Drei Ideen

Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen

Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln

und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen

eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich

wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse

einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des

Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer

Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb

noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes

verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des

Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten

Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der

Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den

richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn

auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in

sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation

abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des

Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist

der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt

ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch

einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr

geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch

widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil,

diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert

sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor,

daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen

Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit

eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun

_will_ sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus

über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für

leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre

es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in

diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt

ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der

Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch

nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und

wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.

Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich

_alle_ möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven

Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h.

ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können

plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte

überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich

damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse

der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die

Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h.

der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in

Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im

nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem

Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe

vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas

Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der

Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.

Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es,

endgültig.

Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die,

schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß,

was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich

spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen

_katholischen Idee_, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem

Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr

durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste

Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten

gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in

durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt

sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten

und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine

Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer

Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen

von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h.

die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne

Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus _in_

Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe

Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des

Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen

modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische

Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und

Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es

„_Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort_,“ also auf ein Haar so, wie

es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre,

_liberté, égalité, fraternité_ zu proklamieren – ganz in seinem Stil,

ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des

Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger,

verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee,

aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis

leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, –

selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts

begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich

nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der

katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle

Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische

Sozialismus ist nichts anderes als die _gewaltsame_ Vereinigung der

Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich

unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die

Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade

hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem

Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner

Moral entlehnt sind.

Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun

bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee

protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute

katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen

Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur –

der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes

protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der

Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit

liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen

geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt,

hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine

stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst

stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und

jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und

„allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane

überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an

seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die

Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas

Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß

Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt

ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt

irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine

Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht

gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als

überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn

Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur

protestiert, und daß es selber sein eigenes _neues Wort_ überhaupt noch

nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines

Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames

geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört

haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es

plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem

Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben;

_denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann_! Doch

möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers

Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein

kritisierender und damit bloß _verneinender_ Glaube, der dann, wenn der

Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch

verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat,

sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben

wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.

Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die

katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als

starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen

nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht

anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an,

mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch

lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel

oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt

etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs

sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des

vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen

können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem

Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst

seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich

in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade

dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 _nicht_ total zertrümmert,

zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen

sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf

seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist,

endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es

daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt

Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland

noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind

nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt

hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach

fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in

Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer

eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug

bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß

Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum

letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem

quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft

erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im

Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast

noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr

Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen

stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.

Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee

großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen –

vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über

das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar,

daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues

Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen

hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal

der Welt _nicht_ stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das

für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?

All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues

gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle

diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer

Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine

Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen,

wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges,

und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so

doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren

Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über

unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht

vorauswissen, wohl aber ahnen kann.

Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt,

ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich

Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen

Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und

wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die

Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der

Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles

fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens

hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für

uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen

gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der

Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem

Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere

„Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie _wollen_

sie noch nicht einmal verstehen.

Sämtliche Werke 13 · 第 23 / 86 题