(Französische Republikaner)
Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die
französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun
ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt
gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum
drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen
konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer
vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine,
starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es
noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu
existieren, hat sie selten jemand für eine _nicht_ vorübergehende, für
die definitive politische Institution Frankreichs genommen.
Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des
ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die
französischen Republikaner selbst.
Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik
zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen
Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer
Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen
Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in
allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und
bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon
wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu
machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung
entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, _nota bene_, in Frankreich nicht
allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ
mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs
ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb.
Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von
ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche
Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige
Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir
brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast
zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“
Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie
zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan
glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen,
diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den
sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als
er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen
und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene
Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks
spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an
sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft
gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt,
indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie
dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als
ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den
hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden
hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf
Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht
geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres
wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an
nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen
Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß
sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt
hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht.
Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks
war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser
gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber
sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar
nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht
alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch
etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine
Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch –
was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen,
gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen
würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den
Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen
wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben,
wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern
schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue
Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in
Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren
sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach
dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor
ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur
unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar
komisch war; denn wahrlich nicht in _der_ Gestalt hatten sie sich den
Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!
Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem
mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das
heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um
Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt,
vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht
sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen
oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden,
wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich
ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei,
jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die
Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit
Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in
Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen,
und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so
komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die
verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort
„Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und
sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik
schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie
zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt
böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine
Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs
geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und
tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen
sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon
III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn
das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten
ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die
_aller_komischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage,
daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden
halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück,
erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht
liegt, dem Vaterlande _wissentlich_ zum Verderben dienen zu müssen;
zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen
unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu
bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es,
zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von
diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie
so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der
eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst
Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder
Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner
entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst
Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar,
daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig
schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die
Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in
Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel,
Heere ... Und _kann_ denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch
die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa _nicht_
verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht
nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach
streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere
_Unabhängigkeit_ wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man
Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde
eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine
Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen,
daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten
Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in
solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens,
welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn
Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose
die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die
Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in
Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich
den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann
aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es
selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung
verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß
fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg
nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie
dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer
anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan!
Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal
angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes
vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls
haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts
anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber
diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im
genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und
daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird,
anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer
bewußter und schließlich offen und laut ...
Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind
pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut
geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie
nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen
vertagt hat. Jetzt sind _sie_ die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb
ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich
die Marseillaise anstimmen und der Ruf „_on assassine nos frères_!“ von
Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls
vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das
Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine
Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische
Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue
republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte
Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch
die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser
„Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht
aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute,
zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke
gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten,
darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“.
Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen
an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer
„Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert,
wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens
dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung
gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der
Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger
finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist.
Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen
Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja,
und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es
wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der
hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste
Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der
Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt
das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die
Armee?