Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser
Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm
zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer
internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine
einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs,
dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und
Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen
und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar
gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland
vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine
gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln
hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards.
Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar
in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her,
daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie
schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines _sine qua non_, das zu
erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?
Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15
Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und
in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle
Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene
lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese
lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen
Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des
Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der
katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut
über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch _neue_
Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm
alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und
selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren
den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten
Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits
einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die
Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine
ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum
erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das
eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses
ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa
deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der
Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und
sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß
Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern
genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt,
überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch
niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt
allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als
viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die
Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch
ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des
lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt
und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische
Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen
begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und
politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig
so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen
entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene
Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine
Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber
glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der
Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft,
und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so
ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren
Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf
guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den
begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die
Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der
Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem
sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten,
mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen
Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben
Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung
verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede
Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese
Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich,
die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das
Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen
halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte
gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation
wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende
Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem
Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die
Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in
Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage
verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte
gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und
nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst
– und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“
Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert
auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen
müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses
Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche
Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und
irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die
westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen
und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch
nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und
Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser
verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach
Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen
Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der
europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger
Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich
überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele
sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die
unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem
ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß,
sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft
eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und
Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation
zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa
sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.
Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer
Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben
dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der
Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit
bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“
desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des
Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und
schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst
nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die
Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das
Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die
Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken
fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde
Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.
Ich habe gesagt, daß diese große Nation _leben will_, – um jeden Preis!
Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch,
dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig
entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland
gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben
bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie
moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem
moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig
und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das
allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „_chacun pour
soi_“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch
plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten
Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des _unmittelbaren_ Lebens
versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.