Die katholische Verschwörung

Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher

einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt

meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der

bevorstehenden Ereignisse ganz Europas _in der katholischen

Verschwörung_ und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des

Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes

zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden

zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor

zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner

Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr

zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die

ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch,

wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte

Folgerung zu ziehen.

Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer

Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der

Korrespondenten englischer Blätter zitiert:

Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht

aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist

nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre

aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch

fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin

bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich

belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie

man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt.

Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der

Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu

Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch

mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen

für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert,

es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und

was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst

jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich

die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter

seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus

ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit

unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß

selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat,

ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man

sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen

müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den

Islam zu bekunden. Da nun das _mot d’ordre_ des Katholizismus

auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs

zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des

gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands

zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit

solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht

später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen

Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So

schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber

wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle

in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der

Türkei.

Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer

nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand

getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem

_kriegerischen Katholizismus_ und der Bedeutung, die er in den Augen

Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf

Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin _natürlich

die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte,

in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen

Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden

könnten_. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen

Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals

auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in

der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in

Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester

Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur

infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus.

Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer

Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und

letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist,

das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „_wir mit der

Türkei wieder allein bleiben werden_“. – Wirklich? Steht es uns nicht

vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich

nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden?

In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den

zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle

bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur

Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei

gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das

wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“?

Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen,

daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken

Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese

„katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon

habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß

diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste,

streng organisierte katholische _Verschwörung_ ist, mit der Absicht, die

römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon

heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der

Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur

in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen

Verschwörung liegt!

Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“

gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn

gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese

kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst

selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen

Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit.

Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“

nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal

freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer

Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische

Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit

und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im

Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind

des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes?

Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der

Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen,

in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums,

Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König

die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom

einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar:

einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden.

Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser,

als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus –

abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische

Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen

Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle

Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der

Katholizismus namentlich _jetzt_, also in der für das geeinte

Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese

Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die

Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das

mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser

„Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt

in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß

der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal,

die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an

Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist –

und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und

sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die

größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner

Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß

erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als

immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert

verlassen kann, _wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit

der Hand zu fassen_, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch

längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit

wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu

großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige

Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann.

Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine

Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf.

Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben

muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in

Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht

aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick

abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der

Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat:

wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland.

Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum

sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der

größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von

seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt

worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so

viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so

lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am

besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg

zu treiben?

Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen,

so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So

naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen

Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze

Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten,

furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus

allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird,

und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts

weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn

möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der

Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn

zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig

vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen,

alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie

möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die

Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon

Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden

können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben

lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was

hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für

die römischen Verkünder Christi alles!

Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes,

versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie

das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen

Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in

Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich,

scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung

zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte

glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die

Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb

gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und

größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur

anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen

vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der

römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst

sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen

Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie!

Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch

durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls

Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu

seiner weltlichen Macht kommen kann.

Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie

eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt

zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die

Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich

niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach

Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den

Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen –

unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben,

auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich

geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht

mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein

gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im

Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken

sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat

allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des

Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm

auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des

Marschalls „_J’y suis et j’y reste_“ ist, und er sich von seinem Sessel

nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die

Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder

sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst

die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon

steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch

geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach

Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die

Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von

ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung

sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf

den Fürsten Bismarck _jede staatliche Veränderung in Frankreich_ macht.

Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der

Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter

bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich,

die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm

einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt,

da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der

von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede

neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in

welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch

den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der

alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche

katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und

da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so

gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun,

wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen

Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt

wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den

Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine

bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden

lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie

jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn

die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu

melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den

Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen

wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die

neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr

gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete

zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen

zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande

mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich

da nicht aufregen?

Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist

hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis

jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands,

gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat,

mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem

Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich

erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können

die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich

selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun

wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf

ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie

heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort,

bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen

„Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen

worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der

vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos

Österreich!

Sämtliche Werke 13 · 第 33 / 86 题