(Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)
Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich
noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon
früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und
siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet
hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen
hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der
„Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß
er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären
und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere
republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich
dann seinerseits mit der Meinung des Landes _nicht_ einverstanden zu
erklären und sich dem Willen desselben _nicht_ zu fügen. Solch ein
erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben!
In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande
sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er
nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es
wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und
wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er
zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen
recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten
überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit
begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir,
unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas
mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab,
daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn
dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er
auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist,
daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen
Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber
vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener
Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen
müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne
bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen
arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er
so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin
ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er
allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter
niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die
geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn
wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben
bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben
wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und
die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche
geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden,
allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen
politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit
aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der
Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die
Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten
vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –,
daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und
ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen
der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll,
ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun
wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte
Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt,
einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube –
wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht
der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es
irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß
der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor
einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es
aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen,
so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu
_seinem_ Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn
er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur,
weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es
_ihm_ gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in
diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim
Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er,
Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort,
ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine
Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist
er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche,
diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich
vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der
Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es
wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick
entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht
die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich
ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der
gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist
es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den _Umfang_ und die _Macht_
dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken,
hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das
wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im
Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der
Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht
haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie
möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu
diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren,
für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch
ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte
der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg
bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen,
natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen
sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor
kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt,
selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich
hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren,
und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der
Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte
bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des
Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem
Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es
selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und
zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die
Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen,
dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn
überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der
These: „_J’y suis et j’y reste_“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und
gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner
politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880
bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die
für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das
dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft
niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde
anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder
alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden
Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die
republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen
Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren
weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben
sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen
Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei
für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger
Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja,
irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt,
man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige
Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man,
sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den
französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald
nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in
eine europäische verwandeln ...