Vorwort

Dostojewski hat bereits sehr früh Politisches geschrieben. Schon das

Jahr 1861, das zweite nach seiner Rückkehr aus Sibirien, findet ihn in

publizistischer Tätigkeit: er gab damals zusammen mit seinem Bruder

Michail „Die Zeit“ heraus; und als diese von der Zensur infolge eines

Mißverständnisses unterdrückt wurde, „Die Epoche“. Doch politisch

bedeutend sind seine Leistungen erst später geworden. Und seine letzten

kritischen Schriften schließen sein Lebenswerk wie ein intellektueller

Rechenschaftsbericht ab.

Für eine deutsche Ausgabe seiner politischen Schriften kamen daher nur

diese letzteren in Frage: 1. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem

Jahre 1873“; 2. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den

Jahren 1873 und 1874“; 3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre

1876“; 4. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ (mit einem

Schlußteil vom Januar 1881, den er kurz vor seinem Tode, am 28. Januar

1881, geschrieben). Auch zwischen ihnen mußte noch geschieden werden.

Die weit über tausendseitige Masse dieser Tagebücher, die Dostojewski in

der zweiten Hälfte seines Lebens zusammengetragen hat, einfach

abzudrucken, ging nicht an. Dostojewski hat nie nach einem bestimmten

Plane kritisch gearbeitet; er hat immer nur an sehr aktuellen

Ereignissen seine Ideen entwickelt; tagebuchartig trug er seinen Lesern

seine Meinungen vor; als der bedeutende russische Mensch, der er war,

nahm er Stellung zu den Tagesfragen, wie sie gerade auftauchten. Diese

unsystematische, rein menschliche Art seiner kritischen Tätigkeit

brachte von selbst mit sich, daß er sich, sobald er auf verwandte Fragen

stieß, oft wiederholen mußte. Diejenigen Stücke, die solche

Wiederholungen brachten, galt es daher auszusondern und im übrigen alle

diejenigen zusammenzustellen, in denen Dostojewski selbst seine Ideen am

reinsten herausgearbeitet hat.

Vor allem war eine Teilung in „Politische Schriften“ und „Literarische

Schriften“ notwendig, wobei der Begriff „Literarischer Schriften“ im

weitesten Sinne des Wortes genommen ist. Die Teilung war nicht ganz

einfach, da Dostojewski, eben infolge seiner Abhängigkeit vom zufälligen

Stoff, nicht nur ständig vom Literarischen aufs Politische und vom

Politischen wieder aufs Literarische überspringt, sondern zwischendurch

auch noch alle möglichen religiösen oder ethischen oder

volkspsychologischen Fragen behandelt, bei denen es durchaus zweifelhaft

sein kann, welcher von den beiden großen Gruppen die betreffenden Stücke

angehören; finden sich doch sogar Novellen, die letzten, die er

geschrieben hat, in die Tagebücher aufgenommen. Doch ließ sich die

angegebene Teilung schließlich durchführen; nur einzelnes, so vor allem

die Novellen, wurde anderen Bänden der Ausgabe zugewiesen. Immerhin

schließt die Teilung, so wie sie geschehen ist, nicht aus, daß der

Kenner des russischen Originals in den „Politischen Schriften“

vielleicht das eine oder andere vermissen wird, was er dann in den

„Literarischen Schriften“ findet. Eine eindeutige Scheidung vorzunehmen,

erlaubte das vorhandene Material nicht; und das einzige, was erreicht

werden konnte, war eine gewisse Geschlossenheit in der Gesamtwirkung

jedes einzelnen Bandes.

Für den Band „Politische Schriften“ wurden herangezogen: 1. „Politische

Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den Jahren 1873 und 1874“; 2.

„Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ und 3. „Tagebuch

eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ mit dem Schlußteil vom Januar

1881. Um dem deutschen Leser, der heute nicht mehr, wie einst der

russische, eine Zeitchronik lesen, sondern Dostojewskis Gesamtanschauung

kennen lernen will, dieses Material übersichtlich darzubieten, wurde es

noch einmal abgeteilt, und zwar nach den sachlichen Gesichtspunkten a)

Westeuropäisches; b) Russisches; c) Balkan und Orient; d) Asien. Aus dem

gleichen Grunde größerer Übersichtlichkeit wurde es hin und wieder

nötig, Untertitel anzubringen, die sich bei Dostojewski nicht finden. Es

sind das die ganz allgemein gehaltenen: Republik oder Monarchie;

Parteimenschen; Frankreich und Deutschland; Frankreich und die Kultur;

Deutschland und Rom; Frankreich, die Republik und der Sozialismus;

Katholizismus und Sozialismus; Bismarck; Papstwahl; Ausblicke;

Französische Republikaner; Französische Reaktionäre; Vorbemerkungen;

Unser Verhältnis zum Orient.

Die Aufsatzreihe „Gedanken über Europa“ ist Aufsätzen Dostojewskis aus

den Jahren 1873/74 und 1876 entnommen.

Die Aufsätze „Russische Finanzen“, „Die Meinung eines geistreichen

Bureaukraten“ und „Die Asiatische Frage“ stammen aus dem Jahre 1881.

Der gesamte Rest der Aufsätze, also fast der ganze Band „Politische

Schriften“, stammt aus den Jahren 1876 und 1877.

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