Die brennende Tagesfrage

Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch unsere „brennende

Tagesfrage“ aufwirft und sogar alles wiedergibt, was die letztere in

sich schließt. Und wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens:

vor vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in Europa zu

verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon und Fourier – die ersten

„idealen“ Vertreter dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten

vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen Bewegung im

Westen. Und heute streiten über diese „Fragen“ schon Gutsbesitzer auf

der Jagd, auf dem Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar

in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so daß wenigstens

die negative Seite der Frage von ihnen schon entschieden und

unwiderruflich festgesetzt wird. Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der

hohen Gesellschaft, die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten

pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse aus den Blättern und

noch anderen Quellen kennen. Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein

die Tatsache, daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch

solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die Oblonskis und

Lewins, die alles andere, nur keine Professoren oder Spezialisten sind,

– diese Tatsache, sage ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale

des gegenwärtigen Zustandes der russischen Geister. Der zweite

charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in diesem Gespräch

ist, daß über die Gerechtigkeit dieser neuen Ideen ein Mensch urteilt,

der für sie, d. h. für das Glück des Proletariers, des Armen, selbst

nicht einen Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das Letzte

abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und der Heiterkeit

eines Witzbolds unterschreibt er sofort den Krach der ganzen

Menschheitsgeschichte, erklärt ihre jetzige Verfassung für die Krone des

Unsinns und sagt: „Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich

auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit allem

einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er die ganze christliche

Ordnung, die Persönlichkeit, die Familie – oh, das macht ihm weiter

nichts aus! Wir Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese

Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, die selbst

erklären, daß auch sie erst seit gestern darüber nachdenken, entscheiden

trotzdem eine Frage von solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken.

Und hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, – dieser

selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, mein Freund: entweder

anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der menschlichen

Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder

gestehen, _daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie z. B. ich es tue, und

sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen_.“ D. h. genau genommen erklärt

er offen, indem er seine Meinung über ganz Rußland ausspricht – und es

verurteilt – und somit auch über seine Familie, über die Zukunft seiner

Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: „Ich gebe zu, daß

ich ein Spitzbube bin, bleibe aber Spitzbube zu meinem Vergnügen. _Et

après moi le déluge._“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch

sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte er da nicht

Spitzbube werden? – das wäre doch der geradeste Weg! Und gerade dieser

Staatsbürger, dieser Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein

echt russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch immerhin

eine Ausnahme sei? Was kann er denn für eine Ausnahme sein!? Bitte sich

doch nur zu erinnern, wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren

gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen und Veränderungen,

welch einen Mangel an jeder tieferen Überzeugung und welch eine

Schnelligkeit in der Aneignung der ersten besten fremden Anschauung,

versteht sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken

wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische Grund bei uns, außer –

_après nous le déluge_.

Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem weit verbreiteten,

herrschenden Typ ein ganz anderer steht – der Typ des russischen

Edelmannes und Gutsbesitzers, der ein ausgeprägter Gegensatz jenes

ersten ist. Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in Rußland

Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich spreche hier nicht von

seinem blonden Haar, nicht von seiner großen starken Gestalt, die der

Künstler ihm im Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug

seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste

ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich bei uns in einer solchen

Verbreitung findet, daß es einen fast wundernehmen kann – inmitten

unseres Zynismus, unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit

einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; die Menschen

mit diesem Zug streben krampfhaft, fast krankhaft nach Antworten auf

ihre Fragen; sie hoffen und glauben leidenschaftlich, obgleich sie

beinahe noch nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig

in der Antwort Lewins ausgedrückt:

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile

nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für mich

ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“

Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er bei sich

entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und bis zu welchem Grade

steigert sich vorher seine Unruhe? Er geht bis zum Äußersten, und wenn

es nötig ist, wenn es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist,

daß es nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der da sagt:

„Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch fort, zu leben, zu meinem

Vergnügen“ – so wird er vielleicht zu einem zweiten „Wlas“[29] werden,

der in einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und Gut

verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses sammeln ging. Oder wenn

er nicht für ein Gotteshaus sammeln geht, so wird er doch etwas

Ähnliches tun und mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen,

daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das ist diese Menge,

diese ganz ungewöhnliche Menge solcher neuen Menschen, solcher neuen

Wurzeln russischer Menschen, die der _Wahrheit bedürfen_, der Wahrheit

ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit zu erreichen,

alles, aber auch alles fortgeben. Diese Menschen tauchen gleichfalls

seit den letzten zwanzig Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden

ihrer mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor Peter,

überhaupt immer schon vorausahnen können. Das ist das anbrechende

zukünftige Rußland der ehrlichen Menschen, die einzig der Wahrheit

bedürfen! Oh, sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit

verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. Nur auf eines

möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, – daß es ein wahrhaftes

Gefühl ist, das sie treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge

besteht darin, daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen und

vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen angehören: da gibt

es Aristokraten und Proletariers, Gläubige wie Ungläubige, Reiche und

Arme, Gelehrte und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler.

Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den Überzeugungen ist

sogar beispiellos, doch ihr Streben nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist

unerschütterlich, unablenkbar, und für das Wort der Wahrheit gibt jeder

von ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man behaupten,

dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es gäbe bei uns gar nicht so

viel Ehrlichkeit und solch ein _Dürsten nach Ehrlichkeit_. Ich aber

bleibe dabei, daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten

Sittenverderbnis, daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden

Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß man blind sein muß, um

sie nicht zu sehen, und daß der Künstler, der diesen abgelebten Zyniker

Oblonski und diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam

diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige russische

Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch bereits selber

verurteilt hat, gegen die Gesellschaft der neuen Wahrheit hält, die

Gesellschaft, die in ihrem Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig,

nicht ertragen kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld

zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft sich fast

nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen groß sind sie und dermaßen

umfassen sie das ganze russische Leben – versteht sich, wenn man von der

Masse der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste,

der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, auf die der

Verfasser hinweist, besteht darin, daß sein neuer Mensch, sein Lewin,

_nicht versteht_, die ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt,

in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht zu seinem

Vorteil, denn er _argwöhnt_, daß er _schuldig_ ist: aber etwas Festes,

Gerades und Reales in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und

hält ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. Oblonski

dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig oder unschuldig ist,

entscheidet die Frage ohne das geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm

gerade so recht sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts

Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man will, für mich wird

die Zeit noch ausreichen, – das Jüngste Gericht kommt ja noch nicht

gleich.“ Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der

Frage Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt russisch

und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die Sache ist nämlich die, daß

alle diese Gedanken und Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind:

alle sind sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu uns

eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst ihre historische

und praktische Seite haben. Unsere beiden Edelleute sind Europäer, und

es ist nicht leicht, sich von der europäischen Autorität zu befreien:

auch hier muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt nun

Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche rein russische Lösung

der Frage mit ihren europäischen Bedingungen: er verwechselt die

christliche Lösung mit dem historischen „Recht“.

Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor:

Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski und wünscht in

seiner ehrlichen Seele qualvoll, das ihn verwirrende Problem zu lösen.

„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man so bedenkt, weshalb

können denn wir, wie Weslowski vorhin sagte, essen, trinken, auf die

Jagd gehen und nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten muß?

Ja, Oblonski hat recht, ich _muß_ mein Gut unter den Armen verteilen und

für sie arbeiten gehen.“

Steht da neben Lewin der Arme und spricht:

„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben

und für uns zu arbeiten.“

So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der

„Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im

höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der

Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht

mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose

Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen

russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich

Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich

Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt

– wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im

Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die

moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt

möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht

überflüssig sein.

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