Dostojewski starb am 28. Januar 1881. Es scheint eine ewige Vorbedeutung
darin zu liegen, daß er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881[1]
starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes furchtbaren Gewitters,
das jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert heraufzieht und sich
immer dunkler über uns zusammenballt, – und daß die erste
Gedächtnisfeier seines Todestages, am 28. Januar 1906, unter dem Getöse
des endlich ausgebrochenen Sturmes stattfinden mußte. Dostojewski trug
selbst den Anfang dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen
Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen Unbeweglichkeit sein
oder scheinen wollte: er war die Revolution, die scheinbar Reaktion war.
„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht
geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon
schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb
er kurz vor seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei dieser
Qualen.
„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem Endpunkte und schwankt über
dem Abgrund,“ schrieb er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski
sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft klammerte er sich an
den glatten Rand des Verderbens, an die vermeintlich festen Felsen der
Vergangenheit – an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch wenn er
gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er dann begriffen haben, daß
Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, so wie er sie verstand, nicht
drei Felsen sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen Wegen
des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland ging dorthin, wohin
Dostojewski es rief, ging zu dem, was Dostojewski für die Wahrheit
hielt. Doch da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland
„schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, heute stürzt es bereits in
ihn hinab. Die Autokratie stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter
denn je. Und die russische Nationalität steht heute nicht mehr vor der
Frage, ob sie einmal die erste in Europa werden kann, sondern ob sie
sich überhaupt noch zu erhalten vermag. Auf welche Seite würde sich nun
Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die der Reaktion? Oder
würde er sich wirklich auch jetzt nicht um seiner großen Wahrheit willen
von seinem großen Irrtume lossagen?
Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. Doch, wie das
häufig mit Propheten geschieht, ihm selbst war der wahre Sinn seiner
Prophezeiungen verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft
zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen Dostojewskis. Von
außen ist es die tote Schale zeitgebundenen Irrtums; von innen – der
lebendige Kern ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, um
ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische Revolution vieles
von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest erschien, zerschlug,
vernichtete sie auch den politischen Irrtum Dostojewskis.
Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte tun. Wir aber, die
wir ihn liebten, die wir mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten,
werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: mit ihm
werden wir verurteilt oder mit ihm freigesprochen werden.
* * * * *
Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren Frühherbsttage ganz
allein im Gestrüpp am Waldrande stand, hörte er plötzlich inmitten der
tiefen Stille den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer sich vor
Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, geradenwegs zum
pflügenden Bauer Marei; um im vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er
hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel des
Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo denn? Was für ’n Wolf soll
denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht
vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ Und „fast mütterlich
lächelnd“ bekreuzte der Bauer „mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben.
In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben Dostojewskis
enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf und wurde zu einem großen
Schriftsteller. Mit Fedjä wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen
„Gotträger-Volk“. Doch die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen
blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski oftmals den Schrei: Ein Wolf
kommt! Das Tier kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte er
dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der ihn wieder beschützte
und „mit fast mütterlichem Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon
nicht von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein „Christus ist mit
dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. Das war die wahre Taufe
Dostojewskis – nicht in der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit
heiligem Wasser, sondern mit heiliger Erde.
Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem
„Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes
liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont
sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser
letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen
Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde
mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern
Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren
alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher
Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist
der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er
ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum,
oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch
nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl
aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die
„Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das
russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es
hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist –
alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts
verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“
In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er
nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein
neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie.
Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht
geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels
vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das
historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als
unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum
so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum
sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum,
das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der
Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist
ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos
ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist,
dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen
Bauerntum und Christentum aufgetan hat?
Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen
oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner
Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch
in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen
Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das
Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem
Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder,
wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“?
Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt
ihn vollkommen.
„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den
Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die
„Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine
Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das
katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche
Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den
Namen Christi als den einzigen erlösenden an.
Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings
tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche
Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale
_geistige_ Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche,
römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen
gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß
das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der
Länder und Völker – _nicht geistig, sondern staatlich_ – auf Erden nicht
zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die
geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst,
kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich
aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu
verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das
Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der
Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher,
meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der
Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“
Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes
„Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der
„Staat“ als Reich Gottes, als _Theokratie_ aufgefaßt, d. h. als durchaus
freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere
vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der
Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten
Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende
Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die
_Dämonokratie_. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht
zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung
gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig
unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar:
die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes
Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige,
des Herrschers aller Herrscher: die volle _Anarchie_, – natürlich nicht
die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im
neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als
Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur
Gottherrschaft.
Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben
würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des
östlichen und speziell des russischen Christentums, der
Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist
natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch
gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern,
völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige
Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische
Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen
Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer
universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer
universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein
anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen
Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die
christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des
heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor
sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte
kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer
Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst.
Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis
vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen
Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte
des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre
Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die
östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen
lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im
heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im
Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine
Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der
autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht
gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen
Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen
Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste
Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die
russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des
Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige
christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als
Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß
machen und das Weiße schwarz.
Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem
Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine
universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und
wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten
Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin.
In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend
synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur
Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt
sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn
es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht,
kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug
selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort
vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er
einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten
feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“
„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich
und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit
beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung
willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur
endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes
sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische
Bestimmung in ihrem Ideal.“
Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir
begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit,
Allversöhnung, Allmenschheit ist.“
Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen
„Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt
in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur
Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen
Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt
Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in
ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis
bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der
völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen
europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im
öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der
Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der
Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in
der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch
die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der
Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat.
Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen,
zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar
sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ
zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas,
trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe
ewige Weg sind.
* * * * *
In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen
Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit.
Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen
seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch
eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß
glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt,
daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem
letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große
Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und
kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“
So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach
Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der
Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische
Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die
„synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man
an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der
Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze
Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit
seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse
besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der
„russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott
nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das
Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der
Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern
erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk
geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der
Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das
Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur
Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit.
Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch
in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der
Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt
nicht gibt.
Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den
„russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den
universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder
„Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere
Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht
darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte,
ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht
vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen
Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser
ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste
Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“
Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk)
nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der
Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den
Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi.
* * * * *
In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in
der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit
der Gottmenschheit.
Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein
Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ...
Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht
irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende
Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen,
für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen
Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung,
die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das
Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug,
der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt
unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie
natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen
wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere
Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige
Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei
uns alles.“
Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht
ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es
auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen
Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist
alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie
ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen
gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie
und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die
Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die
Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die
Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische
„Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist.
Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom
zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem
heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der
Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern
zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen
Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze
Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht
besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der
dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen
Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch
unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des
Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden
Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der
Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen
unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward
Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß
zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es
überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den
Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“
Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand.
„Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“,
d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem
Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die
christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des
Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm,
natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft
des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche
ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen
Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet,
dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber
im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder
ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und
dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen
verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche
Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der
Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum
christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste
Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen
in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die
gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes
ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch
mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen
Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee
des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee,
da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und
schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten
Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte
heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche
Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe
– die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft
des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie
gerade hier, in der russischen Autokratie.
Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die
Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“,
nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von
der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der
Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt.
„Wir sind nicht mit dir, sondern mit _ihm_ (mit dem Teufel), das ist
unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig
verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle
Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“
Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die
orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom
gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen
Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran
zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er
gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also
das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er
versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich
ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen
Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein
geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der
kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern
kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen
leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch
in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater
nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es
ist dessen würdig.“
Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in
diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte,
etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als
jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck
Rußland zum Aufbäumen gebracht hat.
„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein,
wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind
verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch
immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode.
Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran
glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen.
Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte
auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch
die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst
jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt
es, sich zu entladen.
* * * * *
Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die
Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt
nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des
Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das
Leben des Staates – ist der Tod der Kirche.
„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten Staat überhaupt noch
nicht gesehen, sondern nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten.
Alle blieben sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski
kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf einen tiefen und
verborgenen Gedankengang hin. Wenn es den einzelnen „Embryos“ bestimmt
ist, sich zu einem einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“
Staat zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das in der
Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die Mutter aller irdischen
Greuel“ – jene universale Monarchie, die Pseudotheokratie, die
Herrschaft als Kirche, mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre
Theokratie, die Kirche als Herrschaft, verwechselt?
Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische Wirklichkeit wird,
dann wird sich auch die „absolute Kirche“ verwirklichen, das absolute,
religiöse Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen zwei
Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu Ende der universalen
Geschichte, doch bis zum Ende der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen.
„Der Antichrist wird kommen und sich auf die Anarchie stützen,“ sagt
Dostojewski gleichfalls kurz vor seinem Tode. Das ist nicht ganz
richtig. Der Antichrist wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen,
doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die Monarchie stützen,
nicht auf die Herrscherlosigkeit, sondern auf die Einherrschaft, die
Selbstherrschaft. Der Antichrist wird der letzte und größte
Selbstherrscher sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem Sinne
sind alle historischen Selbstherrschaften, alle historischen Staaten nur
kleine „Embryos“ des apokalyptischen Staates, der Selbstherrschaft des
Antichrists.
Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der einzige wahre Zar ist
– Christus. Im letzten Kampf des Staates mit der Kirche wird dann jener
Kampf des Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, des
Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die Selbstherrscher, die
Diener des Antichrists) werden ihre Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie
werden Kampf führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, denn
Er ist der Herr der Herrschenden und der König der Könige.“
Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch nicht geboren, und dann
ist das „Also geschehe es!“ des Mönches Sossima und Dostojewskis
vergeblich; denn es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose
Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder dieses Bewußtsein ist schon
geboren, und dann beginnt in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem
Tier. Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem Kampfe erhoben
ist, ist das erste prophetische Wort der großen russischen religiösen
Revolution, das Wort, das nicht umsonst gerade von uns, den Schülern
Dostojewskis, ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist.
Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, wie konnte er
seine größte Wahrheit unter dem größten Irrtum verbergen, seine
religiöse Revolution unter politischer Reaktion, das Antlitz des
heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske des verfluchten
Vergewaltigers, des Großinquisitors? Wie konnte er die Selbstherrschaft,
die Herrschaft des Teufels, für die Herrschaft Gottes halten?
„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und „das ist die große
Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, so führt der Bruder Païssij die
apokalyptische Verheißung – „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu
historischer Realität.
Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle der unüberwindlichen
Furcht, die ihn veranlaßte, sein neues Gesicht unter alter Maske zu
verbergen, seinen neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte
oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. Doch seine wahre
Religion war, wenn auch noch nicht im Bewußtsein, so doch in den
tiefsten unbewußten Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht
das historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum überhaupt,
sondern das, was nach dem Christentum sein wird, nach dem Neuen
Testament – war Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die
Offenbarung der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war die
Religion des Heiligen Geistes.
Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen gottmenschlichen
Persönlichkeit; dies ist der Grund, warum die wahrhafte christliche
Heiligkeit eine vorzugsweise persönliche, innerliche, einsame, nicht
gemeinsame Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum alle
Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum einzuschließen, so
fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit ist die Basis der
Vielheit und ihrem Wesen nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch
das Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage der
Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, sondern nur in die Religion
der Dreieinigkeit, aller drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der
göttlichen Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche
Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: die heilige
Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der heiligen Erde schließt sich
natürlicherweise auch die universale Vereinigung und Einrichtung der
Menschen auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum ist die
Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, geistiges, körperloses.
In der Religion des Heiligen Geistes ist die Kirche das
himmlisch-irdische, geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar
mystisch, sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die
Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der Dritten Person,
der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz wie die Erste Person der
Dreieinigkeit, Gott-Vater, sich in der Naturwelt inkarniert, in der
vormenschlichen, – im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes – im
Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der Dreieinigkeit, der
Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, in der Theokratie inkarnieren.
Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis bedeutet: „Die
Kirche ist in Wahrheit das Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen,
und zum Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen Erde.“
Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; das Antlitz ist der
Maske entgegengesetzt. Die Maske ist: Orthodoxie, Autokratie,
Nationalität; das Antlitz ist: Überwindung der Nationalität in der
Allmenschlichkeit, Überwindung der Autokratie in der Theokratie,
Überwindung der Orthodoxie in der Religion des Heiligen Geistes.
Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch zwischen Gesicht und
Maske, wie bei Dostojewski, auch in ganz Rußland existiert, und daß die
russische Revolution nichts anderes ist als das Abreißen der Maske vom
Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von dieser ungeborenen Idee
spricht Dostojewski, wenn er sagt:
„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht
geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon
schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären.“
Dmitri Mereschkowski.