Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation

Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und

Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses

schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den

Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut

hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat

eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und

die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken.

Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen

sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können.

Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele

Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl

verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage,

und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie

dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können,

und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel

setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor

allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein

wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es

gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der

Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu

kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein

ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung –

ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es

gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es

für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den

günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen

dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und

gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine

radikale, diesmal aber _ernstliche_, auf ewig geltende Umwälzung

zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken

können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so,

daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und

riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung

in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne

_ernstliche_ Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich:

derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und

da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“

zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre

Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts

anderes übrig, als _va banque_ zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir

an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen

nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es

für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen

nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig

die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie

würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren,

das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost

hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere

Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es

unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor

zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich _siegt_, _alles_

bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie

ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!

Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden

sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas

Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die

revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur

_ungewöhnlich_ handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der

Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und

geht ganz von sich allein aus. Das ist ein _status in statu_, das ist

die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph _einzig ihrer_ Idee,

– das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was

nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft,

Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und

jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen

günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und

zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat,

auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande

bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung

geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben

muß.

All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der

französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle

wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich

bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die

französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls

vollkommen überzeugt, daß „die ganze _activité dévorante_ der von neuem

ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und

nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die

frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto

entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit

ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht

sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung

die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die

naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der

vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für

Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen

nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer

auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird

vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum

unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses

schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir

haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall

den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in

Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den _militärischen

Despotismus_. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel

sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den

Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es _in seiner ganzen

Gewaltsamkeit tatsächlich_ noch kein einziges Mal in Frankreich

gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee

versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der

Landesvertreter, _wenn sie gegen ihn ist_, einfach mit dem Bajonett

auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß _die Armee es so

gewollt habe_. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er

daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „_nur noch nach der Meinung

der Armee richten werde_“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand

und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine

Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein

gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten

kommen und mit der _Stimmenmehrheit ganz Frankreich_ den Krieg gestatten

und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das

Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und

seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr

zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß

er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können,

andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch

seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „_J’y

suis et j’y reste_“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er

bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles

für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die

Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und

Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im

Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der

Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich

bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein

„_J’y suis et j’y reste_“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon

verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf _hinzuweisen_, daß man im

Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und

Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie

gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man

sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall,

sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer

Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese

Weise würde sich also die These „_J’y suis et j’y reste_“ ohne Wunder

verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte!

Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine

feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen

gefallen. Solcher schmeichelhaften _Hinweise_ wird es, wie gesagt,

fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein

Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun,

erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige

Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist

als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich

nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter

irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz

unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil

sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde.

Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das

In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche

Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die

Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die

Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.

Sämtliche Werke 13 · 第 28 / 86 题