(Ausblicke)
All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle
offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt
werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf
den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich
nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen.
Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn
Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und
er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege
stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl
kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst
Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor
sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das
Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick
angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände
gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden
aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über
die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die
Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine
Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick
haben kann, und – die Hauptsache – „_daß die Abhängigkeit vom Bündnis
mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands
ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege_“. Dieses deutsche
Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die
Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die
Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis
ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur
angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die
Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der
Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache
Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum
verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man
seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern
man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die
Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem
reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes
der Sache gewiß zu sein, unbedingt _sicher_ stellen; denn anders lohnt
es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung
wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am
unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet
herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind
es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt,
wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur
Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher
kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen
eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so
kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten,
besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch
Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die
Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste
Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja
verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer
ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung
Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal
so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht
erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind,
die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem
‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt,
mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne
unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die
Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos
hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns
gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun
plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen
und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie
alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so
schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre
es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen.
Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber
nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung
Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später
sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare
Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg
schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach
mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr
überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht
geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.
Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen
Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist,
sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist,
und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt
werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch
mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung
für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem
Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst
sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der _Möglichkeit_ äußerst
umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der
Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch
die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht
einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest
entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr
auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“
spekuliert, als daß es sich entschlösse, _für_ denselben, in dieser
ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen.
In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in
Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine
so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter
seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich,
bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner
alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo
irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind
mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der
Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für
England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits:
was kann Österreich machen, wenn es _allein_ bleibt? Ist es doch
unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa
nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn
natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und
der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen
anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die
Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und
da hat denn auch schon etwas _Unvorhergesehenes_ zu unseren Gunsten
eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem _Unvorhergesehenen_ rechnen,
wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?
Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich
wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl
nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich
täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all
meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien
erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts
versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der
deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder
unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und
der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche
beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen
wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum
mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem
Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen
kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt?
Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich.
Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit
niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht
geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres
Beispiel.