Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege,
sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder
ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa
mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das
Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns
geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, _irgendeinmal_
wird sich dieser Blick ändern, _einmal_ wird Europa auch uns besser
begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses _irgendeinmal_ zu
sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz
nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch
kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit
mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz
unrecht habe.
Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird,
glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch
vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst
revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe,
geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen
Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch
und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen
unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in _fremden Angelegenheiten_
Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach
europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein
Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns
Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo
irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung
willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles
zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die
bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große,
Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen
Schatz sie der Vernichtung weiht.
Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale
erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar.
Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist?
Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in
Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der
Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“,
d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene
Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das,
was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe.
Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind
aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es,
geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten,
statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus
aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger
Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs
irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –,
sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen
fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht:
„_Grattez le Russe et vous verrez le Tartare_,“ sagen sie. Das kann ja
alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der
Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er
Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn
vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir
wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt
jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht
bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen:
das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt
hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend
etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und
vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob
es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen!
... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und
sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht
auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da
nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß
gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und
bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen
stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und
Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage
ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der
Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“
anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht
einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig
erscheinen?
Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich
meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die
Tatsache zu entwickeln versuchen.
Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h.
im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in
Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner
Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische
Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an,
verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in
vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat?
Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist
fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist,
daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die
russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres
Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen,
eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen,
es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre:
„Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im
Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen
Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe
noch nicht einmal hat begreifen können.“
Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht
versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus
allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer
wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles
vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –,
wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das
„durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau
träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön
und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt
haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß
der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und
zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben
mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest
eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus
protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich
etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster
erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen
alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen
nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er,
glaube ich, doch protestieren können.
Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen
ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die
Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich
in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich
selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für
Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit
erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt
gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im
geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt
haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch
ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein,
sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter
ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen
hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren
Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein
Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und
leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den
europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen
Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei
uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen
gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er
gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß
gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen
Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa
bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er
der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in
Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch
wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich
der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im
Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend,
ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während
Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen
Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon
sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf
die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder
gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte,
sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb
nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon
längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der
Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer
Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der
universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt
der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal
auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in
unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu
lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die
Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland
kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen?
Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und
das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und
tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen
Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den
letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn
selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein
Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige
Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und
jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele
sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser
Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen
einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen,
in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man
denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: –
welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen,
welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet,
die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist
nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des
früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon
zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist
vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der
Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann
zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“
und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei
entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch
weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung
treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese
Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat
versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein
Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt
sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen
die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich
ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr:
sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder
man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden
Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden
Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um
das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und
Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen
zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze
das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen
Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die
Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um
den ausgesprochensten Talmud-_status in statu_ handelt; wenn hier nicht
nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern
droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen
„Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles
gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und
Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem
Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese
Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner
Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und
Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis
Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und
den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar
noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis
Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der
russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der
Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt
gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski
gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren
besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis
von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt:
„wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen
übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke.