Ein genial-mißtrauischer Mensch

(Bismarck)

Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn

man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie,

vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar

infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man

kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun

der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt,

durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten

fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich

politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild,

ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm

proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches?

Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß

man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden

annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen

denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an

ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem

Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt

hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses

Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger

gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht

_nicht-besiegen_ konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner

großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig

neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze

hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf

_nicht_ bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht

den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei

eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so

kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich

ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in

Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei

nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus

bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und

so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar

richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht

nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen,

sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb

doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald,

fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und

nachzudenken begann.

Das Haupt dieses Kreises war zweifellos _Fürst Bismarck_.

Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er

schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß

man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal

mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war.

Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr

auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der

Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht

an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach

ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen

Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in

strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so

gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten

mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen

eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine

Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht

organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort

Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind,

solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich

nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch

ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall,

der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die

Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer

werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche

„Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin

noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten

glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem

kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte

man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so

zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden

Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das,

versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck.

Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine

zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun

wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des

Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns

in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben

wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn

Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht

Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich

nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns

außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen

so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich

innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an.

Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der

Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung

der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie

ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur

starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den

Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen

Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das

Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen

überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig

unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr

wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der

Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte

Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was

so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern,

sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im

Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat,

dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem

man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich

gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das

Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das

Land, das in der _Mitte_ liegt: wie stark es also auch sein mag – auf

der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja

wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie

plötzlich erraten, daß nicht _sie_ das Bündnis mit Deutschland brauchen,

wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: _daß

die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die

verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem

Deutsch-Französischen Kriege_ –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu

große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter

Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu

diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der

plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer

noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange

unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall!

Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen.

Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt

erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst

vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das

den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn

gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d.

h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er

sich so weitsichtig, sich das _Bündnis_ – so kann man sich ausdrücken –

mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen

Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit

kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den

katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses

Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er

arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland

immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den

intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des

mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf

eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer

Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber,

daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen

Staatsmännern der Welt, einzuschätzen _verstand_, wie stark das römische

Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist,

und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es

heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten,

daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird

finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen

unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde

Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen

können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet:

alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen

Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige

konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen.

Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre

besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die

Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt

sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst

selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee

vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen.

Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus?

Sämtliche Werke 13 · 第 26 / 86 题