Frankreich, die Republik und der Sozialismus

Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen

langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue

Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist,

darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik

von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine

Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der

Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken

nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina

unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens

... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage

sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten

Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische

Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz

in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste

Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und

Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis.

Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten

Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum

erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von

allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn

nicht Frankreich?

Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade

in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt.

Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal

wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein

wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß

sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei,

weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen

scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde

Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt

unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im

übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden,

wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel

gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem

Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in

einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung

würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur

eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst

herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur

behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal

die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen

Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner

waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in

ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent

der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der

Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in

Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren

bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit,

achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit

der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den

Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen

Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so

Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab –

die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne

dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange

an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von

Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk

und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen

Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen

einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so

weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und

jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis

jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem

Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als

in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen

nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger

Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus,

betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch

vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig

aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die

Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den

Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand,

außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten,

die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung

der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus.

Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird

kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen.

Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die

menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des

gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder

schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist

die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe

nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis

jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die

Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich

zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die

Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es

klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in

Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die

Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird.

Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In

der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung

ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte

Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen

allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer

augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich

alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem

Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und

unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat,

sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in

folgenden Worten aus: „_Ôte-toi de là, que je m’y mette!_“ – Fort von

dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes

– abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der

ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der

Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen:

die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit,

daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne

Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub

sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht,

über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die

Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft

verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen

ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren

Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten –

vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung

überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht

mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren

würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und

übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen.

Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines

Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch

mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und

unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und

der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen

Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat

als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von

dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz

in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon,

daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke

der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die

jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie

verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie

glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen

besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen

erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte

durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die

große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden

Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges

Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.

Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem

von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie

auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte

und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der

roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke

erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel

Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese

nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon

allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der

so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann

in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler

entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die

blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich

vor allem um die republikanische Form: „_la république avant tout, avant

la France_“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staats_form_;

und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt

sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das

Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich.

So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite

dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da

er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form

einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze

zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame

Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig

Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete

die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und

allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die

Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die

Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der

Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind

der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten

Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man

sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht

ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt

hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es

noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach

deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut

und Eisen ausrichten?

Sämtliche Werke 13 · 第 21 / 86 题