen die Türken; sie belagerten Athen und brachten ihrem Herrn für
seine Museen Alterthümer von dort mit. Der Landgraf tritt also nur in
die Fußtapfen seiner Vorgänger; aber diese verminderten die Steuern
nicht, bauten nicht, erwiesen dem Lande keine Wohlthaten. Sein Volk
liebt ihn wie einen Segen spendenden Vater; seine Stände errichten ihm
schon bei Lebzeiten eine Statue. Und diesen Fürsten wagt ein Abbé
Raynal, der ihn gar nicht kennt, geizig, geldgierig zu nennen!
Aber was geht dieser Krieg, heißt es, deutsche Fürsten an? Für Anhalt
und Waldeck mag das der Fall sein; aber der Landgraf und Prinz von
Hessen, sowie der Herzog von Braunschweig sind mit dem englischen
Königshause nahe verwandt; ihre Nachkommen können eines Tages den
englischen Thron besteigen.
Die Entfernung und das Klima schaden nichts. England, Frankreich und
Spanien führen dort auch Krieg; die Hessen sind jetzt sechs Jahre dort
und haben verhältnißmäßig nicht viel Leute verloren. Aber schadet diese
Entvölkerung dem Lande nicht? Sie würde es vielleicht in einem großen
Lande thun. In einem kleinen Staate dagegen ist das Verhältniß ein
anderes, so lange hier Hände genug für den Landbau und die Industrie
vorhanden sind. Die Hessen würden, wie die Schweizer, auch sonst in's
Ausland wandern und somit dem Staate ohne Vortheil verloren gehen.
Mißbräuche beim Einstellen unter's Militär mögen wohl hie und da
vorkommen, allein das sind Ausnahmen. Wenn man den »Deklamatoren«
glauben wollte, so warteten diese uniformirten Sklaven, die von
barbarischen Herren zur Unterdrückung der Freiheit der neuen Welt
verkauft sind, nur auf die erste günstige Gelegenheit, um ihre Ketten
abzuschütteln. Aber die drei bei Trenton gefangenen hessischen
Bataillone liefern den Beweis des Gegentheils; nur wenige von ihnen
haben sich unter den Amerikanern niedergelassen.
In den Augen dieser Zwitterphilosophen gilt diese Gleichgültigkeit der
deutschen Soldaten gegen die Reize einer Gottheit, die ihnen so schön
gemalt wird, als der tiefste Grad der Erniedrigung der menschlichen
Vortrefflichkeit. In den Augen des unterrichteten Mannes dagegen ist es
nur eine verschiedene Anschauungsweise; denn der Hesse sieht ohne
Zweifel, daß der Amerikaner nicht freier ist, als er selbst; daß ein vom
Kongreß angestellter Oberst ein ebenso roher Vorgesetzter ist als der
vom Landgrafen ernannte, und daß ein Richter von Germantown nicht besser
als ein Amtmann von Kassel oder Ziegenhayn ist.
Es handelt sich vor Allem um die individuelle Freiheit; sie ist überall
prekär und Veränderungen unterworfen, wie die Gesundheit. Das Individuum
ist in Amsterdam, Paris und Genf eben so frei, unterdrückt und beengt.
Aber hüten wir uns, diese kostbare Freiheit mit der Sirene zu
verwechseln, die ihre Maske blos trägt, um die Unglücklichen zu
täuschen, die ihre verrätherische Stimme verführt, mit der gerühmten
politischen Freiheit mancher Staaten, welche der persönlichen Freiheit
häufig so schroff gegenüber steht, wie der härteste Despotismus. Die
Jahrbücher der Geschichte zeigen, daß die republikanischen Regierungen
eben so tyrannisch und grausam sind als die monarchischen. Der
aufgeklärte Bürger weiß, woran er sich zu halten hat; aber der
unwissende Enthusiast, der Schwachkopf, der nicht nachdenken kann, läßt
sich leicht vom Bilde dieser falschen Freiheitsgöttin verführen. Es ist
Zeit, daß die _wahre Philosophie_ uns gegen die traurigen Verführungen
ihrer Bastardschwester schütze.«
Größere Aufmerksamkeit als diese Zeitungs-Artikel und Abhandlungen
erregte jedoch der kleine Pamphletkrieg, der von den französischen
Feinden Englands und der deutschen Fürsten von Holland aus geführt wurde
und sich die Aufgabe stellte, die Amerikaner immer wieder siegen zu
lassen oder die Fürsten in den Augen des gebildeten Europa lächerlich
und verächtlich zu machen. Selbst Franklin schöpfte in seinen Briefen in
die Heimath oft, ohne es nur zu wissen, aus dieser keineswegs reinen
Quelle, wenn er z.B. als neueste erfreuliche Thatsache die im vorigen
Kapitel erwähnte Anekdote meldet, daß Friedrich der Große von den Minden
passirenden Hessen den Viehzoll erhoben habe, weil sie ja als Vieh
verkauft seien, wie er denn auch allen Ernstes glaubte, daß der Markgraf
von Anspach in Holland vom Pöbel verfolgt und verhöhnt worden sei. Die
englischen Oppositionszeitungen machten sich ein besonderes Geschäft
daraus, diese vom Parteiinteresse erfundenen Anekdoten weiter zu
verbreiten. Natürlich fanden sie in der damaligen amerikanischen Presse
stets ihr getreues Echo.
Unter diesen zahllosen Tendenzlügen hat besonders ein Brief unverdientes
Aufsehen gemacht und sich bis auf den heutigen Tag erhalten, den der
Graf Schaumburg, Prinz von Hessen-Kassel, am 8. Februar 1777 aus Rom an
den Oberbefehlshaber der hessischen Truppen in Amerika, von Hohendorff,
geschrieben haben soll; er hat der kritik- und gedankenlosen
Geschichtsschreibung so viel Kopfzerbrechens verursacht, daß die Frage
ob seiner Echtheit der Gegenstand verschiedener Artikel und Ausführungen
geworden ist. Dieser Brief scheint zuerst durch Löher's mehr
patriotisches als kritisches Werk über die Geschichte der Deutschen in
Amerika in der Heimath bekannt geworden zu sein. Er lautet:
»Baron Hohendorff! Ich erhielt zu Rom bei meiner Zurückkunft aus Neapel
Ihren Brief vom 27. Dez.v.J. Ich ersah daraus mit unaussprechlichem
Vergnügen, welchen Muth meine Truppen entfalteten, und Sie können sich
meine Freude denken, als ich las, daß von 1950 Hessen, die im Gefechte
waren, nur 300 entflohen. Da wären dann gerade 1650 erschlagen und ich
kann nicht genug Ihrer Klugheit anempfehlen, eine genaue Liste an
meinen Bevollmächtigten in London zu senden. Diese Vorsicht würde um so
mehr nöthig sein, als die dem englischen Minister zugesandte Liste
aufweist, daß nur 1455 gefallen seien. Auf diesem Wege sollte ich
160,050 fl. verlieren. Nach der Rechnung des Lords von der Schatzkammer
würde ich blos 483,450 fl. bekommen, statt 643,000 fl. Sie sehen wohl
ein, daß ich in meiner Forderung durch einen Rechnungsfehler gekränkt
werden soll, und Sie werden sich daher die äußerste Mühe geben, zu
beweisen, daß Ihre Liste genau ist und die seinige unrichtig. Der
britische Hof wendet ein, daß nur 100 verwundet seien, für welche sie
nicht den Preis von todten Leuten zu bezahlen brauchten.... Erinnern Sie
daran, daß von den 300 Lazedämoniern, welche den Paß bei Thermopylä
vertheidigten, nicht Einer zurückkam. Ich wäre glücklich, wenn ich
dasselbe von meinen braven Hessen sagen könnte. Sagen Sie Major Mindorf,
daß ich außerordentlich unzufrieden bin mit seinem Benehmen, weil er die
300 Mann gerettet habe, welche von Trenton entflohen. Während des ganzen
Feldzugs sind nicht 10 von seinen Leuten gefallen.« -- -- --
Wenn nur einer der Abschreiber sich die Mühe gegeben hätte, den
hessen-kassel'schen Truppenlieferungs-Vertrag vom 31. Januar 1776
nachzulesen, so würde er sofort den schlagendsten Beweis für die
Unechtheit des obigen Briefes gefunden haben. Der Landgraf von Hessen
hatte es nämlich, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen haben, für
vortheilhafter gehalten, den englischen Vorschlag, sich die Gefallenen
und Todten baar vergüten zu lassen, nicht anzunehmen, weil er ohne
Kontrolle sein wollte und weil er dadurch, daß er die nicht mehr
vorhandenen Soldaten auf der Präsenzliste noch eine Zeit lang
fortführte, mehr Geld in seine Tasche spielen konnte. Abgesehen von
diesem im Wesen der Sache liegenden Grunde, sind die äußeren
Unwahrscheinlichkeiten nicht minder groß. Einmal gab es keinen Grafen
von Schaumburg, Prinzen von Hessen-Kassel, dann aber gab es weder einen
Herrn von Hohendorff, noch einen Major Mindorf, endlich aber war es zu
jener Zeit unmöglich, daß ein Brief vom 27. Dezember schon am 8. Februar
in Rom sein konnte. In England selbst traf die Hiobspost von der
Niederlage bei Trenton erst gegen Mitte Februar ein; eine direktere
Verbindung mit Europa existirte damals aber nicht.
Dieser Brief ist nichts als die amerikanische Verballhornung eines
französischen Pamphlets, welches offenbar aus den Mirabeau'schen
Kreisen hervorgegangen ist und im Anhang nachgelesen werden mag; er
erschien in den vierziger Jahren, zur Blüthezeit der nativistischen
Bewegung, als ein »Campaignpaper« gegen die Fremden, besonders uns
Deutsche, und Herr Löher, scheint es, hat ihn auf Treu und Glauben als
echt angenommen und aus einer St. Louiser Zeitung abgeschrieben. In
Amerika glaubt man noch heute an seine Echtheit.
Uebrigens ist nichts unwahrer und verlogener, als die weinerliche
Sentimentalität, mit welcher kleinstaatliche deutsche Offiziere für den
Landgrafen von Hessen gerade wegen dieses Briefes in die Schranken
getreten sind. Als ob ein deutscher Fürst einer so zynischen Offenheit
gar nicht fähig gewesen wäre! Zu welchem Zwecke stiehlt er denn tausend
und aber tausend Unglückliche, als um Geld aus ihnen herauszuschlagen?
Zu welchem Ende bittet der Herzog von Braunschweig den englischen
Minister, die bei Saratoga geschlagenen Braunschweiger ja nicht in die
Heimath zurückzuschicken? Doch aus keinem andern Grunde, als um sich
durch die wahre Schilderung, welche die Zurückgekehrten voraussichtlich
von ihren Leiden in Amerika machen würden, die Fortsetzung des
gewinnreichen Geschäfts nicht zu verderben. Warum reist der Markgraf von
Anspach so eilig aus der Residenz ab, daß er sogar seine Uhr auf dem
Tische liegen läßt und nicht einmal ein frisches Hemd mitnimmt, ja,
warum begleitet er im rauhen Winter seine Truppen bis Holland? Einfach,
weil er eine neue Meuterei und den Verlust seiner Subsidien befürchtet
und weil er nicht beabsichtigt, einen so reichen in Aussicht stehenden
Gewinn fahren zu lassen. Die sittliche Entrüstung über den Verfasser
dieses »monströsen« Briefes ist also gar nicht am Platze, dagegen ist
sie den Fürsten gegenüber, die Anlaß zu seiner Erfindung gegeben haben,
vollkommen gerechtfertigt. Der Pamphletist hat nur die logischen
Folgerungen aus den fürstlichen Prämissen gezogen. Wer in Fleisch und
Blut handelt, will natürlich auch seine Waare bezahlt haben; je mehr er
erhält, desto besser! Das ist ein einfaches Rechen-Exempel.
Aufstellungen und Berechnungen, welche den Gegenstand des fraglichen
Briefes bilden, wurden von den bei der Seelenverkäuferei betheiligten
Fürsten fast täglich beim englischen Ministerium eingereicht; sie
stritten sich jahrein, jahraus mit diesem um Pfennige, Groschen und
Thaler herum, und einem einzigen Todten wurde lediglich aus finanziellen
Gründen mehr Aufmerksamkeit erwiesen, als fünfzig Lebendigen. Der
Pamphletist hat also nichts gethan, als den gegebenen Fall in seinen
haarsträubenden Konsequenzen ausgeführt und dadurch das Treiben der
deutschen Fürsten in seiner ganzen Verächtlichkeit gezeigt.
Daß übrigens die Versicherungen dieser Herren von ihrer unbegränzten
Treue, ihrem gehorsamen Ersterben, ihrer unterthänigen Verehrung der
hohen Tugenden ihres erhabenen und großherzigen Beschützers, des Königs
von England, in Wirklichkeit wenig oder vielmehr gar nichts bedeuteten,
daß sie schnöde Redensarten waren, um sich desto besser und glatter ein
gewinnbringendes Geschäft zu sichern, diese Thatsache ergiebt sich ganz
unmittelbar aus einem Briefe, den Franklin am 9. August 1780 aus Passy
an den Präsidenten des Kongresses richtete. »Der deutsche Fürst --
schreibt er -- der mir vor einigen Monaten anbot, dem Kongreß Truppen zu
liefern, dringt wiederholt auf Antwort. Ich machte ihm keine große
Hoffnungen, sondern gab ihm zu verstehen, daß Sie voraussichtlich einen
derartigen Vorschlag nicht annehmen würden.« (Franklin's Werke VIII.,
490.) Wer dieser von Franklin nicht genannte Fürst war, ist ganz
gleichgültig. Er handelte jeden Falls im Einklang mit der Ueberlieferung
seiner Standesgenossen, welche -- siehe S.21 und 22 -- womöglich ihre
Truppen an beide Krieg führenden Parteien verkauften. Wenn der
persönliche Haß gegen »die Rebellen« auch groß war, ihr Geld war nicht
schlechter als das englische, und wenn man einen guten Vertrag bekam, so
lag gar nichts daran, ob der verkaufte Soldat auf republikanischer oder
königlicher Seite fiel.
In derselben vernichtenden Weise wie Mirabeau und seine politischen
Freunde spricht sich auf deutscher Seite Schiller in »Kabale und Liebe«
gegen den Soldatenhandel aus. Er hatte wie Mirabeau persönlich, wenn
auch nicht so lange Zeit, den Despotismus kennen gelernt und zeichnete
also nach der Natur. Die grausige Darstellung eines Zustandes, in
welchem der Privilegirte Alles wagen konnte, der Unglückliche Alles
verlieren mußte, bildet den Vorwurf eines Stückes, dessen zweiter Akt
speziell auf die Unglücklichen zurückkommt, welche von ihren Fürsten
nach Amerika verkauft waren. Es geschieht dies an der Stelle, wo die
gutherzige Lady Milford -- es ist charakteristisch für die Zeit, daß
eine fremde Maitresse die edelste Person an einem deutschen Hofe ist --
voll Verachtung und Entsetzen die Diamanten zurückweist, als sie
erfährt, daß sie mit dem für die verkauften Soldaten gewonnenen Gelde
beschafft sind. »Gestern -- sagt der Kammerdiener -- sind 7000
Landeskinder nach Amerika fort die zahlen Alles; ich habe auch ein paar
Söhne darunter.« »Doch keine gezwungenen?« fragt die Lady. »O Gott nein
-- fährt der Kammerdiener fort -- lauter Freiwillige! Es traten wohl
etliche vorlaute Bursche vor die Front und fragten den Obersten, wie
theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? Aber unser gnädigster
Landesfürst ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschiren und
die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr
Gehirn auf's Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: _Juchhe nach
Amerika!_ Die Herrlichkeit hättet Ihr nicht versäumen sollen, wie uns
die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen
dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wüthende Mutter
lief, ihr säugendes Kind am Bajonette zu spießen, und wie man Braut und
Bräutigam mit Säbelhieben auseinander riß, und wie Graubärte
verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen noch zuletzt die Krücken
nachwarfen in die neue Welt! O! und mitunter das polternde
Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören! --
-- Noch am Stadtthore drehten sie sich um und schrieen: Gott mit Euch,
Weib und Kinder! Es lebe unser Landesvater, am jüngsten Gerichte sind
wir wieder da!«
Als Modell des hier gezeichneten Landesvaters hat dem Dichter offenbar
der Markgraf von Anspach gedient, dessen Truppen sich beim Ausmarsche
empörten, während in Lady Milford eher die Gräfin Franziska Hohenheim,
die Maitresse des würtembergischen Herzogs, als Lady Craven, die
Maitresse des Anspachers, geschildert zu sein scheint. Es war übrigens
ein Glück für den jungen Dichter und für Deutschland, daß in Folge der
preußischen Chikanen Karl Eugen mit dem englischen Minister des Handels
nicht einig wurde, und daß demnach die würtembergischen Truppen zu Hause
blieben, denn sonst hätte der junge »Regimentsmedikus« sehr leicht eine
»Berufsreise« nach Amerika antreten und die Studien zu seiner
Nadowessischen Todtenklage unter den Mohawks oder Mohikans machen
können.
Wenn Schiller auch die Stimmungen und Gefühle eines großen Theils der
gebildeten deutschen Jugend ausspricht, so verhielt sich Deutschland im
Ganzen doch gleichgültig gegen diese erzwungene Betheiligung seiner
Söhne am amerikanischen Kriege. Eine eigentliche politische Ueberzeugung
und selbständige politische Interessen, folglich politische Parteien,
gab es vor 1789 in Deutschland nicht. Politische Fragen im heutigen
Sinne des Wortes kannten damals selbst die bedeutendsten Geister der
Nation kaum. Es ist eine in dieser Beziehung höchst charakteristische
Erscheinung, daß unser größter deutscher Dichter, der im ersten Jahre
des amerikanischen Krieges seinen Triumpheinzug in Weimar hielt und
gerade während desselben seinen Ruhm in Deutschland fest begründete, daß
_Goethe_ so wenig von den Ereignissen jenseits des Ozeans berührt wurde,
daß er sie höchstens zwei Mal vorübergehend erwähnt. Das eine Mal spielt
er ziemlich schüchtern und versteckt auf den Soldatenhandel an. Es
geschieht dies, wie neuerdings überzeugend von Adolf Schöll nachgewiesen
wurde, in dem 1781 verfaßten Scherzgedichte: »Das Neueste aus
Plundersweilen.« Es wird hier gleich zu Anfang die Erweiterung des Ortes
und die Zunahme seiner Bevölkerung gerühmt, dann heißt es:
»Und zwar mag es nicht etwa sein,
Wie zwischen _Kassel und Weißenstein_,
Als wo man emsig und zu Hauf'
Macht Vogelbauer auf den Kauf,
Und sendet gegen fremdes Geld
Die Vöglein in die weite Welt.«
Weißenstein ist die jetzige Wilhelmshöhe bei Kassel. In der Nähe befand
sich ein Gefängniß, dessen Insassen mit der Anfertigung von Vogelkäfigen
beschäftigt wurden, welche man im Großen zu verkaufen pflegte. Während
man auf diese Weise dem auswärtigen Gefieder Quartiere schaffte, wurden
die werthvollsten und einheimischen Vögelein, die kriegsfähigen, jungen
Leute nach den norddeutschen Häfen getrieben, um in Amerika (der weiten
Welt) zu dienen. Dies ist der Sinn der obigen zahmen Satire, bei deren
Druck Goethe die Worte Kassel und Weißenstein ausgelassen hatte, welche
erst Schöll aus dem von ihm eingesehenen Original der Dichtung ergänzte.
Das andere Mal drückt sich Goethe weniger vorsichtig aus. Es ist dies im
siebenzehnten Buche von _Wahrheit und Dichtung_, wo er von seiner eben
mit Lili geschlossenen Verlobung sprechend (»Es war ein seltsamer
Beschluß des hohen über uns Waltenden, daß ich in dem Verlaufe meines
wundersamen Lebensganges doch auch erfahren sollte, wie es einem
Bräutigam zu Muthe sey. Ich darf wohl sagen, daß es für einen gesitteten
Mann die angenehmste aller Erinnerungen sey.«) und zum Besondern
zurückkehrend, das ruhige Glück des Zeitungslesens preist und die
gebietenden Mächte der damaligen politischen Welt schildert. Nachdem er
Friedrich den Großen, Katharina II. und Gustav III. von Schweden
erwähnt, fährt er, den Kampf des letztern mit seinem Adel berührend,
fort:
»Die Aristokraten, die er unterdrückt, werden nicht bedauert; denn die
Aristokratie überhaupt hatte keine Gunst bei dem Publikum, weil sie
ihrer Natur nach im Stillen wirkt und um desto sicherer ist, je weniger
sie von sich reden macht; und in diesem Falle dachte man von dem jungen
König um desto besser, weil er, um dem obersten Stande das Gleichgewicht
zu halten, die unteren begünstigen und an sich knüpfen mußte.
Noch lebhafter aber war die Welt interessirt, als ein ganzes Volk sich
zu befreien Miene machte. Schon früher hatte man demselben Schauspiel im
Kleinen gern zugesehen; Corsika war lange der Punkt gewesen, auf den
sich aller Augen richteten; Paoli, als er, sein patriotisches Vorhaben
nicht weiter durchzusetzen im Stande, durch Deutschland nach England
ging, zog aller Herzen an sich, es war ein schöner, schlanker, blonder
Mann voll Anmuth und Freundlichkeit; ich sah ihn in dem Bethmann'schen
Hause, wo er kurze Zeit verweilte und den Neugierigen, die sich zu ihm
drängten, mit heiterer Gefälligkeit begegnete. Nun aber sollten sich in
dem entfernteren Welttheile ähnliche Auftritte wiederholen; man wünschte
den _Amerikanern_ alles Glück und die Namen _Franklin_ und _Washington_
fingen an, am politischen und kriegerischen Himmel zu glänzen und zu
funkeln. Manches zur Erleichterung der Menschheit war geschehen, und als
nun gar ein neuer wohlwollender König von Frankreich die besten
Absichten zeigte, sich selbst zur Beseitigung so mancher Mißbräuche und
zu den edelsten Zwecken zu beschränken, eine regelmäßig auslangende
Staatswirthschaft einzuführen, sich aller willkürlichen Gewalt zu
begeben, und durch Ordnung, wie durch Recht allein zu herrschen; so
verbreitete sich die heiterste Hoffnung über die ganze Welt, und die
zutrauliche Jugend glaubte sich und ihrem ganzen Zeitgeschlechte eine
schöne, ja herrliche Zukunft versprechen zu dürfen.«
Eine dritte Stelle gehört eigentlich nicht hierher; allein, da sie
Goethe's Bezugnahme auf Amerika aus dieser Periode abschließt, so möge
sie, da sie eine weitere Perspektive eröffnet, hier noch einen Platz
finden. »Lili, sagt er im neunzehnten Buche von Wahrheit und Dichtung,
hatte geäußert, sie unternehme wohl aus Neigung zu mir, alle dermaligen
Zustände und Verhältnisse aufzugeben und mit nach Amerika zu gehen.
Amerika war damals vielleicht noch mehr als jetzt das Eldorado
derjenigen, die in ihrer augenblicklichen Lage sich bedrängt fanden.«
Soweit Goethe. _Klopstock_ und _Lessing_ zeigten ein kaum mehr als
oberflächliches Interesse für den amerikanischen Krieg. Nur von _Kant_
wissen wir, daß er auf's Lebhafteste Partei für die Vereinigten Staaten
gegen England ergriff und daß er durch die ruhige, überlegene Begründung
seines Urtheils sogar einen bisher leidenschaftlichen Anhänger der
königlichen Sache, seinen spätern Freund, den Engländer Green zu sich
herüberzog.
Von den literarischen Zeitgenossen zweiten Ranges verherrlichten
_Nicolai_ und sein Kreis den amerikanischen Krieg in schwülstiger Prosa
und noch schwülstigerer Poesie, über welche letztere, namentlich die
Oden, der Göttinger Professor _Schloezer_ mit Geist und Hohn die Lauge
seines Spottes ausschüttete. Unter den damaligen Dichtern hat u.A. der
Schwabe _Schubart_ einige Lieder hinterlassen, welche begeistert die
amerikanische Revolution feiern: so das übrigens sehr schwache
Freiheitslied eines Kolonisten, welches dadurch interessant ist, daß den
damaligen Deutschen der noch viel weniger als unbedeutende alte Israel
Putnam als amerikanischer Freiheitsheld galt. Obschon 1776 geschrieben,
wird Washington nicht einmal mit dem bloßen Namen erwähnt. Von den
deutschen Soldaten dagegen nahmen die hervorragensten Zeitgenossen kaum
Notiz. Nur in dem von G. Waitz veröffentlichten Werke _Karoline_
(geborene Michaelis und später verehlichte Böhmer, A.W. Schlegel und
Schelling) findet sich ein beredeter Schrei der Entrüstung, welcher der
jugendlichen, noch nicht neunzehnjährigen Briefstellerinn alle Ehre
macht. Sie war mit Frau Schloezer von Göttingen nach Kassel gefahren, um
dort deren von der Reise zurückgekehrten Mann, den genannten berühmten
Publizisten abzuholen. »Ich habe Kassel gesehen, schreibt sie am 16.
April 1782 an eine Freundinn. Im Hinweg wohnten wir auch in Münden einem
merkwürdigen, aber traurigen Schauspiel bei, der Einschiffung der
Truppen nach Amerika. Welch eine allgemeine mannigfaltige grause
Abschiedsszene! Die Gegend um Münden ist so romantisch, daß sie zu solch
einer Szene wie geschaffen zu sein scheint. Dir, liebe Louise, brauche
ich nicht zu sagen, wie mir Kassel gefallen hat; nur machte mich der
Gedanke unwillig, daß der Landgraf in Münden Menschen verkaufte, um in
Kassel Paläste zu bauen. Wir logirten auf dem Königsplatz. Die Kolonade,
wo ich die Wachtparade aufziehen und auch, mit allem Respekt
gesprochen, das Vieh, den Landgrafen sah, hat mir vorzüglich gefallen.
Schloezer kam mitten in der Nacht.«
Deutschlands Ton angebende Klassen endlich betrachteten diesen
Soldatenhandel einfach als ein fürstliches Hoheitsrecht und fanden es
nicht einmal der Mühe werth, ein Wort darüber zu verlieren. Nun sagt
zwar _Niebuhr_ in seiner Geschichte des Zeitalters der Revolution: »Je
mehr die Subsidienkontrakte mit England gehässig und verflucht waren, um
desto mehr nahm man Antheil an der Sache Amerika's. Die Stimmung war so
sehr aus aller natürlichen Fassung gerückt, daß die Nachricht von der
Gefangennehmung deutscher Truppen durch Washington 1776 allgemein Jubel
statt Schmerz erregte;« allein der treibende Grund lag doch wohl mehr im
persönlichen Hasse und in persönlicher Erbitterung als in politischer
Erkenntniß. Ein deutscher Schweizer, _Georg Müller_, Bruder des
Geschichtsschreibers Johannes Müller und näherer Freund Herders, trieb
-- allerdings ein einzig dastehendes Beispiel! -- seinen
schaffhausenschen Konservatismus so weit, daß er über England nach
Amerika gehen wollte, um gegen die »Rebellen« zu kämpfen. Im
entgegengesetzten Sinne ließ sich der Bruder _Johannes Müller_, mit
einer sentimentalen Ueberschwänglichkeit der Unwissenheit, die später
bei uns durch _Rotteck_ u.A. zum widerlichen Gemeinplatz breit getreten
wurde, über den Unabhängigkeitskrieg aus: »Von der andern Seite des
Weltmeeres, sagte er, leuchtete eine reizende Flamme der Freiheit mit
elektrischer Kraft für die Westeuropäer, mit anziehender Kraft für die
empor, welche ihrer Nachkommenschaft Genuß der Menschenrechte und
sichern Wohlstand verschaffen wollten.«
Die Massen endlich waren so gedrückt, arm, unwissend und an blinden
Gehorsam gewöhnt, daß sie die Willkür ihrer Herrscher als eine Fügung
des Schicksals geduldig hinnahmen.
Elftes Kapitel.
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, die Zahl der von jedem der
betheiligten Fürsten gelieferten Soldaten ganz genau festzustellen, so
lange nicht sämmtliche deutsche Archive dem Forscher geöffnet werden.
Die englischen Quellen, so zuverlässig sie sich sonst auch in den
unbedeutendsten, die deutschen Miethstruppen betreffenden Einzelheiten
erweisen, reichen deshalb nicht überall aus, weil in ihnen sehr häufig
die Kontingente der einzelnen Staaten unter der allgemeinern Bezeichnung
»deutsche Rekruten« oder »deutsche Verstärkungen« zusammengefaßt sind.
Die von Schloezer in seinen Staatsanzeigen (VI, 521) zuerst
veröffentlichte Berechnung ist, so viel sich nach den vorhandenen
Materialien beurtheilen läßt, mit nur geringen Ausnahmen richtig. Sie
stützt sich, wie aus der gleichlautenden Abschrift in den anspacher
Manual-Akten hervorgeht, auf den amtlichen Bericht des hannöverschen
Majors Niemeyer vom Dragoner-Regiment v. Estorff, »der als verordneter
Kommissar beim Transport die Ausschiffung der deutschen Truppen und
deren General-Return zu überwachen hatte.« Nur bei Anspach findet sich
ein erheblicher Fehler, indem 717 vom Markgrafen gelieferte Rekruten und
Jäger bei Berechnung des dortigen Kontingents ausgelassen, also im
Ganzen nur 1644 statt 2383 Mann aufgeführt sind. Es bleibt ferner
fraglich, ob die Angabe bei Hanau korrekt ist, wo die Zahl der zu
verschiedenen Zeiten verkauften Soldaten zusammengezogen wurde; jeden
Falls kommt sie aber dem wirklichen Sachverhalt sehr nahe, wenn sie ihn
nicht völlig deckt; überhaupt stimmen im Wesentlichen die Angaben
Niemeyers mit den Berechnungen der englischen Musterungsoffiziere und
den sonstigen, vom Verfasser benutzten Quellen überein. Ganz unbedingt
zuverlässig sind sie aber, soweit die Zahl der zurückgekehrten Truppen
in Betracht kommt, da Niemeyer hier überall als der die Ausschiffung und
Weiterbeförderung leitende Beamte die Waffengattung und den jedesmaligen
Rang der Angehörigen der einzelnen Kontingente spezifizirt, während er
über die früheren Einschiffungen nur von Hörensagen und auf Angaben
Dritter hin berichtet. Die von ihm und Schloezer mitgetheilten Zahlen,
nach Berichtigung der nachweisbaren Irrthümer, gehen aus der
nachstehenden Tabelle hervor. Darnach haben im Ganzen geliefert,
verloren und zurückerhalten:
1) _Braunschweig_ als Subsidien 4,300
Rekruten im März 1777 224
" " April 1778 475
" " April 1779 286
" " Mai 1780 266
" " April 1782 172
-------------
Im Ganzen 5,723 Mann.
-------------
Zurückgekehrt im Herbst 1783 2,708
Verlust 3,015
2) _Hessen-Kassel_ als Subsidien 12,805
Rekruten im Dzbr. 1777 403
" " März 1779 993
" " Mai 1780 915
" " April 1781 915
" " April 1782 961
-------------
Im Ganzen 16,992 Mann.
-------------
Zurückgekehrt im Herbst 1783
und Frühjahr 1784 10,492
Verlust 6,500
3) _Hessen-Hanau_ als Subsidien 2,038
Rekruten im April 1781 50
" " April 1782 334
-------------
Im Ganzen 2,422 Mann.
-------------
Zurückgekehrt im Herbst 1783 1,441
Verlust 981
4) _Anspach_ als Subsidien 1,285
Rekruten 1777 318
" 1779 157
" 1780 152
" 1781 205
" 1782 236
-------------
Im Ganzen 2,353 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 1,183
-------------
Verlust 1,170
5) _Waldeck_ als Subsidien 670
Rekruten im April 1777 89
" " Febr. 1778 140
" " Mai 1779 23
" " April 1781 144
" " April 1782 159
-------------
Im Ganzen 1,225 Mann.
-------------
Zurückgekehrt im Herbst 1783 505
Verlust 720
6) _Anhalt-Zerbst_ als Subsidien 600
Rekruten im April 1779 82
" " Mai 1780 50
Vermehrung und
Rekruten im April 1781 420
-------------
Total 1,160 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 984
-------------
Verlust 176
-----------------------------
Im Ganzen zurückgekehrt 17,313
Total-Verlust 12,562
Gesammtzahl der gelieferten Truppen 29,875 Mann.
Auch die für jene Zeit kolossalen Geldzahlungen lassen sich nur
annähernd und mit großer Schwierigkeit feststellen. Es liegen zwar in
den »Journals of the House of Commons« die genau spezifizirten
Aufstellungen vor, welche das Kriegsministerium jährlich dem Parlamente
zur Genehmigung vorlegen mußte; indessen erstrecken sie sich nur auf den
ordentlichen Etat. Alle außerordentlichen Ausgaben mußten besonders
bewilligt werden und finden sich in den sogenannten »extraordinary
services« der Kriegszahlmeister versteckt. Ihre Rechnungen nehmen jedes
Jahr zwischen zehn und vierzig Folioseiten ein und enthalten oft unter
ganz anderen Ueberschriften die den deutschen Fürsten geschuldeten
außerordentlichen Summen. Nirgend begegnet man z.B. in diesen Rechnungen
der von Braunschweig ausbedungenen Zahlung für die Todten und
Verwundeten. Es scheint, daß die englischen Minister den Anstoß
vermeiden wollten, dem sie sich durch offene Bezeichnung dieser Rubrik
ausgesetzt haben würden; sie bringen deshalb auch nur Soldrückstände in
Anrechnung. Während sich nun ziemlich annähernd feststellen läßt, wie
viel England für die deutsche Hülfsleistung zu zahlen hatte, kann
dagegen nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden, wie viel von den
gezahlten Summen für die Soldaten ausgegeben wurde, und wie viel in die
Taschen der Fürsten floß.
In der hier folgenden Aufstellung sind zu Gunsten der letzteren daher
nur diejenigen Beträge berechnet, welche ihnen auf Grund der
betreffenden Verträge rechtlich zukamen, d.h. die jährlichen Subsidien
und die Werbegelder, soweit sie in dem englischen Etat berechnet worden.
Sie kommen hier allerdings nur in den ersten Jahren vor; indessen waren
sie später nicht mehr so bedeutend als anfangs. Von ihnen mußten die
Fürsten allerdings die Rekrutirungskosten bestreiten, die namentlich
gegen Ende des Krieges immer mehr anschwollen; allein wenn man
andrerseits die englischen Zahlungen nicht in Anschlag bringt, welche
für Todte und Verwundete entrichtet wurden, wenn man ferner bei
Hessen-Kassel die Selbständigkeit in der Aufstellung seiner Etats in
Erwägung zieht, die jede Kontrolle unmöglich machte, und wenn man
endlich die doppelte englische Löhnung nicht vergißt, die in manchen
Fällen zwei Monate vor dem Abmarsch gezahlt werden mußte, so erhalten
nach dieser Aufstellung die deutschen Fürsten eher zu wenig als zu viel.
Der hessische Landgraf und sein Sohn setzten es auch sogar durch, daß
ihnen für ihre Offiziere Werbegelder bezahlt wurden. Natürlich steckten
die beiden Landesväter den Betrag in ihre eigene Tasche. So erhielt der
Landgraf am 12. Juni 1776 nachträglich an Handgeld für seine Offiziere
3992 Pfund, also 26,622 Thlr., wovon im Etat nichts steht. Für die
Ausrüstung und Equipirung der Soldaten zahlten sie nichts, sondern zogen
die Kosten dafür von der englischen Löhnung ab, indem sie den Soldaten
nur ¾ von letzterer verabfolgten. Da nun jeder derselben 8 Pence per
Tag erhielt, so mußte er sich einen Abzug von 2 Pence per Tag oder mehr
als 3 Pfund Sterling per Jahr gefallen lassen. Die zahllosen
Betrügereien aber, die sich sämmtliche Lieferanten, namentlich der
Landgraf von Hessen-Kassel, oft in sehr ausgedehnter Weise ihren Truppen
gegenüber zu Schulden kommen ließen, sind hier gar nicht in Anschlag
gebracht.
England zahlte also von 1775 bis 1785, da einzelne Subsidien noch zwei
Jahre nach der Rückkehr der Truppen fortdauerten, an etatsmäßig
verrechneten Ausgaben:
für die Soldaten an den
Hannover £ 509,000. 16. 11½
Braunschweig 644,346. 14. 2 Herzog £ 178,689. --. 5½
Hessen Kassel 2,152,037. 5. 9¾ Landgrafen 1,254,197. 16. 3
Hessen Hanau 273,304. 3. 1¼ Erbprinzen 137,512. 6. 5¾
Waldeck 90,528. 3. 4¼ Fürsten 57,788. 10. 3½
Anspach 211,026. 5. 7½ Markgrafen 105,335. 4. 6½
Anhalt Zerbst 79,088. 18. 6 Fürsten 43,052. 14. 9½
------------------- --------------------
Im Ganzen £ 3,959,332. 7. 6¼ £ 1,776,575. 12. 9¾
Löhnung, Subsidien und ein Theil der Werbegelder belaufen sich also
zusammen auf Lstr. 5,735,908. --. 4.
Dazu kommen noch über Lstr. 500,000 für Verpflegung der Truppen in
Amerika, die Transportkosten hin und zurück, Gratifikationen,
Reisespesen der englischen Kommissare, Geschenke und Ersatz des
schadhaft gewordenen oder verloren gegangenen Materials, so daß im
Ganzen wenigstens sieben Millionen Pfund Sterling oder annähernd fünfzig
Millionen preußische Thaler als Gesammtbetrag der englischen Kosten für
die deutsche Hülfe nicht zu hoch gegriffen sind. Diese Summe macht aber
wenigstens 120-150 Millionen Thaler nach heutigem Geldeswerthe aus.
Man darf hierbei nicht außer Acht lassen, daß die Fürsten die ganzen
Subsidien fast ungeschmälert behielten, da sie während der Abwesenheit
ihrer Soldaten die Steuern und Lasten so gut wie gar nicht herabsetzten.
Wenn sie es überhaupt thaten, so erreichte die Verminderung noch nicht
einmal annähernd den Betrag der Zinsen, welche sie von den ihnen
jährlich gezahlten englischen Kapitalien in Empfang nahmen. Verschiedene
der Soldatenhändler versprachen zwar beim Ausmarsch ihrer Truppen ihren
getreuen Unterthanen, die Lasten zu erleichtern, so oft es die
Bedürfnisse des Staates (d.h. Serenissimi) erlauben würden, allein war
es ein Zufall oder ein Unglück? die Bedürfnisse erlaubten es eben
niemals. Wir haben im vierten Kapitel gesehen, daß der Landgraf von
Hessen dem Lande den zur Kriegskasse fließenden Schreckenberger und die
Hälfte der erstmonatlichen Kriegs-Kontribution erließ, während der
Erbprinz von Hanau nur den Eltern und Frauen der Soldaten, sowie den
elternlosen Unteroffizieren und Gemeinen die Abgaben schenkte, der
übrigen Bevölkerung aber nicht den geringsten Nachlaß bewilligte. Der
Braunschweiger verwandte alle seine Einnahmen aus dem Soldatenverkauf
auf seine noblen Passionen und Tilgung seiner Schulden. Daß der
Waldecker und Zerbster den Sündenlohn als Ausfluß ihres göttlichen
Rechts ohne jeden Abzug in ihre Taschen steckten, versteht sich ganz von
selbst. Der anspacher Markgraf endlich gab der Markgrafschaft Bayreuth
einen solchen Bettelpfennig von seinem reichen Gewinn ab, daß er sich
wie der schnödeste Hohn auf seine ersten freigebigen Versprechungen
ausnimmt. Die anspacher Manual-Akten enthalten die genauen Belege für
diese schäbige Finanzoperation Serenissimi, welche den besten
zahlenmäßigen Beweis landesväterlicher Zuneigung liefert und deshalb in
ihren Hauptzügen hier angeführt werden soll.
Unmittelbar, nachdem Gemmingen den anspacher Vertrag mit Faucitt
abgeschlossen hatte, bat der bayreuthische Minister Seckendorff um die
Erleichterung der Markgrafschaft oberhalb des Gebirges. Seine
Forderungen waren bescheiden und billig. Er verlangte zunächst für die
Landschaft den Erlaß der Summen, welche sie bisher für das Militär
bezahlt hatte, wodurch man in den Stand gesetzt werde, die Abgaben um
wenigstens sechs Prozent zu verringern und namentlich die Bürgerschaft
von Bayreuth zu erleichtern, welche täglich 45-50 Mann für die Wachen
stellen mußte, was bei 10 oder 15 Kreuzer pr. Mann jährlich 4166 fl. 30
kr. resp. 4562 fl. 30 kr. ausmachte. Dann bat er während der Dauer der
englischen Subsidien für die bayreuthische Finanzkammer um Belassung
derjenigen 25,000 fl., welche sie bis dahin der anspacher Landschaft
hatte zahlen müssen. »Wenn nun unser gnädigster Herr nur einen Theil des
Profits der Subsidien zur Zahlung der Schulden der anspacher
Finanzkammer bestimmt, und wenn die letztere, was sie durch den Abmarsch
der Truppen spart, zur Zahlung ihrer Schulden verwenden darf, so wird
man über die Schnelligkeit erstaunen, mit welcher die sämmtlichen
markgräflichen Kassen sich aus der Noth helfen werden. Die Folge davon
wäre natürlich, daß auch die anspacher Unterthanen in ihren Abgaben
erleichtert werden könnten. Sobald ich von den Absichten Serenissimi
wegen der Verwendung des direkt und indirekt aus diesem Vertrage
hervorgehenden Profits unterrichtet sein werde, will ich einen Plan über
das Arrangement unserer Finanzen für die beiden Hauptkassen und die
Erleichterung unserer Unterthanen entwerfen. Wenn der Markgraf unsere
Prinzipien annimmt, so können Unterthanen und Gläubiger des Landes
dieses Unternehmen nur segnen. Alle Ungelegenheiten, die man davon
befürchtet, werden verschwinden, sobald eine nützliche Verwendung der
englischen Gelder stattfindet und die durch die Abwesenheit unserer
Truppen bedingten Ersparnisse eintreten. Wenn Serenissimus bald und
womöglich noch vor dem Abmarsch der Truppen erklärt, daß seine
Unterthanen durch eine verhältnißmäßige Verringerung der Abgaben
erleichtert werden sollen, so glaube ich, daß diese gute Nachricht auf
die Söhne der Unterthanen einen günstigen Einfluß ausüben und den Klagen
ihrer Eltern ein Ende machen wird. Eine solche Erklärung wird zugleich
ein Trost für das ganze Land sein und alle Beschwerden, allen Jammer
beseitigen.«
Allein der Markgraf trat den verständigen Absichten und Ansichten seiner
Minister nicht bei und hob die ersten 1285 Mann aus, ohne nur dem Lande
die geringste Gegenleistung zu versprechen. Erst im September 1777, als
er wieder zu neuen Aushebungen schreiten mußte, erinnerte er sich, wie
er selbst wiederholt hervorgehoben, »daß die Ueberlassung der beiden
Infanterieregimenter in englischen Sold vornehmlich aus der Ursache
eingeleitet worden sei, um die Schulden der Obereinnehmerinn möglichst
bald tilgen zu können. In Folge dieser gnädigsten Gesinnung wolle
Serenissimus Vorschlägen entgegensehen, wie viel den obergebirgischen
Landschafts- und Kämmerei-Kassen während der Zeit, daß die Truppen in
englischem Solde stehen, von ihren Contribuendis erlassen werden könne.«
Nach den Angaben der Minister hat die obergebirgische Landschaft
vertragsmäßig an »verwilligten Subsidien und Militärbeiträgen jährlich
127,485 fl. 36 kr., die obergebirgische Rentei aber jährlich 25,000 fl.
zu leisten, von welchen Beiträgen das ganze bayreuthische Militär
unterhalten wird.« Da nun ein theilweiser Erlaß dieser Kontribuenda der
Landschaft eine wesentliche Erleichterung gewähren wird, so schlägt der
Bericht vor, der Rentei die Hälfte d.h. 12,500 fl. und der
obergebirgischen Landschaft 40,000 fl. jährlich während der Dauer des
englischen Subsidienvertrages nachzulassen. Es wird berechnet, daß
dieses Erlasses ungeachtet, jährlich etwa 100,000 fl. der Schulden der
Landschaft, welche, soweit sie abtragbar sind, sich auf 1,326,639 fl.
belaufen, aus den Einnahme-Ueberschüssen abbezahlt werden können. Bei
dieser Berechnung sind die Einnahmen aus dem englischen Subsidienvertrag
außer Ansatz gelassen. Der Bericht weise nach, daß die reinen Einnahmen
aus demselben mehr als 100,000 fl. jährlich betragen. Es hänge natürlich
lediglich vom Ermessen Serenissimi ab, einen Theil auch dieser Einnahme
zur Tilgung der Schulden der Landschaft zu verwenden. Der Passus des
Reskriptes, in welchem die Vorschläge der Minister betreffs des Erlasses
an den Contribuendis genehmigt werden, lautet: »Nachdem Serenissimus von
Wegen der in englischen Sold überlassenen Infanterie-Regimenter und der
hierdurch erziehlten Ersparnüß auch der obergebirgischen Landschaft
einen reellen Vortheil zuflüßen lassen wollen, als deklariren Sie
hierdurch der obergebirgischen Landschaft, an dem vertragsmäßigen
Subsidien- und Militär-Beytrag von jährlich 127,485 fl. 36 kr.,
insolange gedachte Truppen in englischem Sold stehen, 40,000 fl. jedes
Jahr nachzulassen, welcher Nachlaß vom 1. März ab seinen Anfang nehmen
darf. Die Obereinnehmerey soll jedoch auf die Abführung des übrig
bleibenden Contribuendi von 87,485 fl. 36 kr. an die hiesige Landschaft
den sorgfältigen Bedacht nehmen.« Die 40,500 fl. sollen zur
Schuldentilgung verwandt werden, und behält sich Serenissimus vor, von
dem reinen Ueberschuß der englischen Subsidien eventuell einen Theil zu
demselben Zwecke der Landschaft noch zukommen zu lassen. Durch ein
weiteres Reskript wurde auch der obergebirgischen Rentei die Hälfte
ihres Contribuendi von 25,000 fl. erlassen, »hingegen sey die Abführung
des residui an die Obereinnehmerey sorgsamer Bedacht zu nehmen.«
Also mit anderen Worten brauchte Bayreuth während des amerikanischen
Krieges nur 100,000 fl. (genau 99,985 fl. 36 kr.) statt der ihm
vertragsmäßig obliegenden 152,485 fl. 36 kr. an den Markgrafen zu
zahlen, während England für jeden Soldaten, für jeden Sohn des Landes
nicht allein sämmtliche Kosten bestritt, sondern auch noch dem
Markgrafen Handgelder und Subsidien bewilligte. Derselbe Mensch, der aus
dem Blut seiner Unterthanen Millionen für sich münzte, verschmähte auch
ein kleines Geschäftchen nicht; er ließ sich seine Soldaten doppelt
bezahlen, erst von seinem Lande, dann von England und bewilligte jenen
nur einen Nachlaß von 52,500 fl. pr. Jahr. Ob Anspach auch in derselben
echt fürstlichen Weise begnadigt wurde, geht aus den Akten nicht hervor;
indessen ist nicht anzunehmen, daß es schlechter als Bayreuth behandelt
wurde.
Der Gesammtverlust der deutschen Truppen während eines beinahe
siebenjährigen Krieges stellt sich auf etwas mehr als vierzig Prozent
der gesammten Mannschaft; von bloß militärischem Gesichtspunkte aus
betrachtet ein durchaus günstiges Verhältniß, wenn man damit die
früheren oder späteren europäischen Kriege vergleicht. Es war aber
England's Interesse, den deutschen Soldaten dieselbe gute Verpflegung
angedeihen und dieselbe hohe Löhnung zahlen zu lassen, welche seine
eigenen Angehörigen erhielten. Wenn trotzdem z.B. 300 hessische
Grenadiere in einem einzigen Frühjahr vom Faulfieber dahingerafft
wurden, so war dieses Unglück eine Folge des Mangels an Reinlichkeit und
guter Pflege, dessen sich die hessischen Grenadiere und Offiziere
schuldig machten. Im Gefecht sind verhältnißmäßig wenige Leute gefallen,
wie denn überhaupt alle damals gelieferten Schlachten heutzutage nur als
ernstliche Plänkeleien gelten würden; die Meisten kamen durch
klimatische Krankheiten, angestrengte Märsche, übermäßige Strapazen und
Entbehrungen und ungewohnte Lebensweise um. In der Schlacht bei Monmuth
starben z.B. 28 hessische Grenadiere am Sonnenstich. Nach geschlossenem
Frieden blieben mehrere hundert Braunschweiger und Hessen mit
Genehmigung ihrer Vorgesetzten in Amerika. Ein Theil ging auch durch
Desertion verloren. Amerikanische und ihnen gläubig nachschreibende
deutsche Schriftsteller haben vielfach die Ansicht verbreitet, als sei
der deutsche Soldat, wo sich nur eine Gelegenheit dazu geboten habe,
eiligst desertirt. Wenn je eine Angabe irrig war, so ist es diese. Die
Amerikaner hatten allerdings stark auf die Desertion der deutschen
Soldaten gerechnet und gaben sich alle mögliche Mühe, sie zu gewinnen;
indessen halfen ihre Bemühungen nicht viel. Schon Ende August 1776
passirte der Kongreß einen Beschluß, worin er allen hessischen (d.h.
deutschen) Deserteuren ein ansehnliches Stück Land zur Ansiedelung
versprach. Franklin ließ dieses Dokument in's Deutsche übersetzen und in
Staaten Island unter den dort lagernden Truppen vertheilen. Er schlug
dem General Gates vor, den Aufruf als Umschlag für Tabackspackete zu
gebrauchen und ihn auf diese Weise denjenigen leicht zugänglich zu
machen, an deren Adresse er gerichtet war. Das Mittel zog aber nicht.
Ja, selbst in der Gefangenschaft blieben diese Leute mit einer, der
besten Sache würdigen Treue bei ihren Fahnen und wiesen die lockendsten
Anerbietungen und Verheißungen zurück. So desertirten von den bei
Saratoga gefangen genommenen und zuerst in Cambridge bei Boston während
eines strengen Winters in Haft gehaltenen Braunschweigern kaum 80 Mann,
trotzdem daß der französische Oberst Armand (Marquis de la Rouerie)
neben dem Lager der Gefangenen am Winterhill ein Werbebureau für seine
Freikorps errichtet hatte und es, da er selbst des Deutschen mächtig
war, an Versuchungen zur Desertion nicht fehlen ließ. Diejenigen
Deserteure, die sich von ihm hatten annehmen lassen, trieben ihre
Unverschämtheit so weit, daß sie in ihren amerikanischen Uniformen zu
Pferde und zu Wagen zum Winterhill kamen und ungestraft ihre früheren
Kameraden auffordern durften, ihrem Elend durch Uebertreten zu ihnen ein
Ende zu machen. Im schroffen Gegensatze dazu steht allerdings ein nur
vereinzelt vorgekommener Fall, indem der Sergeant Flachshaar am 14.
September 1778 aus Newyork schreibt: »Ich weiß nicht, was es ist.
Verschiedene Hessen wissen ihre Ehre nicht zu estimiren, denn sie
desertiren so stark, daß es eine Schande ist. Bei dem Marsche von
Philadelphia hierher sind allein an 400 Mann desertirt. Se. Exzellenz
der Herr Generallieutenant von Knyphausen haben deßwegen auch schon
etliche vom hessischen Korps aufhängen lassen.«
Trotz alledem war im Verlauf des Krieges die Desertion unter den
Deutschen geringer als unter den Engländern; namentlich hielten sich die
in Süd-Karolina und Georgia stehenden Regimenter trotz aller
Entbehrungen und Strapazen viel besser als jene. Unsere Quellen
enthalten die zahlreichsten Belege für diese Thatsache. Wenn man
bedenkt, daß z.B. im Februar 1782 wegen zu starker Desertion das zweite
Bataillon Delancey dem ersten und die Georgia Loyalisten den Kings
Rangers einverleibt wurden, ja daß die durch diese Verschmelzung außer
Gage gesetzten englischen Offiziere zum Feinde übergingen, wenn man
ferner bedenkt, daß von dem regulären englischen 60. Regiment innerhalb
drei Tagen sechszig Mann desertirten oder daß ganze Posten und
Kavallerie-Patrouillen mit Sack und Pack sich aus dem Staube machte, so
erscheint die als ein ganz außerordentliches, einzig dastehendes
Ereigniß gemeldete Desertion, welche drei und vierzig Mann des
hessischen Regiments Knoblauch vom 24. Januar bis 1. April 1782 aus
Savannah bewerkstelligten, verhältnißmäßig noch gering. »Die Desertion
betreffend -- schreibt am 21. Februar 1782 der Oberst Porbeck dem
Landgrafen -- glaube, daß hieran die Hoffnung, von hier weggelegt zu
werden und noch immer nicht erfolgt, schuld ist, indem sich Jeder vor
der herannahenden gräßlichen Sommerhitze und dabei grassirendem bösen
Faulfieber auf's Aeußerste fürchtet. Hierzu kommt noch, daß die
bösgesinnten Einwohner der Stadt sich alle Mühe geben, zur Desertion zu
bereden. Der hiesige Kommandant hat in der Garnison bekannt machen
lassen, wenn einer von diesen Einwohnern ausgemacht werden könnte, vor
solchen Lstr. 40 zu zahlen und den Thäter hängen zu lassen. An die
Negers, so Deserteurs eingebracht, hat jeder Kompagnie-Chef zwei Guinees
zur Aufmunterung dieser Leute bezahlt, damit solche desto aufmerksamer
sein möchten. Hierzu kommt noch: die neu errichteten Bataillons, so fast
mehren Theils aus weggelaufenen Rebellen bestehen und in hiesige Dienste
gezwungen werden, womit dieses (Knoblauchsches) Regiment Dienste thut,
veranlasset ebenfalls Beförderung der Desertion.«
Zu ganz derselben Zeit, am 20. Februar 1782 hatte John Martin,
General-Kapitain und Gouverneur von Georgien, einen durch unzufriedene
Einwohner und liederliche Frauenzimmer der Stadt unter die deutschen
Soldaten vertheilten, auch in deutscher Sprache gedruckten Aufruf
erlassen, worin er jedem englischen und deutschen Deserteur 200 Acker
Land, eine gute Kuh und zwei Mutterschweine zum Geschenk verspricht, so
bald er Einwohner »dieses Landes« werden wollte.
Unter diesen Umständen vermochten selbst die grausamsten Drohungen und
die strengsten Strafen dem einmal eingerissenen Uebel nicht vorzubeugen.
Die Engländer hingen jeden Deserteur, dessen sie habhaft wurden, die
deutschen Obersten ließen ihn ohne Weiteres erschießen, übertrafen sie
sogar noch an Freigebigkeit, indem sie den Häschern außer dem Fanggelde,
Alles schenkten, was der Deserteur außer der Waffe am Leibe und in den
Taschen trug. Bei einigen der Ergriffenen belief sich der vorgefundene
Baarbestand auf drei bis fünf Pfund, ein Beweis dafür, daß ihre Flucht
schon lange vorher geplant war. Der Landgraf von Hessen billigte trotz
oder vielmehr wegen seiner Sparsamkeit das Verfahren seiner
Regimentskommandeure als das geringere von zwei Uebeln. In der
Nachbarschaft von Charleston und Savannah kam es zu vollständigen
Menschenjagden mit obligaten Bluthunden und berittenen Häschern. Unter
den (jetzt in Marburg ruhenden) hessischen Papieren findet sich ein
kurzer Bericht, der in dürren geschäftlichen Worten ein ergreifendes
Drama entrollt.
Fünf Soldaten vom Regiment Knoblauch, drei geborene Hessen, ein
Brabander und ein Mannheimer, hatten zu Anfang März 1782 ihre gemeinsame
Flucht verabredet. In der Nacht vom 8. zum 9. verließen sie mit voller
Armatur Savannah und wandten sich landeinwärts. Inzwischen waren sie
verrathen worden. Berittene Milizen, unter Führung eines Kapitains
Bradley, verfolgten und entdeckten sie in der Nähe eines Swamp
(sumpfiges, häufig mit Bäumen bewachsenes Terrain). Sie trieben die
Flüchtlinge in den Sumpf hinein und umzingelten sie. Die Verfolgten
wehrten sich so gut sie konnten, suchten mit ihren Säbeln die Bluthunde
abzuwehren und gaben Feuer auf die in Mehrzahl auf sie eindringenden
Verfolger. Nach kurzem Gefecht fielen sie Alle und wurden in voller
Uniform in einem Loche verscharrt. Außer ihrem üblichen Fanggelde
erhielten die Häscher noch drei und eine halbe Guinee, die sie aus den
Taschen der Leichen zusammengesucht hatten. Unter diesen Deserteuren
befand sich auch ein junger Mann aus Hatterode, der einzige Sohn einer
Wittwe, deren ältester Sohn kurz zuvor im Hospital in Savannah am Fieber
gestorben war. Die Mutter hatte endlich bei der heimathlichen Behörde
einige Monate vorher die Freigebung des Ueberlebenden bewirkt und dessen
Zurückbeförderung tagtäglich erwartet. Jetzt erhielt sie die Nachricht
von dem Tode auch des zweiten Sohnes.
Auch die übrigen deutschen Truppen hielten sich soldatisch tapfer und
blieben in ihrer sehr großen Mehrzahl selbst im Unglück ihrer Fahne
treu. Die nach der Uebergabe von Yorktown in Frederick in Maryland
internirten Anspacher verloren kaum den achten Theil durch Desertion,
obgleich sie fast zwei Jahre lang in Gefangenschaft schmachteten und
sehr schlecht gehalten wurden. Es ist ein hoher Beweis für die
Tüchtigkeit und Disziplin der hessischen Regimenter, daß die Soldaten,
trotzdem daß ihre Reihen in den letzten Jahren des Krieges mit allem
möglichen Gesindel ausgefüllt wurden, in verhältnißmäßig geringer Zahl
desertirten und standhaft bis an's Ende aushielten. Bei den kleineren
Kontingenten kamen allerdings mehr Desertionen vor, allein gleichwohl
waren sie klein im Verhältniß zu den sich bietenden Gelegenheiten, zur
Unmöglichkeit der Habhaftwerdung der Deserteure und überhaupt zum
Charakter der damaligen Heeres-Organisation. Diese Angabe stützt sich
auf etwa vierzig Tagebücher von Offizieren, Unteroffizieren und
Gemeinen. Amerikanische Novellisten à la Cooper und deutsche
Tendenz-Schriftsteller werden zwar nicht müde, diese unglücklichen,
fremden Interessen geopferten Miethlinge als einen verächtlichen, kaum
des Widerstandes fähigen Haufen zu schildern; allein diese Phantasien
werden von den Thatsachen auf Schritt und Tritt Lügen gestraft. Die
hessische Infanterie jener Zeit war jedenfalls ebenso gut als die
preußische, die beste des Jahrhunderts. Sie hatte gemeinschaftlich mit
dieser die Schlachten des siebenjährigen Krieges gewonnen und sich im
vorigen Jahrhundert in allen Theilen Europa's durch ihre Tapferkeit,
Disziplin und Unverwüstlichkeit ausgezeichnet. Kaum in Amerika gelandet,
entscheidet sie hauptsächlich durch ihre Bravour den Feldzug des Jahres
1776 zu Gunsten der Engländer. Die amerikanische Landbevölkerung hatte
einen solchen Schrecken vor den Hessen mit ihren Bärenmützen und
Zuckerhüten, daß sie dieselben als eine Art Menschenfresser fürchtete,
und daß Washington, um diese Vorurtheile zu brechen, einen Theil der bei
Trenton gefangenen Hessen durch die Straßen Philadelphia's führen und
dem Volke zeigen ließ. »Die Herren Hessen machen Unmöglichkeiten
möglich«, meinte der sich ihnen ergebende amerikanische Kommandant des
Forts Washington. Die Braunschweiger bewährten in glücklichen und
unglücklichen Gefechten, bei Hobartstown, Bennington und Stillwater ihre
alte Tüchtigkeit und Tapferkeit, und wahrlich, sie so wenig als die
Hanauer trifft der Vorwurf, daß sie bei Saratoga in feindliche
Gefangenschaft fielen. Auch die kleineren Kontingente, namentlich die
Waldecker und Anspacher, schlugen sich sehr gut. Jene stürmten im Verein
mit den Hessen Fort Washington und kämpften in den letzten Jahren des
Krieges tapfer mit den Engländern in Florida und am Missisippi gegen die
Spanier; die Anspacher aber hatten im Norden ehrenvollen Antheil an der
Eroberung der Festen Clinton und Montgomery und im Süden an den Siegen
des Lord Cornwallis, mit dem sie freilich zuletzt in Yorktown in
Gefangenschaft geriethen. Wo aber die Mannschaften nicht viel taugten
und lediglich zum Festungsdienst, wie z.B. die Zerbster, verwendet
wurden, waren die Offiziere desto tüchtiger und durchgreifender.
Wenn die englischen Waffen gleichwohl unterlagen, so war es wahrlich
nicht die Schuld der deutschen Soldaten, sondern die Unfähigkeit der
verantwortlichen Offiziere und die Kurzsichtigkeit der englischen
Politik.
Es liegt natürlich außerhalb der Gränzen unsrer Aufgabe, die Mitwirkung
der deutschen Truppen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen Amerika's
eingehend zu schildern. Es möge deshalb die kurze Bemerkung genügen, daß
die Hülfstruppen nie selbständig auftraten, sondern den einzelnen
englischen Korps beigegeben waren und deshalb im Norden und Süden
überall mit zur Verwendung kamen. Wie an den Siegen des Jahres 1776 den
Löwenantheil, so hatten sie in der Folge auch an dem Unglück, welches
die englischen Waffen traf, ihr volles Maß. Wenn sich nun auch die
Hessen ihre Gefangennahme bei Trenton selbst zuzuschreiben hatten, so
sind die übrigen Kontingente dagegen an den Kapitulationen unschuldig,
in welche sie mitverwickelt wurden. Es ist nicht zu viel gesagt, daß der
leichtfertige Burgoyne sich bei Saratoga nicht würde haben ergeben
müssen, wenn er zur rechten Zeit auf den wohlmotivirten Rath eines so
erfahrenen Generals wie Riedesel gehört hätte. So geriethen denn die
Braunschweiger und das hanauische Regiment in amerikanische
Gefangenschaft, in welcher sie bis zum Ende des Krieges bleiben mußten.
Die Anspacher (1073 Mann stark), sowie die hessischen Regimenter
Erbprinz und Bose gehörten in den Jahren 1780 und 1781 zu Cornwallis'
Armee und mußten sich endlich mit ihr bei Yorktown dem General
Washington ergeben. Unter den Gefangenen befand sich auch der damalige
Jägerhauptmann spätere General Ewald, ein ausgezeichneter Offizier und
Militärschriftsteller, der nach seiner Rückkehr zuerst in preußische und
später in dänische Dienste trat und in der preußischen Armee den
Schützendienst nach amerikanischem Muster ausbilden half. Während die
Zerbster in Kanada blieben, wurden die Waldecker im fernsten Süden
verwandt und auf dem Umwege über Jamaica nach Florida geschickt. Hier
belagerten sie zu Anfang des Jahres 1781 Pensacola, wo beim Sturm auf
die Werke ihr Oberst Hanxleden fiel. Zwei ihrer Kompagnien, welche nach
Baton Rouge am Missisippi beordert waren, wurden von den Spaniern
gefangen genommen. Es mag hier als besondere Merkwürdigkeit erwähnt
werden, daß die Waldecker unter den Indianern bei Pensacola einen
Landsmann, Namens Brandenstein aus Königshagen fanden, welcher heimlich
aus dem Schlosse in Waldeck entwischt war und ihnen jetzt als
Dolmetscher gute Dienste leistete. Er stand als Häuptling an der Spitze
von etwa 2000 Indianern, deren Tracht er trug und von denen er sich nur
durch seine Gesichtsfarbe und seinen Bart unterschied.
Von den Beschwerden und Entbehrungen, unter denen die Soldaten
namentlich im Süden litten, kann man sich in Europa kaum annähernd einen
Begriff machen. Im Sommer herrschte eine ebenso unerträgliche Hitze als
im Winter grimmige Kälte; dabei gingen die langen Märsche durch
unangebaute, meist unwirthliche Gegenden, in welchen nur ausnahmsweise
Lebensmittel aufzutreiben waren. Der Sonnenstich war nichts Seltenes;
die Soldaten wurden einige Mal auf dem Marsche oft wahnsinnig vor Durst,
aus Hunger machten sie sich aus dem für ihre Zöpfe bestimmten Puder
häufig einen Brei. Auch in den Garnisonen hatten sie meist schlechte
Verpflegung und nur ausnahmsweise frisches Fleisch. Dabei Ungeziefer am
Leibe und Ungeziefer in der Luft und am Boden, namentlich aber die
blutgierigen Muskito's, welche den armen Teufeln den Schlaf raubten. Das
Lagern in den Sumpfniederungen erzeugte heftige Fieber. Das schlechte
Trinkwasser war ohne Rum gar nicht zu genießen. Für Bier und Wein,
welche den englischen Soldaten zugänglich waren, fehlte den Deutschen
das Geld. So stellte sich namentlich in den südlichen Garnisonen eine
große Sterblichkeit ein. Dazu kam die den deutschen Söldnern doppelt
gehässige Stimmung der Eingeborenen. Mit welcher Rücksichtslosigkeit
aber die armen Gefangenen behandelt wurden, mag in den treuen Berichten
der Frau v. Riedesel nachgelesen werden, welche deren Loos freiwillig
mehrere Jahre theilte. Es würde unter diesen Umständen ein Wunder sein,
daß die Regimentsverbände trotzalledem noch zusammenhielten, wenn nicht
eine grausame eiserne Disziplin den Dienst erzwungen hätte. Daß die
Soldaten, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu bot, dagegen nicht blöde
im Zugreifen und Zerstören waren, versteht sich bei dem damaligen
Heeres-Charakter ganz von selbst. Ihre größte Klage ist, daß sich solche
Gelegenheiten so selten boten. Es findet sich in den anspacher
Manual-Akten die Beschreibung der Plünderung von Westfield und New
Brunswick im Staate New Jersey, die zugleich mit moralischen und
allgemeinen Betrachtungen durchflochten, das zu charakteristische
Produkt eines Landsknechts ist, als daß sie hier nicht ihren Platz
verdiente.
»Auf unserm letzten beschwerlichen Marsch -- schreibt der Soldat am 4.
Juli 1777 aus Staaten-Island -- hätten wir eine ganze Stadt mit allem
möglichen Vieh, Kupfer und Zinn, mit dem feinsten Weißzeug und allem
Hausrath versehen können. Unsere Leute haben mehr als zweihundert
Schweine erstochen und liegen lassen. Die Thränen stehen mir in den
Augen, wenn ich das schöne und glückliche Land betrachte und Zeuge sein
muß, wie Alles ruinirt wird. Es wird uns Alles Preis gegeben. Ich habe
mir einen ledernen Leibgurt machen lassen, um solchen mit Guineen zu
füllen. Ich kann Ihnen versichern, daß der Theil von Amerika, worinnen
wir sind, und den wir durchmarschirt, mit allem Rechte mit einem
Paradiese könnte verglichen werden, wenn der Teuffel, der allein Schuld
ist, den Samen der Zwietracht nicht ausgestreut hätte. Ewig Schade, daß
Alles ruiniret und verheeret wird! Das Herz blutete mir, als wir von
Brunswick zurückmarschirten, wo unsere Grenadier-Kompagnieen die
Arriere-Garde machten und alle Häuser in Brand stecken mußten. Selbst in
Brunswick blieb kein Haus und Fenster ganz, alle Mobilien wurden auf die
Gasse geworfen, worunter das allerschönste weiße Zeug, Zinn und Kupfer
war. Die Betten wurden aufgeschnitten und die Federn ausgeschüttet. Aus
Mangel an Wagen konnten wir nichts mitnehmen, außer einige Grenadiers
haben Sackuhren, silberne Löffel, Thee- und Kaffee-Kannen mitgenommen.
Die meisten Häuser sind herrlich und nach holländischer Art gebaut, und
mit den feinsten Tapeten garniret. Nichts als die Pracht, Ueberfluß und
Wollust hat die Leute zur Rebellion gebracht, denn kein angesessener
Einwohner arbeitet das Geringste; sie haben ihre Mohren, welche Sklaven
sind. Diese müssen das Land bearbeiten, und die Einwohner bringen ihr
Leben in Müßiggang zu. Wenn wir wieder kommen, so bringe ich Ihnen eine
schwarze Sklavinn mit.«
Die gemeinen Soldaten bestanden eben, wie das bei der Art ihrer
Aufbringung nicht anders sein konnte, aus allen möglichen Individuen,
vom verlaufenen Mönch und verkommenen Offizier an bis zum Studenten,
Handwerker, Künstler und Bauern. Daß aber selbst die gebildetsten unter
ihnen das an ihnen begangene Verbrechen nicht fühlten, für diese
beklagenswerthe Erscheinung liefert den schlagendsten Beweis der bereits
angeführte deutsche Dichter Johann Gottfried _Seume_. Derselbe war als
Student der Theologie zwischen dem kirchlichen Dogma und seinem Gewissen
in Widerspruch gerathen, und verließ, neunzehn Jahre alt, Leipzig, um in
Paris Mathematik zu studiren. Auf dem Wege dahin wurde er von
landgräflich hessischen Werbern aufgefangen und ohne Weiteres den nach
Amerika verkauften Rekruten einverleibt. Seume's Erzählung seiner
Pressung und erzwungenen Reise nach Amerika ist einer der werthvollsten
und interessantesten Beiträge zur Geschichte des fürstlichen
Menschenhandels. Zeigt sie auf der einen Seite, wie kein junger gut
gewachsener Reisender, mochte er nun Student oder Handwerker, Künstler
oder Kaufmann sein, seiner Freiheit sicher war und befürchten mußte, in
die Hände der Menschendiebe zu fallen, so beweist auf der andern Seite
die Ruhe und fast objektive Gleichgültigkeit, mit welcher Seume von
diesem frechen, gewaltsamen Eingriff in sein Leben spricht, wie wenig
Werth das Individuum seinem Ich beilegte, wie wenig selbst von den
gebildeteren Geistern der Zeit eine solche Rohheit empfunden wurde. Man
glaubt sich fast nach dem Königreich Dahomey versetzt, wenn man diese
Diebsstückchen des hessischen Landgrafen liest. Man vergegenwärtige sich
nur die Thatsachen! Ein sächsischer Student, der den hessischen
Landesvater kaum dem Namen nach kennt und ihm jedenfalls nichts zu Leide
gethan hat, wandert arglos auf der Landstraße nach Fulda. Dort wird er
überfallen, überwältigt und als Arrestant des Landgrafen nach dessen
Festung Ziegenhayn gebracht. Warum? Weil er die erforderliche Größe für
einen Soldaten hat, weil also Geld aus ihm herauszuschlagen ist und weil
er die Frechheit besitzt, sich seiner Haut zu wehren, seine persönliche
Freiheit, das Einzige, was er auf der Welt sein nennt, zu vertheidigen.
Ein ähnliches Schicksal mit Seume theilten hundert andere Unglückliche.
Als sie den an ihnen begangenen Gewaltakt durch ihre Selbstbefreiung
wieder sühnen wollten, erlagen sie und wurden beim Gassenlaufen halb
todt geprügelt -- »es war eine grelle Fleischerei«, bemerkte Seume --
zum Galgen verurtheilt oder aus Gnade von demselben Landgrafen, der sie
schamlos gestohlen hatte, in Kassel in die Eisen geschmiedet. Wer nicht
an den Mißhandlungen zu Grunde ging, ward dann wie ein Häring in's
Schiff eingepöckelt und in dieser Lage zu keinem andern Zweck, als um
den Beutel des hessischen Menschendiebes zu füllen, bis an's und über's
Meer geschafft.
Die schrecklichen Einzelheiten möge der Leser selbst in Seume's Leben
nachlesen und dann seine Schlüsse aus der Erzählung ziehen. Die
Theilnahmlosigkeit, die resignirte Ruhe, mit welcher Seume von sich
spricht und mit welcher er sein furchtbares Loos als eine humoristische
Schicksalstücke auffaßt, zeigt uns die empörende Wirkung dieser
kleinstaatlichen Willkür und Gewaltthätigkeit auf die Anschauung des
durch sie verwilderten deutschen Volkes. »Ich ergab mich -- sagt Seume
-- in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht
es auch war. Mir zerriß man meine akademische Inskription, als das
einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter
nicht; leben muß man überall; wo so Viele durchkommen, wirst Du auch.
Ueber den Ozean zu schwimmen, war für einen jungen Kerl einladend genug,
und zu sehen gab es jenseits noch etwas. So dachte ich.«
In diesem Tone geht's fort. Für eine so harmlose idyllische Existenz
giebt es keinen Haß und keine Erbitterung, keinen Racheplan gegen den
Seelenverkäufer und seine Henkersknechte, ja kaum eine Hoffnung auf
Erlösung. Seume begreift gar nicht das an ihm begangene Unrecht und mit
dem leichtsinnigen Troste, daß das menschliche Leben kaum mehr als ein
schlechter Witz sei, hilft er sich über eine Situation hinweg, die sich
in jedem individueller ausgeprägten Charakter zum tragischen Konflikte
auf Leben und Tod zugespitzt haben würde. Folgerichtig bildet sich dann
später in dem von den Gewalthabern der Heimath verfolgten und unter
harten Kämpfen zum Manne herangereiften Dulder der ohnmächtige Grimm
gegen die schlechte Wirklichkeit zur kulturfeindlichen Schwärmerei für
wilde Natur und Freiheit aus. Er malt sich das Glück des Daseins unter
unverdorbenen, ursprünglichen Umgebungen in glänzenden Farben, macht, um
möglichst Naturmensch zu sein, Fußreisen nach Schweden oder einen
»Spaziergang nach Syracus«, oder flüchtet sich in die Wildniß zu den
kanadischen Indianern, die eben, »weil sie Europa's übertünchte
Höflichkeit nicht kennen, doch bessere Menschen sind als die Weißen«.
Diese schiefen Anschauungen à la Rousseau waren wahrer Balsam für die
Zeitgenossen Seume's, welche eben angefangen hatten, den Widerspruch
zwischen ihren gedrückten bürgerlichen Verhältnissen und ihren
himmelstürmenden Idealen zu erkennen, und vorläufig beim ersten Stadium
dieses geistigen Konflikts, bei einer schwächlichen Sentimentalität
angekommen waren.
Fern sei es, deshalb einen Stein auf den wackern Seume zu werfen. Er hat
redlich gestrebt und trotz aller persönlichen trüben Erfahrungen und
Widerwärtigkeiten den Glauben an die Menschheit nicht aufgegeben; allein
unser berechtigter Fluch treffe die Menschen und die Zeit, welche
energisch angelegte Naturen zu bloßen Spielbällen des Schicksals
erniedrigten und selbst in der Brust der edleren Geister das Gefühl der
persönlichen Würde und den Glauben an den Beruf ihrer Nation so
gründlich zu ersticken wußten, daß sie ihre Ideale bei den Wilden suchen
mußten. Leider hat Seume den mächtigen Aufschwung seiner Nation nicht
mehr erlebt, da er zur Zeit ihrer tiefsten Erniedrigung (1810) starb. In
einem wenig poetischen, aber politisch energischen Gedichte, welches er
in seinem Todesjahre an das deutsche Volk richtete, ist es wohlthuend,
seinen Haß und seine Verachtung der fürstlichen Seelenverkäufer,
wenigstens am Schluß seines Lebens, noch kräftig betont zu sehen.[7]
Unser Haß wende sich darum auch heute noch gegen jene jämmerliche
Kleinstaaterei, welche nur zu lange einer großen Minderheit des
deutschen Volkes die Gelegenheit zur Bethätigung in der Heimath entzogen
und jene Abenteurersucht, jenes Landsknechtsthum erzeugt hat, welches
sich in allen fünf Welttheilen mit seinem gesinnungslosen »Ubi bene, ibi
patria!« an den Pranger stellt, welches höchstens einen leeren
Unterthanendünkel, aber selbstredend keine stolzen, eines männlichen
Ringens würdige Ideale in der Brust des Einzelnen erzeugt und welches
uns bis vor Kurzem verhindert hat, uns zusammenzuraffen und ein
politisches Volk zu sein. Aus diesem Grunde ist der Deutsche auch noch
heute nur zu sehr reiner Privatmensch; er kennt in seiner großen
Majorität nur vorübergehende Stimmungen, schwankende Gefühle oder
schwächliche »Sentiments.« Für diese Mehrheit giebt es kein politisches
Gewissen, deshalb auch mit geringen Ausnahmen keine politische Pflicht.
In seiner Betheiligung an der Politik nimmt der Durchschnittsdeutsche
darum meistens die Miene eines vornehmen, herablassenden Gönners an, der
sich angeekelt und ermüdet zurückzieht, sobald sich die Ereignisse nicht
seinem Wunsche gemäß entwickeln.
Wie dem aber auch sein möge, die deutschen Truppen zeigten sich überall,
wo sie in's Feuer kamen, tüchtig und tapfer. Suffolk rühmt in besonderen
Belobungsschreiben an ihre Fürsten, namentlich das Hanauer Regiment,
welches bei Saratoga mit gefangengenommen wurde, und die Anspacher,
welche bei Yorktown dasselbe traurige Loos traf. Da das englische
Ministerium sonst, wo es nur konnte, auf Seiten seiner Lieferanten
Fehler zu entdecken bemüht war, um ihre Ansprüche möglichst
herunterzuschrauben, so kann dieses Lob sicher als aufrichtig und wohl
verdient gelten. So erfreulich es nun auch im Interesse der
freiheitlichen Entwicklung der Menschheit ist, daß unsere Landsleute in
jenem Kriege gemeinschaftlich mit den Engländern geschlagen wurden, und
so verdient und heilsam diese Niederlage auch war, so darf uns doch
diese Genugthuung nicht verhindern, der militärischen Tüchtigkeit und
bei allen Gelegenheiten bewiesenen Tapferkeit der deutschen Soldaten
volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die Mehrzahl der deutschen Truppen wurde im Sommer und Herbst 1783 und
der kleinere Rest im Frühling 1784 wieder nach ihrer Heimath
eingeschifft. So trafen sie hier gegen Ende 1783 und im Laufe des Jahres
1784 wieder ein.
Zwölftes Kapitel.
Es bleibt uns zum Schluß noch übrig, der deutschen Offiziere und ihres
Verhältnisses zum Kriege sowohl und ihren englischen Kameraden, als auch
zur Krone England und zu ihren Landesvätern zu gedenken.
In ihrer großen Mehrheit fühlten sie das Schiefe und Demüthigende ihrer
Stellung nicht. Meist dem niedern Adel angehörend, der wenig mehr
gelernt hat als was er nothwendig für's Lieutenants-Examen braucht, und
der seit Jahrhunderten für Kost und Logis damals so gut seine Haut zu
Markte trug, wie noch heute, kannten sie, wie alle schlecht bezahlten
oder halb gebildeten Leute, gar nicht das Gefühl persönlicher Würde und
Verantwortlichkeit. Sie waren stolz darauf, zu dienen und Landsknechte
zu sein, die sich auf das Geheiß Serenissimi, ohne nach irgend einem
Grund zu fragen, an's andere Ende der Welt schaffen lassen und ebenso
gleichgültig für die schlechteste wie für die beste Sache kämpfen. Die
Lieutenants und die Subaltern-Offiziere jubelten, daß sie aus ihren
langweiligen Garnisonen ausrücken durften, daß sie von ihren Gläubigern
vorläufig nicht weiter gequält werden konnten, und malten sich das ferne
Land in den glänzendsten Farben aus, wo ihre Phantasie Alles zu finden
hoffte, was sie zu Hause nicht hatten. Nichts ist erklärlicher als
diese freudige Stimmung, wenn man sich die Verhältnisse dieser
kleinstaatlichen Truppen im Friedensstande vergegenwärtigt. Zu Hause
überall Kleinlichkeit und Armseligkeit, karge Besoldung, kümmerliche
Verpflegung, schlechte Behausung und langweiliger Dienst; in der Fremde
dagegen ein bewegtes Kriegsleben mit seinem steten Wechsel, seinen
Anregungen und Anspannungen, ja ein unbekannter Kontinent mit tausend
neuen, Auge und Geist gleichmäßig einnehmenden Erscheinungen und
Vorkommnissen, endlich ein großer, lange nicht mehr gekannter
Armee-Verband, doppelte Löhnung und reichliche, ja verschwenderische
Verpflegung und Aussicht auf schnelle Beförderung! Welcher junge
Offizier hätte da nicht mit Freuden zugegriffen und sich nicht glücklich
gepriesen, den Krieg in Amerika mitmachen zu dürfen?
Kaum dort angekommen, wurde ihm aber die Kehrseite der Medaille
sichtbar. Statt des geträumten Reichthums überall fast Noth und Mangel,
statt der gehofften Kameradschaft kaltes zugeknöpftes oder gar
höhnisches Wesen der englischen Offiziere, statt des raschen Avancements
geringe Verluste und meist langweiliger Dienst unter Strapazen und
Entbehrungen aller Art. »Daß alle Kapitains und Subalterne zu Fuß gehen
müssen -- schreibt der Lieutenant v. Molitor am 4. July 1777 aus dem
Lager von Staaten Island an den Hauptmann v. Ellrodt in Anspach -- habe
ich Ihnen schon gemeldet. Die Theuerung ist enorm. Was man bei uns in
theueren Zeiten vor einen Konventionsthaler kauft, das muß man hier vor
eine Guinee bezahlen. Unsere Leute bekommen Tag vor Tag gesalzen
Schweinefleisch und alten Zwieback. So lange wir auf dem Lande sind,
haben sie erst zwei Mal frisch Fleisch bekommen.« Noch mehr klagt der
Lieutenant Bartholomae in einem Briefe aus New-York am 9. Dezember 1779
an Gemmingen geschriebenen Briefe. »Wir anspacher Jäger sitzen auf
Spuytin Devil (gegenüber dem nördlichen Ende der Insel New-York).
Möchten Ew. Exzellenz ein Mittel ausfinden, wie ich auf gute Art
zurückkommen könnte. Ich muß hier schlechter als ein Bettler in
Deutschland leben, kann mir weder etwas sparen noch bei meinem
gegenwärtigen Dienste Ehre erwerben. Die große Theuerung und Anschaffung
der Equipage ist nicht auszuhalten. Wie thöricht war ich, den
amerikanischen Krieg mit dem deutschen zu vergleichen. Finden Sie ein
Mittel, wie ich nur mit Ehren aus diesem Fegefeuer, dieser Hölle erlöst
werden kann.« Bartholomae berechnet sein monatliches Einkommen auf
sechs Guineen und drei Thaler, welche ihm nach Abzug der doppelten
Provision bleiben. Davon gehen ab zwei Pfund für den Vorschuß, ein Pfund
für den Bedienten, ein Thaler für den Feldscheer oder Barbier, zwei
Thaler für die Wäscherinn; mithin bleiben drei Guineen für Essen und
Trinken, Frühstück, Rauchen und Schnupftaback. Ein Pfund Fleisch kostet
1 fl. 8 kr., ein Pfund Butter dasselbe.
Andrerseits hatte keiner dieser Offiziere eine Ahnung von der Macht des
Volkes, von der Existenz einer Nationalkraft und den letzten Gründen der
amerikanischen Erhebung. Mit dem Augenblick, wo sie von England
übernommen wurden, fingen sie auch pflichtmäßig an, über das
amerikanische Rebellengesindel zu schimpfen. In Amerika angelangt,
wunderten sie sich über die Wohlhabenheit und den Reichthum des Farmers
und berichteten ganz naiv nach Hause, daß eine Neu-Engländerin oder
Staaten Isländerin bessere Kleider, ja selbst ein feineres Benehmen
habe, als selbst manche junge adelige Dame in Deutschland. Namentlich
waren sie von der Schönheit und Eleganz der Frauen entzückt. Unter zehn
Mädchen finden sie kaum eins, welches nicht schön wäre. »Ihr Anzug --
meint Lieutenant v. Wöllwarth, der auf diesem Gebiete ein Kenner zu sein
scheint -- ist der vortheilhafteste von der Welt, eine geschmackvolle
Vermittlung zwischen französischer und englischer Mode mit eigenen
Zuthaten: das giebt der angeborenen Schönheit ein um so reizenderes
Aussehen.« Um so schlimmer war es mit dem politischen Urtheil der Herren
bestellt. So schrieben sie die Revolution nur dem Uebermuthe des
»frechen Packs« zu, dem es unter englischer Herrschaft zu gut gegangen
sei. Auch die höheren Offiziere zeigen nirgends ein Verständniß für die
politischen Fragen, die sich im amerikanischen Kriege zur Entscheidung
drängten. Es sind manche interessante militärische Denkschriften von
ihnen erhalten, aber nirgend wird die Politik selbst nur als
untergeordneter oder beiläufiger Faktor der Ereignisse erwähnt. Das Volk
hat rebellirt, also muß es mit der »ultima ratio regis« zur Raison
gebracht werden -- in diesen paar Worten erschöpft sich die ganze
politische Anschauung der damaligen deutschen Offiziere. Da geht,
unmittelbar nach der Schlacht, die das Geschick eines ganzen Kontinents
entscheidet, ein deutscher Oberst am Meeresstrand spazieren, sucht
Muscheln und preis't die »Allmacht des Schöpfers«. Ein anderer sieht von
den Höhen von Brooklyn aus, wie die ganze englische Flotte vor Anker
geht und sich anschickt, die Stadt zu bombardiren. Das große ungewohnte
Schauspiel hat wenig oder gar keinen Reiz für ihn, aber er vergleicht
New-York, das strahlende, Europa zugekehrte Auge Amerika's, mit
preußisch Minden, das ungefähr von derselben Größe und Ausdehnung sei.
Es klingt heutzutage wahrhaft komisch, wenn man diese Parallele zwischen
der größten und der reichsten Stadt der neuen Welt und zwischen dem
verschuldetsten rotten borough preußischer Offiziere liest. Ein Dritter
endlich erzählt den Seinigen daheim, daß der bei Brooklyn gefangen
genommene General Sullivan dem Metzgermeister Fischer in Rinteln auf's
Haar gleiche und schimpft über die Mosquitos, die ihm die geträumten
Freuden in der neuen Welt gleich anfangs verleiden.
Dieses Kleben an Nebendingen, welches nur den engen Kreis der
persönlichen Interessen kennt, tritt uns, kaum zwei oder drei
nennenswerthe Ausnahmen abgerechnet, in den Aufzeichnungen der deutschen
Offiziere über den amerikanischen Krieg überall entgegen. Der werthvolle
Aufschluß, den wir über einzelne Ereignisse und Personen erhalten,
findet sich nur gelegentlich und meistens unter einem Haufen von
gleichgültigen Notizen versteckt. Politisches Urtheil hat Keiner der
Tagebuchschreiber.
Hie und da klagen sich denn die deutschen Generale und Obersten wohl
ihre Noth über die Anmaßungen der Engländer, die ihnen und den deutschen
Soldaten oft etwas zuviel zumuthen; Einzelne verfluchen den Dienst,
welcher ihnen so manche Entbehrung auferlegt und kaum einen Vortheil
dagegen bietet; ja in einem unbewachten Augenblicke malt sich sogar der
hessische General _Loos_ das »philosophische Vergnügen« aus, einem
undankbaren, fühllosen Fürsten und hochmüthigen Minister trotzend, sagen
zu können: »_Ich will Euch nicht länger dienen!_« Zu der höhern
Anschauung jedoch, daß dieser Dienst ein verächtlicher Schergendienst
und mit dem Selbstgefühl eines freien Mannes unverträglich war, können
und wagen sich diese Herren nicht zu erheben; sie sind nur hie und da,
innerhalb der gegebenen und von ihnen gehorsam anerkannten
Dienstverhältnisse, mit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung nicht
zufrieden.
So lange England siegreich war, und namentlich die deutschen Regimenter
seine Siege erringen halfen, ging natürlich Alles gut. Gleich nach der
ersten Niederlage aber traten, namentlich zwischen den Offizieren
Reibungen ein, die sich in der Folge fast täglich wiederholten. »Unter
den englischen und deutschen Truppen -- lautet ein den preußischen
Ministern von W. Carmichael, dem amerikanischen Agenten, mitgetheiltes
Schreiben eines hochgestellten Engländers aus New-York vom 5. Januar
1777 -- ist keine gute Harmonie. Unsere Leute sagen, daß zu Trenton die
drei Bataillons Hessen die Waffen zu früh niedergelegt und nicht so viel
Widerstand geleistet hätten als sie hätten können und sollen. Die Hessen
beklagen sich hingegen, daß die frischen Lebensmittel unbillig vertheilt
werden und daß sie nicht den gehörigen Antheil davon erhalten, auch daß
man sie zu dem beschwerlichsten Dienst gebraucht, ihnen die
gefährlichsten Posten giebt, und sie nicht gehörig soutenirt. Einer
unserer vornehmsten Offiziere antwortete hierauf unbedachtsamer Weise,
daß der König sie von ihrem Herrn gekauft hätte, um seine eigenen
Truppen zu schonen, wodurch die Hessen sehr beleidigt worden sind. Sie
fangen auch an, von ihrem Landgrafen mit ungeziemender Freiheit zu
reden, indem sie sagen, er habe kein Interesse bei diesem Kriege, und
verkaufe das Blut seiner Unterthanen, welches in Amerika vergossen
würde, um das Geld in auswärtigen Ländern auf seine Vergnügungen zu
verwenden.«
Im gleichen Sinne äußert sich ein Jahr später vom deutschen Standpunkte
aus der anspachische Lieutenant v. Wöllwarth, Vetter des Ministers
Gemmingen. Er bittet diesen darum, daß er seine Rückkehr nach
Deutschland vermittle, zu einer Zeit, wo der eben ausbrechende bayrische
Erbfolgekrieg einem Offizier bessere Aussichten für Auszeichnung und
Beförderung bot. Dieser mit feinem Humor und beißender Ironie
geschriebene Brief zeigt den ganzen Mißmuth und die gründliche
Verachtung eines unabhängigen Charakters gegen den ihm zugemutheten
Dienst. »Ein gewisser Lord in Schottland -- schreibt Wöllwarth am 4. Mai
1778 aus Philadelphia -- hatte eine sehr sorgfältige Parforcejagd. Er
sah aber ein, daß es patriotischer und vernünftiger für sein Vaterland
gedacht sein würde, bei dessen gegenwärtiger Verfassung solche
abzuschaffen und dafür ein Regiment zu werben, welches in des Königs
Dienst treten sollte, um gegen die rebellischen Kolonieen auf seine
eigenen Kosten gebraucht zu werden. In England fand er keinen Käufer; er
ließ deshalb auf Anrathen seiner Freunde seine ganze Hunde-Equipage in
eine teutsche Zeitung unter die zu verkaufenden Sachen setzen, in der
zuversichtlichen Hoffnung, daß man in Teutschland mehr Hunde- als
Menschenliebe besitzt. Man behauptet, ein teutscher Reichsfürst habe ihm
dagegen ein Regiment Soldaten vertauschen wollen; allein letzteres,
glaube ich, ist erdichtet und halte die ganze Geschichte für eine
Erdichtung. Doch können gnädigster Herr Vetter sich nicht genug
vorstellen, mit welch einem Auge die vernünftigen und uninteressirten
Engländer das Betragen der teutschen Reichsfürsten ansehen. Und noch zum
größern Ruhme werden alle teutschen Truppen vor Leute angesehen, welche
zu viel in ihrem Vaterland gewesen sind und dessendwegen diese Umstände
und Begebenheiten vor unsere glücklichste Ausflucht halten. Schließen
also gnädigster Herr Vetter hieraus nicht, daß dieser Dienst ein Weg und
Feld der Ehre sein sollte.
Die Engländer sehen uns gar nicht davor an und können gar nicht
begreifen, wie ein Mann von Ehre seinen Ehrgeiz auf das treiben kann,
seine Haut vor Geld zu verkaufen. Alles, was wir in Ansehung unseres
Exerzierens voraus haben, ist in ihren Augen lächerlich und sehen uns
allein dazu tüchtig an, diejenigen Posten zu besetzen, welche sie
erobern. Unsere Lage ist höchst unerquicklich; wir sind weder Fisch noch
Fleisch, weder halb noch ganz. Ich bin aber nicht gesonnen, noch länger
unter meiner Charge aus Liebe vor Ihro Durchlaucht zu dienen, will also
lieber unter derselben in einem andern Dienste dienen und lieber nicht
in meiner jetzigen Stellung ein rapides (?) Glück machen.«
Gemmingen nahm als vorurtheilsfreier Mann diesen Brief gut auf und
berief umgehend dessen Absender nach Europa zurück, wo dieser Mitte
Oktober landete.
So glücklich wie Wöllwarth waren aber die wenigsten seiner Kameraden. Es
hatte nicht lange gewährt, bis sie sich ihre traurige Lage klar gemacht
hatten, allein sie wandten sich mit der Bitte um Rückkehr in der Regel
vergebens an ihre Landesväter. Namentlich war der Landgraf von Hessen
selbst Kranken gegenüber ein strenger Herr. Wenn er endlich
nothgedrungen seine Einwilligung zur Rückkehr ertheilen mußte, so
verzögerte er gewöhnlich die Uebermittlung so lange, daß die Bittsteller
keinen Gebrauch mehr davon machen konnten, indem sie schon vorher
gestorben waren. Eine Luftveränderung, andere Umgebungen und bessere
Nahrung hätten die Armen sicher am Leben erhalten. Bei den hessischen
Regimentern, die von 1779-1783 im Süden standen, reichten die Offiziere
fast wöchentlich Entlassungsgesuche ein; nur einige wenige wurden
genehmigt; die Bittsteller aber fielen meistens dem Faulfieber zur
Beute. Andrer Seits kam es vor, daß junge Fähndriche und Lieutenants
desertirten, weil sie nicht unbestimmte Zeit auf die Antwort aus Kassel
warten wollten, so z.B. ein Fähndrich Karl Wilhelm Kleinschmidt aus
Landau in Waldeck und ein Lieutenant Führer.
Zu diesen Uebelständen gesellte sich nun bei den Hessen das schlechte
Avancement, das bei einzelnen Regimentern langsamer war als in den
heimischen Garnisonen. Nach der Niederlage bei Trenton (26. Dezember
1776) bis zum 19. November 1779 unterschrieb der Landgraf keine
Beförderung eines Offiziers der bei jenem unglücklichen Ereigniß
betheiligten Regimenter. Selbst der Kommandeur des früher vom Obersten
Rall befehligten Grenadier-Regimentes war zuletzt ein Major, nachdem der
Obristlieutenant mit Tode abgegangen war. »Bei der noch immer nicht in
völliges Licht gesetzten fatalen Affaire von Trenton -- schrieb der
Landgraf am 11. August 1779 aus Hofgeismar an den Major Mathaeus -- kann
ich mich vor der Hand, und bis das Regiment durch wesentliche und
eklatante Proben seiner Tapferkeit sich meiner Gnade wieder gänzlich
würdig gezeigt haben wird, zu keinem Avancement derer dabei mitgewesenen
Offiziers entschließen. Des Herrn Majors gethaner Vorschlag wegen
Ernennung derer beyden Premier-Lieutenants Saltzmann und Stoebell zu
Stabskapitains hat also auch keine Statt finden können.«
Unterm 10. Juli 1779 hatte der Major Endemann von der Betheiligung des
Regiments Trümbach an der Affaire bei Stonoferry berichtet, wo es sich
besonders auszeichnete, in dessen Folge es vom kommandirenden General
Provost durch Armeebefehl belobt wurde, und bat, »die unglückliche
Trenton-Affaire nunmehr in die Tiefe gänzlicher Vergessenheit zu
versenken, hingegen dem Regimente die seither entzogene Gnade nach wie
vor zuzueignen geruhen zu wollen.« Der Landgraf nahm aus Weißenstein
unterm 19. November 1779 aus dieser Meldung Anlaß, »dem Regiment nunmehr
wieder seine vorige Gnade zuzuwenden, auch ihm wieder Fahnen zu geben,
und die Avancements, welche zeither lediglich wegen der Burgoise von
Trenton zurückgeblieben, wiederum darin zu lassen. Inzwischen wird
dieses jedoch mein Ressentiment gegen diejenigen im Regiment nicht
aufheben, welche bei dieser fatalen Affaire nach geendigter Untersuchung
durch das befohlene Kriegsgericht etwa schuldig befunden werden sollen
und sich hätten Ein oder Anderes zur Last kommen lassen.«
Während die übrigen Lieferanten die Korrespondenz mit ihren Truppen in
Amerika durch die Hände ihrer Minister gehen ließen, nahm der Landgraf
von Hessen, wie wir bereits im vierten Kapitel, S.50, angedeutet haben,
an Allem Theil, was seine Offiziere betraf, und beantwortete die
Berichte seiner Regiments-Kommandeure und Generale immer umgehend
selbst. Aus diesem Briefwechsel geht hervor, daß er stets sehr gut
unterrichtet war und daß er genaues Buch über alle Ereignisse auf dem
amerikanischen Kriegsschauplatze führte. Seine Antworten sind kurz, klar
und sachgemäß; sie enthalten kein Wort zu viel und tragen den Zuschnitt
des knappen preußischen Geschäftsstils jener Zeit. Selten läuft etwas
Privates mit unter. Er ist immer der hohe herablassende »Kriegsherr«,
der lobt und tadelt, zürnt und straft. Einmal, gegen Ende des Krieges,
bat der Landgraf den Obersten v. Porbeck um eine Sendung von
amerikanischen Merkwürdigkeiten, seltenen Vögeln, Indianer-Kleidern und
Waffen, fremden Gewächsen &c. Der Oberst antwortete am 31. Januar 1783
aus Cow Neck auf Long Island, daß er zu seinem Bedauern keinen dieser
Gegenstände beschaffen könne. »Außerdem -- fügte er hinzu -- haben die
hiesigen Einwohner einen solchen Abscheu vor allen zur britischen Armee
gehörigen Leuten, daß sie Niemanden, wenn sie auch wirklich etwas von
Raritäten hätten, davon zukommen lassen, und uns selbst die nöthigen
Lebensmittel auf das Theuerste verkaufen.«
Persönlich waren übrigens die deutschen, namentlich höheren Offiziere,
Ehrenmänner in des Wortes vollster Bedeutung. Das englische Ministerium
ließ es ihnen gegenüber an Versprechungen und Versuchen, sie in sein
Interesse zu ziehen, nicht fehlen; allein sie waren unbestechlich und
ehrlich. »Da sehr viel von der herzlichen Mitwirkung und der guten
Stimmung der deutschen Offiziere abhängt -- schreibt der Staatssekretär
Suffolk bereits am 12. Februar 1776 an seinen Agenten Faucitt -- und da
dieser Zweck am besten durch Mittheilungen über ihren Charakter und ihre
Fähigkeiten erreicht werden kann, so verschaffen Sie sich darüber
möglichst viel Einzelheiten. Ein anderer nicht minder wichtiger Punkt
ist der, daß die Offiziere auf die Freigebigkeit des Königs verwiesen
werden, wenn sie unseren Erwartungen entsprechen und weder durch
_parteiische und unzulässische Rücksicht auf die Erhaltung der von ihnen
befehligten Truppen_, noch durch Eifersüchteleien unter einander oder
gegen die englischen Offiziere den Dienst stören oder unterbrechen. Ich
bevollmächtige Sie also, den betreffenden Offizieren die Freigebigkeit
und Gunst des Königs für den Fall der glücklichen Beendigung des Krieges
in Aussicht zu stellen und sie über ihre Ansprüche genau
auszuforschen.« Faucitt verfehlte natürlich nicht, von dieser Vollmacht
den weitgehendsten Gebrauch zu machen und fragte bei Einzelnen, z.B.
Riedesel, Heister und Knyphausen an, in welcher Art sie die englische
Gunstbezeugung wünschten; allein er erhielt von ihnen die kühle
einstimmige Antwort, daß sie in Amerika aus eigenem Antriebe als gute
Soldaten ihre Pflicht thun würden und daß es ihrer Ehre zuwiderlaufe,
mit England über außerordentliche Belohnungen zu unterhandeln.
Der General Heister, ein tapferer alter Haudegen, aber auf seine Würde
eifersüchtiger Korpsführer, bat nur für den Fall, daß er vor dem Feinde
bleiben sollte, um Berücksichtigung seiner Familie. Er wurde aber auf
Veranlassung des englischen Ministeriums schon zu Anfang 1777
zurückberufen, angeblich wegen der Niederlage bei Trenton, woran
übrigens Heister ganz unschuldig war, in der That aber, weil er nicht
zugeben wollte, daß seine Hessen immer und überall die gefährlichsten,
exponirtesten Stellungen einnehmen und zu den blutigsten Angriffen
verwandt werden sollten. Suffolk nannte das im Sinne seines oben
mitgetheilten Schreibens unpraktisch und unzulässig. Er erklärte deshalb
dem Landgrafen von Hessen, daß die Operationen des Heeres leiden würden,
wenn Heister an der Spitze der Hessen bliebe, und versprach Schlieffen,
dem Minister und Unterhändler des Landgrafen, mehr als einen bloßen Dank
in Worten, wenn er ihm in dieser Angelegenheit seine Hülfe zusagen
wollte. Der »Weise von Windhausen« ging sofort auf Suffolk's Wunsch ein
und setzte diesen auch beim Landgrafen durch. Der brave alte General
kehrte im Sommer 1777 nach Europa zurück, starb aber schon am 19.
November 1777 in Kassel aus Gram über die ihm zu Theil gewordene
ungerechte Behandlung. Der König von England ließ seiner Wittwe, die mit
ihren acht unversorgten, in Armuth zurückgelassenen Kindern vom
Landgrafen nur 600 Thlr. jährliche Pension erhielt, ein Jahrgehalt von
200 Pfund Sterling auszahlen. Knyphausen, der bisher die zweite
hessische Division kommandirt hatte, wurde Heister's Nachfolger und
machte sich bei seinen englischen Vorgesetzten sehr beliebt, vielleicht
weil er weder Deutsche noch Engländer schonte. Er war einer der besten
Divisionsgenerale auf englischer Seite. Bekanntlich wurde das von ihm
erstürmte Fort Washington auf der Insel New-York ihm zu Ehren Fort
Knyphausen benannt. Als ein englischer Oberst einen Theil der hier
erbeuteten acht amerikanischen Fahnen für sein Regiment begehrte, stieß
Knyphausen sie verächtlich mit dem Fuße weg und erwiderte: »Meinetwegen
nehmt sie alle und wischt Euch den H---- damit ab!« Von seinen Soldaten
konnte er jede Leistung verlangen, weil er überall selbst mit dabei war
und weder Gefahr noch Strapazen scheute. Gegen Ende des Krieges wurde
General Loßberg der Nachfolger Knyphausen's. Der braunschweigische
General Riedesel ist durch die von seiner tapfern Frau und Begleiterin
geschriebene sog. »Berufsreise« und die Biographie von Eelking als ein
tüchtiger und umsichtiger Offizier, humaner Vorgesetzter und edler
Charakter allgemein bekannt geworden. Die übrigen Kontingente hatten
keine Generale, sondern nur Obersten an ihrer Spitze.
Eine Unart dieser Männer, die zugleich durch die Mode der Zeit bedingt
war, bestand in dem Gebrauch des Französischen als ihrer
Geschäftssprache; dabei drückten sie sich durchaus schlecht und
inkorrekt aus. Das Küchenlatein der Mönche ist klassisches Latein im
Verhältniß zum Französischen der deutschen Generale und Obersten. So
schrieb, um hier nur ein Beispiel herauszugreifen, u.A. einmal Riedesel
an den Earl von Suffolk: »Le courier, qui prendra cette lettre avec.«
Und Riedesel war sogar noch einer der kleinsten Verbrecher am Genius der
französischen Sprache!
Während somit keiner der nach Amerika gesandten deutschen Offiziere
einen pekuniären Vortheil zog -- der doppelte Sold ging mehr als ein
Mal bei den theuren Preisen der nothwendigen Bedürfnisse darauf --
erhielt mit Ausnahme der bei derartigen Verhandlungen üblichen
Kanzleigeschenke nur Schlieffen in Gestalt verschiedener Baarzahlungen
von je 330 Pfund und schließlich einer Pension von 300 Pfund, eine
Belohnung von England. Diese letztere wurde ihm angeblich dafür
bewilligt, daß er einige Zeit vor der Schlacht bei Minden in Osnabrück
mehrere wichtige, der verbündeten Armee gehörige Magazine gerettet
habe, in der That aber ward sie für seine bei Abschluß und Ausführung
des Truppenlieferungs-Vertrages sowie bei der Absetzung Heister's
geleistete Hülfe ausgeworfen. Schlieffen selbst wunderte sich anfangs
über das plötzlich so gut gewordene Gedächtniß und eine so lebhaft,
wenn auch spät, zu Tage tretende Dankbarkeit des englischen
Ministeriums, begriff aber sehr schnell, daß dieses nur unter einem so
unschuldigen Titel die Genehmigung des Parlaments erlangen könne. Er
erinnerte sich also bald sehr genau seiner wichtigen Dienste,
erläuterte, daß ohne ihn der Sieg in der Schlacht bei Minden gar
nicht möglich gewesen sein würde und bezog die Pension länger als
vierzig Jahre bis zu seinem erst 1825 erfolgten Tode.
Außer Schlieffen und den unmittelbar Betheiligten selbst gewann in der
Folge auch das Haus Rothschild an den englischen Millionen, welche
England den hessischen Fürsten für ihre Soldaten gezahlt hatte. Es ist
eine interessante Thatsache, daß sich der erste Ursprung des Reichthums
und der Weltstellung der Rothschilds indirekt auf diesen Handel
zurückführen läßt. Der alte Landgraf und spätere Kurfürst von
Hessen-Kassel hatte nämlich den Begründer des Hauses Rothschild, Mayer
Amschel, schon lange vor der französischen Revolution durch Geschäfte in
alten Münzen kennen gelernt und benutzte denselben als Agenten, um seine
Zinsen aus der Londoner Bank zu erheben, welche dort von den in Folge
der Menschenfleischlieferungen von England gezahlten Kapitalien fällig
wurden. M.A. Rothschild zog für diese Summen Wechsel auf das englische
Bankierhaus van Notten, welches Vollmacht des Landgrafen zur Erhebung
der Zinsen hatte. Beim Jahresschluß berechnete sich Rothschild mit dem
Landgrafen und hatte, abgesehen von der nicht unbedeutenden Provision,
auch noch den Nutzen, fortwährend mit den Geldern des Landgrafen
spekuliren zu können, was er auch in seiner unermüdlichen und
scharfsinnigen Weise mit dem glücklichsten Erfolge that. Die Erwerbung
ungeheurer Summen wurde dem M.A. Rothschild später dadurch möglich, daß
es ihm gelang, den Landgrafen dazu zu bewegen, daß er die Vollmacht dem
Hause van Notten entzog und dieselbe dem zweiten Sohne Rothschild's,
Nathan, übertrug, der auf Grund derselben Kapital und Zinsen einzog. Als
nun die englische Regierung ihre Armee in Spanien zu unterhalten hatte
und kein englischer Bankier die Lieferung des Geldes von England nach
Spanien übernehmen wollte, da übernahm M.A. Rothschild diese Lieferung
gegen hohe Provision und leistete mit den unter Einwilligung des
Eigenthümers erhobenen landgräflichen Fonds die geforderte Kaution, bei
der Niemand sein eigenes Vermögen wagen wollte. Das Glück begünstigte
Rothschild's Unternehmen, die Geldsendungen kamen unversehrt an. Auf
diese Weise verdiente Rothschild während der Dauer des spanischen
Feldzuges, also während acht Jahren, jährlich mehrere Millionen. Die
Möglichkeit, eine so hohe Kaution zu leisten und die pünktliche
Geschäftsbesorgung veranlaßten hierauf die englische Regierung,
den europäischen Fürsten die enormen Subsidien während des
Kontinentalkrieges durch das Haus Rothschild zu übermitteln, wodurch
dessen Ansehen und Reichthum zusehends wuchsen. Von dieser Zeit an,
namentlich seit dem Wiener Frieden, nahmen die Rothschild's Theil an
allen großen Geldoperationen und Anleihen der wieder eingesetzten
Dynastien und wurden von Tag zu Tage mächtiger.
Auch Frankreich betheiligte sich am amerikanischen Kriege, allein mit
geringeren Opfern an Menschen und auf der den deutschen Fürsten
entgegengesetzten Seite. Während diese lediglich aus Rücksicht auf ihren
Beutel als gefügige und willenlose Werkzeuge einer an sich schlechten
und unglücklichen Politik keine politischen Zwecke und Interessen
kannten, eroberte dagegen Frankreich mit den 6000 Mann, die es der
jungen Republik zu Hülfe schickte, seine durch den siebenjährigen Krieg
erschütterte Weltmachtstellung wieder. Frankreich ließ es sich zwar
Millionen über Millionen kosten, es gewann dafür aber Ansehen, Ehre und
Macht. Deutschland nahm Millionen und Millionen ein; es verlor aber
dadurch den letzten Rest von politischer Bedeutung und sank zum Spott
von Freund und Feind herab. Die paar tausend Franzosen, die unter
Rochambeau die Taufpathen eines mächtigen Freistaates wurden, haben
bewirkt, daß, so lange es Vereinigte Staaten von Amerika geben wird, die
französischen Waffen und der französische Name in der Union jeder Zeit
geehrt und gefeiert dastehen werden. Die 30,000 Deutschen dagegen haben
als die bezahlten Schergen englischer Anmaßungen nicht allein sich den
Haß zugezogen, der in erster Linie das Mutterland traf, sondern zu
diesem Haß noch die Verachtung auf sich geladen, welcher sich Jeder
aussetzt, der sich um ein schnödes Trinkgeld zur Unterdrückung der
Freiheit mißbrauchen läßt. »Von dem Augenblicke an, sagt der
hochverdiente amerikanische Geschichtsschreiber G.W. Greene, in welchem
der erste Hesse seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, wurde die
Wiederaufnahme des alten kindlichen Verhältnisses zum Mutterlande
unmöglich.« Noch heute ist im Munde eines Amerikaners der Name _Hesse_
eines der verächtlichsten Schimpfworte, welches einen feilen,
verkäuflichen Menschen bezeichnet, und noch heute leidet unser Volk
unter dem Fluche jenes nichtswürdigen Handels[8]. Denn in dem
internationalen Verkehr handelt es sich nicht um die Ansichten, Wünsche
und Bestrebungen der ein Volk bildenden Individuen, sondern um den
Ausdruck, den sein inneres nationales Leben in der Politik
_thatsächlich_ gewinnt. Darum können auch im vorliegenden Falle nicht
Schiller, Kant, noch Friedrich der Große unsre Vertheidigung übernehmen
und unsre Nation von aller Schuld rein waschen, denn das Ausland wiegt
uns nach dem, was die Fürsten gesündigt haben.
Bleibt es unter diesen Umständen ein Trost sich sagen zu können, daß
wenigstens die also verkauften Soldaten tüchtig und tapfer waren und dem
alten militärischen Rufe der Heimath in Amerika alle Ehre machten? Wohl
schwerlich! Jede tapfere That, die sie verrichteten, jeder Erfolg, den
sie mit dem Einsatz ihres Lebens erkämpften, war für das Vaterland
verloren oder wenigstens nicht errungen. Wohl hat der amerikanische
Krieg herrliche Thaten der Einzelnen gesehen, die, für eine bessere
Sache vollbracht, den Namen ihrer Urheber in Lied und Sage verherrlicht
und für alle Zeiten als volksthümliche Gestalten verewigt hätten; aber
es war der Fluch der bösen That der Fürsten, daß selbst die
Heldengestalten unter den verkauften Truppen ungenannt und ungekannt in
ein ruhmloses Grab sanken. Der hessische Oberst Rall, der allerdings
durch seine übermüthige Verachtung des »Rebellenpacks« die Katastrophe
bei Trenton veranlaßte und dadurch die entscheidende Wendung des Krieges
herbei führte, gilt namentlich den Amerikanern als ein kopfloser und
unfähiger Offizier; allein er war in Wirklichkeit einer der tüchtigsten
und tapfersten Befehlshaber. Seine englischen Kameraden nannten ihn nur
den hessischen Löwen, und für die Amerikaner war er der leibhaftige
Schrecken. Um seine Niederlage nicht zu überleben, stürzte er sich in
das heißeste Gefecht und fiel wenigstens mit Ehren. Wer, außer dem engen
Kreise kriegsgeschichtlicher Fachschriftsteller, kennt heute noch die
tapferen Jägerstückchen des Hauptmanns _Emmerich_ in Amerika, desselben
spätern Obersten Emmerich, welcher am 18. Juli 1809, selbst ein Rebell,
auf dem großen Forst bei Kassel von den Napoleonischen Schergen
erschossen wurde und wie ein Held starb; wer meldet den Ruhm des
umsichtigen und kühnen _Ewald_, wer weiß vom heldenmüthigen Hauptmann
_Schaller_, der mit dreißig Mann einen Posten gegen einen ihm
fünfzigfach überlegenen Feind glücklich vertheidigte und als Fremder
nicht einmal eine öffentliche Anerkennung für seine That erhielt, weil
der kommandirende General Schaller's unfähigem Vorgesetzten, einem
englischen Major, nicht wehe thun wollte; wer kümmert sich wohl um den
tapfern waldecker Obersten _Hanxleden_, der an der Spitze seiner Truppen
unter den Mauern von Pensacola fiel und um den waldecker Hauptmann
_Stierlin_, den die tödtliche Kugel traf, als er eben an der Spitze
seiner Kompagnie eine Redoute erstiegen hatte? Wer endlich hat vom
braven Sergeanten _Rübenkönig_ gehört, der gleich dem Kapitain d'Assas
vom französischen Regiment d'Auvergne, in der Gewalt des Feindes und von
diesem mit augenblicklichem Tode bedroht, trotzdem seine Pflicht höher
achtete als sein Leben und sein Regiment durch seinen Zuruf rettete? Den
Franzosen rühmt Geschichte und Gedicht; sein dankbares Vaterland nahm
sich sogar in der Revolution seiner Wittwe und Kinder an; den Namen des
braven hessischen Unteroffiziers dagegen meldet kein Lied, kein
Heldenbuch.
Ja, selbst _Donop_ ist vergessen, der tapfere hessische Oberst, der uns
den tragischen Schmerz des Helden über seinen frühen Tod und über seine
Hinopferung für fremde Zwecke ergreifend vor Augen führt. Er hatte, als
einer der beliebtesten und geachtetsten Offiziere und der beste
Brigadier der Armee, nach Rall's Tode das Kommando über die Jäger und
Grenadiere erhalten und im Oktober 1777 an der Spitze seiner Brigade, zu
Fuß und mit dem Degen in der Hand, den Sturm gegen Fort Redbank am
Delaware unternommen, um es, nach dem von Knyphausen bei Fort Washington
gegebenen Beispiele, auf seinen Namen umzutaufen. Bei diesem Angriff
wurde er aber zurückgeschlagen und von einer Kugel zu Boden gestreckt.
Hülflos lag er unter einem Haufen Leichen, als der Vertheidiger des
Forts, der französische Ingenieur-Hauptmann Mauduit de Duplessis, ihn
fand und in das benachbarte Haus eines Quäkers schaffen ließ, wo der
Sterbende noch drei Tage mit dem Tode rang. Dort auf dem Schmerzenslager
in der einfachen Quäkerwohnung und im Frieden des amerikanischen Waldes,
fern von dem Flitter und Tand der Welt, schwebten zum letzten Male die
Bilder der Vergangenheit, der Glanz seiner Jugend, die Pracht der
europäischen Höfe und die stolzen Ziele seines Ehrgeizes vor dem Geiste
des tapfern, erst sieben und dreißigjährigen Soldaten vorüber. Sein
Blick klärte sich, und sein Verstand unterschied zwischen dem Wesen und
Schein seines Lebens. »Ich bin zufrieden -- sprach er zu dem ihn sorgsam
pflegenden Duplessis in dessen Muttersprache -- ich sterbe in den Armen
der Ehre selbst: ein jähes Ende für eine schöne Laufbahn; aber ich
falle als das Opfer meines Ehrgeizes und der Habsucht meines
Fürsten!«[9]
Doch so trostlos als diese Reflexion eines Sterbenden ist das letzte
Wort unsrer Geschichte nicht!
Wenden wir uns von den Opfern, welche für eine ihnen aufgedrungene Sache
fern von der Heimath gestorben oder ohne Gewinn für sich und Andere in's
Vaterland zurückgekehrt sind, zu einem jungen Soldaten, der, unter
Tausenden der einzige selbständige und denkende Kopf, den amerikanischen
Krieg in seiner ganzen Tragweite als einen Sieg des bewaffneten Volkes
gegen ein durch Gewalt, List und Betrug geworbenes Heer erkannte, und
welcher in Amerika zuerst aus eigener Anschauung lernte, ein wie
mächtiger Verbündeter die Begeisterung zu werden vermag, wenn die
rechten Mittel ergriffen werden, sie zu wecken, und wenn der zündende
Gedanke da ist, für welchen die Masse sich erwärmen läßt. Jahrzehnte
mußten vergehen, bis ihm im Verlaufe der deutschen Geschichte die
Gelegenheit reifte, den Krieg nach amerikanischen Grundsätzen zu
organisiren und, von den amerikanischen Milizen ausgehend, dieser
Volksbewaffnung in der preußischen Landwehr den vollendetsten Ausdruck
schaffen zu helfen; aber dieser Krieg wurde durch jene Grundsätze und
den Geist ihrer Ausführung, trotzdem daß die Fürsten sich hemmend und
störend an ihn hingen, zu einem der größten und edelsten, welche die
neuere Geschichte kennt.
In dem damals kaum drei und zwanzigjährigen, unbekannten und wenig
hervorstechenden anspachschen Lieutenant _Neithard v. Gneisenau_ ahnte
der englische General, der ihn zur Rückkehr einschiffte, wohl nicht den
großen Strategen, den genialen Schlachtendenker, welcher kaum ein
Menschenalter später über Wellington's ursprünglich engbegrenzten Plan
einer, Napoleon vor Brüssel zu liefernden Vertheidigungsschlacht
hinausging und diese, durch seine Dispositionen für das Eingreifen der
preußischen Truppen, zur Vernichtungsschlacht bei Waterloo, zum
Weltgericht über das brutale erste Kaiserreich erhob.
Und noch jüngst im amerikanischen Bürgerkriege, durch einen neuen
Rückschlag in der Geschichte, traten mehr als 200,000 deutsche
_Freiwillige_ für dieselbe Republik in Waffen, gegen welche deutsche
Landesväter 30,000 Söldner zu kämpfen _gezwungen_ hatten. Die wehrhaften
Söhne Deutschlands in der Fremde haben das Verbrechen seiner Fürsten
glänzend gesühnt.
Bei uns in der Heimath aber giebt es seit den letzten glorreichen
Feldzügen keine Söldner mehr, sondern nur noch das deutsche Volk in
Waffen, welches, wenn es sein muß, mannhaft für Haus und Heerd kämpfen
und sich siegreich gegen seine Neider und Feinde zu behaupten wissen
wird.
Anhang.