... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch
vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich
dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so
volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause
Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch
einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer
expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt
russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in
erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne
Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den
Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun,
und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie
dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von
unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der
sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat,
erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer
„Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf
den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines
Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der
im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon
vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die
Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben,
weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen
noch immer nichts zu tun gäbe“ ...
Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus
Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die
Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch
viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen
Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten;
die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in
Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“,
die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus
physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der
Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen
russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu,
daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie
gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu,
und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß
durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die
Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach
der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende
Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer
infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst
bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein
können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu
verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins
Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen
– sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren
eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die
Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit
wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es
ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen,
denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in
wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich
der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist
schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die
wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein
Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt:
diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die
Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man
sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ...
gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den
endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren
gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später –
vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine
Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung
des Bodens eine _ernste_ ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles
andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen
Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum
Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube,
daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden
sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich
und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine
Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch
eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung –
eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel
diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die
Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede
richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß
dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt
sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er
aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist,
auch der ganze Charakter der Nation sein.
Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer im Auslande
umher, in allen Städten und Kurorten Europas, machen die Preise der
Restaurants steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten und
Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und kleiden die Kleinen in Spitzen
und englische Kostüme mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa
aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute es doch in Rußland
gibt, und vor allen Dingen wie gebildete! Und wie sie nach europäischer
Bildung streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus die
Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich zeigt es sich, daß es bei
ihnen so viele Grundbesitzer und Kapitalisten und so viele Rentiers
gibt, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar mehr
als selbst in Frankreich, das doch das Land der Rentiers ist!“ Wollte
man aber versuchen, Europa zu erklären, daß hier eine echt russische
Erscheinung vorliegt und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich
hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung dieser Leute
meist nur das Brennen eines Lichtes von beiden Enden bedeutet, so würde
Europa an solch eine in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich
nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. Und das wichtigste
– diese Sybariten, die sich dort in den deutschen Kurorten und an den
Schweizer Seen herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser
Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und fühlen es sogar mit
einem gewissen Schmerz voraus, daß sie ihr Kapital doch schließlich
aufzehren, und daß ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in
englischen Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden Almosen
erbitten müssen – und sie _werden_ Almosen erbitten! –, wenn sie sich
nicht in französische oder deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie
_werden_ sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! – „Aber
...“ denken sie, „_après nous le déluge_! Ja, und wer ist denn der
Schuldige? Das sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen,
unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger Mensch immer noch
nichts anfangen kann.“ So denken diese Herren; und die liberalsten von
ihnen, die, welche man die höchsten und unverfälschtesten Westler der
vierziger Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch heimlich hinzu:
„Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne Vermögen bleiben, dafür erben sie
die Idee, den edlen Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern
von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen kennen, noch das dumme
Wort ‚Vaterland‘. Sie werden einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein
Vorurteil ist und sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden
edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich wir, legen den
Grund zu diesen neuen Menschen! Gerade dadurch, daß wir im Auslande den
Erlös für unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen
internationalen Bürgertum, das früher oder später Europa erneuern wird,
und die ganze Ehre dafür gebührt uns, uns Russen, denn wir haben zuerst
angefangen.“ Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, das heißt
soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel Koryphäen unter ihnen zu
finden? Die praktischeren jedoch und _nicht so literarisch-moralischen_
verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. „Wir
verleben hier unser Geld, das ist ja wahr, aber etwas gewinnen wir dabei
doch, das sind: Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten
‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und zudem erziehen wir
unsere Kinderchen wenigstens in liberalem Geiste und immerhin als
Gentlemen – das aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden sie
nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der Liberalismus aber hat
in diesen höchsten Sphären immer alles, was gentlemanlike war,
gekennzeichnet und begleitet, denn dieser Gentlemanliberalismus ist für
den höheren Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei uns
längst begriffen hat. Nun, und wenn wir unsere Kinder in dieser Weise im
Auslande aufwachsen lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu
Diplomaten erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen hier an
den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei welch eine Unmenge solcher
entzückender Plätzchen, und wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie
geschaffen für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft und
dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes Amt. Und der Dienst so
vornehm und die Arbeit – ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja
nur im Verkehr mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß mit
denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, die einem da auf den
Hals kriechen und noch um Schutz bitten, – die, na, die schüttelt man
einfach ab und behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie
anzuhören und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. Ihr seid selber
an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr glaubt wohl noch im lieben
Vaterlande zu sein? Euretwegen sollen wir uns Unannehmlichkeiten
zuziehen? Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine fremde
Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? Seht doch erst in
den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ Und darin besteht der ganze Dienst. Oh,
unsere Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu etwas zu
bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen hat – das ist das
erste, wofür ein Vaterherz sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach
Bedarf von selbst hinzu.“
Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von den im Auslande
lebenden alle nicht gerade „literarischen“ Väter mehr oder weniger auf
Verbindungen. Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie auch ihre
Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine unzuverlässige Quelle. Es
würde daher wirklich nicht schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem
versorgen würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis Rußlands und
mit ein wenig eigenem Verstand, nur so auf alle Fälle, da man doch
niemals wissen kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen und
neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle plötzlich nach eigenem
Verstande leben – zweifellos eine Idee, die durch die Aufklärung zu uns
gekommen ist. Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so wenig
individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie jetzt, da ihn ein
jeder haben will. Die Frage, warum das so ist, will ich lieber offen
lassen, es ist auch nicht leicht, sie zu beantworten. Doch eine der
Ursachen, warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große Puppen
sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – kenne ich nur zu genau; und
obwohl sie alt ist, will ich doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache
... liegt in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften Kenntnis
der russischen, vaterländischen Sprache, die durch die Erziehung im
Auslande, durch ausländische Gouvernanten und Bonnen bedingt wird.
Derlei ist bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl
niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im Auslande
heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, eines dieser Herrensöhnchen soll
Diplomat werden: nun, die Diplomatensprache ist bekanntlich die
französische, „folglich genügt es, wenn man die russische nur
grammatisch kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage ist wohl schon
so oft beredet worden, daß sie vielleicht abgeschmackt erscheinen wird.
Nichtsdestoweniger ist sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor
kurzem wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur mittelbar, bei
Gelegenheit der Besprechungen der französischen Werke Turgenjeffs. Es
wurde sogar die Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht auch
Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand verbieten?“
Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten oder zu erlauben, und
besonders nicht einem so großen Schriftsteller und so vorzüglichen
Beherrscher der russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn kein
Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich wieder auf mein altes Thema
zurückgekommen bin, auf dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre
geschrieben, nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen Mamas
über den Nachteil, den das Erlernen der französischen Sprache für ihr
Püppchen haben kann, diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum
Diplomaten erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht ratsam ist, sich
zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, in bezug auf die Diplomatie
ein paar Worte zu sagen.
„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ unterbricht mich
diesmal die Mama, ohne mich zu Wort kommen zu lassen.
O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr noch nach und
behandelt mich ungnädig.
„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, „Ihr Einwand ist
unantastbar, und ich bin mit Ihnen widerspruchslos einverstanden.
Jedoch: was ich über die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt
auch für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun aber, um den
Reichtum seiner Gedanken in französischer Sprache ausdrücken zu können,
muß man sich diese Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. Nun aber
bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: es gibt nämlich solch ein
Geheimnis der Natur, oder vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man
nur diejenige Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der man geboren
ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, zu dem man gehört. Das
scheint Ihnen nicht zu gefallen, meine Gnädigste. Sie belieben etwas
spöttisch zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens auch kein
_Damen_thema. Ich stimme Ihnen also widerspruchslos bei, ich gebe zu,
daß auch ein Russe sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit
aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen Bedingung: nämlich in
Frankreich geboren zu sein, in Frankreich aufzuwachsen und seit der
allerersten Stunde seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln!
Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl nur belustigt?
Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht
gut möglich sein wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser
Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte Land usw.
Zudem müssen Sie noch die sogenannten angeborenen Gaben in Betracht
ziehen, denn man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen
– werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? ... Ach, Verzeihung, meine
Gnädigste, was sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein
Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt drei! Doch
lassen wir das, nur ...“
„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber die Diplomaten sind doch
sowieso klug, warum denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen?
Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, _mon mari_ ...“
„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ unterbreche ich schnell,
„hat man erst Verbindungen und läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz
beiseite, so, sage ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen
noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. Und die
Diplomaten sind keineswegs deswegen klug, weil sie Diplomaten sind,
sondern einzig, weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben
Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, die wirklich
außerordentlich dumm sind.“
„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie mich ungeduldig, „Diplomaten
sind immer klug und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und
außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste Dienst!“
„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie sagen: Verbindungen
und Kenntnis vieler Sprachen! – aber Verbindungen _verschaffen_ doch
bloß einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich vor: Ihr Söhnchen
wächst in europäischen Restaurants auf, geht in Gesellschaft
ausländischer Vicomtes und russischer Grafen mit jungen Kokotten durch,
dann aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen keine
einzige, ... hat er aber keine eigene Sprache, so ist es nur natürlich,
wenn er bloß Endchen von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift
und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch aller möglichen
Süppchen herausbildet. Er wird ein internationaler Bastard mit kurzen,
abgerissenen, kleinen Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber
die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung ganz
sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht überhaupt nicht, ja er ahnt nicht
einmal das, wovon die Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in
ihrem Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas Ganzes
verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines internationales Gesetz
wahrnehmen läßt. Er ist fähig, alle Geschehnisse der Welt nur daraus
abzuleiten, daß z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin
irgendeines Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg zwischen
zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben Sie, ich werde von Ihrem
Standpunkte aus urteilen. Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb
solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, wie man zu
sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines Charakters, sind Milde und
Güte und zu gleicher Zeit Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig
... Ein Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen verstehen,
nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir oder nicht, wenn ich Ihnen
offen und im höchsten Grade bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner
Muttersprache, ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal seinen
Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann nicht, wenn das Püppchen
noch von Natur reich und gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei
ihm dann Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich peinigen,
indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; doch ohne reiche, von
Kindheit an erworbene, fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne
ihre Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung all ihrer
Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden mit sich sein. Die
aufgeschnappten Gedankenendchen hören bald auf, ihn zu befriedigen, das
im Verstande und im Herzen angesammelte Material fängt an, nach einem
großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen ... Der junge Mann wird
besorgt, zerstreut, grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich;
schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht sogar
den Magen, glauben Sie mir ...“
„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich wieder fortreißen lassen,
– einverstanden! – Aber, Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! –
Gestatten Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine Gnädigste,
daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, mich mit Ihnen
einverstanden erklärt habe, zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten
immer kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit gebracht,
meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine geheimste Ansicht über
diesen Gegenstand Ihnen nicht mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste:
nun ist mir aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke
gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der allgemeinen Diplomatie
aller Völker und des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, wirklich
auffallend wenig kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie
wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses Standes in der
Geschichte Europas in unserem Jahrhundert ... Das heißt, sehen Sie mal,
– alle sind sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht
sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – aber ... was
sind denn das im Grunde für Geister! Ist denn auch nur einer dieser
Köpfe bis zum Wesen der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von
ihnen diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch nur geahnt,
diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem führen, zu etwas
Sonderbarem, Furchtbarem – das aber jetzt schon offenbar ist, das sich
fast sichtbar vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein klein
wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man kann positiv behaupten, daß es
keinen einzigen solchen Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in
diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben hat! – Natürlich
schließe ich, wenn ich so rede, Rußland und alles Vaterländische aus,
weil wir unserem ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz andere
Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert waren die Diplomaten,
nun sagen wir, die allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft
einbildeten, das realste Verständnis der Dinge zu besitzen;
währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als seine Nase reicht,
etwas sehen können, und nie über die Tagesinteressen hinaus – und selbst
diese waren dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und
kurzsichtigsten. Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, hier ein
Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis steigern, vergolden,
für neu aussehen machen‘ – das ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit!
Und all das hat seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung
nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in der Absonderung der
diplomatischen Köpfe in eine allzu vornehme und von der übrigen
Menschheit allzu abstrahierte Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde für
einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt gehalten und hatte
zweifellos Einfluß auf ganz Europa. Worin aber, ja, worin bestand denn
eigentlich seine Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals
gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? Alle Grundideen des
beginnenden Jahrhunderts wollte er mit Polizeiordnungen besiegen und war
vollkommen überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den Fürsten
Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein Genie, aber ...“
„_Finissons, monsieur_,“ unterbricht mich streng die kleine Mama mit
tiefgekränkter Würde.
Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich nicht verstanden
worden. Ja, mit kleinen Mamas darf man noch nicht über solche Themata
reden: habe daher einen furchtbaren _faux pas_ gemacht – aber mit wem
kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie sprechen? – das ist die
Frage! Und doch – welch ein interessantes Thema, und noch dazu in
unserer Zeit! Aber ...