Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den
geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In
Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der
Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert
– wie soll es da keinen Frieden geben!
Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann
werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm
zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu
leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht
über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt
nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu
bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen
Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der
ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen
Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält
sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um
die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten
Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es,
daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde
abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in
Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen
erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits
die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war,
hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma
aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche
Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen
Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist,
der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche
Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige
Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der
Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken
noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr
sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig
verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen
Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten
Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht
absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas
gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren
Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten
kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so
machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen
Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern,
daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine
Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch
immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen,
als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des
Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch
nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des
Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß
aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde,
bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die
letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich
der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt
der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel
nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich
immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der
geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn
und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller
Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die
Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner
Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber
nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der
Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das
ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern
das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese
Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein
weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er
sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu
scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche
Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine
verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat
zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte
Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war
und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an
anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne
das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner
werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen
der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil
aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen,
„alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren
Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch
früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht
geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es
zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der
Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des
heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den
Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist.
Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der
Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch
eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des
Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und
der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden
gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns
befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder
anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt
sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß
eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst
befohlen: ‚_Fraternité ou la mort!_‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb!
Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles;
denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt
die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr
unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn
eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer
das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt
haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu
_verkünden_; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst
erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts
Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar
war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen
sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu
verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt
es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an
_ihn_, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein
der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen,
wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das
Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch
den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein
werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte
sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen:
es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht,
die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von
verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten
und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist
der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt
es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des
Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele
Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...
Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir
meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich
einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen
Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die
Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in
Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu
überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen
Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten
vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen,
wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der
Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte
an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der
Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am
stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles
sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie
in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur
auf den zündenden Funken ...
„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht
bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns
anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung
der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein
Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß
auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht
umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten,
Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur
uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr
geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu
entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und
haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin
unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle
in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen,
sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur
anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns
anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so
werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu
welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind,
ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume,
Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den
leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht
werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht
auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich
auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm
in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas
und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit
Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns
allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.
Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn
jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!