Das Ergebnis des Paradoxons

„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in

einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort

zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu _behaupten_, wäre denn

doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee,

selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen

Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker

Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die

Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch

selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung

aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus

der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa

durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun

Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit

Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun

Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf,

daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch

haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer

gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die

nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil,

sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen

Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache,

Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden

Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa

blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den

liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald

zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische

Konservative geworden sind.

Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum

Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das

nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und

umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden

zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich

aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der

Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert

Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der

wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der

natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das

Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei

Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher

Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und

den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er

Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus

überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer

ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben?

Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten

mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und

Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte,

prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie

ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich

Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend

wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland

etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa

nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar

nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum

lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort,

wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für

irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die

aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind –

Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen

Revolutionäre aus Konservativismus ...“

Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das

ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig

unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat.

Sämtliche Werke 13 · 第 41 / 86 题