Ärger und Macht

(Papstmacht)

Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze

katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee

glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle

Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer

acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt.

Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der

Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er,

zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem

Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen

Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben

verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land

genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine

Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß

ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, –

also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den

Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie

hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des

Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich

belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich,

doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn

der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber

unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der

römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja

begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein

„unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers

ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits:

tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze

Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der

alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde

Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen

Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so

verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß

die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären.

Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der

gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine

Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders

die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen

hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im

Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer

Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem

Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der

Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese

Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde,

womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar

angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der

religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen

verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt

noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu

schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt,

höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich

mehr glaubt, sondern nur so tut – _ergo_, was können dann in unserem

Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch

für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute

überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind

grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren

Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine

Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die

radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den

Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht.

In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische

Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut,

ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee,

bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten

aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in

Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es

zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer

zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte

Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte

Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und

furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger

machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind

bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d.

h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes

die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe

Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und

es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von

„Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48

eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung

so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches

entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie

Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons

III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr,

und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie

„Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas

Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei

Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das

heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in

Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik

in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die

Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer

von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit

verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht

wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal,

wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu

alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist

die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen

revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem,

zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein

solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie

danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die

Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu

fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die

Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der

rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das

Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel

lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen,

daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen

Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während

doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher

sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort

„Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern

Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden

sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden

sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache

irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so

würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen

zuerst _ihre Sache_ durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten

Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der

Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist

ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.

Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das

Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der

allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische

Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der

Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der

Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die

Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was

in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann

jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht

und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine

zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von

den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es

sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus

wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit

bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon

längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie

noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich

angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu

opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen

zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf

nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine

Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich

allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt _universal_, –

laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich

Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so

scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und

diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu

verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie

höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange!

– Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des

Papsttums und der römischen Idee!

Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die

französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den

Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie

für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig

überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren

klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas

mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig

unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden

Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige

Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes

versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der

idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In

der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders

den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem

Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer

könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die

Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert

muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als

Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der

Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber

in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der

Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen

Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu

verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus –

dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und

beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr

erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie

sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien,

frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit

ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die

Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe

republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich

arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint,

können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen

und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die

Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern

können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere

Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist.

Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung

ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den

Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.

Das schwarze Heer.

Sämtliche Werke 13 · 第 27 / 86 题