Deutschland und Rom

Das päpstliche _Non possumus_ ist meiner Meinung nach so ernst zu

nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in

Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse

dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen

würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren

Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr

vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein

Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer

gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß

ihr Reich von _dieser_ Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne

Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat

die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott

gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres

Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick

getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um

einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem

„letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte

die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der

Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte

gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da

fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche

diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem,

abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum

vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche

aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit

einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit

allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt

in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten

schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige

politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese

römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das

Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses

Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich

vielleicht nicht einmal an dasselbe denken.

Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese

Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man

wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer

Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort

den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie

zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu

verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen

politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des

Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In

seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst

eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch

einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt

anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind.

Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen

Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie

natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget

akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem

_Statuts quo_ einverstanden erklärt haben und – _es wäre zu Ende gewesen

mit dem römischen Katholizismus_! An seiner Stelle aber hätte dann etwas

ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht

an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der

84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch

sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem,

wie er es getan, erklären wird: „_Non possumus._“

Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben

herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige

Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische

Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene

sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in

Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale

neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen

gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun

und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich

kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an

seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche

„lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen

Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im

_neunzehnten_, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer

Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen

Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen

Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf

Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun

Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über

die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den

Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche,

sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den

Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich

entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und

der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen

Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die

römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der

wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten

wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige

Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt

– wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf

mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen

Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische

Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner

Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren

stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches,

sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele

Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation,

Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die

politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens

schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht

erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand;

nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie

irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum

zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß

es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens

und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der

germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der

Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als

der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der

protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der

unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu

diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der

tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt

noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei

deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus

und seiner Idee tatsächlich treu bleibt.

Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne

der _Grundidee der Nation_ in Frankreich vielleicht durchaus nicht so

unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten

Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich

gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer

Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so

verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken,

Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand

unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens

sind sie alle _für_ Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck

aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich

niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen

militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art

für Frankreich vielmehr gleichfalls ein _Non possumus_ ist. Und warum

soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht

endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden

geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und –

vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen

Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch

längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit

unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben

oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht

begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, –

geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich

der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener

europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht

annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort

stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem

Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander

feindlich begegnen?

Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug

sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen,

daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift,

vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter

fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun

geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls

aber handelt er mit einem scharfen Blick.

Sämtliche Werke 13 · 第 20 / 86 题