Die russische Lösung des Problems

Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken,

Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und

wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele

gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu

arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht

sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es

heißt:

„Groß war diese Kraft der Seele,

Die da auszog, Gott zu dienen.“

Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so

sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt

ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen

austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum

aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und

für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in

Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt

nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen

Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und

seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin

bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile

und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im

Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die

Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal _unbedingt_

nötig, sein Gut zu verteilen, – jede _Unbedingtheit_ würde hier, in der

Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben.

Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz

und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt:

gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es

euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut

nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen,

was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten

wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.

Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein

kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen

Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist

notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß

Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß _deine

Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen_, alles, was

dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend

anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch

nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst

erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“,

ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum

Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid

nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“.

Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist

keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit

sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen

Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre:

„Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die

Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser

Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen

will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel

tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so

viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse

ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird

das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen

fertigzustellen verstehen.

Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei

uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst

selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind

einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele

erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des

Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie

verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine

Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben.

Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet,

sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt

dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere

Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit,

Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man

Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in

der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man

zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem

Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt

nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige

Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den

Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich

Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich

Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe

zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“

Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, –

Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist

– nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle

verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der

Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu

überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt

doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der

heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des

einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug,

er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man

ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die

wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als

ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn

ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir

doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest

mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du

mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als

ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar;

rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an:

daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in

meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so

geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur –

weil ich euch alle liebhabe.“

Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf

Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils

willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der

Überfülle der Liebe.

Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei,

daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und

selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei.

Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das

Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in

dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich

weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als

in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon

gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft;

dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen,

und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von

Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht

getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien

streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben

würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und

selbst wenn man sie _vor_ der Praxis erlangen könnte, einfach so _a

priori_, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“

Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft

entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu

eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges

von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese

würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere

zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von

denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen,

daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes

und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen

Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die

Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern,

selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und

ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen,

sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute

die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren

neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein

sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr

verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei

Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr

verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch

jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den

Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens,

es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens

sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das

Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen

man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat:

Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt!

Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze

Geheimnis dieses ersten Schrittes.

Sämtliche Werke 13 · 第 50 / 86 题