Österreichs gegenwärtige Gedanken

„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb

Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu

Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die

Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt,

tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die

österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land

bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch

zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in

der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches

Reich nur befinden kann?“

Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch

auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie

sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu

schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen!

Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in

diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen

unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und

Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht

ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt,

als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht

so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall:

man „bewahrt“ diese Unruhen _für alle Fälle_ auf, in Anbetracht dessen,

daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am

augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was

die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen

Lage fühlt, sich für eine _weitsichtige_ und sehr bestimmte Politik doch

noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was

wird ihm die _Vernunft_ zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend

etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in

betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das

nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es

entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß

es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine

Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die

Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren

Bissen.

Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die

kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“

berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in

ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß

am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen

Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist

Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu

haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu

solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen

Anteil, falls es zu ihnen _nicht_ kommen sollte. Und das bloß mit der

„Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik

geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig,

horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm

Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß

stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt

so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik

rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz

der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin

ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten,

allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was

durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen

würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf

Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante

Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der

selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so

bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel

weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig:

eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die

nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und

vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald

möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung

daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines

Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland _entschieden unvermeidlich_

ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für

ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus

allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh,

Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen,

daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht

mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das

Schicksal selber.

Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem

zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der

gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine _fernere_ Politik,

für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt.

Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand

will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal

niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und

wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel,

dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und

_denkt_. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun

Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen

und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen,

auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und

vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!

Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu

wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen

Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen

wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders

sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder

_vorgeschlagen_ worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und

Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie

sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es

Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür

... _viel_ bekommen wird. Und zwar für eine lumpige _Neutralität_, bloß

dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der

Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel!

Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich,

kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich

nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten

lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o

nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen

Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem

beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung

verdienen. Es kann doch nicht _ganz ohne Frankreich_ bleiben, besonders

nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach

einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen

muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an

sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege

zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant

erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von

seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben

...

„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt

wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm

nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst

phantastischer, – nämlich:

„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen

und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik,

oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form

bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon

zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden

dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin

bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten

Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der

Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu

verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur

fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen

Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei

unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch

gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet

Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.

Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie

allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch

Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee

von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse

Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen,

und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird

Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt,

Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne

mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870,

da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird.

Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme

das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen,

was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt

und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden

Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der

Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich

eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“

In der Tat, was dann?

Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien,

Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in

Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen

können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt –

Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer

schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja

alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich

zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich

vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland

den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die

Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare

Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber

kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat,

und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm

seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls

nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen

Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland

besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem

Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen

Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich

dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften

bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich

bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß

zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein

protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so

viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen

lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen

und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen,

und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile

könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger

bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so _entscheidend_

wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch

nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe

sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also,

für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es

vorteilhafter?“

In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich,

sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ...

* * * * *

Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene

Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische

Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich

sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird

erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst

den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich

mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon

als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser

an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals

über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon

bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich

damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten,

die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes

Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen

Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt

nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die

Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete,

daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos

seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon

jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und

was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem

Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem

Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des

neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische

Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen

„Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man

unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit

geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen

Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des

Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte.

Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch

jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines

europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch

kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer,

die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor

dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht

überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die

ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas

Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges

nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch

meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich,

phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das

Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in

Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich,

und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische

Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon

bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles

glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich

gefügt habe, daß die _machtlosen_ Klerikalen schmählich abgezogen seien,

und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“

herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte

müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich

Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung

zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo

zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir

urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich

versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses

vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie

wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren

Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem

nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels.

1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende

Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst

bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die

Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem

vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und

brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland

nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht

will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen

worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor

mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben

und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den

der _päpstliche Katholizismus_, vor seinem Untergange, in allernächster

Zukunft mit der Welt aufnehmen wird.

2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen

Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu

schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen

und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden.

Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings

gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird

– doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist

er _unvermeidlich_ und _nahe_.

3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen

verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht

des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der

wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung

Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der

allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin

bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage

gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der

Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich

unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit

ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch

vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig

sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn

des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich –

4. – Möge man das für die phantastischste meiner Annahmen halten, ich

bin im voraus damit einverstanden –: Ich bin überzeugt, daß der Kampf

zugunsten des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen Bundes, daß

Rußland nichts zu fürchten hat, wenn der orientalische Krieg mit dem

alleuropäischen zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die

Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß so viel wertvolles

Menschenblut fließen muß! Doch kann die Überzeugung, daß dieses

vergossene Blut Europa vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn

sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen würde, immerhin zum

Trost gereichen, um so mehr, als dieser große Kampf zweifellos schnell

enden wird. Dafür aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden –

die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal Frankreichs, die

deutschen, die orientalischen und die mohammedanischen Fragen – so viel

Angelegenheiten werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten Gang

der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen wird sich Europas Angesicht

verändern, so viel neues Zukünftiges wird in den Beziehungen der

Menschen einsetzen, daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor

diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend seiner sicheren und

großen Erneuerung zurückzuschrecken.

Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: wenn man es als Regel

annimmt, daß man über alle Weltereignisse (sogar über die, welche schon

auf den oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit zu sein

scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: „heute so wie gestern, und morgen

so wie heute,“ urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich

werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der Nationen und der

Menschheit widerspricht. Währenddessen wird gerade dieses Prinzip von

der sogenannten realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben,

so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, eine Sache

könnte am nächsten Tage vor aller Augen vielleicht anders erscheinen,

als am Tage vorher, verlacht und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch

schon die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die klerikale

Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta eine Rede halten, und

alles wieder so wie gestern seinen alten Gang nehmen werde, daß unser

Krieg mit der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein

könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der Rubel erheblich

steigen wird, wir wieder ins Ausland reisen werden usw. Die

Undenkbarkeit der Fortdauer der alten Verhältnisse war in Europa vor der

ersten Französischen Revolution für die führenden Geister eine auf der

Hand liegende Wahrheit. Währenddessen aber – wer konnte am Vorabend der

Einberufung der Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation

beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und als die Situation sich

verändert hatte, wer hätte dann das Erscheinen Napoleons I. prophezeien

können, der doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender der ersten

historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen worden war,

eingriff? Ja, selbst zur Zeit Napoleons I. schien es in Europa

vielleicht jedem einzelnen, daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall

war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz verbunden sein

konnte, nach dem sich zu verändern der Alten Welt seit dem Ende des

vorigen Jahrhunderts vorherbestimmt war.

Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, ein neuer Mensch,

mit einem neuen Wort. Er will die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber

ist Er – das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder einer,

der wieder uns allen, uns alten Menschen, gleicht!?

Zweiter Teil.

Sämtliche Werke 13 · 第 34 / 86 题