In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in
reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den
Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren
Stelle. „_Ôte-toi de là que je m’y mette._“ Indem nun die Bourgeoisie
den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das
Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte,
machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum
Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser
russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will
aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes
Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er
hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art
logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von
_Recht_, sondern nur von „_Geschichte_“, von historischer Entwicklung
der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den
Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der
Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war,
leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker
wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark
geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter
verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „_Ôte-toi de là que je
m’y mette._“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um
„Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit
sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat
es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die
Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist,
sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern _alles_ haben
will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur
schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, _nichts_ abzutreten
und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht
hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich
vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois
nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit
allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange
noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo
er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.
So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer
Zeit sogar, gab es auch dort eine _moralische_ Auffassung der Frage, es
gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und
Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt
jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer
Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie
organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind
von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich
alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist,
daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der
Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch
die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich
nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben.
Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch
solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer
lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache
etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit
zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur
Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß
sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach
einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher
zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich
festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der
Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu
teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht,
antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt
nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie
einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher
„Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich
später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert
Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit
euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz
offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und
die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen
Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins
Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft
auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer
sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat;
ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten
Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie
von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit
verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser
Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und
ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß
fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die
die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen
Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den
Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse,
und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu
entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen
wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals
die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung
hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen
und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive
viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig
fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts
als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören
würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint
und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er
durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der
Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist.
Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen
lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich
einfach zum Kampf vorbereiten.
Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere
Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren
eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns
Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins
Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und
gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein,
sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage
ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht
denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von
Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen –
denn in ihr allein liegt das Heil.