Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen

Was sollen wir denn tun?

... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere

Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal

not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“.

Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor

ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische

Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit

Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein

Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in

seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren

gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen

Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit

allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso,

wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ...

Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle,

las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst

gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die

Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich

alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und

Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß

es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer

russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich

ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden

des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden

sprechen, ja, nicht einmal _fähig_ sind, von anderem als von Pferden zu

sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen

zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten

Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe

dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt,

überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der

Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch,

sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar

langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es

kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich

begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen

und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und

erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen

Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die

wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft

des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig

die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten

(Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und

erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser,

würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge

sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen,

weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben

den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden,

und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich!

Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren

sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit

gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man

glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie

die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die

höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten

sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden,

sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß

dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen,

erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht

erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner

ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit

wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im

Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich,

wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen

Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie

viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter

eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein

Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat.

Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu

meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt,

eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt

war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des

Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht

wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht

erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor

sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu

solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des

Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den

würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt

weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen

entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit

beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in

diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik.

Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine

Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von

welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ

Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns

interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen

sozialen Bedeutung erfaßt worden.

Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt

in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren

sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was

bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist

die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten

versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner

Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“.

Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige

Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und

bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine

zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich

um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte

Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig

gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst

natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die

Unterhaltung beherrschen.

Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort

die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin

noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden

war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – _après moi le déluge_.

Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen,

das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine

Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber

seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein,

und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte

einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb

geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des

Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte,

wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben.

Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine

Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch

solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er

auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt.

Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt

aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von

einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär

und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre

Bekanntschaft und Freundschaft.

Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter

(gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ:

der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet)

Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren

Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und

schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat

sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit

Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem

Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer

„über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden

Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten

gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind

in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß

es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen

Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten;

daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und

Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis

ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn.

„Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem

Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf.

„Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du

hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen

Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt

beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser

versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“

„Ich weiß nicht ...“

„Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute

überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber,

wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist

genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein

Sekretär beziehe ...“

- - - - - - - - - - - - - - - - -

„Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht,

daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist

wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“

„Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte

Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte.

- - - - - - - - - - - - - - - - -

„Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, und selbst

wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht fortgeben ... und es ist ja

auch niemand da, dem ich’s geben könnte.“

„Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“

„Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich etwa zu ihm gehen und

einen Kaufkontrakt mit ihm abschließen?“

„Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt bist, daß du kein

Recht hast ...“

„Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, ich fühle, daß ich

nicht das Recht habe, mein Gut fortzugeben, daß ich Pflichten meinem

Lande und meiner Familie gegenüber habe!“

„Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit ungerecht findest,

warum handelst du dann nicht so ...“

„Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem Sinne, daß ich mich

nicht bemühen werde, diesen Unterschied, der zwischen mir und ihm

besteht, noch zu vergrößern.“

„Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“

- - - - - - - - - - - - - - - - -

„Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige

Einteilung der Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte

verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, _wie

zum Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen

weiterbedienen_.“

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile

nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für

mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“

Sämtliche Werke 13 · 第 47 / 86 题